Kundenrezension

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Thema vielleicht verfehlt, doch faktenreich und daher unbedingt lesenswert, 18. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: "Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?": München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus (Gebundene Ausgabe)
Denkt man "Deutscher Terrorismus", dann denkt man meist als allererstes: RAF - Rote Armee Fraktion. Und dann rattern im Kopf meist die bekannten Daten und Fakten runter: 1977 und der "Deutsche Herbst" mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, jener der Lufthansamaschine "Landshut" durch ein palästinensisches Kommando, die Befreiung der Maschine durch die GSG9 und die vermutlichen Selbstmorde der drei in Stammheim einsitzenden früheren Köpfe der RAF Ensslin, Baader und Raspe. Sicher fallen einem noch die Namen Peter Lorenz ein, der des Bundesstaatsanwalts Siegfried Buback oder einige der späteren und späten Opfer der Terrorgruppe, wie Herrhausen, Rohwedder oder von Braunmühl. Opfer der sogenannten 2. und 3. Generation der RAF. Nur die Interessierten werden sich an die "Bewegung 2. Juni" oder die "Tupamaros West-Berlin" oder Namen wie Alois Aschenbrenner, Rolf Heißler oder Günter Maschke erinnern. Einige schon an Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel. Und werden vielleicht denken: Was haben die jetzt mit der Terrorszene zu tun? Denn dort, bei Kunzelmann und mit Einschränkungen Fritz Teufel, sind die entscheidenden Schnittstellen mit der Kernszene dessen, was wesentlich mit der Chiffre "68" bezeichnet wird - der KommuneI z.B.

Sehr viel weniger als all der blutigen Opfer der Jahre 75-77ff wird jener der frühen Terrorjahre gedacht. Und einige Opfer jener Tage werden gar nicht mit dem deutschen Terrorismus zusammengedacht - z.B. die Sportler der israelischen Olympiamannschaft 1972 in München. Und warum auch? Das waren doch die Palästinenser, denen ging es doch um etwas ganz anderes...

Wolfgang Kraushaar, Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung, trägt auf knapp 900 Seiten akribisch die Auswertung von Fakten und Daten zusammen, die zumindest Spuren von Zusammenhängen zwischen dem Terrorkommando in München und der erweiterten Szene rund um die "Tupamaros West-Berlin" und deren Münchner Ableger aufweisen. Angefangen bei der gescheiterten Entführung einer EL AL-Maschine auf dem Flughafen München-Riem und dem Anschlag auf die Israelitische Kultusgemeinde in München im Februar 1970, über den Absturz einer SWISSAIR-Maschine im selben Monat im schweizerischen Würenlingen, eine ganze Serie von Brandanschlägen, die auf das Konto der diversen Tupamaros in Berlin und München gingen, bis hin zum Anschlag während der Olympischen Spiele 1972, verfolgt Kraushaar die Spuren sowohl der verschiedenen Palästinenserorganisationen, die sich nach und nach unter dem Dach der PLO einander annäherten, als auch der deutschen Anarchisten und dann eben auch Terroristen, die teils in PLO-Lagern in Jordanien ausgebildet worden waren.

Kunzelmann, der auf eine lange Geschichte zunächst subversiver, sich auf Guy Dabord und die "Situationisten" berufenden, später zusehends anarchischer werdenden Aktionen und Gruppengründungen verweisen kann, war im Sommer 1969 mit einer Gruppe ihm Vertrauter - darunter seine Gefährtin Ina Siepmann - zunächst nach Rom, dann weiter in den Nahen Osten gereist, um sich dort mit Sprengstoff, Waffen und deren Nutzung vertraut zu machen. Nach seiner Rückkehr gründete er die "Tupamaros West-Berlin" und ließ diese eine ganze Reihe von Brandanschlägen verüben bis hin zu einer Bombe im Jüdischen Gemeindehaus am vielsagenden Datum des 9. November 1969, die glücklicherweise nicht zündete. In einem anschließenden "Brief aus Amman" warf er seinen deutschen Kampfgenossen einen "Judenknax" vor. Hier sieht Kraushaar einen wesentlichen Hinweis, daß es in der linken Urszene dessen, woraus u.a. einmal die RAF und die "Bewegung 2. Juni" hervorgehen sollten, durchaus starke antisemitische Züge gab. Der "Judenknax" ist da ein Stein im Puzzle, ein anderer das titelgebende Zitat aus einem Schreiben Kunzelmanns.

