Kundenrezension

47 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Historischer Blick hinter die Kulissen des Glaubens, 13. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Welt zur Zeit Jesu (Gebundene Ausgabe)
"Jésus annonçait le royaume, et c’est l'Église qui est venue."
(Alfred F. Loisy, 1857 -1940 - Theologe und Historiker.)

Als emeritierter Lehrstuhlinhaber für Alte Geschichte an der Technischen Universität Berlin und seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist der Autor des Buches, Prof. Dr. Werner Dahlheim (Jahrgang 1938), nicht nur ein ausgewiesener Experte für römische Geschichte, sondern auch ein Kenner des frühen Christentums, was er in rund drei Dutzend Publikationen bewiesen hat.

Der für sein im September 2013 erschienenes Buch gewählte Titel „Die Welt zu Zeit Jesu“ kann diesem jedoch nicht gerecht werden, sich die Abhandlung mit einem weitaus längeren Zeitraum befasst. Deutlich wird dies bereits bei einem Blick in den Anhang (XVII),wo eine Zeittafel zu finden ist (S. 464), welche die wichtigsten Ereignisse vom Babylonischen Exil der Juden bis zur Eroberung Jerusalems durch den zweiten Kalifen Umar ibn al-Chattab und damit einen Zeitraum von 1100 umspannt. Der Klappentext sorgt für ein übriges, um die beim Leser eine beschränkte und damit falsche Vorstellung vom Inhalt des Buches zu erwecken, indem er die liebgewordene Vorstellungen von der Händewaschung des Pontius Pilatus, seiner Kriegsknechte und dem allmächtigen römischen Imperium in den Vordergrund stellt. Das auf dem Buchumschlag abgebildete Gebäude zeigt zudem nicht das "Modell der Rekonstruktion des Zweiten Tempels", sondern lediglich die südliche Ummauerung des Tempelbezirkes mit einer monumentalen Treppe, von der heute lediglich der sogenannte "Robinson-Bogen" übrig geblieben ist.

Im weitaus überwiegenden Teil von sechzehn Kapiteln beschreibt der Autor die historischen, religiösen, politischen, ethnischen, sozialen, wirtschaftlichen etc. Aspekte, welche das Leben der Antike bestimmten. In diesen multikausalen Gesamtkontext spenkelt Dahlheim zunächst den Menschen Jesus aus Nazareth nur ein. Besonders bei angeblichen „Kindermord von Bethlehem“ und dem Praefectus Judaeae, Pontius Pilatus offenbaren sich bereits die ersten Diskrepanzen zwischen zwischen Glauben und historischer Realität. Mit dem Glaube an die Auferstehung des Gekreuzigten entstand eine Sekte, die von einem Spätberufenen namens Paulus übernommen wurde, der sie von ihrer jüdischen Tradition löste und zur Heidenmission vollständig gräzisierte und erst dadurch das Christentum als etwas Neues schaffen konnte. Im Mittelpunkt der nächsten Kapitel steht das römische Imperium als Ordnung der Welt, der Bedeutung von Kaiser und Gott und das öffentliche und private Leben. In den frühen christlichen Schriften mischte sich die Welt der Wunder, Magie und Märchen zu spannenden Geschichten, mit denen es sich gut missionieren ließ. Parallel hierzu breiteten sich die Mysterienkulte der Isis, des Dionysos und des Mithras aus, von denen eine Reihe von Elementen im Christentum Aufnahme fanden. Mit dem Glauben an eine Auferstehung zogen die einstmals nach außerhalb der Stadtmauern verbannten und verbrannten Toten in die Städte ein, wo sie eine Erdbestattung fanden.

