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Kundenrezension

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warum die Bibeltreuen der Bibel nicht treu sind!, 28. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: The Bible Made Impossible: Why Biblicism Is Not a Truly Evangelical Reading of Scripture (Gebundene Ausgabe)
Das Buch von Christian Smith ist eine Offenbarung. Leider, das sei hier ausdrücklich betont, gibt es davon noch keine deutsche Übersetzung. Jedoch, auch wenn es sich auf die amerikanische Situation bezieht, können wir in Deutschland aus den Beobachtung des Soziologen der renommierten amerikanischen Universität von Notre Dame sehr viel lernen. In Amerika hat Smith mit seiner Veröffentlichung eine heftige Debatte ausgelöst und sich mit dem fundamentalistischen Establishment insbesondere der rechtsgerichteten refomierten Evangelikalen angelegt.

Worum geht es? Zunächst ist die Überschrift dieser Rezension so etwas wie der Versuch, den Titel ins Deutsche zu übersetzen. Was Smith als "Biblicist" bezeichnet, lässt sich im Deutschen nur sehr ungenau als biblizistisch wiedergeben. Smith bezeichnet damit eine Haltung bestimmter Kreise zur Bibel und deren Auslegung derselben. In einer Charakterisierung dieser Haltung umschreibt er neun Kriterien, wobei diese noch durch eine letzte sozusagen allumfassende zehnte These ergänzt werden. Als "Biblicist" bezeichnet Smith eine solche Haltung, die die Bibel als ein umfassendes Handbuch für alle Glaubens- und Lebenswahrheiten ansieht oder als Gebrauchsanweisung für die täglichen Fragen des Lebens. Diese Haltung ist sehr eng verbunden mit einem Verständnis, das die Bibel als inspiriert und als irrtumslos in allen ihren Aussagen betrachtet. Smith macht aber deutlich, dass er den Gedanken einer Inspiration gar nicht ablehnt und dass er die Diskussion um den Begriff der "Irrtumslosigkeit," die insbesondere in Amerika geführt wird, für fruchtlos hält.Trotzdem liegt es nahe, diese beiden Begriffe durchaus auf der Linie von "Biblicist" zu sehen.

Für meine Begriffe ist aber die deutsche Entsprechung dazu der Begriff "bibeltreu", wie er sich in den letzten 25 Jahren immer mehr unter deutschen Evangelikalen ausgebreitet hat. Bibeltreue wird dort zum Markenzeichen einer besonderen Rechtgläubigkeit, die ebenfalls häufig mit dem Bekenntnis zur absoluten Irrtumslosigkeit verbunden ist. Bibeltreue Auslegungen, bibeltreue Seminare, Bibelschulen und Ausbildungsstätten, bibeltreue Gemeinden sprießen wie Pilze aus dem Boden. Ein ganzer Sektor besonders evangelikaler Literatur behandelt die biblische Sicht von Mann und Frau, der Entstehung der Welt (und damit der Ablehnung der Evolution), der Bibelauslegung selbst und vielen praktischen Fragen wie dem Umgang mit dem Geld oder der Seelsorge.

Diese Form der "Biblicist", der sogenannten "bibeltreuen" Auslegung führt Christian Smith regelrecht vor. Und er macht deutlich, dass ein solches Verständnis der Bibel sich ad absurdum führt. Das ist im Übrigen genau die Stärke des Buches, dass sie nicht als ein Angriff von außen zu betrachten ist (der Autor ist selbst im Sumpf einer evangelikalen Subkultur groß geworden), sondern auf die Unhaltbarkeit der Position hinweist.
Die Grundannahme der derart beschriebenen Position ist, dass es EIN biblisches Weltbild gebe, eine widerspruchsfreie Auffassung von allen Fragen, angefangen von der nach Gott bis hin zum Beispiel nach der biblisch vorgeschriebenen Kleidung. Diese müsse man nur nach gründlichem Studium der Heiligen Schrift herausfinden und zusammensetzen. Smith vergleicht dies mit dem Basteln eines Puzzles. Man schüttet den Karton mit den vielen Teilen aus und setzt dann diese zu einem großen harmonischen Bild zusammen. So tun es seiner Meinung auch die bibeltreuen Fundamentalisten. Und genau das funktioniert nicht - im Gegenteil, der Bibel wird damit sogar ein Bärendienst erwiesen und führt die Personen, die sich daran halten in unauflösbare Aporien.

