Kundenrezension

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wenn Sie nichts zu verbergen haben, brauchen sie doch auch nichts zu fürchten!", 6. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Der falsche Mann (DVD)
Die Geschichte des Manny Balestrero, unschuldig gefangen im Räderwerk der Justiz, der falschen Verdächtigung, Opfer einer routinierten Polizeimaschinerie.
Hitchcocks Meisterwerk "The Wrong man" gehört zu seinen verstörendsten Alpträumen.
Zusammen mit "Ich beichte", "Vertigo" erlangen wir einen tiefen Einblick in die persönlichen Ängste, Unsicherheiten des Regisseurs. Alle drei gehören zu meinen persönlichen Favoriten.
Nie war Hitchcock so authentisch packend, nie offenbart er so vollkommen ohne humoristische Verwässerung tiefste Grundängste, wie hier in diesem Film.
Wenn die Polizei uns unter einen Generalverdacht stellt, dann werden wir alle wohl nicht zum unfreiwilligen Helden in einem augenzwinkernden Agentenstück werden, wie ein Roger Thornhill in "Der unsichtbare Dritte".
Jeder einzelne wird genauso hilflos, und ungläubig sein bisheriges Leben erschüttert sehen, wie hier der genial aufspielende Henry Fonda.
Somit ist Hitchs ernstester Film, gleichzeitig sein persönlichster.
Für die Leiden, Tragödien, Irrwege der kleinen unbedarften Leute hat er sich immer am meisten interessiert.
Hier ist er bewegender Fürsprecher für den unschuldigen Mann von der Strasse, dessen Leben und das seiner Angehörigen von einigen unkontrollierbaren Zufällen zerstört wird.
Erfreulicherweise ohne Humor, fast im Reportagestil schafft er mit schneidend kontrastierten Bildern, packender Inszenierungskraft, präzisen Klängen von Bernard Hermann und hervorragenden Schauspielleistungen (Vera Miles in ihrer vielleicht besten Rolle) grosse Emotion, grosse Betroffenheit weit über den Abspann hinaus zu erzeugen.
Der letzte Schriftzug des Films, der zumindest noch ein versöhnliches Ende einschließt (die Geschichte basiert auf wahren Hintergründen) kann die bittere Grundaussage des Films nicht mehr beschönigen.
Ein Film, der in seiner Kraft und Klarheit immer wieder neu beeindrucken kann, der immer neue Facetten, Denkanstöße, Blickrichtungen bietet.
Es ist die Angst vor der grossen Unsicherheit des Lebens, die Angst vor der latent vorhandenen Möglichkeit, daß zufällige und banale Verquickungen von Ereignissen, das individuelle Glück und die Zukunft zerstören können- und das in jedem Augenblick und ohne eigenes Dazutun.
Das ist eine menschliche Grundangst, glasklar und kompromisslos hier formuliert.
Hitchs Misstrauen gegenüber den Mühlen eines Justiz-Räderwerks geht auf Kindheitserinnerungen zurück. Ob diese immer so nachvollziehbar sind, spielt eigentlich keine Rolle.
Es geht um das furchterregende Gefühl, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren, Spielball zu werden in verzweigten Institutionen, letztendlich auch ein Stück weit entmündigt, gedemütigt und in seiner Persönlichkeit missachtet zu werden.
Und das einhergehend mit dem kalten süsslichen Gesichtsausdruck eines Beamten, der ihnen die Hand auf die Schulter legt, ihnen zuflüstert, "sie haben nichts zu befürchten", und gleichzeitig sich die Gittertür einer Gefängniszelle hinter ihnen schließt.
Manny Balestrero verkörpert uns.
Der Mann von der Strasse. Er führt ein geordnetes Leben, ist Jazzmusiker in einer kleinen Band, hat Frau und zwei Kinder.
Wenn wir nur kurz zu Anfang seine Augen sehen, wie er mit fürsorglich, liebenden Blick auf seine schlafenden Kinder, und seine Frau schaut, dann erleben wir hier grosse Zuneigung und Sensibilität.
Doch wie teuflisch labil ist das aufgebaute kleine Glück.
Manny Balestrero hat eine frappierende Ähnlichkeit zu einem polizeilich gesuchten Kriminellen.
Und so hat er das Pech von mehreren Zeugen an Bankschaltern, in Geschäften als vermeintlicher Täter identifiziert zu werden. Wasser auf die mahlenden Justizmühlen ist auch die Tatsache, daß Balestrero ein paar Schulden hat.
Wie schnell sich die Persönlichkeitsgrenzen verschieben können, wie schnell man nicht mehr Teil der Gesellschaft sondern isoliertes und gedemütigtes Individuum wird, das zeigt die Inszenierung und vor allem die Schauspielkunst Fondas dessen Gesicht und Augen Bände sprechen können hervorragend.
"Gehen Sie doch noch ein zweites mal im Laden auf und ab" verlangt ein Ladenbesitzer hämisch, und wir verspüren fast körperlich die Herabwürdigung.
Von einer Sekunde auf die andere ist für Balestrero in der Riege der Normal- Gesellschaft kein Platz mehr vorgesehen.
Fingerabdrücke werden ihm abgenommen , Taschen werden entleert, Aufstehen, Hinsetzen, Umdrehen- einen Rosenkranz darf er mit in die Zelle nehmen.
Der schockiert, ungläubige Balestrero wird nicht einmal seine Namen behalten.
Nr. 4 ist er nun, von mehreren Zeugen bei der Gegenüberstellung beschuldigt.
Wie ein Judaskuß greift eine Zeugin ihm als Erkennungszeichen an den Ärmel in der finalen Gerichtsverhandlung.
Sein Schicksal bereits routiniert ad acta gelegt.
Einige Staatsbedienstete gähnen unverhohlen im Gerichtsaal, ein Anwalt kritzelt gelangweilt auf einem Notizzettel herum, andere scheinen zu kichern, deuten heimlich auf ihn.
Balestreros Schicksal und das seiner Familie hat keine Bedeutung, ein Aktenvermerk unter vielen.
Hitchcock ist hier einem Kafka so nah wie nie zuvor.
Ein Alptraum.
Bis dahin ist Hitchcocks Film schon überragend. Was ihn zu einem seiner grössten Meisterwerke macht ist nun der nicht erwartete Perspektivwechsel hin zu Balestreros Frau.
Es ist nicht mit einem letztendlichen Freispruch getan. Die Wunden, die Verunsicherung, die tiefe Traumatisierung, die eine solche Verwechselung bei den Geschädigten auslösen kann, erspart uns Hitchcock nicht.
Ist Vera Miles am Anfang des Martyriums die Stärkere, die ihren Mann unterstützt, so wird ihr Nervensystem diesen Belastungen nicht standhalten.
Sie ist ein weiteres Opfer, welches der Justizirrtum einfordert.
Tiefe Depressionen, Schuldübertragungen, Selbstvorwürfe, Apathie sind die Folge.
Hitch illustriert diesen seelischen Verfall in Szenen, die tief berühren und wütend zurück lassen.
Was richtet es im Menschen an unschuldig einer solchen Extremsituation ausgesetzt zu werden.
Der wirkliche Täter wird zwar gefasst, Balestrero freigesprochen, doch zeigt uns Hitch, daß dieser auf dieselbe unsichere und oberflächlichen Art und Weise von Zeugen erkannt wird.
Seine Festnahme ebenfalls Zufall, diesmal jedoch mit der entscheidenden glücklichen Wendung für Balestrero.
Das Leben ein einziges mitleidloses Würfelspiel.
"Sind sie sich klar darüber was sie meiner Frau angetan haben", sind Fondas letzte vorwurfsvolle Worte an seinen Doppelgänger.
Dieser schaut ungläubig. Ein letzter Satz der schaudern läßt, zeigt er doch die unglaubliche Komplexität des Netzes von Schuld, Unschuld, falscher Anklage und seelischer Verstrickung.
Hitchcocks Film ist ein Reflektion über die Angst, über menschliche Unsicherheit im komplexen undurchschaubaren Gesamtzusammenhang.
Ohne aufgesetztem fröhlichen Unterton oder dramaturgischem Film-Happy End.
Hitchcock zeigt sich hier als Mensch mit all sein Unsicherheiten und Befürchtungen, und er spricht hier ohne ablenkende Regiemanipulationen den Zuschauer als gleichsam fühlenden Menschen, Leidensgenossen an.
Wir können uns in Balestrero wieder erkennen, und hoffen das uns selbiges nie geschieht.
"Entscheidend in einem Film ist doch nur eins" hat Hitchcock einmal gesagt,"das es mit dem Leben zu tun hat."
Dies hat er in beindruckender Intensität mit diesem Meisterwerk bewiesen.
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 06.10.2013 18:49:04 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 06.10.2013 18:49:14 GMT+02:00
christine meint:
Ja, wirklich ein toller, sehr ungewöhlicher Hitch, wenngleich mich Lumets "Zwölf Geschworene" ein Jahr später noch mehr berührt hat. Allein schon diese virtuosen Schattenspiele und Überblendungen, großartig. Wenn Vera Miles danach nicht schwanger geworden wäre, hätte sie ja die Hauptrolle in "Vertigo" gespielt, aber ich denke mir, mit der Neubesetzung können wir beide recht gut leben. Ich muss mal gucken, was die BluRay im Gepäck hat, vielleicht mache ich da ein Update.
So viel für den Moment. LG, Christine