Bereits die ersten Christen stritten sich um den "wahren Glauben", so dass für das Überleben der Gemeinden stets neu gefundene Lösungen werden mussten. Der Raum für Irrtümer war groß, so dass eine ganze Reihe unterschiedlicher Lehrmeinungen entstanden. Schließlich schlug die Stunde der Aufseher, Bischöfe genannt, die angesichts des unkontrolliert wuchernden Schrifttums die Festlegung auf verbindliche Texte forderten. Auch die später kanonisierten vier Evangelisten hatten Jesus nicht persönlich gekannt, sondern schrieben 40 bis 90 Jahre nach seinem Tode aufgrund Hören und Sagen. Mit Kaiser Konstantin fand sich dann endlich ein Mächtiger, der dieses Ansinnen erfülle konnte. Mit dem Nicänischen Glaubensbekenntnis waren Gottvater, Sohn und Heiliger Geist zu einer Wesenseinheit geworden, die Jesus selbst niemals gelehrt hatte. Ein kaiserliches Gesetz verlieh dem Dogma reichsweite Geltung. Mit seiner Vergöttlichung entfernten sich die Gläubigen immer weiter von der Botschaft des Gekreuzigten.Zu Schluss des Buches wird deutlich, dass vor allem die beinahe nahtlose Übername der römischen Verwaltungsstrukturen zur Schaffung einer priesterlichen Hierarchie samt ihres Heilmonopols letztendlich der wichtigste Grund dafür war, dass sich das Christentum durchsetzten konnte. Durch eine Reihe von Konzilen und Dogmen wurde aus der einstigen "Gemeinschaft der Heiligen" schließlich eine "Bußanstalt für Sünder", die sich im Laufe der Jahrhunderte in eine Vielzahl von Fraktionen spalten sollte. Die Diskrepanz zwischen Theologie und persönlichem Glauben bestand jedoch von Beginn an.

Den Abschluss des Buches bildet der bereits genante Anhang zu dem noch Anmerkungen, Fußnoten, Quellen- und Literaturhinweise sowie zwei Register gehören.

Das Buch war timediver® im Oktober 2013 ein wertvoller Begleiter auf seiner Reise durch die West-Türkei, da es auch die von mir besuchten Stätten Pergamon, Ephesos und Aphrodisias als Kumulationspunkte der religionsgeschichtlichen Entwicklung des Christentums miteinbezieht. Dahlheim bietet ein historisches Zeugnis, dass Glaube nicht vom Himmel fällt, sondern alleine von Menschen gemacht wird.

5 Amazonsterne.
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1-7 von 7 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 19.10.2013 10:35:50 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 19.10.2013 11:07:28 GMT+02:00
Danke für die hilfreiche Rezension.

Der Blick ins Buch über die Vorschaufunktion hat mich jetzt allerdings etwas skeptisch gemacht. An sich liegen mir sowohl das Thema als auch die Darstellungsweise Dahlheims, einen eher erzählenden Überblick auf der Basis des in einer fruchtbaren wiss. Karriere angesammelten Wissens zu schaffen. Allerdings fand ich in dem kurzen Abschnitt, der sich in der Vorschau überblicken lässt, nun schon mehrere eklatante Missverständnisse oder Ungenauigkeiten in Bezug auf Einzeldaten, die mir eher ein populäres Geschichtsbild zu reproduzieren scheinen als fundierte Aufschlüsse zu liefern.

Am Beispiel des Kapitels über das Herodesreich, wo ich mich am besten auskenne, hier einige Dinge, die mir aufgestoßen sind:

Herodes sei kein Jude gewesen, weil seine Mutter Nichtjüdin war. Ein gängiges Missverständnis, zur Zeit Jesu bestimmte sich die jüdische Identität allerdings nicht durch die Abstammungslinie der Mutter, sondern die des Vaters. Die mütterliche Abstammung entwickelte sich erst deutlich später zum bestimmenden Faktor für das Jude-Sein. Natürlich wurde Herodes von seinen Kritikern nicht als vollwertiger Jude betrachtet (weil er Idumäer war, weil er Hellenist war, weil er römische Interessen vertrat, natürlich auch weil er nur "Halbjude" war) und bemühte sich zeitlebens darum, sich als solcher zu beweisen. Aber die Vorstellung, schon damals sei die nichtjüdische Mutter das entscheidende Ausschlusskriterium gewesen, ist anachronistisch.

