Kundenrezension

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen 3,5 Punkte für eine Menge Fantasie, aber einen sehr ausufernden Stil, 14. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Wintermärchen: Roman (Taschenbuch)
Der Eissegler wendete, Peter Lake ließ die Peitsche knallen, und schon rasten sie dem Haus am anderen Seeufer entgegen, unter einem Himmel, der so blau war wie das Blau auf Delfter Kacheln.
"Vorwärts, Peter Lake, lass laufen!", sagte Beverly und zog das Kind fester an sich. Nie hatte er eine Familie gehabt. Doch jetzt fühlte er sch fast wie ein Ehemann und Vater.
Es gibt kleine Erlebnisse, die einen Mann für alle Zeiten verändern. Nie sollte Peter Lake diese Fahrt über den See vergessen, und für alle Zeiten sollte er sich an Beverlys Worte erinnern.
--

INHALT:
Eines Tages bricht der Dieb Peter Lake auf der Suche nach reicher Beute, mit der er sich zur Ruhe setzen kann, in das Haus der Familie Penn ein. Bemerkt hat er vorher jedoch nicht, das eines der Familienmitglieder noch zu Hause ist: Die schöne Beverly. Die beiden begegnen sich und verfallen einander sofort. Doch Beverly ist todkrank und Peter weiß, dass ihre gemeinsame Zeit kostbar ist. Wenigstens kann er in ihrer Gegenwart all seine Sorgen vergessen - zum Beispiel den Umstand, das er vom gefürchtetsten Verbrecher der Stadt bis aufs Blut gehasst wird. In Beverlys Anwesenheit traut sich dieser nicht an Peter heran, doch für wie lange wird der brüchige Frieden halten?

MEINE MEINUNG:
Mark Helprins "Wintermärchen" kam dieses Jahr mit Colin Farrell und Jessica Brown-Findlay in den Hauptrollen ins Kino und erlangte auf diese Weise meine Aufmerksamkeit. Es ist, wie der Titel schon sagt, eine sehr märchenhafte Erzählung mit einigen phantastischen Details und einer ungeheuren Detailverliebtheit. Grade diese muss man mögen, ansonsten wird man mit diesem Roman Schwierigkeiten haben. Der Schreibstil ist wunderschön und voller bezaubernder Beschreibungen, die völlig in die Geschichte eintauchen lassen - wer allerdings mit absatzlangen Ausführungen zu bestimmten Themen, auch Themen, die direkt nichts mit der Geschichte zu tun haben, nichts anfangen kann, wird sich hier schnell langweilen. So wie es auch mir das ein oder andere Mal erging.

Protagonist Peter Lake ist ein Dieb - aber innerlich ein guter Mensch. Eigentlich liegt ihm der Beruf des Mechanikers viel mehr, doch um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, muss er stehlen. Als er die reiche Beverly kennen lernt, berauscht ihn ihr vieles Geld zuerst - und dann ist es ihm egal, weil ihre Nähe ihm wichtiger ist. Seine Zärtlichkeit und Suche nach Zuneigung machen ihn zu einem traurigen, aber schönen Charakter. Beverly überzeugt vor allem durch ihre pure Lust am Leben trotz ihrer schweren Krankheit. Sie ist freigiebig, exzentrisch und auf ihre eigene Weise ganz und gar von geradezu leuchtender Natur. Im Laufe der Handlung lernt man noch viele weitere Charaktere kennen, die alle ihre eigenen großartigen Geschichten vorzuweisen haben und den Leser auf die ein oder andere Weise berühren: Ob es nun Bösewicht Pearly Soames ist, der in seiner fanatischen Suche nach den schönsten Farben über Leichen geht; Beverlys Nichte Virginia in ihrem Versuch, ein selbstbestimmtes Leben zu leben; oder der weiße Hengst Athansor, der so menschlich wirkt, dass es beinahe unmöglich scheint, dass er ein Pferd ist.

Mark Helprins Geschichte ist in jederlei Hinsicht vollkommen durchdacht und ausgeführt bis in alle Einzelheiten. Zwar spielt der Roman beinahe die ganze Zeit im Zentrum von New York, dennoch lernt man am laufenden Band neue Orte kennen und fühlt sich durch das Talent des Schriftstellers überall wie zuhause. Das Ganze ist tatsächlich ein einziges langes Märchen mit fantasievollen Begebenheit, ein wenig Romantik und Figuren voller Charakterstärke. Gleichzeitig ist der unendlich detaillierter Stil jedoch auch sehr, sehr ermüdend. Der Autor verstrickt sich oftmals in Erzählungen völlig außerhalb des Themas, und auch, wenn viele seiner Beschreibungen durchaus Sinn machen - um beispielsweise die Motive einer Figure zu erklären -, war dieses Langatmige doch gar nicht meins. Ich ertappte mich des Öfteren dabei, Absätze einfach zu überspringen und am Ende in der Storyline wieder genau da anzusetzen, wo ich mich ausgeklingt hatte.

