Kundenrezension

51 von 83 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Tiefkühltorte, 2. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Jahreszeiten 1967-2013 (Limited Edition) (Audio CD)
Groß ist sie, die Box. Groß und dick und schwer: Vier Kilo wiegt das Monstrum, das nur mit Mühe ins Plattenregal paßt. Abteilung Vinyl-LPs, obwohl es doch eigentlich CDs sind - aber das Format gebietet die Einordnung in den Schrank mit den großformatigen Langspielplatten. Sieht beeindruckend aus, erinnert ein wenig an die Verpackung einer Tiefkühltorte, einschließlich der Papp-Banderole. Man braucht beide Hände, um das Paket unfallfrei bewegen zu können. Macht schon was her - selbst in einem Plattenschrank, in dem an umfangreichen und dickleibigen Boxen kein Mangel herrscht.
Das will ich auch hoffen, schließlich habe ich satte 220 E für das Teil angelegt. Zweifel plagten mich aber von Anfang an: Muß ich tatsächlich eine CD-Box haben, deren Inhalt ich zum größten Teil bereits besitze? Nachdem ich mich über die Feiertage intensiv mit den Jahreszeiten" befaßt habe, kann die Antwort nur lauten: Nein!
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, meinen Ärger für mich zu behalten und die Angelegenheit schnellstmöglich als Fehlkauf" abzuhaken. Nach Lektüre der meisten übrigen Rezensionen auf dieser Seite möchte ich aber doch den Jubelarien eine etwas kritischere Würdigung entgegensetzen. Ich bin nämlich der Auffassung, daß wir es hier mit einem völlig mißratenen, überflüssigen und - am Ergebnis gemessen - maßlos überteuerten Produkt zu tun haben, vor dem man anbeträchtlich des Gefälles zwischen Anspruch und Wirklichkeit nur warnen kann.
Im Gegensatz zum ersten Rezensenten (der übrigens einen Postboten haben muß, der mitten in der Nacht anliefert, und zudem offenkundig über die Gabe verfügt, innerhalb kürzester Zeit eine ebenso umfang- wie kenntnisreiche, brillant formulierte und fast schon literarische Besprechung zu verfassen. Wie sonst kann es zugehen, daß der Text bereits am Tag der Veröffentlichung der Box frühmorgens auf der Seite steht? Es sei denn, der Rezensent hatte bereits VOR der VÖ Zugriff auf das Produkt. Jaja, ich weiß - Presseexemplar. Aber hat Universal tatsächlich kostenlose Promos einer derart hochwertigen Edition verschickt? Sollte mich sehr wundern .....). Nun ja, zurück zum Thema: Im Gegensatz zum ersten Rezensenten (und in völliger Übereinstimmung mit den Besprechungen von Silkyway" und Fiesli") bin ich überhaupt nicht der Ansicht, daß man auf hohem Niveau" jammert, wenn man das Fehlen der Singles, B-Seiten, sonstiger verstreuter" Tracks und unveröffentlichter Aufnahmen beklagt. Die Hoffnung auf genau diese Titel war für mich ein Anlaß, die Box zu bestellen. Natürlich ist mir klar, daß lediglich eine Edition der Original-Alben angekündigt war und daß ich nicht erwarten konnte, mehr zu bekommen als versprochen. Dennoch: Was denkt sich eine Plattenfirma, wenn sie einen Interpreten vom Rang eines Reinhard Mey zu seinem Dienstjubiläum" mit einer Mammut-Box würdigt und die für echte Fans interessantesten Stücke nicht berücksichtigt? Was hielt sie davon ab, noch zwei oder drei weitere CDs beizulegen und damit dann auch wirklich das GESAMTwerk des Künstlers abzudecken? Die Alben gibt's seit Jahren in jedem Plattenladen - die frühen Singles und EPs hingegen fehlen selbst langjährigen Fans. Und diese sind es doch wohl, an die sich eine solche Edition richtet.
