Kundenrezension

4.0 von 5 Sternen Eine bewegende Geschichte, 5. November 2013
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Rezension bezieht sich auf: Die Nonnen von Sant'Ambrogio: Eine wahre Geschichte (Kindle Edition)
Als 1998 das Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre geöffnet wurde, suchte der Kirchenhistoriker Hubert Wolf gezielt nach dem nur vage bekannten Fall Sant'Ambrogio und fand "etwa zwei laufende Meter Konvolute sowie im Kloster konfiszierte Dokumente und Bücher". Er läßt den Leser auf 448 Textseiten nacherleben, was sich ihm selbst enthüllte, als er sich Schritt für Schritt durch die Prozeßakten hindurcharbeitete. Der Autor verwendet in seiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit erzählerische Elemente, indem er, wo es ihm angebracht schien, die Geschehnisse von der Perspektive der Hauptakteure darstellt, der Prinzessin Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen, ihres Cousins Erzbischof Hohenlohe und besonders des Untersuchungsrichters Sallua. Im Prozeßverlauf werden einige Dutzend Zeugen und vier Angeklagte vernommen und die relevantesten Aussagen teils wörtlich dokumentiert. Die berichteten Geschehnisse werden begleitet durch kirchengeschichtliche Hintergrunderklärungen, was den spannungsvollen Gang der Lektüre merklich abbremst.

Am Anfang steht ein Aufsehen erregendes Heilungswunder, das 1796 der franziskanischen Nonne Maria Agnese Firrao (1754-1854) tatsächlich oder scheinbar widerfuhr. Zehn Jahre später gründet sie eine kontemplative Klostergemeinschaft mit strengen Regeln. Die Nonnen werden bis zur endgültigen Schließung des Klosters 1859 durch Jesuiten betreut, die sich nach Wiederzulassung des Ordens neu formieren. Wiederum zehn Jahre später wird die Klostergründerin wegen "angemaßter Heiligkeit" verurteilt, das Kloster aufgehoben.

Jedoch drei Jahre später dürfen die Nonnen zurückkehren. Diese glauben weiterhin an die Unschuld ihrer Gründerin und nehmen verbotenerweise Kontakt zu ihr auf. Als besonderer Förderer der Gemeinschaft erweist sich Kardinal Genga, der spätere Papst Leo XII.

Die Klostergemeinschaft enthält ein Virus der Verderbnis, das die Gründerin an ihre Nachfolgerin Maddalena weitergegeben hat. Es ist ein lesbisches Ritual, das als "Sukzessionsmodell" (S.289) den Fortbestand der Klostergemeinschaft sichern soll. Das Lusterleben des weiblichen Orgasmus wird mystisch überhöht. Es ist Ersatz für echte religiöse Ergriffenheit und mystische Vermählung, die z.B. von der heiligen Katharina von Siena überliefert ist (S.160f.). Religiöse Hingabe kann auf ehrgeiziger Nachahmung dessen beruhen, was nur Demut gewährt wird, sie entspringt und dient narzißtischer Selbstliebe und kann zu autosuggestiven Verhaltensweisen führen, die echten mystischen Phänomenen täuschend ähnlich sind.

Opfer dieses Systems wird die 13-jährige Maria Ridolfo, die spätere Novizenmeisterin und Vikarin Maria Luisa. Sie wird 1845 von der Äbtissin Maria Maddalena gemäß dem "System Sant'Ambrogio" durch einen Akt der "Purifizierung" mißbraucht. Bald darauf hat sie die erste "Vision". Es heißt zwar nach einer ihrer Aussagen, sie habe dadurch "Macht ausüben" wollen (S.274), aber - vom Autor nicht bemerkt - dürfte eher zutreffen, was sie in verleumderischer Absicht auf eine Mitschwester projizierte, nämlich, daß sie sich vor deren sexuellen Nachstellungen durch vorgestellte Träume schützen wollte. Ihr Beichtvater habe diese Träume jedoch sogleich als echte Visionen bezeichnet. Zum System Sant'Ambrogio gehört auch der "außerordentliche Segen", der vom Beichtvater unter anderem einen Zungenkuß verlangt. Maria Luisa lernt dieses System aus Schriften der Gründerin noch näher kennen und will es selbst anwenden.