Dennoch kommt man selbst dann nicht umhin, fasziniert zu sein von der Originalität, die in das Werk eingeflossen ist, wenn man mit dem Stil Schwierigkeiten hat. Denn eine Geschichte mit solch einer Komplexität und Menge an Handlungssträngen, die am Ende zusammen doch alle einen Sinn ergeben, liest man nicht oft. Bis zum Schluss bleibt das Buch auf diese Weise auf seine eigene Art doch mitreißend, auch wenn man von schnellem Lesen hier auf keinen Fall sprechen kann. Übrigens: Wer den Film gesehen hat oder plant, ihn zu schauen, sollte sich auch am Buch versuchen. Dieses ist weitaus planvoller und die gesamte Story erfüllt vor allem einen weitaus größeren Sinn und Zweck, als dem Zuschauer eine einfache Liebesgeschichte zu zeigen. Allein deshalb lohnt es sich, dem Ganzen eine Chance zu geben - definitiv.

FAZIT:
Mit "Wintermärchen" ist Mark Helprin eine fantasievolle und beeindruckend komplexe Geschichte gelungen, die besonders in den phantastischen Momenten überzeugt. Der Schreibstil ist allerdings sehr ausufernd und detailreich, was nicht jedermanns Sache ist - ich zum Beispiel konnte damit weniger anfangen. Aufgrund der Originalität und der wunderbaren Figuren gebe ich aber trotzdem noch 3,5 Punkte und empfehle das Ausprobieren.
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Kommentare

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1-9 von 9 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 17.07.2014 18:06:04 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.07.2014 20:17:04 GMT+02:00
Aurelia meint:
Vielen Dank für die hervorragende, punktgenaue Rezension. Sie sprechen mir voll und ganz aus der Seele. Ich bin gerade beim letzten Viertel des Buches....