Die der Box beigefügte (wenn auch unvollständige) Diskographie belehrt uns, daß auch während der Zeit bei Intercord, also nach Veröffentlichung der ersten Alben, weiterhin Singles erschienen sind, die nicht auf den LPs enthalten waren. Mann aus Alemannia" ist hier nur das prominenteste Beispiel - kaum zu glauben, daß man diesen Klassiker und viele weitere Tracks, darunter wohl auch eine frühe Version der Heißen Schlacht am kalten Büffet", einfach unterschlägt! (Immerhin: Mann aus Alemannia" gibt's als TV-Aufzeichnung auf der beigefügten DVD mit alten Fernsehauftritten.) Die in einigen Kommentaren zu lesenden Hinweise auf die Veröffentlichung mancher Raritäten auf diversen Samplern helfen uns nicht weiter - es kann ja wohl nicht wahr sein, daß man für teures Geld eine elefantöse Box erwirbt und sich dann trotzdem etliche Songs anderweitig zusammenkratzen muß.
Unterschlagen hat man auch - wie der Vorrezensent zu Recht anmerkt - fast sämtliche unveröffentlichten Aufnahmen (abgesehen von einigen Coverversionen aus der späteren Phase). Es ist bei solchen Luxus-Ausgaben üblich, daß man die Archive sichtet und interessante Fundstücke der Öffentlichkeit zugänglich macht: Alternativ-Takes, Demo-Versionen, unveröffentlichte Songs, abweichende Arrangements usw. Es wäre sehr spannend gewesen, einen Blick in Reinhard Meys Werkstatt" werfen zu können, nachvollziehen zu können, wie sich Songs entwickeln, verändern, wie sie im Studio - mit Band oder Orchester - erarbeitet werden. Der Vorrezensent Silkyway" (auf dessen Text ausdrücklich verwiesen sei) bringt es auf den Punkt: Es ist sehr unwahrscheinlich, daß von einem Künstler, der seit 50 Jahren Platten aufnimmt, keine Outtakes existieren.
Liveaufnahmen? Ebenfalls Fehlanzeige! Gut, es gibt reichlich Mey-Live-LPs, und daß diese bei der Zusammenstellung der Box außen vor gelassen würden, war bekannt. Aber was ist mit all den historischen, bisher unveröffentlichten Konzertdokumenten? Warum fehlen wieder einmal die kompletten Burg-Waldeck-Mitschnitte? (Die Waldeck-Box, die vor einigen Jahren bei Bear Family erschienen ist, enthält nur Auszüge.) Und auch die Aufnahmen aus dem November 1989 von den ersten Auftritten im Osten würden sicherlich nicht nur die damaligen Augen- und Ohrenzeugen gern (noch) einmal vollständig hören.
Über das Fehlen der französischen, englischen und holländischen Aufnahmen will ich mich jetzt nicht gesondert aufregen - ebensowenig wie über die Abwesenheit der Instrumental-Alben. Ich stelle nur fest: Alles, worauf die Fans seit Jahren warten, weil die Sachen nirgends zu kriegen waren und nie auf CD erschienen sind, glänzt auf der Box durch Abwesenheit. Hingegen findet man ausschließlich diejenigen Aufnahmen, die ohnehin schon immer erhältlich waren. (Zugegeben: Das Remastering der frühen Platten ist durchaus gelungen und eine deutliche Verbesserung gegenüber den alten CD-Ausgaben.)
Stellt sich die Frage: Warum? Juristische Gründe? Kaum anzunehmen - soweit bekannt, hat die Intercord (heute zu Universal gehörend) bereits Anfang der 70er Jahre die Rechte an den frühen Aufnahmen übernommen und damals auch einen Sampler veröffentlicht. Und noch vor wenigen Jahren fand man Die Mädchen in den Schenken" auf der 4-CD-Werkschau Über den Wolken". Rechtliche Hindernisse sind also eher unwahrscheinlich.
Oder ob der Künstler womöglich selbst die Veröffentlichung verhindert hat, so wie er die Herausgabe von Biographien verhindert und Fan-Webseiten abschalten läßt? Jedenfalls ist ihm bewußt, daß die Box Lücken aufweist - im Editorial schreibt er einschränkend, es sei so ziemlich alles" enthalten, was er je gesungen habe. Andererseits beteuert er, nichts verschämt weggelassen" zu haben - aber diese Aussage betrifft offenkundig wieder nur das Material der Original-Alben. Über die Gründe für das Fehlen der übrigen Stücke schweigt er sich aus. Ob ihm einige seiner Jugendsünden" doch peinlich sind? Oder ob es ihn stört, daß die Songs teilweise von anderen Autoren stammen? Befürchtet er, daß sein Bild in der Öffentlichkeit und bei seinen Fans Schaden nehmen könnte? Fragen, die wohl nur der Meyster selbst beantworten kann.

