Kundenrezension

49 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Super-Lothar steht sich selbst im Weg, 14. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Ganz oder gar nicht: Autobiografie (Kindle Edition)
Per Zufall habe ich bei einem Bekannten von mir die Biografie von Lothar Matthäus (LM) als E-Book entdeckt. Und als ich meine Neugierde bekundete, überließ er es mir (samt Kindle) übers Wochenende. Nach der Schwarzenegger-Biografie, die ich zuletzt las, war ich gespannt auf die Ein- und Ansichten von LM Wenn auch von einem Ghostwriter geschrieben, was aber nichts Schlechtes sein muss.

Schon zu Beginn seines Buches beschwert sich LM darüber, dass man in Deutschland ein Problem mit seiner Person habe: „Egal, wo ich in Italien hinkomme, ob auf Sizilien, in Rom, in Verona oder selbst beim Italiener in München – ich habe dort einen Spitznamen: Il grande. Der Große. Wer in Italien »grande« sagt, meint »Grande Lothar«. Nur hier, in Deutschland, bin ich »der Loddar«. Das ist schon kurios, denn ich finde eigentlich nicht, dass ich fußballerisch für Italien mehr geleistet habe als für Deutschland.“
Ich frage mich: Wenn Deutschland einen LM nicht zu schätzen weiß, warum lebt und arbeitet er dann nicht in Italien? Vielleicht liegt es daran, dass er kein Italienisch kann? ;-). Nein, LM verrät uns, was ihn bislang antrieb: Die große Sehnsucht, endlich seine Qualitäten als Trainer auch in seiner Heimat zeigen zu können. Allerdings habe sich seine große Sehnsucht gelegt, weil er u. a. der Bundesliga zumindest zurzeit keine großen Experimente zutraue. Und dann wird LM schon fast philosophisch: Er habe seinen Wunsch vielleicht nicht begraben, aber doch losgelassen, damit er seinem Lebensglück nicht mehr im Wege steht.

Warum dieses Buch? LM begründet es so: „Ich sowohl den Fans in meiner Heimat als auch den Leuten, die mich Loddar nennen, zeigen, wer ich wirklich bin. Ich habe es zu lange den Journalisten überlassen, über mich zu schreiben. (…) Die meisten haben sich ein Bild von mir gemacht über provozierende Schlagzeilen, abstruse Anekdoten und billige Pointen.“ LM möchte klarstellen, vervollständigen und erklären, was ihn ausmacht. Doch warum lief dann manches schief? Zu oft habe er vergessen, wie interessant er für die Öffentlichkeit sei. Vielleicht habe er zu sehr in sein Privatleben blicken lassen, zu viele Interviews gegeben. Und weshalb? „Nicht unbedingt, weil ich sie geben wollte, sondern – es mag komisch klingen – weil ich ein höflicher Mensch bin und dazu erzogen wurde, auf Fragen zu antworten“, erklärt LM. Aber vielleicht sei es auch sein Kampf um Anerkennung gewesen, der ihn zu offenherzig werden ließ, sinniert LM: „Zu blind und zu naiv, um zu bemerken, wenn jemand meine Gutmütigkeit ausnutzen wollte. Das gilt für Journalisten, aber auch für Menschen in meinem Umfeld, in denen ich ursprünglich Freunde vermutete. Ich habe erst später realisiert, dass sie nichts anderes waren als Profiteure.“

LM sieht sich vor allem als Opfer, auch wenn er dies nicht immer deutlich sagt. Er präsentiert sich als „Ehrlichkeits- und Gerechtigkeitsfanatiker“ und als „Herzmensch“. „Ich handele aus dem Herzen – so sehr, dass ich mir manchmal wünschte, mehr das Hirn benutzt zu haben Aber mein Herz überstimmte regelmäßig den Kopf“, schreibt LM. Er stehe dazu, weil er an das Gute glauben wolle. Weil er sich um andere sorge, weil er vertrauen wolle. „Deshalb bereue ich auch keine Hochzeit, denn sie kamen alle von Herzen. Sie waren alle ehrlich und folgten meinem inneren Leitsatz: Mache es ganz, oder mache es gar nicht!“

Man erfährt, dass die Eltern fürsorglich aber streng waren und der Ton zu Hause derb, aber liebevoll war. Die Eltern haben viel gearbeitet und überließen die Kinder viel sich selbst. ML erzählt, dass er damals wenig Affinität zu (Tages)Zeitungen und wenig Leidenschaft zu Büchern entwickelte. „In die Werke Goethes oder Schillers habe ich mein Leben lang keinen Blick geworfen. Bis heute liegt bei mir kein Buch auf dem Nachttisch. Lieber zappe ich mich vor dem Einschlafen noch einmal durch den Videotext, als ein paar Seiten zu lesen“, bekennt er.
Irgendwie bekomme ich den Eindruck, dass ihm seine „schlichte“ Ausbildung zu Raumausstatter doch etwas unangenehm ist, weil er diese als „Zwischenstation auf dem Wege zum Innenarchitekten“ einstuft. Doch wie hätte das gehen sollen? Denn LM schrieb ein Kapitel zuvor, dass er sich bewusst gegen das Gymnasium und für die Hauptschule entschieden hätte.

