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Kundenrezension

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Cradle to Cradle, 12. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Intelligente Verschwendung: The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft (Kindle Edition)
Normalerweise haben Produktmaterialien einen Lebenszyklus, der - auch wenn ein mehrfaches Recycling, dass nach herkömmlicher Methode immer nur ein Downcycling sein kann, dazwischen geschaltet ist - mit ihrer "Entsorgung" endet. Der Begriff ist freilich irreführend, denn in Wahrheit gehen mit dem Problem einer nur begrenzten Nutzbarkeit von Ressourcen sowie einer gigantischen Müllbeseitigungs- bzw. Endlagerungsindustrie erst die Sorgen los. Allein in der EU landen pro Jahr 1,3 Mrd. Tonnen z.T. hochwertiger Materialien in der Müllverbrennung. Wertvolle Buntmetalle gehen verloren, allein in D bspw. 15000 Tonnen Kupfer pro Jahr. Bei der Neugewinnung von 1 Tonne Kupfer entstehen dann wiederum 600 Tonnen gefährliche Sonderabfälle.

In Anbetracht der immer brisanter werdenden Ressourcenfrage, grenzt die Art und Weise, in der Rohstoffe verschwendet werden an Wahnwitz. Michael Braungart und William McDonough setzen dem ein faszinierendes Konzept entgegen: Cradle to Cradle - es gilt beim Produktdesign nicht mehr an Zyklen „von der Wiege bis zur Bahre“ zu denken, sondern eine echte und nie endende Wiederverwertung anzustreben - „von der Wiege zur Wiege“.

Was sich zunächst einfach anhört, ist in der praktischen Umsetzung allerdings mit enormen Herausforderungen verbunden, da Möglichkeiten der Wiederverwertung durch überall gängige Methoden der Verarbeitung extrem eingeschränkt werden. Ein großes Hindernis stellen bspw. „Sandwichmaterialien“ dar. So sind etwa bei Wärmedämmverbundsystemen Materialien verklebt und lassen sich bei einer Wiederaufbereitung nicht sauber trennen. Andere Lösungen zu finden erfordert viel Kreativität.

Auch werden viele Substanzen chemisch behandelt, um ihre Qualität und Haltbarkeit zu verbessern. Sie können damit aber nicht mehr ohne weiteres als vollwertiges Ausgangsmaterial für andere Produkte genutzt werden. Dazu kommen andere negative Faktoren. Farben und Einrichtungsgegenstände werden mit antibakterieller Ausstattung sowie mit Antipilzmitteln versehen. Dadurch werden Pilze und Keime jedoch immer resistenter. Azofarben, Nanopartikel, Monomere, Biozide machen Textilien pflegeleicht, knitterfrei und gut waschbar, sind jedoch der Gesundheit alles andere als zuträglich.

Viele Kunststoffe, so die Autoren, seien nach dem Recycling nur noch für „Lowtech“-Gegenständen wie Bodenschwellen und Parkbänken zu gebrauchen. Getränkedosen aus Metall-Legierungen stellen nur noch minderwertiges Material dar. „Obwohl Rohstoffe anfänglich durch Nutzung dieser recycelten Teile gerettet worden sind, befinden sich solche Materialien in einem unvermeidlichen Abstieg in Richtung Nutzlosigkeit. Im besten Fall hat man den Materialien vor der Entsorgung nur noch einen oder zwei Lebenszyklen hinzugefügt, da jede weitere Vermischung ihre Nutzbarkeit weiter reduziert.“

Die Devise muss also lauten, Materialien möglichst umweltfreundlich aufgewertet und unvermischt bzw. gut trennbar einzusetzen. Die Autoren regen deshalb den Aufbau einer Art „Materialbank“ an, die ebenso Produktrohstoffe wie auch Daten zu den entsprechenden Materialien und Verarbeitungsprozessen beherbergt. Die Substanzen werden an die Produzenten auf Zeit abgegeben: „Diese Materialbank reicht die Substanzen im Leasingverfahren an teilnehmende Unternehmen weiter, die sie wiederum in Produkte umwandeln und diese dann den Verbrauchern im Rahmen eines Dienstleistungsplans zur Verfügung stellen. Nach einem festgelegten Nutzungszeitraum wird das Material eingesammelt und an die Materialbank zurückgegeben.“ Auch Erzeugnisse sollen also nicht mehr verkauft, sondern nur noch an die Kunden verliehen werden.