Herodes habe in Jerusalem ein "Festspielhaus" und in der Ebene vor den Toren der Stadt einen römischen Zirkus mit Gladiatorenkämpfen und allem pipapo errichtet und dadurch die frommen Juden gegen sich aufgebracht. Auch das eine mittlerweile widerlegte Fehlinterpretation der betreffenden Josephusstelle. Das eher unscheinbare Theater in Jerusalem regte offensichtlich niemanden auf und war eher zur privaten Nutzung des Königs und seiner Gefolgschaft bestimmt. Heidnische, das jüdische religiöse Bewusstsein verletzende Stücke wurden dort wahrscheinlich gar nicht aufgeführt, verbotene Bilder gab es keine.
Die Vorstellung von Gladiatorenspielen im kernjudäischen Land in der Nähe von Jerusalem ist einem Missverständnis der geografischen Angaben von Josephus geschuldet, der mit "Ebene" zwei sehr weitläufige Landschaften innerhalb des hl. Landes insgesamt bezeichnet. Wo diese von Josephus erwähnte Anlage (übrigens wohl auch kein Zirkus, sondern eine Pferderennbahn) genau lag (und ob es sie überhaupt gab) ist unklar, jedenfalls nicht in der Nähe von Jerusalem und (natürlich) nicht in den vorwiegend von Juden bewohnten Gebieten Palästinas. Tier- oder Gladiatorenspiele sind allenfalls in den herodianischen Stadtneugründungen hellenistischen Zuschnitts denkbar, wo keine Juden lebten bzw., wenn doch, in streng getrennten Stadtvierteln. Wahrscheinlich gab es solche Spiele zur Zeit des Herodes nur in Cäsaria. E.P. Sanders weist auch darauf hin, dass die Hellenisierungspolitik schon allein deswegen nicht als konsequente Linie der Herodianer angesehen werden kann, weil Herodes (und auch seine Söhne und Enkel) nirgends ein Gymnasium (hell. Lehr- und Ertüchtigungshaus) errichtete(n), ohne das eine wirksame Hellenisierung der Bevölkerung gar nicht denkbar war.

Zu guter letzt nennt Dahlheim auch die angeblich bes. bedrückende, "doppelte" Steuerlast der jüdischen Bevölkerung durch religiöse Abgaben und zusätzliche "reguläre" Steuern. Auch das ist eine verkehrte Vorstellung, die in unterschiedlichen Variationen (manche lassen sie erst mit der Provinzialisierung Judäas bald nach Herodes Tod beginnen) durch die Literatur geistert, aber längst widerlegt ist. Die steuerliche Belastung, wiewohl selbstverständlich unbeliebt und konfliktträchtig, war erwiesenermaßen nicht größer als in vergleichbaren anderen Ländern des Orients auch.

Noch ein eher kosmetischer Punkt: Karte 3 ("Judäa zur Zeit Jesu") zeigt erstens nicht "Judäa" sondern das ganze Land von Gaza bis Sidon einschließlich Samaria, Galiläa, Idumäa, Nabatäa, Golan, das Ostjordanland usw. Offenbar wollte man den in der Forschung geläufigen, aber politisch umstrittenen und historisch unpräzisen Ausdruck "Palästina" vermeiden. Das ist an sich löblich (der Ausdruck wurde erst unter Hadrian nach der Totalzerstörung Jerusalems 135 eingeführt und ist im Grunde anachronistisch), aber man kann ihn natürlich nicht durch "Judäa" ersetzen, das nur einen kleinen Teil des hl. Landes ausmacht und nicht einmal das geografische Herkunfts- und Wirkungsgebiet Jesu umfasst.
Zweitens ist auf dieser Karte, die das Land "zur Zeit Jesu" abbilden soll, das vollkommen unbedeutende und unbekannte galiläische Dörfchen "Nazaret" mit einem Punkt derselben Größe und Art wie die umliegenden Städte bezeichnet. Das ist zumindest unklar und leistet der laienhaften Vorstellung Vorschub, Nazareth habe damals als Siedlung irgendeine Bedeutung besessen und sei mit den anderen ausgewiesenen Ortschaften irgendwie vergleichbar.