Kommen wir zum nächsten Ärgernis: dem Begleitbuch. 100 Seiten in LP-Größe bieten nicht etwa, wie man erwarten sollte, endlich eine halbwegs vollständige und aussagekräftige Mey-Biographie, sondern - neben vielen Fotos - lediglich eine praktisch informationsfreie Festrede des Jubilars, der auf seine Karriere zurückblickt und erstaunt feststellt, daß ihn das Publikum nach all den Jahren immer noch mag und daß ihm seine Lieder allesamt ans Herz gewachsen sind - die einen mehr, die anderen weniger. Auch Hannes Waders Laudatio" ist nichts als eine Lobhudelei, ein Heraufbeschwören der guten alten Zeiten und der ewigen Freundschaft. Warum hat man nicht einen fähigen Journalisten beauftragt, einmal eine wirklich umfassende, gut recherchierte, faktenreiche, möglicherweise auch stellenweise kritische Biographie beizusteuern? So etwas gibt es nämlich bis heute nicht - wirklich informative Literatur über Reinhard Mey sucht man vergebens. Schon seltsam, daß einer der populärsten Musikanten der letzten Jahrzehnte immer noch nicht mit einem umfassenden biographischen Werk gewürdigt wurde. Woran liegt's? Vielleicht an ihm selbst: Er weist derartige Ansinnen immer mit dem Hinweis zurück, er sei ja noch am Leben. Außerdem hat er vor Jahren die Veröffentlichung einer geplanten (und bereits angekündigten) Biographie verhindert. Möglicherweise kontrolliert Mey gern selbst, was über ihn verbreitet wird - so hat er ja bereits 2005 sein Bild in der Öffentlichkeit durch den weitgehend substanzlosen Erzählband Was ich noch zu sagen hätte" ein weiteres Mal in seinem Sinne beeinflußt. Befürchtet er, das Image des freundlichen, bodenständigen, bescheidenen Sympathieträgers, das ihn seit Jahrzehnten kennzeichnet, könnte Schaden nehmen?
Aber zurück zum Buch, das der CD-Edition beiliegt. Die größte Frechheit ist die angebliche Mey-Chronik", die den überwiegenden Teil der 100 Seiten einnimmt. Das ist nicht etwa eine kommentierte Diskographie, in der die verschiedenen Songs und Alben (oder auch andere Stationen von Meys Karriere) in chronologischer Reihenfolge ausführlich erörtert werden (was ich erwartet hätte). Nein, es handelt sich schlicht und einfach um eine höchst oberflächliche, stichpunktartige Auflistung politischer, historischer und sonstiger mehr oder weniger bedeutender Ereignisse aus den Jahren 1964 bis 2013, die die Politikerin Antje Vollmer zusammengestellt hat. Man erfährt u.a., daß Willy Brandt 1969 Bundeskanzler wurde und daß 1989 die Mauer fiel. (Ja guckmalachneesiehmalda, das hätte ich jetzt gar nicht gedacht ....) Das Ganze erinnert eher an die Zeitleiste" am Ende des Geschichtsbuches für die achte Klasse - mit dem Unterschied allerdings, daß dort die Fakten in der Regel stimmen. Die Mey-Chronik" strotzt jedoch vor sachlichen Unrichtigkeiten: Die runden Todestage von Schiller bzw. Ibsen 2005 und 2006 werden zu Geburtstagen" umfunktioniert, Zooprofessor Bernhard Grzimek wird in Gerhard Grzimek" umbenannt, und Rudi Carrells Hit "Wann wird's mal wieder richtig Sommer" von 1975 wird mal eben ins Jahr 1978 verfrachtet. Ach ja, und daß nicht England, sondern Großbritannien" 1966 Fußballweltmeister wurde, wird sicherlich die Schotten und Nordiren nachträglich sehr freuen. Erbsenzählerei? Mag sein, aber wie sagte schon (leicht abgewandelt) mein alter Bio-Lehrer? Zu viele Erbsen verderben den Mey!" Was letzterer mit all dem zu tun hat, erschließt sich nur schwer - immerhin werden für die jeweiligen Jahre die aktuellen Mey-Alben und die Tourneen angeführt.
(Übrigens war im Vorfeld die Rede davon, die Veröffentlichung der Box habe sich verzögert, weil sich Fehler ins Booklet eingeschlichen hätten, die korrigiert werden mußten. Wenn das stimmt, dann sind offenbar auch unkorrigierte Exemplare in den Verkauf gelangt - ich hab jedenfalls eins. Oder, was noch schlimmer wäre: das IST bereits die korrigierte Version. Kaum auszudenken, wie die ursprüngliche Fassung ausgesehen haben mag.)
Neben dem großen" Begleitbuch gibt's noch vier kleine, die jeweils in den Papp-Köfferchen mit den CDs stecken. Inhalt: Die Songtexte. Auch hier fragt man sich, was das soll. Wozu braucht jemand, der die Platten hört und halbwegs der deutschen Sprache mächtig ist, die gedruckten Liedtexte? Zum Mitsingen vielleicht? Hätte man hier nicht detaillierte Erläuterungen und Kommentare zu den einzelnen Songs, zur Entstehungsgeschichte, Produktion, Aufnahmedaten, beteiligten Musikern und weitere Infos liefern können? All dies fehlt in der kompletten Box völlig; man erfährt auch nach fast 50 Jahren nicht, wer alles an den frühen Aufnahmen beteiligt war und wie sich beispielsweise die Kooperation mit den Studiomusikern und mit Produzent Walther Richter im einzelnen gestaltete.
Apropos nicht erfahren: Der Box liegt eine Extra-CD mit Songs anderer Komponisten bei, die Reinhard Mey bearbeitet und eingespielt hat. Wann und unter welchen Umständen diese (teils bisher unveröffentlichten) Aufnahmen entstanden sind, darüber schweigt sich das Booklet ebenso aus wie über den Ursprung der Originale.