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.09.2014 18:26:11 GMT+02:00
Meine Antwort folgt ein wenig spät, aber dennoch: Vielen Dank für das Kompliment, ich freue mich, dass ich so genau auch Ihre Meinung treffen konnte ;)
Ich hoffe sehr, dass Ihnen der letzte Teil des Buches gefallen hat!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.09.2014 21:35:45 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 03.09.2014 21:38:51 GMT+02:00
Aurelia meint:
Mir kam es so vor, als habe Helprin sich nicht recht entscheiden können, wohin es letztendlich gehen soll. Es war mir zuviel hin und her. Alles sehr konstruiert - aus meiner Sicht. Nun muss man bedenken, wann das Buch geschrieben wurde. Und seinerzeit war es nicht unüblich diesen Stil zu pflegen. Es gab nur wenig Literatur in dieser Richtung, die noch dazu viel belächelt wurde. Auch Silverberg, Heinlein, Dick, Swan schrieben nicht unkompliziert. Man war halt sehr darum bemüht intellektuell zu sein. Leicht zu lesen war dies alles nicht und oft fragte ich mich am Ende: was sollte das jetzt?? Dann kamen Marion Zimmer-Bradley mit "Die Nebel von Avalon" und Anne McCaffrey mit ihren Drachenreitern von Pern. Ein ganz anderer Stil und die Fantasy wurde nach und nach salonfähig :-). Das Wintermärchen ist ein Buch aus einer anderen Zeit. Und wenn man es so liest, dann ist es hervorragend.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 08.09.2014 10:37:32 GMT+02:00
Manche Autoren mussten sich gar nicht darum bemühen intellektuell zu sein und man muss es sich auch nicht immer zu leicht machen. Es ist schön wenn es nicht einfach nur etwas zu lesen, sondern auch zu denken gibt wie etwa bei Stanislaw Lem oder eben Philip K. Dick. Literatur sollte natürlich unterhalten, aber das geht auch auf inhaltlichem und sprachlich-stilistisch hohem Niveau. Etwas was man in den meisten Fantasyromanen, beispielsweise bei der Zimmer Bradley vergeblich sucht. Helprin ist definitiv ein brillianter Erzähler auch wenn Wintermärchen nicht jedermanns Geschmack treffen wird, aber man lese nur einmal seinen großartigen Roman " Ein Soldat aus dem großen Krieg "!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 08.09.2014 12:03:08 GMT+02:00
Aurelia meint:
Was ich hervorheben wollte war, dass in der Entwicklung der Fantasy in den letzten Jahrzehnten sehr viel passiert ist. Was heutige Autoren wie z. B. die Damen Cast als Bestseller verkauft bekommen, wäre in den 1970ern gnadenlos gefloppt. Autoren und Leser waren in dieser Zeit um einen anderen Anspruch bemüht. Gerade auch im Bereich SF und Fantasy, einer noch wenig anerkannten Literaturform. Einige Autoren sind aus meiner Sicht eben sehr um einen hohen Anspruch aber weniger um Unterhaltung bemüht gewesen. Silverberg z. B. bot immer hervorragende Unterhaltung auf hohem Niveau, ebenso Heinlein etc.. Ich habe sie seinerzeit alle gelesen :-), auch wenn mir z. B. Dick zu sehr bemüht war, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Ich las alles von ihm. Und ich las Poe und Verne. Später freute ich mich über die Nebel von Avalon. Das war mal etwas ganz anderes. :-). Ich hatte Glück das ich da schon volljährig war :-), denn ich hatte daheim schon Ärger wegen dem "Geschmiere" von Orwell (!), Heinlein etc. Andere Zeiten halt. Mit anderen Ansprüchen. Das "Wintermärchen" lag mir persönlich überhaupt nicht. Viel zuviele Abschweifungen. Eine Straffung hätte dem Buch gut getan. Aber das ist natürlich Ansichtssache! Danke für den Hinweis zu dem anderen Buch. Ich hatte bisher nicht davon gehört und werde es mir einmal ansehen!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 08.09.2014 12:27:41 GMT+02:00
Hinzu kommt noch dass die Bücher von Dick manchmal die Gleise einer nachvollziehbaren Logik verlassen, was bei Stanislaw Lem nie der Fall ist. Darüber hinaus kann sich kaum ein SF- Autor mit Lem messen, was seine philosophische Tiefe und naturwissenschaftliche Weitsicht angeht. Man lese nur sein Hauptwerk die " Summa Technologiae " oder " Also sprach Golem ". In letzterem Buch monologisiert eine KI über Zustand, Herkunft und Zukunftsaussichten der menschlichen Spezies. Auch heute, im Jahr 2014 muss sich inteliigente SF an diesem Autor messen. Daniel Suarez zum Beispiel hat einiges zu bieten, sehr guter Autor, seine beiden Romane Daemon und Darknet haben das Zeug zum Klassiker.

Veröffentlicht am 09.09.2014 18:17:38 GMT+02:00
Ich freue mich, dass hier so eine schöne Diskussion entstanden ist - ich werde mich allerdings nicht einklinken, da ich genannte Autoren und Bücher [bisher] gar nicht gelesen habe, da ich leider doch noch ein bisschen jünger bin [18 Jahre]. Danke für Ihr Feedback!

@Aurelia: Ich kann Ihre Meinung aber definitiv nachvollziehen, Helprin hat schon sehr ausufernd geschrieben, weswegen es von mir dann letztendlich auch nur die 3,5 bzw. 3 gegeben hat, weil ich mir hier ebenfalls eine Kürzung gewünscht hätte.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.09.2014 20:05:40 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 09.09.2014 20:18:26 GMT+02:00
Aurelia meint:
@Frater Perudrabo: Über Lem gibt nichts zu diskutieren. Das ist auch meine Meinung. Wenn sie Suarez so warm empfehlen werde ich ihn mir zulegen, denke ich. Ich stosse immer wieder darauf. Herzlichen Dank!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.09.2014 20:17:29 GMT+02:00
Aurelia meint:
@Sonja Buddensiek: wirklich erst 18?? Respekt! Mit 18 hätte ich so eine gute Rezension nie schreiben können. Wissen sie, es gibt so viel tolle Sachen zu lesen! Man kann einfach nicht alles kennen :-). Schon garnicht in diesem zarten :-)) Alter. Ich habe jetzt gerade "Der Distelfink" von Donna Tartt fast durch. Vor Jahren hatte ich ihre "geheime Geschichte" gelesen und war begeistert. Das ist ein ganz anderes Genre, warum soll man sich festlegen? Das Buch hat Längen, ist aber in sich so stimmig, die Personen so hervorragend ausgearbeitet, dass ich es nicht so empfunden habe. Allerdings verliert sie nie den Faden. Was lesen sie denn gerne?
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