Dabei, und das ist der Schlüssel zum Verständnis, argumentiert Smith gerade nicht aus der Sicht von draußen, sondern von drinnen. Als Soziologe fragt er nicht zuerst nach der reinen Lehre, sondern nach dem praktischen Verhalten, das dieser Sicht entspringt. Seine Grundfrage: Wenn die Heilige Schrift tatsächlich eine einheitliche und harmonische Sicht der Welt vertritt, die sich durch sorgfältige Exegese ableiten lässt, warum gibt es dann unter den Bibeltreuen nahezu zu jeder theologischen und praktischen Frage unzählbar verschiedene und teilweise sogar unvereinbare Antworten? Warum gibt es Bibeltreue, die aus der Bibel die Kindertaufe ableiten und andere, die nur die Erwachsenemtaufe für biblisch halten? Warum gibt es Gemeinden, in denen Frauen die lehrende Tätigkeit untersagt ist und andere, die die Mitarbeit von Frauen geradezu als biblisch gefordert betrachten? Warum gibt es bibeltreue Friedenskirchen, die Gewalt komplett ablehnen (Bergpredigt) und andere, die sich besonders für die Tätigkeit beim Militär einsetzen? Warum vertreten einige vehement die (doppelte) Prädestination als biblisch, während andere die freie Entscheidung für Jesus lehren? Von den zahlreichen unterschiedlichen Endzeit- Szenarios ganz zu schweigen! Und dies alles unter dem gemeinsamen Dach der Bibeltreue. Mit der Folge, dass sich, zumindest in den USA, die einen Bibeltreuen von den anderen abgrenzen und eine neue Gemeinde oder Kirche gründen, weil die ursprüngliche ihnen nicht bibeltreu genug ist? Ganz zu schweigen davon, dass manche klare Aufforderungen Jesu (Fußwaschung, Verkauf des eigenen Besitzes u.a.) von den Bibeltreuen gerade nicht befolgt werden.

Schon Zeugnisse früherer Zeiten, die Smith benennt, zeugen von der Problematik, dass gerade das Bekenntnis zur eigenen Bibeltreue nicht zur Klarheit und zur Einheit, sondern im Gegenteil zu Spaltung und Separatismus geführt habe. Aus dem Sola Scriptura der Reformation sei ein Solo Scriptura geworden, das in Wahrheit gar keine evangelikale oder besser vielleicht evangelische Auslegung der Schrift mehr ist. Die Bibel werde unmöglich gemacht, oder in meinen Worten: Die Bibeltreuen sind der Bibel gerade nicht treu!

Die Gralshüter der reinen Lehre, so entnehmen wir es dem Nachwort der später aufgelegten Taschenbuchausgabe, haben zwar durchaus giftig auf dieses Argument reagiert, aber nicht wirklich versucht, es zu entkräften. Es ist auch nicht zu entkräften. In meiner eigenen persönlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen fundamentalistischen Bibelverständnisses war dies Argument auch ein wesentliches. Anderes kamen dazu. Aber hier ist den sogenannten Bibeltreuen auf dem eigenen Feld die Waffe aus der Hand geschlagen, mit der sie sich trotzig immer wieder zu Wort melden, um ihre biblische Sicht der Dinge zu vertreten.

Die Bibel, so Smith, ist mehrdeutig und hat unterschiedliche Stimme. Ihre Einheit besteht nicht in einer widerspruchsfreien "Lehre", sondern darin, dass sie in allen ihren Teilen auf das Evangelium von Jesus Christus bezogen ist. In ihm und in der Verheißung des endgültigen Heils findet sie ihre Mitte und ihr Ziel. Das gibt Freiheit, die Bibel nicht als ein Gesetzbuch, eine Gebrauchsanweisung oder gar als ein Lexikon zu lesen, sondern sie ist von Christus, dem einen Wort Gottes, her zu verstehen. Ambivalenz ist kein bedauernswerter Zustand, sondern Teil der Offenbarung selbst. Smith knüpft darum an Karl Barths Verständnis von Offenbarung an. Hier müsste die Diskussion seiner Thesen selbst dann fortgeführt werden. Es deckt sich m.E. aber auch an Texten der Bibel selbst, wenn z.B. Paulus Exegese betreibt und dann doch Christus und das versöhnende Heilshandeln Gottes an ihm zum Mittelpunkt seiner Auslegung macht.

Getroffene Hunde bellen! So auch in diesem Fall. Christian Smith benennt ganz offen die verwundbare Seite einer vermeintlich bibeltreuen Exegese, die letztlich in den Fragestellungen der Aufklärung und des Positivismus hängen geblieben ist und Antworten aus dem 19. Jahrhundert gibt. Leider, auch das ein trauriges Fazit aus dem Buch, ist es gerade die christliche Literatur, die sich an Laien richtet, die insbesondere durch solches Verständnis geprägt ist. In Deutschland trifft dies vielleicht in besonderer Weise zu, da sich die Bibeltreuen noch mehr als in den Vereinigten Staaten zu einer Minderheitenkultur entwickelt haben, die die akademische Auseinandersetzung scheut und sich lieber im eigenen Bereich der ständigen gegenseitigen Selbstvergewisserung bewegt. Insofern wäre es wünschenswert, wenn dieses Buch, auf deutsche Verhältnisse angepasst, auch in unserem Land und in unserer Sprache erscheinen würde.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.12.2013 21:30:04 GMT+01:00
FranzvSales meint:
Eine sehr informative Rezension. Ich werde es mir wohl mal als Kindle-Version zulegen.
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