Kundenrezension

82 von 116 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Hier stößt Müller an seine Grenzen !, 1. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Showdown: Der Kampf um Europa und unser Geld (Gebundene Ausgabe)
Eines vorab: Auf der Amazon-Seite hier heißt es in der Kurzbeschreibung, dass das Buch „Hinweise gibt, wie man sein Geld, seine Altersvorsorge, seine Anlagen bestmöglich durch die sich zu einem dramatischen Höhepunkt hinaufschraubende Krise bringen kann.“ – Wer sich darauf verlässt, wird enttäuscht sein. Denn Dirk Müller widmet sich in seinem Buch fast nur den „großen“ Themen und Zusammenhängen innerhalb Europas.
[Nachtrag vom 12.5.2013: Die Kurzbeschreibung wurde zwischenzeitlich geändert - auch auf der Verlagsseite! Vielleicht als Reaktion auf meine und andere Rezensionen??]

Müller beginnt sein Buch mit der Währung, dem „größ­te Hemm­schuh und somit auch das um­strit­tens­te Thema im eu­ro­päi­schen Ei­ni­gungs­pro­zess“. Anschließend wendet er sich der historischen Entwicklung in Griechenland zu, um dann auf die vermutlich rie­si­gen Vorkommen von Öl- und Gas überzuleiten. Mit den Einnahmen könnte Griechenland seine Schuldenlast deutlich reduzieren. Das ist sicherlich eine interessante Perspektive, die der Autor aber nicht zu Ende denkt/entwickelt.
Gerade an dieser, aber auch an vielen weiteren Stellen im Buch fiel mir negativ, weil journalistisch unsauber, auf, dass Dirk Müller fast nie die konkrete Quellen und die Veröffentlichungsdaten für seine Zitate, Zahlen und Erkenntnisse benennt.

Nach weiteren Analysen und Bestandsaufnahmen zum Themenbereich Euro und Schulden, wird es richtig spannend: Müller macht sich Gedanken über den Weg in die Zukunft. Zunächst fordert er, quasi als Grund­la­ge für einen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung, einen „eu­ro­päi­schen Mas­ter­plan, der für jeden Staat ganz klar de­fi­niert, wel­che Re­for­men in den nächs­ten fünf Jah­ren an­ste­hen, wie diese aus­se­hen und in wel­chen Zeit­ab­schnit­ten sie um­ge­setzt wer­den.“ Als wirkungsvollsten kon­junk­tu­rel­le Be­schleu­ni­ger, um eine Wirt­schafts­be­le­bung auf brei­ter Basis zu er­zeu­gen, schlägt Müller vor, in die In­fra­struk­tur zu investieren. Genauer gesagt: in mit Sachwerten gedeckte En­er­gie-In­fra­struk­turfonds.
Doch bei den folgenden Buchpassagen über die Inhalte der Energieinfrastruktur bzw. Energiewende stößt Dirk Müller sachlich und inhaltlich an seine Grenzen. „Eu­ro­pa ist der ein­zi­ge Kon­ti­nent, der sich klar dafür ent­schie­den hat, seine En­er­gie­ver­sor­gung so bald und so weit wie mög­lich auf er­neu­er­ba­re En­er­gi­en um­zu­stel­len“, schreibt er. Woraus er diese These ableitet, erschließt sich mir nicht! Ich bin sogar der Ansicht, dass sich Müller hier irrt. Denn offiziell hat sich nicht Gesamteuropa für erneuerbare Energien entschieden. Sondern nur die EU-Mitgliedsländer haben sich verpflichtet, den Anteil der erneuerbaren Energie am Gesamtenergieverbrauch bis 2020 auf einen Anteil von 20 % zu steigern – von „überwiegend“ kann also keine Rede sein. Was nach 2020 verbindlich passiert, ist derzeit noch unklar.

Müller erläutert danach zahlreiche Gedanken, wie sich die Stromerzeugung und –versorgung künftig auf erneuerbare Energien umstellen und intelligent organisieren lassen könnte. Er schreibt u. a. über Photovoltaik und Windkraft und entwirft die Vision einer Wasserstoffwirtschaft. Trotz guter Gedanken sind einige Detail-Ausführungen unterm Strich nicht ganz stimmig und teilweise auch falsch. Dies erlaube ich mir zu behaupten, weil ich mich fachlich in diesem Segment auskenne. Dazu ein Beispiel aus dem Bereich Photovoltaik. Müller schreibt:
„Bis­lang pas­siert ja etwas voll­kom­men Un­sin­ni­ges. Der Bür­ger speist den von ihm pro­du­zier­ten So­lar­strom in das öf­fent­li­che Netz ein, be­kommt dafür eine steu­er­lich sub­ven­tio­nier­te Ein­spei­se­ver­gü­tung und holt sich den Strom, den er selbst ver­braucht, wie­der aus dem Netz von den En­er­gie­un­ter­neh­men. Viel sinn­vol­ler wäre es doch, wenn er sei­nen ei­ge­nen Strom selbst ver­brau­chen und nur even­tu­el­le Über­schüs­se in das öf­fent­li­che Netz zu ak­tu­el­len Markt­prei­sen ver­kau­fen würde…“ – Sorry, Herr Müller. Aber genau das ist ja bereits Realität und auch wirtschaftlich sinnvoll! Denn Eigenheimbesitzer, die so viel wie möglich des eigenen PV-Stroms selbst verbrauchen, steigern die Rendite ihrer Solaranlage beträchtlich. Übrigens: Die Einspeisevergütung wird nicht „steuerlich subventioniert“. Es handelt sich um eine Umlagefinanzierung (deshalb auch der Begriff „EEG-Umlage“).