Weitere Quengeleien (beispielsweise zur beigefügten Video-DVD) spare ich mir jetzt. Man ist ja bekanntlich gehalten, in den Rezensionen auch zum Inhalt der besprochenen Platten Stellung zu nehmen. Das will ich mal versuchen.
Ich hatte die Alben seit langer Zeit nicht gehört und bin nun, beim erneuten Anhören des alten Materials, das ich eigentlich seit Jahrzehnten kannte, zu erstaunlichen Ergebnissen gelangt. Kann sein, daß sich auch meine persönliche Wahrnehmung im Lauf der Zeit verändert hat, aber nach einem intensiven feiertäglichen Check" der Mey-Alben habe ich plötzlich den Eindruck, meine langjährige Zuneigung zu dem prominenten Barden könnte vielleicht doch ein Mißverständnis gewesen sein. Oder hab ich früher bestimmte Songs, bestimmte Textzeilen, bestimmte Aussagen nicht zur Kenntnis genommen? Jedenfalls stießen mir beim Wiederhören etliche Passagen sauer auf, und ich frage mich, ob die allgemeine Beliebtheit Meys nicht auch seiner Fähigkeit zuzuschreiben ist, immer irgendwie auf der Seite des gesellschaftlichen Mainstreams zu stehen. Wenn man sich die Texte anhört und den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Kontext mitdenkt, dann stellt man schon fest, daß Mey immer so etwas wie den gesunden Menschenverstand" vertritt, sich opportunistisch bestehenden Strömungen anpaßt und sich an einem oft auch nur diffusen Mehrheitskonsens orientiert. Das konsequente Vertreten widerständiger oder nonkonformistischer Positionen ist ihm immer fremd gewesen. Wenn er sich etwa in pazifistischem Sinne äußert, dann entweder ganz allgemein oder im Rahmen eines weitgehenden gesellschaftlichen Konsens (z.B. im Zusammenhang mit der Aufrüstung Anfang der 80er oder mit dem Irak-Krieg).
Problematischer erscheint mir aber, daß er immer wieder auch ganz offensiv den Stammtisch bedient hat, wenn es ihm opportun erschien. Beispiele gefällig? Bitte: Zwei Hühner auf dem Weg nach vorgestern" von 1974 ist eine satirisch verpackte, diffamierende Attacke auf das (damals) zeitgenössische Regietheater, möglicherweise auch auf bestimmte Formen des modernen Theaters generell (Absurdes Theater etc.). Man kann sich gut vorstellen, wie sich die gutbürgerlichen Traditionalisten" damals vor Vergnügen auf die Schenkel klopften, weil endlich einmal einer die Wahrheit" sagt. Ähnliches gilt für die berühmt-berüchtigte Annabelle" - sie wird wahrscheinlich auch heute noch in jedem männerdominierten Aufsichtsrat zur moralischen Erbauung und als Bollwerk gegen die unbarmherzig dräuende Frauenquote abgespielt.

