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Kundenrezension

387 von 438 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Tellkamps großes Selbstgespräch, 2. März 2009
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Rezension bezieht sich auf: Der Turm: Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich war auf diesen Roman gespannt - nicht nur, weil ich in der Nähe von Dresden aufgewachsen bin und den sozialen Rahmen der Handlung zumindest oberflächlich kenne. Dazu war ich in der beschriebenen Zeit so alt wie Christian, eine der Hauptfiguren, und habe so viele seiner Stationen zeitlich parallel erlebt: EOS, Abitur, dreijährige Armeezeit, Ende der DDR. Nach einer anstrengenden bis quälenden Lektüre bin ich mit Uwe Tellkamps "Der Turm" eher unzufrieden. Dieses Buch ist nicht der erwartete Gesellschaftsroman sondern leider nur eine starre, schrullige und gelegentlich größenwahnsinnige Beschreibung eines bestimmten Dresdener Kleinbürgermilieus. Mir kommt es vor wie eine Art gigantisches Selbstgespräch, mit dem der Autor seine Jugendjahre reproduziert.

Dieser "Turm" ist trotz seiner Detailverliebtheit abweisend; er erzählt keine große Geschichte, an deren Handlung und Figuren man Anteil nimmt. Das liegt vor allem an den drei Hauptfiguren des Romans: neben Christian (offensichtlich Tellkamps alter ego) sein Vater Richard und sein Onkel Meno. Jeder hat auf seine Weise bestimmte Konventionen extrem verinnerlicht, erscheint borniert und unbeweglich. Man kann als Leser zu ihnen kein Verhältnis aufbauen; sie bleiben während der gesamten Handlung stets distanzierte Fremde. Speziell die Figur des Christian wirkt so blass, verklemmt und unverständlich. Sie erzeugt keine Neugier und kann einen nicht durch den Roman führen. Ähnlich ergeht es mir mit Meno, diesem zwanghaften Nischen-Intellektuellen, der seine Unfähigkeit zu leidenschaftlichen Gefühlen im Buch immer wieder mit seitenlangem Gesülze kompensieren muss. (Durch die Kursivschrift kann man jeweils leicht weiterblättern).

Andere Mängel des Romans wiegen bei dieser unglücklichen Struktur der Hauptfiguren fast weniger schwer: die hölzernen Dialoge, die durchweg seltsam erscheinenden Frauenfiguren, der Mangel an Sexualität in und zwischen den Figuren, schließlich die langweilende und häufig funktionslose Detailversessenheit. Natürlich gibt es auch Szenen und Episoden, die ich gelungen fand: die Darstellung der Dichtermilieus etwa, des Hauses Arbogast oder des Beginns von Christians Armeezeit. Aber das bleibt für mich zu wenig, um den "Turm" als großen, nachhaltig wirkenden Roman zu bewerten.

Bleibt die Frage, ob das Buch zumindest als wahrhaftige Chronik der späten DDR taugt. Auf jeden Fall zeichnet Tellkamp die kleine Welt seines Romans sehr treffend und realistisch. Ein breites Gesellschaftspanorama sollte man allerdings nicht erwarten. Sicher konnte man in Dresden und anderswo auf den materiellen Mangel und die staatliche Repression so reagieren und sein Leben so gestalten wie die Figuren im Turm". Man musste es aber nicht, ohne dadurch gleich ein Anhänger des Systems gewesen zu sein. Vielleicht wäre aus diesem Buch ein großartiger Roman geworden, hätte Uwe Tellkamp vorher seinen "Turm" tatsächlich verlassen...
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-10 von 12 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.05.2009 22:23:46 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.05.2009 22:26:16 GMT+02:00
Diavolezza meint:
Ich quäle mich auch ziemlich durch das Buch, habe erst 300 Seiten geschafft, und mir geht es wie Ihnen, ich finde keinen Bezug zu den Personen, mir kommt das Ganze so vor, als ob der Autor so schreibt, wie er denkt, dass es von ihm erwartet wird. Ehrlich gesagt, ich glaube bis, er kann es einfach nicht. Er hat nichts Eigenes. Ob er Tschechov kennt? Sie haben es gut formuliert, wenn Sie sagen, dass er seinen Turm nicht verlassen hat.