Daß die deutsche Linke einen antisemitischen Kern hatte, der sich als antizionistisch und damit rein politischer Ansatz ausgab, nach dessen Logik die israelische Politik gegenüber den Palästinensern ähnlich rassistisch und letztlich faschistisch sei, wie seinerzeit die der Nazis gegenüber den Juden, wusste man. Ohne diesen Komplex bearbeiten oder gar beantworten zu wollen, stöbert Kraushaar immer wiederkehrende Muster auf, die zumindest nahelegen, daß dieser Antizionismus eben ein verdeckter Antisemitismus war. Die Hinweise und Fingerzeige sind da: Eben jene Bombe im jüdischen Gemeindehaus zu Berlin (die Wolfgang Kraushaar in einem anderen Buch thematisiert hat: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus), teils die Schriften Ulrike Meinhofs, die immer wieder einen antisemitischen Impuls offenbaren, die unsägliche Aktion während der Entführung einer AIR FRANCE-Maschine nach Entebbe im Juli 1976, bei der u.a. durch die deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann eine "Selektion" jüdischer und nichtjüdischer Geiseln durchgeführt wurde. Hier nun wird versucht aus Indizien und Andeutungen einen Zusammenhang herzustellen, der darauf hindeutet, daß es nicht nur ideelle Annäherungen an palästinensische Positionen gab, sondern auch ganz konkrete der Zusammenarbeit.

Das Buch weist gerade im ersten Teil, der sich nicht nur mit den Anschlägen selbst, sondern auch mit den Reaktionen der bundesdeutschen Regierung, jenen der verschiedenen Palästinenserorganisationen, denen der israelischen Regierung und nicht zuletzt der Aufklärungsarbeit der Behörden und den politischen Folgen - u.a. Auslieferung/Ausweisung überführter Terroristen in Länder des Nahen Ostens nach erpresserischen Flugzeugentführungen - beschäftigt, eine ungeheure Akribie auf. Später wird alles etwas schneller und hastiger behandelt. Das Olympiaattentat (das eigentlich kein Attentat sondern eine Geiselnahme und versuchte Entführung gewesen ist) und die Folgen - u.a. die israelischen Vergeltungsaktionen durch den Mossad - werden relativ hastig abgehandelt, stehen aber natürlich auch nicht im Fokus dieses Buches. Allerdings drängt sich die Frage auf, warum es dennoch behandelt werden musste? Zwar ist wichtig, wie einer der Hauptdrahtzieher der früheren Anschläge und Entführungen - Issam Sartawi - auch und gerade durch diese Aktion sich wandelte vom Verfechter brutaler Lösungen zum Diplomaten, der für Ausgleich und Verständigung eintrat (und dafür schließlich auch sein Leben ließ), doch scheint das Buch an dieser Stelle zu überfrachtet, zu weit ausholend und zu bemüht, auch noch den letzten Faktenschnipsel mit einzubeziehen. Fast wäre es interessanter gewesen, wenn man dann 2 Bände in Händen gehalten hätte, die beide mit ähnlicher Akribie ihrem jeweiligen Sujet nachgehen.