Im Buch zu Box schreibt Reinhard Mey, er habe jedes einzelne Lied geliebt", nehme auch heute kein Wort zurück" und sei für jeder Zeile eingestanden". Also auch für die folgenden:
Dafür hat man einen Künstler aus Grönland engagiert,
der dort mit Schmieröl und Walfischkot experimentiert.
Ich hab nichts gegen Eskimos, ich frag mich nur: Warum
laufen bei uns so viele arbeitslose Bildhauer rum?
Wie dem auch sei, das Kunstamt hat auch für mein Steuergeld
die Plastik ,Kind und Chaos` auf dem Rasen aufgestellt."
Zitat Ende.
Ironisch gemeint? Keineswegs. Im Refrain heißt es, auf den Künstler aus Grönland" bezogen:
Was mich betrifft, ich hab die Faxen satt.
Sieht denn hier keiner, daß der Kaiser keine Kleider an hat?
Das ist weder neu noch originell, das ist nur beknackt ...."

Kann nicht sein, sowas würde er niemals veröffentlichen. Wirklich nicht? Doch - nachzuhören in Des Kaisers neue Kleider" von 1980. Der gefeierte Sprachkünstler Mey bringt es hier tatsächlich fertig, in eine einzige Strophe gleich drei der beliebtesten Stammtischweisheiten zu packen:
-Moderne Kunst ist Schund
-Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg
-Die öffentliche Verwaltung verschwendet unsere Steuergelder
(Durchaus bemerkenswert, daß ihm das heute offenbar nicht peinlich ist - Geh und fang den Wind" aber schon.)
Dieser Hang, dem Volk aufs Maul zu schauen" und diffuse Ängste und Ressentiments zu bestätigen, zieht sich durch große Teile seines Werks. Ich habe in den letzten Tagen viele der Alben (teilweise erstmals nach etlichen Jahren) erneut angehört, und mir fiel doch auf, wie oft Reinhard Mey in wohlige Nostalgie abgleitet, in eine Früher war alles besser"-Haltung, verbunden mit einer Tendenz zu latenter Fortschritts- und Technikfeindlichkeit. (Als ein Bespiel von vielen sei hier Ein Stück Musik von Hand gemacht" angeführt.) Und selbst Klassiker wie Was kann schöner sein auf Erden als Politiker zu werden" oder Ein Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars" sind von der Machart natürlich genial, von der Aussage aber hemmungslos populistisch.
Problematisch wird's auch, wenn Mey in dem (damals schon heftig kritisierten) Müllmänner-Blues" von 1981 eine Gruppe von Menschen, die - sicherlich nicht immer freiwillig - die unangenehmste und mit dem niedrigsten Sozialprestige ausgestattete Arbeit verrichten, als fröhliche Gesellen darstellt, die, immer an der frischen Luft, tanzend und singend eine ruhige Tonne" schieben und vor allem - so die Botschaft - absolut keinen Grund haben, sich über ihre Arbeitsbedingungen zu beschweren.

