Kundenrezension

139 von 161 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das verkannte visuelle Meisterwerk., 16. Juni 2004
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Die Passion Christi (DVD)
Es gibt wohl keinen Film, der in letzter Zeit so heiß diskutiert wurde wie Mel Gibsons „Die Passion Christi". Leider hat man vor allem in Deutschland bei all der „Berichterstattung" über diesen Film vor allem eines vergessen, nämlich den Film selbst aus sich heraus zu beurteilen. In der medialen Berichterstattung wurden bewusst normaler Weise klar zu trennende journalistische Formen wie Bericht und Kommentar/Kritik vermischt, um den Film nahezu einhellig als „Gewaltorgie mit antisemitischen Tendenzen" zu verurteilen. Offenbar kann ein Film mit oder über ein religiöses Thema nicht unvoreingenommen und unpolitisch beurteilt werden. Ein religiös motivierter und inspirierter Künstler erscheint vielen sogar als unangenehm und undurchsichtig. Wie gerne hat man aus Gibson den verblendeten, radikalen, fundamentalistischen Erzkatholiken gemacht.
Eine tatsächliche, inhaltliche Auseinandersetzung mit seinem Film, den filmischen Mitteln, dem Erzählstil usw. fand jedoch nicht statt.
Diese hätte nämlich eindeutig gezeigt, dass Gibson mit „Der Passion Christi" ein absolutes Meisterwerk gelungen ist, welches den Zuschauer intellektuell und emotional herausfordert und das unabhängig von konfessionellen Prägungen. Gibson hat seine sehr persönliche Interpretation der letzten 12 Stunden im Leben Christi abgeliefert. Solche Interpretationen sind Künstlern zu allen Zeiten sowohl in der Kunst, als auch in der Bildhauerei und Musik zugestanden worden. Gibson wählte für seine Interpretation die Kunstform, die ihm am nächsten liegt, und die er - wie wir spätestens seit Braveheart wissen - mit Bravour beherrscht, nämlich das Kino. In jeder Filmminute, in jeder Einstellung ist Gibsons immense Leidenschaft für das Projekt fühlbar. Sein Film hat eine nahezu unübertreffliche, überwältigende visuelle Kraft, die heutzutage nur selten im Kino erreicht wird. Gibsons Bildersprache ist so exzellent, dass der Film auch ohne Dialoge oder Untertitel verständlich wäre. Die dennoch vorhandenen untertitelten Dialoge in Lateinisch und Aramäisch geben dem Film zusätzliche Authentizität. Der Zuschauer kann den Text nicht einfach nur als Floskeln, als literarische Kunstform abtun, sondern er erlebt sie intensiver und lebendiger als je zuvor.
In der öffentlichen Diskussion spielte vor allem die Darstellung von Gewalt in den Film eine große Rolle. Nur allzu gerne griff man in den Medien zu brachialen Superlativen, um die Gewalt zu beschreiben. Man verwendete also Bigotterweise selbst verbale Gewalt.
Unbestreitbar ist, dass Gibson die Passion, also die Hingabe Christi, so realistisch und plastisch wie möglich zeigen wollte. In Zeiten, in denen für viele Menschen ein Kreuz nur noch zu einem netten Modeschmuck ohne Bedeutung verkommen ist und viele die Kreuzigung nur noch als verklärtes Ritual mit Märchencharakter begreifen, erscheint Gibsons Interpretationsansatz durchaus mehr als sinnvoll und nachvollziehbar. Die Kreuzigung ist eine der grausamsten und brutalsten Hinrichtungsmethoden gewesen. Gibson zeigt dies in ehrlichen, realistischen und gerade deshalb oft nur schwer zu ertragenden Bildern. Man möchte immer wieder wegsehen und aufschreien und dennoch gehen die Folterungen weiter.