Es bleibt nach der Lektüre ein Zweifel daran, daß das, was der Titel des Buches ankündigt - nämlich eine Studie zu den "antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus" - auch erfüllt wird. Ja, man hat sogar den Eindruck, daß es dem Buch nicht gelingt, einen klaren Zusammenhang herzustellen zwischen den diversen Tupamaros-Gruppen und den palästinensischen Terror/Befreiungsorganisationen. Es gab Berührungspunkte, das ja - aber eine klare Zusammenarbeit? Es wird geraunt und geflüstert, doch offenbar ist nichts davon gerichtsverwertbar. Dennoch bleibt eine Fülle an Material, das auf beeindruckende Weise doch noch einmal an die ganz anderen, die vergessenen Opfer jener Jahre erinnert, als überhaupt erstmals terroristische Akte auf die Luftfahrt - welcher Art auch immer - ausgeführt wurden. Und deren Eskalation - die teils auf eine sehr unklare und wenig einheitliche Politik gerade der westdeutschen Regierung(en), aber auch anderer westlicher Staaten zurückzuführen war - dann zum Fiasko während der Olympischen Spiele, aber auch zu der Entführung Peter Lorenz' oder dem Angriff auf die deutsche Botschaft in Stockholm geführt hat. Alles Akte der Gewalt, die auf Freipressung und Geiselaustausch angelegt waren und zumindest im Falle der Lorenzentführung ja auch für die Entführer positive Ergebnisse gezeitigt hatten.

Wolfgang Kraushaar sah sich bei Erscheinen des Buches schweren Angriffen gerade aus der linken Szene und von alten Weggefährten ausgesetzt. Die hörten wahrscheinlich nicht gern, daß sie alle einen antisemitischen Kern haben. Und das Buch - das muß man klar sagen - kann das auch nicht belegen. Einzelne mögen dazu geneigt, andere damit provoziert haben, um einen systemischen, strukturellen Antisemitismus festzustellen, reichen diese Belege jedoch nicht aus.

So wäre das Buch "gescheitert", wenn man den auf dem Cover gestellten Anspruch einzig gelten ließe. Doch wenn man bereit ist, darüber hinwegzulesen, erhält man doch eine sehr genaue und faktenreiche Studie zu eben heute sehr verdeckten Ereignissen, die zu kennen klar hilft, um die Genese des deutschen Linksterrorismus nachzuvollziehen und zu verstehen. Deshalb vier Sterne.
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Kommentare


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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 19.06.2013 23:45:45 GMT+02:00
christine meint:
Nun, dann scheint mir das Buch aber auf dem höchstmöglichen Niveau "gescheitert" zu sein. Von Kraushaar kenne ich nur "1968", hier scheit er ja sein Opus magum vorgelegt zu haben. Ich habe mir Antisemitismus immer als besonders absurde Form von Xenophobie vorgestellt. Dass auch Linksradikale nicht davor gefeit waren, empfinde ich schon als seltsam. Also, ein Buch zum Weiterdenken...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.06.2013 09:32:41 GMT+02:00
Gavin Armour meint:
Hallo Christine,

ja, leiderleider, muß man ja sagen, hatte die Linke ja nicht nur diesen antizionistischen Impuls (was man ja noch nachvollziehen könnte aus dem Begriff der Internationalität heraus), sondern eben auch einen antisemitischen. Allerdings wäre es schon eine Untersuchung wert - wie auch immer man die methodsich angehen wollte - festzustellen, inwiefern dieser Antsisemitismus eben geprägt war von der jüngsten deutschen Geschichte, der Geschichte der Väter und in wiefern also die Verstrickungen der eigenen Eltern ebenso zu Distanzierung wie zu Identifizierung geführt hat. Wenn es stimmt, daß die Kinder die emotionale Aufarbeitung, wir - die Enkel - die "richtige", weil emotional distanziertere, VERarbeitung leisten müssen, dann werden wir wohl nicht umhin kommen, auch dieser Tatsache ins Auge zu blicken. Intellektuell davon überzeugt zu sein, "nie wieder Auschwitz" zuzulassen und emotional sich dem Zugriff des eigenen Elternhauses zu entziehen, sind ja dann doch noch mal zwei Paar Schuhe.

Ich mag mir Götz Alys These zu den 68ern als eine Art Spiegel der Nazigeneration - ebenfalls eine "Bewegung", ebenfalls getragen von sehr Jungen, größtenteils ebena uch wieder Männern, ebenfalls eine gewisse Gewaltbereitschaft - nicht zu eigen machen, finde sie allerdings zumindest bedenkenswert. Tja, es hilft alles nichts - man muß sich selbst gegenüber eben auch mißtrauisch bleiben.

Grüße,
Gavin
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