Solcherlei Beispiele für fragwürdige Aussagen lassen sich in Meys (Fast-)Gesamtwerk viele finden, und wenn die Jahreszeiten"-Box zu etwas gut ist, dann vielleicht als Anlaß, das Bild des Künstlers Mey in der öffentlichen Wahrnehmung möglicherweise etwas zu modifizieren. Zugegeben: Diese Vorhaltungen sind ein ganz alter Hut. Bereits in den 70er Jahren wurde Mey für seine teils indifferente, teils offen populistische Haltung gerügt und geschmäht. Damals zumeist von Polit-Aktivisten, die nicht einzusehen vermochten, daß ein Liedermacher nicht zwangsläufig ein revolutionärer Agitator sein muß. Die Kritik ist - auch aus Mangel an Polit-Aktivisten - schon lange verstummt, und ich muß zugeben, daß ich damals über die Angriffe auf den netten, witzigen und liebenswerten Reinhard, dem man ja nun wirklich nicht böse sein konnte, auch nur milde gelächelt habe - getreu dem Motto was ein Baum tun würde, wenn ein Schwein sich an ihm kratzt". Aber jetzt, beim Wiederhören, fragt man sich doch, ob man die Kritik damals nicht vielleicht etwas voreilig vom Tisch gewischt hat.

Ein Fazit? Versuchen wir`s: Wer ein repräsentatives Coffee Table Book" benötigt, um Besuchern zu imponieren, der ist mit der Box möglicherweise gut bedient. (Allerdings sollte der Coffee Table" hinreichend stabil sein.) Allen, denen an den Original-Alben gelegen ist, seien die vier separat erhältlichen kleinen CD-Boxen empfohlen - sie enthalten sämtliche 26 Alben und sind zusammengenommen deutlich günstiger als die Groß-Edition. Und alle Fans, die gern den kompletten Mey hätten - nun, die müssen sich weiterhin gedulden. (Aber Kopf hoch: In vier Jahren wird er 75, es besteht also Hoffnung!)
Wer die Box (oder auch einzelne Alben) hat, sollte sich vielleicht einmal die Zeit nehmen, die Texte - jenseits des zweifellos vorhandenen Wortwitzes und der sprachästhetischen Qualität - auf die inhaltlichen Botschaften hin abzuklopfen. Man kommt zu bemerkenswerten Resultaten.

PS: Ach ja - Die Zeit des Gauklers ist vorbei" bleibt einer der wunderbarsten Abschiedssongs überhaupt.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 3 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-10 von 10 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 03.01.2014 20:32:25 GMT+01:00
Wow, so viel Mühe und Text für ein Ärgernis ist ja beachtlich. Ich habe mir gestern die Box bestellt und freue mich sehr darauf, trotz dieser doch sehr ablehnenden Rezension. Dazu möchte ich sagen, dass in mir nach dem Lesen das Gefühl aufkommt, dass eine Erwartungshaltung an diese Box gestellt wurde, die gar nicht erfüllt werden konnte - und seitens des Künstlers und der Plattenfirma - auch nicht erfüllt werden sollte.
Was ich an Mey schätze, ist seine Menschlichkeit, und dazu gehört eben auch Lernfähigkeit. Ich habe vor zwanzig Jahren auch anders gedacht als heute, wäre ja doof, immer auf der Stelle zu stehen. Mein Glück, dass meine Gedanken in meinen Tagebüchern stehen, nicht für alle zugänglich auf Tonträger gepresst wurden. Dass Mey zu all seinen Songs steht, spricht für ihn, denn im Nachhinein ändern geht nicht mehr, sich selbst aber nachträglich als Idiot hinzustellen und sich zu schämen für das, was man vor Jahrzehnten gemacht hat, ist doch armselig. Ich habe mit dieser kompletten Albumsammlung immerhin die Möglichkeit, mir das herauszusuchen, was mir entspricht und mir gefällt.
Dass in dieser Box auch noch eine kritische Biographie beiliegen soll, wundert mich etwas. Wem Meys Art, die Welt zu sehen, nicht passt, der braucht sich doch gar nicht weiter mit ihm beschäftigen. Wer eine Biographie will, braucht bloß zuzuhören.
Ich finde es bemerkenswert, dass Reinhard Mey so lange schon solch berührende Musik macht, und dass es diese Box mit seinen Studioalben in restauriertem Klang gibt, finde ich grandios. Wer ihn nicht mag, heute womöglich auch nicht mehr so hinhört oder denkt wie vor Jahr und Tag, eine reisserische Biographie erwartet, die den Künstler als Monster/Blender/Würstchen entlarvt, oder auf Archivmaterial hofft, das möglicherweise absichtlich in selbigem verstaubt, der kann, ja: sollte sogar diese Veröffentlichung weiträumig umgehen - mein Fazit zu obiger Rezension. Wieder was gelernt. :)

