Kundenrezension

13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.", 12. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Würde ist antastbar: Essays (Gebundene Ausgabe)
Diese bemerkenswert unchristliche Äußerung stammt von der vorgeblichen Christin Angela Merkel und wird von Ferdinand von Schirach im ersten Essay dieses kleinen Bandes zitiert. Eigentlich geht es dort um Demokratie und Terrorismus, doch Merkels gedankenloser Satz lenkt auf das wirkliche Thema des Autors, nämlich das Festlegen, Beschreiben und Diskutieren von Grenzlinien, deren Überschreiten grundlegende Konventionen innerhalb unserer Gesellschaft nachhaltig verändern würde.

Man findet in diesem Buch viele sehr kluge Gedankengänge, ebenso aber auch ähnlich ungewollt entlarvende Sätze, wie den von Angela Merkel. Alle Essays des Bandes sind bereits im "Spiegel" erschienen.

Darf man ein Passagierflugzeug abschießen, wenn es zu einem Terroranschlag benutzt werden könnte? Durfte man dem Kindesentführer Gäfgen Folter androhen, um sein Opfer zu finden als man noch Hoffnung hatte? Muss die Staatsanwaltschaft ihre Aufgaben nicht ohne Parteinahme erfüllen, und warum tut sie das neuerdings oft nicht mehr? Müssen Kinderschänder nach dem Absitzen ihrer Strafe wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden? Brauchen wir tatsächlich eine Frauenquote? Ist ein generelles Rauchverbot nicht eine Diskriminierung? Muss man Volksentscheide ablehnen, wenn man nicht an die Schwarmintelligenz glaubt?

Solchen Fragen geht von Schirach in diesem Buch nach. Ganz nebenbei beantwortet er auch, warum er nicht gerne von seinem Großvater redet, dessen Name zumindest den etwas Älteren noch bekannt sein dürfte. Darüber hinaus äußert sich der Autor zum Kachelmann-Prozess, zur Sicherungsverwahrung und zu einigen anderen nicht ganz so aufregenden Punkten.

Man muss von Schirach nicht unbedingt in allen seinen Ausführungen zustimmen und kann seine Gedanken und seine Texte dennoch begrüßen. Jedenfalls erging es mir so, zumal er seine Leser gut und klar durch seine Gedankenwelt zu führen vermag.

Vielleicht weiß er mehr als der gewöhnliche Beobachter des Kachelmann-Schauprozesses, denn er kann sich eine indirekte moralische Verurteilung des ehemaligen Angeklagten nicht verkneifen: "Die Frau wurde über Jahre seelisch zugrunde gerichtet, sie tat nach und nach, was von ihr sexuell verlangt wurde. Und auch wenn es freiwillig war, es ist keine Frage: Kachelmanns moralische Schuld wiegt schwer." Dabei geht es von Schirach in diesem Essay eigentlich um die Schwierigkeiten in einem Strafprozess und insbesondere um die Frage, was dort "Wahrheit" ist.

Sein Essay zur Gäfgen-Menschrechtsklage wegen einer tatsächlichen Folterandrohung arbeitet sich beharrlich zu den Folgen einer solchen Grenzüberschreitung vor und beschreibt sie sehr treffend. Bei dieser Gelegenheit kommt von Schirach auch zur sogenannten Schwarmintelligenz des Volkes, an die er nicht zu glauben vermag, weswegen er Volksentscheide grundsätzlich ablehnt. Das Volk hätte im Fall Gäfgen falsch entschieden, argumentiert der Autor, womit er wohl recht haben wird, denn es würde wahrscheinlich nur diesen Fall sehen und nicht den Türöffner zu einer anderen Welt, in die die meisten wohl nicht eintreten wollen würden, wenn ihnen klar sein würde, was sie dort erwarten könnte.

Wer hingegen aus Prinzip Volksentscheide ablehnt, weil er nicht an die Schwarmintelligenz des Volkes glaubt, es also klarer ausgedrückt für zu dumm hält, um komplexe Fragen zu entscheiden, der muss sich dann natürlich fragen lassen, wie es denn eigentlich mit der Schwarmintelligenz einer selbsternannten Elite aussieht, die in Wirklichkeit anstelle des Volkes regiert. Demokratie müsse nach von Schirach nicht nur die Meinung der Mehrheit durchsetzen, sondern vor allem auch die Rechte von Minderheiten schützen. Ist es aber nicht so, dass diese Parteien-Demokratie, die er bevorzugt, ein Widerspruch in sich ist, weil eine Minderheit der Mehrheit ihren Willen aufdrückt? Und dass ein Teil dieser Mehrheit einfach an einem solchen Possenspiel nicht mehr teilhaben will und deshalb Wahlen boykottiert, weil die da oben doch sowieso machen, was sie wollen? Davon jedenfalls steht nichts in diesem Text.

Interessanterweise gibt es in diesem Buch auch einen Essay zur Frauenquote, die von Schirach freudig erregt begrüßt. Wird an dieser Stelle nicht ein komplexes Problem mit einer einfachen Verordnungsstrategie zu lösen versucht? Eine Frauenquote, die übrigens auch von vielen Frauen, die davon profitieren würden, abgelehnt wird, torpediert das von den meisten Menschen akzeptierte Leistungsprinzip. Sie greift darüber hinaus unter anderem in die unternehmerische Freiheit ein, die auch ein allgemein akzeptiertes und grundlegendes Prinzip ist. Eigentlich müsste doch ein so kluger Mensch wie der Autor auch darauf kommen, dass das Opfern solcher grundlegenden Prinzipien nicht ohne nachhaltige Folgen bleiben wird. Ist das nicht auch eine Grenzüberschreitung?

Am Rande sollte vielleicht nicht unerwähnt bleiben, dass von der Seite, von der Forderungen nach einer Frauenquote kommen, auch dem Islam widerspruchslos die Tür geöffnet wird, obwohl dort völlig gegensätzliche Auffassungen vertreten werden. Man darf wirklich gespannt sein, wie sich dieser Widerspruch in Zukunft auflösen wird. Bis dahin werden sich aber noch einige männliche Kandidaten des wissenschaftlichen Mittelstandes mit dem Gedanken einer Geschlechtsumwandlung und anschließender Selbstverstümmelung befassen, um vielleicht so besser an eine der wenigen unbefristeten Stellen an einer Universität zu gelangen, zu denen sie trotz hervorragender Leistungen quotentechnisch leider nicht geeignet sind. Dass man mit einer verordneten Abschaffung einer scheinbaren Ungerechtigkeit neue Ungerechtigkeiten erzeugt, kommt dem Autor leider nicht in den Sinn. Aber das Gesetz der ungewollten Folgen wirkt unerbittlich, auch wenn man es beharrlich ignoriert.

Auch wenn von Schirach bei einigen der von ihm diskutierten Grenzfragen einen Teil der komplexen Probleme oder bestimmte Folgen vermeintlicher Lösungen aus welchen Gründen auch immer einfach ausblendet, so sind andere Gedankengänge wirklich brillant, insbesondere dann, wenn sie sein Fachgebiet betreffen. Deshalb ist dieses Buch eine durchaus empfehlenswerte Lektüre, auch wenn man bei manchen Ausführungen ganz anderer Meinung sein kann.
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