So quälend das zum einen für den Zuschauer ist, so hilfreich und ehrlich ist es auch, um Gewalt als das zu begreifen, was sie ist. Zu keinem Zeitpunkt verwendet Gibson Gewalt zum Selbstzweck oder gar zur Befriedigung voyeuristischer Triebe. Im Gegenteil, die schonungslosen Bilder klagen Schaulust ebenso an, wie sie die wahre Natur des Menschen offen legen. Wir sind nun mal als Menschen gleichzeitig sowohl zu größter Güte, als auch zu unbeschreiblicher Grausamkeit fähig. Vom göttlichen Funken in uns und von den Lehren Christi angetrieben, sollte es unsere Aufgabe sein, nicht nur Gut und Böse als solches zu erkennen, sondern sich eben auch entschlossen für das Gute zu entscheiden.
Effektvoll schneidet Gibson die Kernaussagen der Botschaft Christi wie etwa seinen Appell an Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit in Rückblenden immer wieder zwischen die unaussprechlichen Leiden Christi. Die so erreichte Wirkung ist viel größer, als dies etwa mit einer wörtlichen, bloßen Abfilmung z.B. der Bergpredigt möglich gewesen wäre. Auch das rechtfertigt Gibsons Stil und widerlegt all jene, die ihm die Vernachlässigung der Botschaft Christi vorwarfen.
Durch seine effektvollen und exakt platzierten Rückblenden auf das letzte Abendmahl bringt uns Gibson die selbst bei praktizierenden Christen oft zum bloßen Ritual verkommene wahre Bedeutung der Messfeier, der Wandlung in Fleisch und Blut nahe.
Bei Gibson kommt also nichts zu kurz, sondern es wird vieles klarer und eindringlicher.
Klarer hätte allen Kritikern auch werden sollen, dass „Passion" alles andere als „antisemitisch" ist. Leider verklärte der Willen, den Film eben genau in diese Richtung deuten zu wollen, den ehrlichen Blick auf das, was im Film tatsächlich gezeigt wird und vor allem wie Gibson es zeigt. In anderen Worten: Nur wenn man wirklich krampfhaft Antisemitismus vorwerfen will, kann man vielleicht Entsprechendes finden. Man ist dann aber angreifbarer, als es der Film selbst je sein könnte. Gibson greift - wie das NT selbst - nicht die Juden pauschal an, sondern angeprangert werden die Machtbesessenheit, der rücksichtslose Willen zum Machterhalt der damals mächtigen Pharisäer, die Manipulationsfähigkeit der Massen und unser aller Faszination für das Böse und Gewalt.
Aus Gibsons Film geht eindeutig hervor, dass die machtbesessenen Pharisäer, die die Hinrichtung Jesu betrieben, sich eben nicht durch ihren Glauben charakterisierten oder dadurch dass sie (zufällig) Juden waren, sondern durch ihre rücksichtslose Abkehr von eben den Glaubenswerten, die auch dem Judentum zu Eigen sind.
In der Szene z. B., als sich der Jude Jesus zu den Anschuldigungen der Pharisäer äußern soll, lässt Gibson auch jene unter den anwesenden Pharisäern zu Wort kommen, die gegen die Verfolgung des revolutionären Jesus waren. Gezeigt wird also durchaus die Vielschichtigkeit unter den Pharisäern. Neben den Pharisäern tauchen in dem Film aber auch eine ganze Reihe anderer Juden auf, die eindeutig Sympathieträger sind.
Der Begriff Jude fällt nur einmal (in den UT) als römische Beschimpfung des Juden, der für Jesus das Kreuz getragen hat auf den letzten Metern des Kreuzganges. Die Grausamkeit und Gewaltlust der Römer ist hingegen immer spürbar. Wer also hier von einem einseitigen, antijüdischen Blickwinkel spricht, redet definitiv am Film vorbei.
Ich kann also nur jedem empfehlen, sich „Passion" selbst und möglicht unvoreingenommen von den kampagnenartigen Kritiken anzusehen. Es erwartet Sie ein Meisterwerk, dessen Bilder und visuelle Kraft einen noch lange beschäftigen werden. Ein Film mit einer hervorragenden Kameraarbeit, die nahezu aus jedem Bild ein Gemälde zu machen scheint, mit exzellenten Darstellern und herausragender Filmmusik.
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Kommentare

