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5.0 von 5 Sternen Genius trifft Genius, 20. August 2008
Rezension bezieht sich auf: Gulda spielt Beethoven: Klaviersonaten 1-32 + Klavierkonzerte 1 - 5 (Audio CD)
Für den renommierten, inzwischen leider verstorbenen Musikkritiker Ulrich Schreiber war der Wiener Pianist Friedrich Gulda (1930-2000) "der modernste Beethoven-Interpret unserer Zeit".
Diese Aussage aus dem Jahr 1973 hat noch heute, 35 Jahre später, uneingeschränkte Gültigkeit. Gerade zwanzig Jahre alt, spielte Gulda bereits öffentlich Beethovens 32 Sonaten "mit phänomenaler Laufkultur und ungemein ausgereifter Stimmführung, mit fantastischem, ja, fanatischem Brio und ritterlicher Grandezza" (Klaus Umbach). Jenseits aller Skurrilitäten und verbalen Ausfälle blieb er zeitlebens ein Beethoven-Spieler höchsten Ranges, dessen hier wieder veröffentlichter Sonaten-Zyklus von 1968 für das Label AMADEO als glanzvoller Meilenstein in der Schallplattengeschichte zu gelten hat. Der Zyklus, "ein Muß selbst für Beethoven-Zweifler", hält Guldas souveräne, höchst eigenwillige Auslegung dieses "Neuen Testaments der Klaviermusik" für alle Zeiten fest. Gulda entpuppt sich als ein Interpret, der mehr als andere entscheidenden Wert auf die objektive Aussage des Notentextes legt und nicht seine eigene Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen versucht. Sein Beethoven klingt rückhaltlos intensiv, ist von unerhörter, manchmal geradezu unerträglicher Spannung erfüllt und ist von einer wirklich aufregenden, schier rastlosen Motorik, ohne jemals in Hektik oder Aufgeregtheit abzugleiten. Bewunderswert sein rhythmischer Elan, die unverzärtelte, ja herbe Beseelung, mit der er die Werke erfüllt. Höhepunkte herauszugreifen fällt schwer, doch scheinen mir die "Sturm"-Sonate (Nr. 17), die "Appassionata" (Nr. 23) und die Nr. 32 in ihrer Ekstatik und besonders sorgfältigen Artikulation einer ausdrücklichen Erwähnung wert. In der frühen Sonate Nr. 4 kommt das "con gran espressione" des langsamen Satzes bei keinem seiner Kollegen so eindrucksvoll zur Geltung. George Bernard Shaw, der scharfzüngige Kritiker, nannte einmal die "Waldstein"-Sonate (Nr. 21) "ein langes, zusammengestoppeltes Stück, das weder Bravour noch Poesie besitzt, obgleich es sich nach beiden Richtungen hin spreizt". Dies hätte er bestimmt nicht gesagt, wenn er Guldas großartige Auslegung mit ihrem Drive und ihrer wunderbaren Klarheit der Phrasierung gekannt hätte. Hier trifft wirklich Genius auf Genius!
Ergänzt wird die umfangreiche 12 CD-Box mit Beethovens Klavierkonzerten, die Gulda 1971 in Zusammenarbeit mit dem kürzlich verstorbenen Dirigenten Horst Stein und den Wiener Philharmonikern für DECCA aufgenommen hat. Obwohl es eine kaum übersehbare Anzahl von Aufnahmen dieser Konzerte gibt, gebührt diesen Auslegungen bis heute ein Sonderstatus, zum einen, weil Gulda "eine Technik besitzt, die ihm die Finger zu vergessen erlaubt" (Ingo Harden), zum anderen, weil Dirigent und Orchester mit ihm wirklich auf einer Wellenlänge liegen. Nie die große Linie außer Acht lassend, geht Gulda ganz unverkrampft, spontan, mit traumhafter Sicherheit in jeglicher Hinsicht, an die Werke heran. Auch hier sind wieder sein lockeres und virtuoses Musizieren und seine dynamische Expansionskraft nicht genug zu bestaunen. Man kann seine Herangehensweise schlicht nur als meisterlich bezeichnen. Gulda bringt auch das Kunststück fertig, den musikalischen Unterschied zwischen dem frühen B-dur-Konzert, das ganz schlank und fast mozartisch gespielt wird, und den späteren Werken, die mit viel größerem Ton angepackt werden, besonders herauszustellen. Das Orchester nutzt mit Freuden die Gelegenheit zu lustvollem, fast naturalistischem Spiel, jedoch nicht auf Kosten des schönen Klanges. Immerhin handelt es sich um die Wiener Philharmoniker, die nirgends einen Zweifel aufkommen lassen, dass sie zu den besten Orchestern der Welt zählen.
Es ist nicht hoch genug zu loben, dass hier erstmals praktisch sämtliche Beethoven-Aufnahmen Guldas in einer preiswerten Kassette dem Hörer zugänglich gemacht werden. Sogar aus der 1973 für DECCA eingespielten Sonaten-Auswahl hat man zwei Werke (Nr. 23 u. 24) beigegeben, so dass diese hier in zwei verschiedenen Versionen vorliegen und zu vergleichendem Hören auffordern. Entgegen sonstiger Gepflogenheit in dieser Serie ist dem Album eine brauchbare Textbeilage beigefügt. Die Aufnahmen aus den Jahren 1968 (Sonaten) und 1971 (Konzerte) klingen nach neuer digitaler Bearbeitung beinahe rauschfrei und in ausgezeichnetem Stereoton. Auch die Verpackung lässt entgegen anderslautenden Aussagen kaum etwas zu wünschen übrig. Bei den günstigen Preis und dem großartigen Inhalt sollte man sich das Meckern ohnehin verkneifen. Darum gilt: Uneingeschränkte Kaufempfehlung!
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