All das habe ich nun sicher ein wenig oberlehrerhaft und allzu penibel hier aufgelistet, aber diese kleinen Punkte fügen sich (zusammen mit dem unsäglichen Klappentext, dessen Unzulänglichkeiten du in deiner Rezension bereits entlarvt hast) zu dem Verdacht, dass es der Autor vllt. auch in den anderen Abschnitten mit dem Forschungsstand nicht so genau nimmt und eher eine populärwissenschaftliche, auf veralteter Literatur beruhende Gesamtdarstellung geliefert wird, die in ihren wesentlichen Aussagen nicht falsch sein muss, aber eben die laufende Forschung (die von mir genannten Punkte sind alle nicht völlig neue Erkenntnisse, sondern teils schon Jahrzehnte bekannt) zumindest in ihren Details nicht zur Kenntnis nimmt und dadurch gängige hist. Fehlurteile transportiert.

Wie gesagt, nur ein Verdacht. Eventuell habe ich Dahlheim ja nur auf einem Feld "erwischt", auf dem er sich einfach nicht sooo gut auskennt, während er andere Gebiete kenntnisreicher abhandelt und solche Patzer vermeidet, ich weiß es nicht. Darum frage ich dich, der du das Buch gelesen hast.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.10.2013 19:26:51 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 19.10.2013 20:17:34 GMT+02:00
timediver® meint:
Sehr geehrte Herr Küppers,

vielen Dank für Ihre Mitteilung, dass sie meine Rezension als hilfreich erachten und sich dafür bei mir bedanken!

Ihre, aus der Vorschaufunktion genährten Befürchtungen, es könne sich um eine Darstellung handeln, die eher ein populäres Geschichtsbild zu reproduzieren scheinen als fundierte Aufschlüsse zu liefern, kann ich nicht bestätigen. Der gesamte Text ist gemäß der wissenschaftlichen Gepflogenheiten mit Nummern versehen, die am Ende als Anmerkungen für jedes Kapitel einzeln zitiert, bzw. erläutert werden.

Zu Ihrer Ansicht, dass Prof. Dr. Werner Dahlheim hinsichtlich der nichtjüdischen Abstammung des Herodes einem anachronistischen Missverständnis aufgesessen sei, muss ich anmerken, dass
die Abstammung nach der hebräischen Bibel (Tanach) zwar patrilinear ist, die Rabbinen jedoch eine matrilineare Abstammung in der Mischna eingeführt, die seither als halachisch gilt. Da dies möglicherweise bereits in Anlehnung an den römischen Rechtsgrundsatz, „pater semper incertus“ bleibt ihr Postulat eines Anachronismus umstritten. Herodes war nicht nur ein Idumäer und Hellenist, wie Sie schreiben, sondern Herodes war der zweite Sohn des Idumäers Antipatros/Antipater und dessen Frau Kypros, einer Nabatäerin. Die Idumäer (Nachfahren Edoms) waren im zweiten vorchristlichen Jahrhundert unter dem Hasmonäer Johannes Hyrkanos I. zum Judentum zwangskonvertiert worden.

Welche weiteren Quellen können Sie zu den angeblich vom US-amerikanischen Theologe Ed Parish Sanders widerlegten Fakten nennen? Trotz seiner zahleichen Publikation und der ihm verliehenen Ehrendoktorwürden ist Parish umstritten geblieben.

Dem von Ihnen monierten "eher kosmetischen Punkt" hinsichtlich der auf Seite 40 abgebildeten "Karte 3", welche als "Judäa zur Zeit Jesu" bezeichnet wird, kann ich zustimmen. Judäa war tatsächlich nur, wie auch auf der Karte erkennbar neben Idumäa und Samaria nur ein Teil des unter direkter römischer Verwaltung stehenden Territoriums, welches – was ebenfalls auf der Karte zu sehen ist - an die Provinz Syria, die Tetrachien von Antipas (Galiläa) und Philippus (Gaulanitis und Batanäa), die Dekapolis, sowie an das transjordanische Peräa und Nabatäerreich angrenzt. Das damals unbedeutende und kleine Dörfchen "Nazaret" mit einem Punkt derselben Größe wie die Städte Tiberias und Cäsarea darzustellen erscheint nicht nur kartographisch zweifelhaft.