Veröffentlicht am 03.01.2014 21:10:14 GMT+01:00
Florence meint:
Aha, hier wird eine Fährte gelegt, eine Spur, schnüffelt, Ihr unbedarften Fans, ich sage Euch, Ihr werdet fündig, ein schlimmer Finger, der Mey, ein Stammtischbruder, ein Populist, wühlt, wühlt, seht, die Äußerungen dieses Mannes in seinen Liedern sind das Letzte, hört nur richtig hin, lest, grabt, der Mann ist nicht, was er vorgibt zu sein (gegen Fortschritt, gegen Technik). - Auch hier ist es wie in der spanischen Herberge: Man findet darin, was man selbst mitbringt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.01.2014 12:25:46 GMT+01:00
Xantippe meint:
Mir scheint, "der Kunde" hat Häme, Missgunst und Neid mit in die Herberge gebracht, sowie die Hoffnung, etwas Negatives zu finden, und prompt hat er gefunden, wonach er suchte. Nichts gegen fundierte kritische Rezensionen, ich bin aber immer wieder erstaunt, wie oft Kunden scheinbar bewusst Fehlkäufe tätigen und Geld ausgeben, obwohl es problemlos vermeidbar wäre, wenn man sich vor dem Kauf informierte, was gerade bei dieser Box ohne weiteres möglich wäre.

Veröffentlicht am 07.01.2014 09:34:19 GMT+01:00
Hallo "Kunde"
es erstaunt mich schon, dass Du wirklich enttäuscht bist und das auch noch so wortgewaltig mitteilst.
Es hat Dich niemand mit vorgehaltener Waffe gezwungen, diese Box zu kaufen. Und bei Deinen fundierten Kenntnissen von Meys Werk müsste Dir klar sein, dass so eine Box "nur" ein Querschnitt sein kann. Nicht mehr und nicht weniger war angekündigt.
Also: Worüber regst Du Dich auf?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.01.2014 11:34:09 GMT+01:00
Winnie meint:
Wenn Reinhard Mey's Plattenfirma eine limitierte Ausgabe sämtlicher Studioalben plus eine CD mit Raritäten veröffentlicht, diese mit mehreren gebunden Büchern und einer DVD "anreichert" und das alles in hochwertiger Aufmachung dem "Fan" zu einem fairen Preis anbietet, dann ist eine 1-Sterne-Bewertung gelinde gesagt eine Frechheit. Wenn so eine Bewertung dann mit blumigen Worten in Aufsatzlänge verfasst wird, ist das m. E. nicht nachvollziehbar. Das Objekt als "Fehlkauf" einzuordnen krönt dann die Rezension dann noch. Tut mir leid, jeder der sich für diese Werksausgabe interessiert, weiß, was er kauft und von daher setze ich da für mich persönlich einen Haken.
Ich denke, alle diejenigen, die sich dieses opulente Werk gönnen und es nicht als "Fehlkauf" deklarieren sind allemal glaubwürdiger als "Kunden", die einerseits das Ding haben wollen, andererseits aber einen opulenten Hang zur Miesmacherei pflegen. Das ist natürlich das Recht eines jeden "Kunden", und von daher völlig in Ordnung, nur halt nicht wirklich nachvollziehbar.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.01.2014 12:43:39 GMT+01:00
Xantippe meint:
Sachliche Kritik am Produkt okay, Schmähungen gegen den Künstler (Unterstellungen gegen den ersten Rezensenten) nicht. Was man dem Gegenüber nicht ins Gesicht sagen würde, gehört nicht ins Netz. Ein wenig Selbstkontrolle wäre schön, vor allem bei denjenigen Kunden, die aus der Anonymität heraus Unwahrheiten verbreiten.