Von 3 Kunden verfolgt

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1-10 von 26 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 28.06.2011 18:51:31 GMT+02:00
Sagittarius meint:
Man liest es,man hört es, etwa in den Passionen von Bach und anderen, aber man will es nicht sehen.

Veröffentlicht am 24.09.2011 00:08:32 GMT+02:00
Lilly meint:
Eine ausgezeichnete Rezension. Herzlichen Dank!

Veröffentlicht am 23.11.2011 21:27:12 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 23.11.2011 21:27:32 GMT+01:00
saber bueno meint:
Eine sehr gute Rezension!

Veröffentlicht am 01.01.2012 13:36:23 GMT+01:00
Ultron meint:
Eine detailgetreue, gute Rezension, 1A

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.01.2012 14:40:13 GMT+01:00
Vielen Dank!

Veröffentlicht am 28.09.2012 17:08:52 GMT+02:00
Adri meint:
Schließe mich an, sehr gute Rezension zu einem sehr guten Film. Aber die Geiselung nach der "Halbzeit" zu beenden wäre noch besser gewesen! Und Jesus hätte nicht ganz wie ein blutiger Klumpen gewirkt. Oder aber, die anderen Mithingerichteten hätten ebenfalls so aussehen müssen.

Veröffentlicht am 11.01.2013 07:46:52 GMT+01:00
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.01.2013 11:37:41 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.01.2013 12:33:55 GMT+01:00
Ja, es ist in der Tat mein Ernst!
Sie schreiben, dass "Juden" als durch und durch böse dargestellt werden. Das ist Schwachsinn, da die "Zuschauer" nicht automatisch Juden waren und Gibson sie auch nicht so darstellt. Dass Kinder der öffentlichen Folterung zusahen, war üblich und ist historisch belegt. Auch hier sind es nicht explizit jüdische Kinder, die Gibson zeigt.
In jedem Mittelalterfilm, in dem christlich motivierte Hexenverbrennungen und Folterungen gezeigt werden, sieht man auch Menschen, die dabei begeistert zusahen, weil das eben damals so war und sowas als öffentliches Spektakel zelebriert wurde. Ist ein Film, der das zeigt, dann automatisch "christenfeindlich" und zeigt durch und durch böse christliche Kinder?!
Wie in der Rezension ausfühlich beschrieben zeigt der Film ein sehr differenziertes Bild auch von den Juden und es gibt eindeutig auch jüdische Sympathieträger. Außerdem zeigt der Film zwar viel Folter, aber eben nicht nur ausschließlich. Vielleicht sollten Sie da mal genauer hinsehen und das vor allem unvoreingenommen.

Ich habe außerdem nicht den Menschen Gibson beurteilt, den im übrigen weder Sie noch ich beurteilen können, weil Zeitungsberichte keine Tatsachenberichte sind, sondern ich habe den Film als solches bewertet.

Was auch immer Gibson betrunken oder unter welchen Umständen auch immer gesagt haben mag oder eben auch nicht und wie sich seine privaten Konflikte auch immer tatsächlich dargestellt haben, es ändert an meiner Meinung über den Film nichts, weil es nichts mit dem Film zu tun hat. Das wäre genau so lächerlich, wie die leute, die Cruise Filme verdammen, nur weil er Scientologe ist.
Ihr Vergleich mit einem Kindesmissbrauchsfilm ist nicht nur unpassend, diffamierend und extrem unappetitlich, er ist sogar gefährlich.

Nebenbei bemerkt haben Sie zu Recht eine positive Bewertung zu dem Film Melancholia verfasst von Lars von Trier, der auch nicht gerade tolle Äußerungen von sich gegeben hat im Bezug auf die NS-Zeit. Zitat: "Okay, ich bin ein Nazi!" Diesen Satz im Übrigen ohne sich seither dafür entschuldigt oder gerechtfertigt zu haben in schlüssiger Weise!
http://www.spiegel.de/kultur/kino/von-trier-skandal-in-cannes-okay-ich-bin-ein-nazi-a-763445.html

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.01.2013 09:49:42 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.01.2013 09:54:58 GMT+01:00
Es interessiert mich eigentlich auch nicht, ob M. Gibson ein Nazi ist oder antisemtisch oder sonst was! Es interessiert mich nur sein Schaffen, und hier kommt sein braunes Gednakengut sehr gut zur Geltung! Was Trier betrifft, fand ich seine Ausdrucksweise auch etwas komisch, aber er hat erklärt, dass er es nicht so gemeint hat, wie es vielleicht verstanden wurde! Egal, fand ich auch ziemlich blödsinnig, nur befasst sich Melancholia nicht mit so einem heiklen Thema wie der Bibel! Wenn man tatsächlich meint, in Passion Christi werden jegliche Volksgruppen gleichermaßen gut oder schlecht dargestellt, dann ist man entweder blind oder völliger Realitätsverweigerer! Fangen wir mal an: Pilatus war bekannt dafür, an Grausamkeiten kaum etwas auszulassen, in Gibsons Film wird er als schon fast warmherzig dargestellt! Judas wird laut Bibel von römischen Soldaten und von den Dienern der Hohenpriester abgeführt, im Film nur von den jüdischen Behörden! Folterung war Teil der Kreuzigung, nicht Beruhigung des Volks! Und laut Bibel beweinten die meisten Menschen die Folterung und Kreuzigung Jesu! Im Film werden sie wie blutrünstige Tiere dargestellt! Es gäbe noch einige Punke die ich hier aufzählen könnte, aber das würde den Rahmen sprengen! Also, woher hat Gibson wohl diese Infos? Aus selbstgeschriebenen Geschichtsbüchern? Oder vielleicht doch aus einem völlig verblendeten, antisemitischen Gedankengut???
LG

P.S.: Ich empfehle dazu auch die "South Park" Folge "Die Passion des Juden"! Da wird eigentlich alles gesagt, was es zu sagen gibt! ;-)
http://www.southpark.de/alle-episoden/s08e04-the-passion-of-the-jew
Ein kleines Zitat daraus: "Christ sein ist ja okay, aber du solltest den Lehren Jesu folgen, anstatt dich darauf zu konzentrieren, wie er getötet wurde. Im Mittelalter haben die Leute auch immer nur daran gedacht und das hatte echt üble Ergebnisse zur Folge." (Stan Marsh)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.01.2013 07:16:54 GMT+01:00
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]
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