Ich halte Ihren Kommentar durch aus nicht für oberlehrerhaft und allzu penibel, da Ihre Auflistung durchaus Punkte aufzeigt, die nicht nur eine Nachfrage, sondern auch eine Diskussion wert sind. Dahlheims Anmerkungen weisen neben den antiken Quellen auch solche der neueren Forschung auf. Gleich Klappentext und Cover zu Lasten des Verlages gehen, möchte ich jedoch nicht ausschließen, dass ich auch nach nunmehr vierzig Jahren, in denen ich mich mit dem Thema (vornehmlich der Entstehung des Christentums und seiner Vorbedingungen) beschäftige und zwei Israel-Reisen mögliche "Patzer" des Autors (wie den Text zu Karte 3) überlesen haben könnte.

In der Hoffnung, Ihnen weitergeholfen zu haben,
herzliche Grüße,
timediver®

PS: Ich finde es überaus lobenswert, dass Sie Sich gegen das Anbieten von unkommentierten Propaganda-Filmen wie "Der Marsch zum Führer" und anderer NS-Devotionalien durch und bei amazon engagieren! Hierfür haben Sie meine Zustimmung und Unterstützung.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.10.2013 13:44:59 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.10.2013 20:36:39 GMT+02:00
Danke, lieber timediver®!

Den gravierendsten Fehler sehe ich bei der Frage der Zugehörigkeit des Herodes zum Judentum. Dahlheim schreibt: „Jude war er nach orthodoxer Auffassung nicht, da seine Mutter Kypros die Tochter eines arabischen Scheichs war.“ Das ist einfach falsch und beruht auf veralteter Literatur.

Dass die patrilineare Abstammung im Judentum z.Zt. Jesu noch maßgeblich war, betont z.B. John P. Meier im mehrbändigen Standardwerk zum hist. Jesus 'A Marginal Jew' immer wieder (z.B. in Bd. 1: The Roots of the Problem and the Person: Rethinking the Historical Jesus, S. 320, aber auch in den anderen Bänden häufiger). Von ihm hatte ich das auch ursprünglich. Anders wäre z.B. nicht zu erklären, dass das NT den Stammbaum Jesu über seinen rechtlichen *Vater* Josef auf David zurückführt (vgl. im selben Band S. 216f), nicht etwa über seine Mutter Maria (deren davidische Abstammung im NT gar nicht vorkommt, sondern erst in späteren Legenden). Die rabbinischen Regelungen sind 200 Jahre jünger.

Ich kenne eigtl. keinen neueren Autor, der Herodes ausdrücklich als "Nichtjuden" bezeichnet, zumal er sich ja selbst auf jeden Fall als Jude betrachtete (vgl. z.B. Alexander Demandt: Pontius Pilatus, S. 13). Dass seine Gegner gegen ihn polemisierten, ist klar. Das lag aber nicht an seiner Mutter, sondern an der Art seiner Regierung und seines Aufstiegs als römischer Günstling.

An neueren Arbeiten zu den Herodianern nenne ich die beiden 2007 ersch. Diss. von Monika Bernett und Julia Wilker, die von ihrer Tendenz her eher gegenläufig sind (Wilker stellt die Herodianer als gescheiterte Vermittler zwischen Judentum und grch.-röm. Welt dar, Bernett betont ihre Hinwendung zum Kaiserkult als Motiv der Entfremdung zwischen den Juden und ihren Regierenden und sieht dies als eine Ursache für den großen Aufstand von 66). In der Frage, ob Herodes Jude war, sind sich beide aber völlig einig.

Wilker (Für Rom und Jerusalem. Die herodianische Dynastie im 1. Jahrhundert n.Chr.), deren Arbeit mich insges. aus versch. Gründen mehr überzeugt, schreibt auf S. 12f.: "Die Familie, die aus dem ursprünglich pagan geprägten Idumaea stammte, war bereits im 2. Jahrhundert v.Chr. zum Judentum konvertiert, so daß ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Religion für den hier behandelten Zeitraum außer Frage steht. Diese ‚Zugehörigkeit zur jüdischen Religion’ wird dabei so weitgefaßt wie möglich definiert, um den verschiedenen Facetten und Erscheinungsformen des Judentums dieser Epoche, d.h. der Spätzeit des Zweiten Tempels, gerecht zu werden."