Vielleicht hält mich der ein oder andere Leser für kleinlich. Doch solche „Ungenauigkeiten“ finden sich an weiteren Stellen. Unverständlich finde ich zudem, dass Müller lediglich die Segmente „Strom“ und „Kraftstoffe“ betrachtet, die zusammen nur für etwas mehr als 50 % des Endenergieverbrauchs in Deutschland verantwortlich sind. Der andere Batzen geht auf das Konto des Wärmebereichs. Doch den spart Müller komplett aus. Warum? Denn es sind doch vor allem die Wärme-/Heizkosten, die das Haushaltsbudget von uns Bürgern am stärksten belasten.
Ergänzen hätte ich mir gewünscht, dass der Autor auch das Thema Energiegenossenschaft als bereits existierende Anlagemöglichkeit anspricht, die dem Bürger sogar ein Mitgestaltungs- und Mitspracherechtbei seiner Energieversorgung (Strom und Wärme!) eröffnen kann.

Mit einem Bekenntnis zu Europa schließt der Autor seinen Text ab: „Hören wir auf, uns damit zu be­gnü­gen, auf Eu­ro­pa und Brüs­sel zu schimp­fen. Neh­men wir un­se­re Zu­kunft selbst in die Hand, und fan­gen wir an, die­ses Eu­ro­pa nach un­se­ren Vor­stel­lun­gen zu ge­stal­ten.“

++ Mein Fazit:
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* Ich habe nichts gegen Dirk Müller und seinen Schreibstil empfinde ich erfrischend, wenn auch stellenweise eine Spur zu salopp und zu schnoddrig. Doch insgesamt wirkt er authentisch – so wie man Müller eben aus dem TV kennt. Doch in diesem Buch greift er zu viele der „großen“ Themen auf: z. B. Griechenland, EU- und Euro-Zukunft, Schuldenkrise, Masterplan, Infrastrukturfonds, dezentrale Energie- und EU-Politikstrukturen, EU-Lobbyismus.
Müller kann die oft interessanten und spannenden Themen deshalb nur anreißen und nicht vertieft oder gar zu Ende zu entwickeln bzw. zu denken. Außerdem fehlen mir die inhaltlichen Verbindungen: Also wie könnte z. B. eine Zukunft Griechenlands (und Spaniens) auf Basis erneuerbarer Energien aussehen (z. B. Energie aus Solarkraftwerken und Photovoltaikanlagen für Nord- Europa). Ich habe deshalb das Buch eher als Fragment, also als Sammlung von Ideen und Gedanken empfunden. Letztlich fehlt mir eine sichtbare große Linie, der rote Faden. Weniger wäre hier mehr gewesen. – Dies kostet einen Bewertungsstern.

* Ärgerlich finde ich zum einen, dass der Autor an mehreren Stellen konkrete Quellen für seine Aussagen, Zitate und Zahlen unterschlägt. Zum anderen kommt bei verschiedenen Textteilen und Themen nur eine Art Halbwissen von Müller zum Vorschein, welches sich in „Ungenauigkeiten“ und in falschen Darstellungen/Formulierungen ausdrückt. Dirk Müller hätte auf diese Textpassagen entweder verzichten, besser recherchieren oder Co-Autoren (Experten) mit ins Boot holen sollen. Zudem wird der Anspruch des roten Punktes auf dem Buchtitel „Wie Sie am besten durch die Krise kommen“ nicht eingelöst. Dazu sind mir die im Buch diskutierten Themen zu weit weg vom Alltag oder vom persönlichen Zugriff. – Für diese gravierenden Schwächen ziehe ich zwei Bewertungssterne ab.