Veröffentlicht am 13.01.2014 16:22:22 GMT+01:00
pepsi1960 meint:
Hallo „Kunde“,

wahrscheinlich sitzen Sie täglich mindestens 1 x am PC und lesen Ihre „Rezension“, dabei klopfen Sie sich vor Freude auf die Schenkel. Ich nehme mal an, Sie haben sich die Box
auch nicht gekauft sondern sind anderweitig , evtl. über Freunde, an das Material gekommen.
Warum sollten Sie sich auch ein der Art aufwendiges Werk kaufen, von einem Künstler, den Sie offensichtlich auch nicht schätzen.
Ihre Ausführungen empfinde ich teilweise unsachlich und persönlich beleidigend.
Die Fakten und Daten der Biographie sind ausreichend, wozu darüber einen Roman schreiben.
Die Chronik soll sicher kein Geschichtsbuch darstellen und weshalb sollte eine Discographie kommentiert werden.
Möglicherweise hätten Sie gerne eine Mey-Biographie geschrieben (Neidfaktor) .
Wären die Songtexte nicht dabei gewesen, hätten Sie sich möglicherweise als Erster darüber
beschwert. Ich z.B. lese gerne dann und wann auch nur mal die Texte.
„Zwei Hühner auf dem Weg nach vorgestern“ als eine satirisch verpackte, diffamierende Attacke auf das zeitgenössische Regietheater zu bezeichnen ist doch geradezu absurd. Ihnen
Fehlt offensichtlich der Sinn für Satire. Auch Ihre Unterstellungen und Gedanken zu einzelnen, alten Titeln z.B. „Müllmänner Blues“ oder „Des Kaisers neue Kleider“ sind einfach grotesk. Auf solche Gedanken muss mal erst mal kommen – ein klares Eigentor.
Das haben Sie sich nach vielen, vielen Jahren mal richtig „ausgek…….“. Fühlen Sie sich jetzt besser.
Auf Ihr Pamphlet möchte ich nun gar nicht mehr weiter eingehen.

Mir wurde das informative, aufwendige und wunderschön gestaltete Werk zum Geburtstag geschenkt. Ich hätte es mir aber auch gerne gekauft und es wäre keine Fehlinvestition gewesen.

Veröffentlicht am 22.01.2014 16:24:13 GMT+01:00
Ein Kunde meint:
Anmerkungen hierzu siehe Kommentar zur Rezension von "Bobby Fuller"!

Veröffentlicht am 30.01.2014 21:20:00 GMT+01:00
Gostschegk meint:
Da haben Sie ja eine Diskussion losgetreten. Aber, ich bin froh, dass ich Ihre Kritik gelesen habe. Ich habe tatsächlich auch überlegt, ob es sich lohnt, diese Box zu kaufen. Da ich aber auch fast alle CDs schon habe, bin ich davon weg. Ich kann Sie aber auch trösten. Mir geht es mit einigen Liedern ähnlich. Man findet sie zwar eigentlich schön und clever, aber wenn man wirklich ehrlich ist, würde man bestimmte Dinge mental anders einordnen. Populistisch trifft es ziemlich genau. Irgendwie.

Veröffentlicht am 27.02.2014 12:35:52 GMT+01:00
Charlie meint:
Es war doch vorher bekannt, was man bekommt und das für nicht einmal 9 Euro pro CD + DVD und Buch.

Bei mir bleibt Unverständnis für so viel gequirlte Mäusekacke!
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

Rezensentin / Rezensent


Top-Rezensenten Rang: 29.844