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5.0 von 5 Sternen Grundsätzliche und gründliche Überlegungen zum richtigen Verhältnis von Ethik und Erfolgslogik, 6. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Standards guter Unternehmensführung: Zwölf internationale Initiativen und ihr normativer Orientierungsgehalt (Broschiert)
Bisherige "best practice-Standards" der Corporate Governance konnten den Beinahe-Zusammenbruch des Finanz- und Wirtschaftssystems nicht verhindern. Manche sagen, diese Standards hätten sogar ursächlich zur aktuellen Problemlage geführt. Jedenfalls legen erste Analysen der Krise nahe, dass eine systematische Auseinandersetzung mit den normativen Grundlagen der Unternehmensführung, mit Werten und Normen, mit dem Sinn des Wirtschaftens, mit dem Warum, statt nur mit dem Wie wieder an Bedeutung gewinnt. Dieser Aufgabe stellen sich die beiden Autoren.

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Initiativen der Corporate Governance und der Corporate Social Responsibility vorgestellt, um Standards guter Unternehmensführung mehr oder minder verbindlich zu etablieren. Die Autoren untersuchen die inhaltlich interessantesten und international wohl bedeutendsten dieser Initiativen - darunter den Deutschen Corporate Governance Kodex - meist in drei Schritten. Sie analysieren
· (1) Ziele, Akteure, Hintergründe
· (2) das zugrunde liegende unternehmensethische Konzept
· (3) Problemlösungspotentiale der Initiative (mit Blick auf zwei exemplarische Problembereiche: Standorttreue und Managementvergütungen).

Den Autoren gelingt es, den normativen Gehalt der Initiativen systematisch und klar zu erhellen.

Sie erläutern neben ihrem eigenen Konzept - dem St. Galler Ansatz einer integrativen Unternehmensethik - idealtypisch die Grundannahmen sowohl des ökonomistischen als auch des separativen Konzeptes. Sie beschreiben die Mängel der beiden letztgenannten Denkmuster und zeigen, dass sich die vorgeschlagenen Initiativen oft im Übermaß der Argumente dieser aus ethischer Sicht problematischen Konzepte bedienen.

1) Das ökonomistische Konzept betrachtet alles ausschließlich in der Perspektive von Kosten-Nutzen-Kalkülen und begegnet in zwei Varianten:
a) Im Funktionalismus lautet der Kernsatz: "The social responsibility of business is to increase its profits" (Milton Friedmans berühmte These von 1970). Häufig auch: "Den Kapitalwert des Unternehmens zu maximieren ist Unternhemensethik."
b) Im Instrumentalismus lautet der Kernsatz: "Ethik zahlt sich langfristig aus." Ethik ist also ein Instrument der Gewinnmaximierung. Abgewandelt: "Wir betreiben diejenige Ethik, die sich langfristig auszahlt."

2) Im separativen Konzept gilt die Grundüberzeugung: Ethische Fragen haben mit dem eigentlichen Kerngeschäft der Gewinnerzielung selbst nichts zu tun - mit welchen Strategien und Mitteln Gewinne erzielt werden, ist auszublenden. Auch hier unterscheiden die Autoren zwei Erscheinungsformen:
a) Ethische Forderungen können angesichts harter Wettbewerbsbedingungen unmöglich berücksichtigt werden.
b) (Erst) nach der Gewinnerzielung kann (und soll) ethisch gehandelt werden, indem man der Gesellschaft etwas vom Gewinn zurückgibt - etwa über Spenden einen Teil der Gewinnen guten Zwecken zuführt. Oft lautet die Maxime: "Der ökonomische Erfolg ist Voraussetzung für soziales Handeln."