Veröffentlicht am 28.01.2010 21:33:12 GMT+01:00
Rudolf Sander meint:
oh, man spricht mir aus der Seele.War lange nicht mehr so endtäuscht von einem gelobten Buch.

Veröffentlicht am 02.03.2010 14:53:42 GMT+01:00
Sylvia Laue meint:
Mir ging es ähnlich bis genauso. Quälend lang - aber ich wollte es schaffen. Ich habe den Eindruck, daß Tellkamp um des Schreibens willen geschrieben hat. Seiten schinden, der Inhalt wurde nicht besser bzw. vertiefter dadurch. Was weiß ich heute mehr? Meine Bewertung: Gute Note in Fleiß, ansonsten nichts Neues nach dem, was wir nun spätestens seit der Wende auch aus der Zeitung wissen (Gedächtnisprotokolle etc.) Schade ums Geld!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.06.2010 10:41:22 GMT+02:00
Dr. G. Marqua meint:
Ich unterstütze den Kommentar auch voll und ganz. Habe mich ebenso wie viele andere durch den Roman gequält, ohne dass irgendwelche Gefühle in mir aufgekommen wären. Die sprachliche Virtuosität und die Detaill-Genauigkeit sind wirklich eindrucksvoll. Aber auch wenn einen das Formale und Technische fasziniert, reicht es nicht zur inhaltlichen Größe! Schade!

Veröffentlicht am 07.07.2010 18:46:13 GMT+02:00
Kassandra 89 meint:
Ich habe den <Turm> seit seinem Erscheinen bei meinen Safaris durch die Buchhandlungen schon mehrfach in den Händen gehabt und an verschiedenen Stellen angelesen. Dabei hat mich jedesmal genau das Gefühl beschlichen, was mir diese Rezension vermittelt hat, woraufhin ich es nicht gekauft habe. Das muss wahrscheinlich höhere Literatur sein. So eine Art Sahnetorte, wovon man eben immer mal nur ein Stück verträgt.
Da stehe ich eher auf solche Sachen wie diesen Schelmenreport <Die hausbackene Diktatur>. Das ist deftigere Literatur über die DDR. Das hat auch ein Sachse geschrieben. Das entspricht mehr der guten alten <Butterbemme>.
Wie schon bekannt: Über Geschmack zu streiten ist müßig.

Veröffentlicht am 26.10.2010 13:52:15 GMT+02:00
Mike Scheller meint:
Habe den Turm heute beendet, und wollte Eindrücke sammeln. Für mich war Christian die einzige Figur, an der sich Spannung entwickelt hat. Viele Einrücke des Rezensenten und den Kommentierer teile ich: zu viel Details langweilen, Menos versponnene Tagebuchnotizen, tote Handlungsstränge. Atmosphärisch vieles gut eingefangen, besonders die ideologiegeladenen Situationen. Manche Wohnsituationen scheinen mir übertrieben (bin auch ungefähr Tellkamps Jahrgang): Die Einquartierungen, die Kaminski-Zwillinge. Aber Berlin ist nicht Dresden; - Weißer Hirsch aber auch nicht. Aber es ist ein Roman, also kein dokumentarischen Maßstäbe bitte. Da beginnt vielleicht das eigentliche Problem: Romane über (nahe) historische Theman werden als Doku gelesen, wollen das aber nicht sein, kommen aber nicht dran vorbei. Amüsant sind jedenfalls die Ratespielchen, wer denn wer ist, in diesem Potpourrie.

Veröffentlicht am 05.03.2011 10:09:20 GMT+01:00
Auch ich unterschreibe. Ich komme selbst aus der Gegend von Dresden und war zum fraglichen zeitpunkt ebenfalls in diesem Alter..... Auch bei mir verstärkt sich der Eindruck, dass Tellkampf schreibt, was man in einigen Kreisen offenbar hören respektive lesen wollte um ein vorgefertigtes Bild untermauern zu können. Schade um ein durchaus lohnenswertes Thema.