Maria Luisa wird 1854 zur Novizenmeisterin und 1857 zur Madre Vicaria (S.154f.) gewählt. Ihre Machtausübung eskaliert 1858, in dem Jahr, als Prinzessin Katharina in das Kloster eintritt. Als es zu einer Konfrontation zwischen beiden um Wahrheit und Lüge kommt, versucht die Novizenmeisterin, Katharina durch Gift aus dem Weg zu räumen. Katharina kann im folgenden Jahr aus dem Kloster entkommen und erstattet Anzeige vor dem Inquisitionsgericht. Damit nimmt der Prozeß seinen Gang.

Den zweite Schwerpunkt nach Maria Luisa bildet der zweite Beichtvater Giuseppe Peters. Er heißt eigentlich Josef Kleutgen (1811-1883) und ist Spitzentheologe, den Papst und Kardinäle brauchen, um die Neuscholastik als offizielles philosophisches System der Kirche durchzusetzen und Alternativen zu verhindern. Warum er sein Pseudonym, das er in früheren Jahren in der Schweiz zu seinem Schutz angenommen hatte, auch in Rom gebraucht, ist seltsam, weswegen Wolf die Frage stellt, ob sich Kleutgen nicht zwei Identitäten gibt wie Dr. Jekyll and Mr. Hyde (S.336). Er duldet und fördert den Kult um die Gründerin Firrao und die Novizenmeisterin, deren Reizen und erotischen Wünschen gegenüber er auf verlorenem Posten steht, zumal er wegen einer früheren intimen Beziehung kaum als Beichtvater von Nonnen geeignet erscheint.

Maria Luisa legt unter Tränen ein volles Geständnis ab und ist bereit, ihre Strafe anzunehmen: "Ich suche nur nach Vergebung und Seelenheil" (S.303). Es ist traurig, daß sich nach einigen Jahren ihr Verstand und Persönlichkeit zerrütteten.

Kleutgen wurde als letzter im Jahr 1861 verhört. Hubert Wolf gelangt zu dem Schluß, der Untersuchungsrichter Sallua "kam ihm mit seinen Argumenten letztlich nicht bei" (S.357). Es ist kaum vorstellbar, daß Sallua erst bei seiner Vernehmung dessen wahre Identität erfuhr, wie es dem Leser erscheinen mag, dem Wolf einen erzählerischen Überraschungseffekt vorführen will. Vermutlich hat Sallua den scholastisch und rhetorisch geschulten Jesuiten unterschätzt und sich dessen Argumentationsebene aufzwingen lassen. Kleutgen kam mit einer milden Strafe davon und war später maßgeblich an der Formulierung des Unfehlbarkeitsdogmas des Papstes auf dem 1. Vatikanischen Konzil beteiligt.

Der Autor hat zu einzelnen Personen chronologische Daten sorgfältig dokumentiert, aber nicht zu den Ereignissen der entscheidenden Jahre 1856 bis 1858. Der Leser muß sich aus den vielen Aussagen der Nonnen selbst eine Chronologie erstellen. Besonders der Einfluß Kardinal Reisachs (1800-1869) auf die Tätigkeit von Peters in Sant'Ambrogio und ihre Beziehungen zueinander werden nicht ganz klar. Sicher ist, daß Ende 1856 Peters von seiner Aushilfstätigkeit als Beichtvater zum offiziellen zweiten Beichtvater aufrückte, nach Aussagen von Nonnen auf Wunsch Maria Luisas (S.172). Nach weiteren Aussagen war Peters in Sant'Ambrogio seit "zehn Jahren" tätig (S.149), also seit etwa 1850.
Wegen der genannten chronologischen Unklarheiten vergebe ich nur vier Sterne.

Kardinal Reisach dürfte nicht weniger als Kleutgen an die himmlischen Kontakte Maria Luisas geglaubt haben. Schon als Erzbischof von München hatte er sich der Leitung der dubiosen Visionärin Louise Beck (1822-1879) aus Altötting unterstellt, mit der die Anfänge der bayerischen Redemptoristen untrennbar verknüpft sind. Ausführlich mit ihr befaßt sich der Redemptorist Otto Weiß in "Weisungen aus dem Jenseits?", 2011.
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A. Rieble
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