Vor dem Hintergrund der idealtypischen Unterscheidungen ordnen die Autoren auch den Deutschen Corporate Governance Kodex ein. Ihre Bewertung:
1) Der DCGK beschränkt sich faktisch darauf, die "Rechte der Aktionäre, die der Gesellschaft das erforderliche Eigenkapital stellen und das unternehmerische Risiko tragen" (Präambel) zu verdeutlichen.
2) Der DCGK scheint den Begriff des "Unternehmensinteresses" mit dem "besten Interesse der Aktionäre" bzw. mit der "Steigerung des nachhaltigen Unternehmenswertes" gleichzusetzen.
3) Der DCGK sieht und erörtert deshalb "Interessenkonflikte" nur auf der individuellen Ebene (nämlich zwischen dem "Unternehmensinteresse" und den "persönlichen Interessen" der Vorstände und Aufsichtsräte), nicht indes auf der strukturellen Ebene (zwischen verschiedenen unternehmerischen Anspruchsgruppen).
4) Die Autoren des DCGK vertreten nach Ulrich durchgängig "eine ökonomistische Position von Unternehmensethik" (S. 75). Insofern - pointiert formuliert - "handelt es sich um eine ,Ethik ohne Moral'" (S. 74.)

Die Autoren erkennen in den 12 untersuchten Initiativen sowie in der Diskussion zu guter Unternehmensführung durchaus einen Trend zum Umdenken, zur "Richtigstellung des Verhältnisses von Ethik und Erfolgslogik" (S. 215), sehen "alte Denkmuster im Umbruch" (215), warnen aber davor, auf dem gerade begonnenen Weg zu stocken.

Ihr Fazit in sechs bedenkenswerten Thesen (die auch ihre ordnungspolitische Positionierung charakterisieren):
(1) Die normative Orientierungskraft der Initiativen ist sehr beschränkt. Diese stützen sich auf "zu viele unhinterfragte, oft problematische ordnungspolitische oder marktmetaphysische Hintergrundannahmen", so dass "zuallererst quasi eine ,wirtschaftsethische Alphabetisierung' Not (tut)" (230).
(2) "Solange sich am grundlegenden Unternehmensverständnis nicht ändert", ist der Flut von initiativen mit gesunder Skepsis zu begegnen" (230).
(3) "Sich den Standardisierungsbemühungen guter Unternehmensführung entziehen zu wollen, ist keine ratsame Strategie" (231).
(4) "Die sensibilisierte Zivilgesellschaft wird aller Voraussicht nach in den kommenden Jahren ihren Erwartungsdruck auf die Wirtschaft und ihre Verbände in Sachen Geschäftsintegrität und gesellschaftlicher (Mit-)Verantwortung nicht etwa aufgeben, sondern weiterhin stetig erhöhen" (231).
(5) "Aber auch die Politik ist aufgerufen, sich wieder vermehrt auf die vitale Bedeutung des (...) Leitbilds der Sozialen Marktwirtschaft zu besinnen und die Unternehmen entsprechend in die Pflicht zu nehmen - mittels intelligenter ordnungspolitischer Vorgaben und Anreizsysteme" (232).
(6) "Schließlich gilt es die landläufige Vorstellung zu überwinden, zwischen privatwirtschaftlicher Selbstregelung und Ordnungspolitik bestünde eine Wahl oder gar ein Gegensatz." Vielmehr muss man "die alte ordoliberale Einsicht" stärken, "dass ein fairer und gemeinwohldienlicher Leistungswettbewerb ein für alle Wettbewerber verbindliche Rahmenordnung voraussetzt - und zu deren Etablierung der Primat der Politik vor der Logik des Marktes" (232).

Die Autoren legen ein argumentativ sehr gründliches, nachdenkliches und zugleich leicht lesbares Buch vor, das dringend nötige Orientierung schafft. Sie bieten Führungskräften in Organisationen, Vorständen, Verantwortlichen in Aufsichtsorganen und Wirtschaftsverbänden und ebenso Bürgern und Politikern einen zuverlässigen Leitfaden, um die normativen Grundlagen von Kodizes, Standards und Leitbildern einzuschätzen.

Die theoretischen Grundlagen für diese Analyse und Einschätzung hat Peter Ulrich in seinem St. Galler Ansatz der integrativen Wirtschaftsethik geschaffen. Für ein vertieftes Verständnis empfiehlt es sich, die Gesamtdarstellung zu studieren: ULRICH, Peter (2007): Integrative Wirtschaftsethik: Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie. Haupt Verlag Bern - Stuttgart - Wien (1997), vierte, überarbeitete Auflage 2007.
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