Die, wie ich finde, kindlich naive Haltung von LM kommt immer wieder im Buch durch; z. B.:
# So betet er zwar nicht, denkt aber ab und zu an die höhere Macht, die sein „Leben bestimmt und begleitet“. Und natürlich bitte er auch mal um Hilfe. Und in den letzten Jahren habe er u. a. häufig gefragt: „Warum hast Du mir nicht geholfen? Warum hast Du mich im Stich gelassen?“
# Oder wenn LM nach einem Autounfall mit 2,06 Promille Alkohol im Blut „einsichtig“ ;-) schreibt: „Dieser elende Ouzo von dem Griechen im Vereinsheim! Seitdem trinke ich keinen Ouzo mehr.“
# An anderer Stelle schreibt LM zunächst, dass er weder an Horoskope noch an Astrologie glaube. Doch dann kommt alles anders: „Als mir aber kürzlich jemand etwas über meine Planetenkonstellationen erzählte, wurde ich doch stutzig. Ist da vielleicht doch etwas dran?“
# Er wettert gegen die „Fußballprofessoren“, die bei TV-Übertragungen im Studio „über Kollegen ablästern“. Und LM? Der möchte lieber auf der Trainerbank Ergebnisse erzielen. Aber da war doch was? Ach ja: „Die Experteneinsätze bei Premiere für die Bundesliga oder bei Al Dschasira für die WM 2010 haben mich einfach gereizt“, meint LM lapidar.
– All dies steht im Buch des 51-Jährigen (!) so unverblümt und unreflektiert, dass man als Leser verwundert den Kopf über so viel kindliche Naivität schüttelt.

Ein Großteil des Buches befasst sich natürlich mit dem fußballerischen Lebensweg und den Erfolgen von LM auf Vereins- und Nationalspielerebene. Dazu gibt es nette Anekdötchen und Geschichten. Ein weiteren, großen Part widmet er vor allem den vielen Ex-Ehefrauen und offenbart, dass er während der Ehe mit Silvia mit seinen Töchtern im Baby- und frühen Kindesalter nicht viel anfangen konnte. Auch verschiedene andere (Liebes-)Beziehungen, wie die zu Maren Müller-Wohlfahrt, greift LM auf. Interessanterweise wird Psychologiestudentin Ariadne mit keiner Silbe erwähnt. Es geht sofort von Liliana zu Joana, mit der er über Heirat und Kinder noch nicht spreche. Man lerne ja aus seiner Vergangenheit, meint ML.

Sein bisheriges Leben(-Spiel) stuft LM als ein turbulentes und unterhaltsames 4:2 ein, wobei er aber den Sinn des Lebens noch nicht erkannt habe, meint LM nachdenklich. Anders sei es bei seinem Lebensthema „Gerechtigkeit“. Er wisse zwar nicht, ob das, was er tue, gerecht sei. Aber er wisse dass er sich oft ungerecht behandelt gefühlt habe. Er wisse, was man da spürt.

Ach ja: Im letzten Kapitel beklagt sich LM noch über die aktuelle Fußballergeneration: „Spieler von heute haben nicht nur an Persönlichkeit verloren. Sie wissen auch mit den alten Tugenden kaum mehr etwas anzufangen. Auch wenn sich die Welt um mich herum noch so zum Schlechten verändert, meine Werte – Ehrlichkeit, Respekt, Verantwortung – werde ich doch niemals aufgeben.“

++ Mein Fazit ist geteilt:
1. Fans finden im Buch sicherlich viele interessante Details und Fotos aus dem Leben des Erfolgfußballers. Dafür gibt es einen zweiten Bewertungs-Stern.
2. Leser, die auf sensationelle Enthüllungen sowie auf Alkohol-, Frauen- und Sexgeschichten hoffen, werden nur teilweise befriedigt - es hält sich alles im gesitteten Rahmen.
3. Leser, die aus einer Biografie etwas für sich und ihr Leben lernen wollen, rate ich von der Lektüre ab. Denn Lothar Matthäus (LM) präsentiert sich oft noch als kindlich naiver Mann, der sich krampfhaft bemüht, von der deutschen Öffentlichkeit geliebt und anerkannt zu werden. Auch die (Ehe)Frauen wirken hier oft nur wie Statistinnen. Ein neues Bild von sich kann er mit dem Buch nicht vermitteln - eher im Gegenteil!
LM hat ja gute Ansätze und ist sicherlich auch ein netter Kerl. Doch letztlich stellt er sich immer wieder selbst ein Bein beim Versuch, sich selbst ein positives Image zu verschaffen – egal ob es dieses Buch ist oder die Reality-Soap auf Vox. Man wünscht ihm einen passenden, besten Freund (oder einen guten Therapeuten?), der LM hilft,
- nicht immer dieselben Fehler zu wiederholen,
- zu lernen, mit seinen Stärken und Schwächen angemessen umzugehen,
- zu lernen, dass sich Nachdenken/Verstand und Herz/Gefühl auch kombinieren lassen,
- sich nicht (nur) als bedauernswertes Opfer zu sehen
- aus seiner Selbstbezogenheit herauszukommen.
„Nimm Dich selbst nicht so wichtig und nicht so ernst und probiere es auch mal mit Humor!“ möchte man unserem "Loddar" zurufen. Und eventuell hilft auch die richtige Frau an der Seite: so wie aktuell bei unserem "Bobbele". ;-)
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