Bernett (Der Kaiserkult in Judäa unter den Herodiern und Römern: Untersuchungen zur politischen und religiösen Geschichte Judäas von 30 v. bis 66 n. Chr.) erwähnt ausdrücklich die in der älteren Forschung z.T. vertretene „Negation von Herodes’ Judentum auf der Basis zum Teil seltsamer, ahistorischer Vorstellungen, wer Jude sei und wer nicht“ (sie nennt die einflussreichen Standardwerke von Emil Schürer: Geschichte des Jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi (1898) und E. Mary Smallwood: The Jews Under Roman Rule (1976)).

Bezeichnend ist, dass selbst die hasmonäische Propaganda, die Herodes als „Fremdling“ und Usurpator brandmarkt, dazu gerade nicht auf seine Mutter abstellt. Bernett erläutert das ausführlich (S. 44f.): „Man benutzte Herodes’ idumäische Abstammung dazu, sein Judentum abzuwerten – bis hin zu dem Vorwurf, Herodes sei ein ‚hemi-ioudaios’ [„Halbjude“]. (...) Das Argument hat nichts mit Herodes’ Mutter (einer Nabatäerin?) zu tun, denn es defininiert ‚Idumäer’ [polemisch und generell] als ‚Halbjuden’, d.h. die Abstammung der Mutter wird nicht ins Spiel gebracht. Im Judentum galt bis ca. Mitte des 2. Jh. das patrilineare Prinzip. Erst danach – als Konsequenz der römischen Gesetzgebung zu Kastration und Beschneidung sowie nach dem Verlust so vieler jüdischer Männer nach dem Bar Kochba-Aufstand – erreichten die Juden eine Kombination römischer Privilegierung, insofern jüdische Eltern ihre Söhne beschneiden durften und nun über die Abstammung der Mutter die Zugehörigkeit zum Judentum weitergegeben wurde: d.h., daß die Kinder einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters nach jüdischem Recht ehefähig wurden (was sie vorher nicht waren), siehe Cohen 1985 (...). Als Nachfahre der dritten Generation edomitischer Proselyten war Herodes ein Jude, dessen Judentum nicht mehr angezweifelt werden durfte (5. Mose 23,8 f.) - (...).“

Die Geschichte mit dem Zirkus und E.P. Sanders suche ich noch heraus und mache einen Extra-Kommentar, sonst wird das hier zu lang :-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.10.2013 21:13:42 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.10.2013 21:14:08 GMT+02:00
timediver® meint:
Sehr geehrter Herr Küppres,

vielen Dank für Ihre dezidierten Ausführungen!

Der doch recht merkwürdige Stammbau Jesu, der ihn über seinen rechtlichen *Vater* Josef auf David zurückführt, war mir bereits bekannt.

OK, einigen wir uns darauf, dass Herodes kein Hasmonäer, somit religiös nicht legitimiert war und von den Römern eingesetzt wurde, woraus sich wiederum sein Regierungsstil und die Antipathien ihm gegenüber ergaben.

Herzliche Grüsse,
timediver®

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.10.2013 22:10:25 GMT+02:00
Lieber timediver®,
ja, einigen wir uns darauf, dass Dahlheim den oben zit. Satz bei der nächsten Überarbeitung weglassen sollte ;-)

Was das bekannte Problem mit dem Stammbaum Jesu bei Mt betrifft, ist der dann gar nicht mehr so merkwürdig, wenn man sich vor Augen führt, dass (1.) die Vaterslinie damals [zur Abfassungszeit des Ev., also ca. 80-90] noch die allein entscheidende war und (2.) Matthäus keinen Widerspruch darin sah, Josef nicht als biologischen Vater Jesu darzustellen, denn für die Abstammung kam es nach jüdischem Verständnis nur auf die rechtliche Vaterschaft an (so erklärt es John P. Meier).