* Sympathisch und „putzig“ zugleich ist das Nachwort des Autors, wo er verschiedene Dinge relativiert. So schreibt Müller: "Viel­leicht hat mein Ge­gen­über bes­se­re In­for­ma­tio­nen oder Ideen... Mög­li­cher­wei­se muss ich dann aus mei­nem gro­ßen un­voll­stän­di­gen Mo­sa­ik der Welt ein Teil­chen ent­fer­nen und ein an­de­res ein­set­zen." - Bezeichnend ist seine Formulierung "unvollständiges Mosaik" ;-).
Und nach seiner teils harschen Kritik im Hauptteil seines Buchs scheint den Autor zum Schluss ein versöhnliches Gefühl überkommen zu haben: „Ich möch­te an die­ser Stel­le gerne auch noch einen Ein­druck zu­recht­rü­cken, der Ihnen viel­leicht im Laufe der Lek­tü­re ge­kom­men sein mag… Ich habe kei­nes­wegs eine ne­ga­ti­ve Grund­hal­tung gegen »die Ame­ri­ka­ner«, »die Kon­zer­ne« oder die »Lobby in Brüs­sel« – wehe, es lacht einer! Es gibt nach mei­ner Ein­schät­zung auch keine große Welt­ver­schwö­rung we­ni­ger Kader...“

+++ NACHTRAG vom 19.7.2013 +++
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# Nun ist also doch eine Art (!) Quellenverzeichnis auf Müllers Cashcurs-Webseite erschienen (Datum: 16.7.2013). Leider ist es nicht vollständig. Müller äußerst sich auf seiner Website dazu so:
"Ich habe daher im Folgenden eine unvollständige Quellensammlung mit den wichtigsten öffentlich zugänglichen Quellen für jene Teile des Buches „Showdown“ zusammengestellt, die immer wieder in Zweifel gezogen werden."
# Warum kommt das Quellenverzeichnis erst jetzt? Die Begründung von Müller lautet:
"Beim Schreiben des Buches „Showdown“ hatte ich ganz bewusst auf ein Quellenverzeichnis mit Fußnoten verzichtet. Der Lektor des Drömer-Verlages hat mir von einem Quellenverzeichnis abgeraten, da man das heute wegen der besseren Lesbarkeit in der Regel nicht mehr macht..."
- Sorry, aber die grundlegende, journalistische Sorgfaltspflicht (Quellenangaben, Nachweise etc.) war und ist, auch aufgrund des Urheberrechts, niemals wichtiger als heute!! Es gibt zahlreiche aktuelle Bücher, die zeigen, wie es preofessionell gemacht wird.
Und wenn man die Quellen nicht im Buch hätte abdrucken wollen, dann hätte man ja parallel zum Erscheinen des Buches das Quellenverzeichnis Online stellen können - und nicht erst 10 Wochen später.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.05.2013 13:53:03 GMT+02:00
Röshel, E meint:
Ich kann Ihren geäußerten Einwand
["Eines vorab: Auf der Amazon-Seite hier heißt es in der Kurzbeschreibung, dass das Buch „Hinweise gibt, wie man sein Geld, seine Altersvorsorge, seine Anlagen bestmöglich durch die sich zu einem dramatischen Höhepunkt hinaufschraubende Krise bringen kann.“ – Wer sich darauf verlässt, wird enttäuscht sein."]
nicht nachvollziehen, denn ich kann Ihr "Zitat" auf dieser Seite nirgends finden.

Richtig ist, daß er auf Fußnoten und Quellenangaben leider komplett verzichtet.

Er erhebt aber auch keinen Anspruch darauf, ein wissenschaftliches Buch zu schreiben; auch nicht darauf, ein 100%-fertiges Konzept zu haben.
Das tut aber der Ideenführung keinen Abbruch.
Er will aufrütteln und zu mehr Bürgerengagement ermuntern - und das gelingt ihm meiner Meinung nach sehr gut. Es ist unser Europa, nicht nur das der Brüsseler Bürokratie!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.05.2013 23:16:51 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.05.2013 23:19:48 GMT+02:00
Jürgen meint:
Hochinteressant: Die Kurzbeschreibung wurde von Amazon und vom Verlag geändert! Deshalb ist mein erster Einwand nicht mehr nachvollziehbar. Hier finden Sie aktuell noch die alte Beschreibung: http://www.buchreport.de/bestseller/bestseller_einzelansicht.htm?no_cache=1

Ich erwarte auch von einem nicht-wissenschaftlichen Buch, dass die Sachverhalte korrekt und richtig dargestellt werden, was nachweislich an einzelnen Stellen nicht der Fall ist.

Das mit dem Bürgerengagement finde ich ja in Ordnung. Doch für diese Botschaft wäre kein so dickes Buch nötig gewesen.

Veröffentlicht am 10.07.2013 17:10:09 GMT+02:00
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.07.2013 11:07:12 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 19.07.2013 11:07:37 GMT+02:00
Jürgen meint:
@R. Östreicher:
Ich findes es bemerkenswert, dass SIE sich extra für Ihren bedeutenden Kommentar-Satz einen Amazon-Account zugelegt haben.
Schön, dass SIE meine Rezension gelesen und die Schlauheit dahinter erkannt haben. Bedauerlich finde ich es jedoch, dass SIE anscheinend keine schlauen Gedanken mögen. Aber die Menschen sind halt verschieden...

Veröffentlicht am 10.01.2014 12:06:11 GMT+01:00
I. Kafkoulas meint:
Sehr gute und sachliche Rezension!
Können Sie ein Buch empfehlen, in dem die Zusammenhänge aus Ihrem Bereich
richtig und verständlich erklärt werden?
Danke
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