Veröffentlicht am 27.06.2011 11:25:20 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 27.06.2011 12:33:50 GMT+02:00
JoBe62 meint:
Nicht nur dieser Rezensent war offensichtlich vom Werk überfordert.
Auch der Meno bringt eine sprachliche Schönheit ins Buch, die es für mich lesenswert machen.
Aber das muss man mögen, das liest sich nicht mal eben so weg.
Da muss man schon hin und wieder mal ein paar Gedichte konsumieren, um mit dieser Welt warm zu werden.
Das Buch ist nicht der repräsentative DDR-Gesamtroman, es beleuchtet die bildungsbürgerlichen Kreise in ihrem Elfenbeinturm. Nicht mehr und nicht weniger. Tellkamp beschreibt halt das, was er kennt.
Den Begriff "Kleinbürgermilieu" sollte man besser nicht mehr verwenden, den nutzten unsere soz. Vordenker in der DDR als Schimpfwort, um all das zu verunglimpfen, was nicht in die parteilich vorgefertigten Denkmuster passte.
Die Helden im Roman entwickeln sich nicht, da sie in einer Welt leben, die stehen geblieben ist, ich denke das ist gewollt.
Der Turm ist keine leichte Kost. Der Roman hat auch Mängel, für den Einen mehr, für den Anderen sind sie verschmerzbar. Die Meinungen gehen weit auseinander. Für mich ist er trotzdem ein großes, lesenswertes Werk.

Veröffentlicht am 24.11.2011 17:26:52 GMT+01:00
marinaisa meint:
Nach den ersten 50 Seiten dachte ich, meine Freundin wollt mir eins Auswischen, mit Ihrer Buchempfehlung.
Schlecht geschrieben, keine wirklich lebendigen Menschen, bizzare "Insel"- kein Turm.
Es gab sie, die lebendigen Menschen zu dieser Zeit!
Vom Turm aus hätte man sehen können, sehr weit.
Tellkamp verläß nicht das starre, elitäre Viertel. Er hockt immer noch in dieser "Insel".
Ich hab mich durchgequält, um meiner Freundin eins Auszuwischen. Sie hockt auch immer noch dort.

Veröffentlicht am 06.01.2012 21:29:50 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 06.01.2012 21:37:31 GMT+01:00
Zuerst das Positive: Die DDR muss 1957, als ich sie verließ, sehr viel harmloser gewesen sein als das Staatsgebilde der 80er Jahre. In dieser Beziehung hat mir Tellkamps Buch die Augen geöffnet, obwohl ich alljährlich meine Verwandten in H. besuchte und glaubte, immer auf dem Laufenden zu sein. Wahnwitzig, in welche gespenstische Scheinwelt sich die Träger der Staatsmacht hineinmanövriert hatten, gespenstisch aber auch, wie die Bürger sich in all den Jahren bis 1989 mißbrauchen, korrumpieren und seelisch wie geistig verkrümmen ließen, durch die Mauer und die "Freunde" zur Resignation gezwungen Durch die friedliche Revolution haben sie sich in meinen Augen rehabilitiert
Das leider Negative am Buch und da stimme ich blackandblue in zu: diese überbordende Detailverliebtheit, die man manchmal mühsam, manchmal kopfschüttelnd erliest und in Sekundenschnelle wieder vergisst. Hier wird dem Leser Zeit gestohlen und dies nicht zu knapp. Auch das Springen von einem Handlungsort zum anderen und wieder zurück und gleich darauf zu einem dritten oder vierten (Menos Tagebuch) macht das Lesen öfters zur Mühsal. Ich sehe auch ein Verschulden des Lektors, der dem (noch) jungen Autor sicher ein paar kräftige Striche und zahllose kleine mehr hätte empfehlen sollen.
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