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.10.2013 09:46:13 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.10.2013 17:02:50 GMT+02:00
timediver® meint:
Lieber Herr Küppers,

dass der Evangelist Matthäus und die meisten seiner Zeitgenossen Josef als biologischen Vater von Jesus sahen,
mag wohl auch daran gelegen haben, dass zu diesem Zeitpunkt die Apotheose des Jehoschua zum gräzisierten "Gott
Christos" noch nicht abgeschlossen war. Auch an das Dogma der Wesengleichheit des Vater und des Sohnes, wie es
erst 325 auf dem Ersten Konzil von Nicäa festgelegt werden sollte, war damals noch lange nicht zu denken.
Bis zum Dogma der Trinitat sollte es gar noch etwas länger dauern.

Herzliche Grüsse,
timediver®

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.03.2014 13:41:44 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.03.2014 23:55:32 GMT+01:00
Hallo Timediver, ja da haben Sie natürlich recht. Die Vorstellung von einer göttlichen Trias (meist Vater-Mutter-Sohn, wobei der Sohn oftmals die wichtigste Gottheit darstellte) ist allerdings auch schon in den orientalischen Kulten verankert, wie sie zu Jesu Zeiten noch - wenn auch äußerlich gräzisiert - in den umliegenden (nichtjüd.) Gebieten Palästinas und Syriens sehr verbreitet waren (M. Sartre nennt bes. die phön. Städte und die Nabatäer, Der semitische Orient. In: Rom und das Reich: Die Regionen des Reiches 44 v. Chr. - 260 n. Chr. S. 424f). Nur wollte Jesus mit solchen Kulten verständlicherweise (als Jude) nichts zu schaffen haben. Die Dreifaltigkeit ist also eher orientalischen als grch. Ursprungs und hat dann im Verbund mit grch.-philosophischer Spekulation (Neuplatonismus) Gestalt angenommen.

Was die Frage der vollmächtigen Gottessohnschaft (und damit verbunden der Wesensgleichheit Jesu mit Gott) angeht, wird ja normalerweise immer gesagt, solche Konstruktionen seien mit dem Judentum wegen des strengen Eingottglaubens völlig unvereinbar. Hier passiert allerdings häufig dasselbe wie bei Herodes: Man macht sich falsche Vorstellungen vom Judentum der vorrabbinischen Zeit und meint, die rabbinischen Regeln hätten auch damals schon gegolten. Am nachhaltigsten hat m.E. der jüd. Religionsphilosoph Daniel Boyarin anhand von Parallelen in der apokalypt. Lit. (Buch Daniel) gezeigt, dass dem gar nicht so war und die Idee, der Messias könnte eine von Gott nicht nur bevollmächtigte, sondern in gewisser Weise sogar mit diesem identische eschatologische Gestalt sein, vielen Juden der Zeit Jesu durchaus nicht so absurd vorkommen musste, wie man heute gern denkt (auch für Laien sehr gut lesbar hat Boyarin diese Erkenntnisse in The Jewish Gospels dargestellt). Kurioserweise heißt da eine der Schlüsselfiguren "Menschensohn", und diese rätselhafte Titulatur scheint ja nach allem, was wir (nach John P. Meier u.v.a.) wissen können, wohl tats. von Jesus selbst verwendet worden zu sein. Es ist also gar nicht ausgeschlossen, dass die spätere Vergöttlichung Christi, wie sie v.a. Paulus betreibt, doch bereits in Jesu eigenem Messianismus wurzelt. Dies nimmt übrigens (basierend auf John P. Meier) auch der Bestsellerautor Reza Aslan an, der Jesus (anders als Meier) für einen Zeloten hält; Ähnliches wurde im deutschsprachigen Bereich aber auch schon von dem prot. Judaisten und Talmudübersetzer Reinhold Mayer (War Jesus der Messias?) aufgezeigt, der wie Aslan die Ambitionen Jesu zur Errichtung eines durchaus irdischen Reiches unterstreicht.