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.10.2013 19:13:36 GMT+02:00
Rumburak meint:
Hallo Christine,beschäftige mich gerade mit Deiner neuesten Vincent Price Rezension. wieder einmal wunderbar ausführlich.Wie machst du das immer mit deiner wenigen Zeit. Absolut wunderbar.
Nun ich bin sehr froh,dass Vera Miles schwanger wurde. Ich mag sie sehr, ich glaube aber dass sie doch nicht die vamphafte Präsenz der großartigen Kim Novak erreicht hätte.
Habe dir auch noch im Hinblick auf deine Dinner-Präferenzen auf "Helden-Wenn der Verstand verraucht" geantwortet.
Guten Appetit, Gourmet Rumburak

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 08.10.2013 23:20:10 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 08.10.2013 23:21:26 GMT+02:00
christine meint:
Lieber Rumburak, 250 Rezen in über sechs Jahren ist nun nicht unbedingt rekordverdächtig, da gibt es fleißigere Rezensenten. Aber, Du hast schon recht, bei Lieblingsregisseuren und- schauspielern darf es bei mir ruhig mal etwas länger sein. Diese Woche erscheint ja einer meiner liebsten Prices auf BluRay, da werde ich bestimmt zugreifen, obwohl ich mit der DVD sehr zufrieden bin, hoffe auf reiches Bones-Material. Dank noch für den Tipp auf die englische "Witchfinder General"- BluRay, habe andächtig dem Meister gelauscht.
Kim Novak ist für mich die einzig richtige Besetzung, sicherlich ist "Vertigo" bei mir einer der am häufigsten angeschauten Filme, witzigerweise habe ich ihn seinerzeit zuerst bei seiner Wiederaufführung im Kino gesehen, war ein Kastenkino mit etwas zweifelhaftem Ruf.
Heute war mein Veggie-Day. LG, Christine
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