Matthäus kannte die theol. Weiterentwicklungen nat. noch nicht, aber die Stammbaumfrage ist m.E. aber auch so kein größeres Problem. Wie ich oben ja schon sagte, muss man begreifen, dass die biologische Abstammung für ihn ganz unerheblich war, auf die rechtliche Abstammung kam es an. Deshalb sah Mt keinen Widerspruch darin, einerseits (als Erster) von der vaterlosen Jungfrauengeburt Jesu zu berichten und andererseits in seinem Stammbaum den Davidsnachfahren Josef als Vater zu verzeichnen. Für Mt war die rechtliche Vaterschaft Josefs für die Abstammung von König David ausreichend, auf biologische Verwandtschaft kam es nicht an. Da denken wir heute einfach intuitiv anders.

Die Antwort auf die eingangs beh. Frage, ob Herodes d.Gr. Jude war, wird übrigens von Ernst Baltrusch in seiner neuen Herodesbiografie (2012), die ich erst vor einigen Wochen entdeckte und in der er auch mehrfach auf die o.gen. Diss. von Bernett und Wilker Bezug nimmt, sehr treffend und ganz im oben beschriebenen Sinn auf den Punkt gebracht:

"War Herodes ein Jude? Diese Frage beginnt mit seiner Herkunft: Wir können sie mit «Ja» beantworten - er stammte zwar aus Idumäa, doch war diese Region unter dem Hasmonäer Johannes Hyrkan I. in den 120er Jahren judaisiert worden. Seit der dritten Generation war Herodes also von seines Vaters Seite her jüdisch, und daß das Judentum nur über die Mutter weitergegeben wird, ist erst spätere rabbinische Auslegung. Wichtiger war freilich das Urteil der Zeitgenossen, und das war weniger eindeutig. Zwar bemühte sich Herodes (...) intensiv um den Nachweis einer würdigen jüdischen Abkunft, (...) doch sein hasmonäischer Gegner Antigonos verhöhnte ihn als «Halbjude»." (S. 181)

Die Karte, die Baltrusch seiner Biographie beigibt (Abb. 1), ist übrigens mit der Unterschrift versehen: "Der palästinische Raum zur Zeit des Herodes". Das Problem der richtigen Benennung haben also alle. Interessanterweise, aber von mir erst im Nachhinein entdeckt, entschließt sich Monika Bernett in ihrer Arbeit von 2007 sogar bewusst dazu, lieber insgesamt von „Judäa“ zu reden (statt von „Palästina“) und damit nicht das engere Gebiet der späteren Provinz, sondern den ganzen palästinischen Herrschaftsraum des Herodesreichs zu bezeichnen (also wie Dahlheim in seiner Karte zu verfahren). Nach ihrer Darstellung taten das die Römer damals auch und bezeichneten mit „Iudaea“ umgangssprachlich den ganzen Raum, den wir heute „Israel“ nennen würden, also inklusive Idumäa (Edom), Galiläa (haGalil), Samarien und wohl auch Peräa (Ostjordanland) und den Golan (Gaulanitis). In Rezensionen (v.a. von Steve Mason) wird Bernett allerdings vorgeworfen, sie habe diesen Sprachgebrauch nicht überzeugend genug belegt und abgegrenzt.

Baltrusch verweist in dem Buch übrigens auch mehrfach auf andere Bücher Werner Dahlheims, vor allem das Buch über Augustus. Als seriös arbeitender Wiss. ist Dahlheim (wie ich mittlerweile weiß) in der Fachwelt absolut anerkannt, mir waren nur diese Details aufgestoßen und der Name war mir anfangs auch einfach nicht so vertraut, man kann ja nicht alle kennen :-) Ich möchte also keinesfalls von der Lektüre des Dahlheim-Buches abraten oder so.

NACHTRAG: Noch ein winziger Nachtrag: Wie, wann und warum es zu der eigenartigen und dem jüdischen Gesetz ursprünglich ganz zuwiderlaufenden Änderung kam, dass das Judentum nicht mehr über den Vater, sondern über die Mutter weitergegeben wurde (Matrilinearität), erklärt übrigens der Alt- und Rechtshistoriker Joseph Mélèze Modrzejewski in einem äußerst aufschlussreichen Aufsatz (erschienen im Kontext der Beschneidungsdebatte), der auf der Seite der Forschungsstelle für jüdisches Recht der Goethe-Universität Frankfurt unter Veröffentlichungen online zur Verfügung steht.
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