Die Autoren schlagen Unternehmen, die auf Cradle-to-Cradle-Prinzipien umstellen wollen, folgenden Aktionsplan vor: (1.) Einzelne, als besonders schädlich eingestufte Stoffe aus dem Produktionsprozess nehmen. (2.) Aus den verbleibenden Stoffen diejenigen auswählen, die für die Umwelt am unproblematischsten erscheinen. (3.) Bildung einer „passiven Postitivliste“, von der all jene Stoffe verbannt sind, die potenziell gesundheitsschädlich sind oder die spätere Stofftrennung stören. (4.) Bildung einer „aktiven Positivliste“, in der jeder Stoff entweder biologischer „Nährstoff“ ist oder im technischen Kreislauf wieder verwendet werden kann. (5.) Neuerfindung des gesamten Produkts auf Basis der aktiven Positivliste.

Das Buch wartet mit vielen innovativen und kreativen Ideen auf. In unvermeidlichen Verbrennungsprozessen freiwerdendes CO2 solle bspw. nicht mehr in die Luft entlassen, sondern in Wasser geleitet werden. Dort könnten als Produktrohstoff Algen kultiviert werden, die in einer solchen Anlage 20% am Tag wachsen können. - Der Einsatz von Ammoniumfreiem PET (Polyethylenterephthalat) macht es möglich, dass man Kunststoffflaschen ohne Bedenken bezüglich der Gesundheitsschädlichkeit zu Textilfasern (Polyester) verarbeitet - also „upcyclen“ - kann.

Darüber hinaus ziehen die Autoren eine Art Resümee über den Fortgang ihrer Unternehmung in den vergangenen Jahre; liefern Beispiele für die Umsetzung in verschiedensten Bereichen. So stellt die Fa. Triumph eine kleine C2C-Wäsche-Kollektion her, Trigema ist inzwischen mit einigen Shirts am Markt, die Fa. Backhausen produziert „saubere“ Dekostoffe. Die amerikanische Fa. Steelcase macht fantastische Geschäfte mit dem Bürostuhl "Think". Phillipis entwickelte eine zumindest teilweise C2C-konforme Kaffeemaschine etc.

Ein beeindruckendes Projekt setzten die Autoren im Ford River Rouge Center um. Die dortige Dearborn LKW-Fabrik wurde ganz im C2C-Stil konstruiert: Vegetation auf dem Dach, Regenwasser-Aufbereitung und Rückgewinnung, natürlicher Regulierung der Innentemperatur und -luft, schadstofffreien Bodenbelagen, Solartechnik usw.

Die Autoren räumen im Buch ein, dass es zumeist gar nicht an gutem Willen und Aufgeschlossenheit bei den Herstellern mangele. Die oben geschilderten problematischen Produktionsweisen entstanden eben nicht immer nur vor dem Hintergrund fehlender Sensibilität für Umweltfragen. Oft ist es extrem schwierig, den notwendigen Qualitätsstandards (Reißfestigkeit, Bruchsicherheit, Hitzebeständigkeit u.ä.) sowie die vom Kunden gewünschten ästhetischen Kriterien (leuchtende Textilfarben, duftende Waschmittel u.ä.) unter Beachtung der Cradle-to-Cradle-Prinzipien zu entsprechen.

Mit der vielbeschworenen Begeisterung für das Konzept in Kalifornien unter Gouverneur Schwarzenegger oder in den Niederlanden mit ihrer C2C-Musterstadt Venlo ist es denn wohl auch so eine Sache. Kritiker merken an, dass die meisten Projekte entweder Zukunftsmusik seien oder nur lose auf den Ideen von Braungart und McDonough basieren.

Kritik gibt es auch daran, dass insbesondere Braungart, Frontmann der Bewegung und Gründer der EPEA, die auch bisher einzig berechtigt ist, C2C zu zertifizieren, den Ansatz geradezu zum Gegenkonzept zur herkömmlichen ökobewussten Produktionsweise stilisiert. Doch wirft man einen Blick auf den durchschnittlichen ökologischen Fußabdruck eines Menschen, ergeben sich folgende Proportionen: Ein Drittel ergibt sich aus der Ernährung, ein Viertel aus dem Wohnen, ein Fünftel ist für Mobilität zu veranschlagen, ein Sechstel für Konsum. Der Bereich, in dem C2C in der Hauptsache mit wirklich alternativen Ansätzen aufwartet, ist also der kleinste. Auch hier ist eine konsequente Umsetzung des Konzeptes bislang jedoch eine Utopie, von der unklar ist, inwieweit sie je realisiert werden kann. Zudem gibt es beim Thema Energiegewinnung kaum Differenzen zur Strategie der Umstellung auf erneuerbare Energien – die Autoren favorisieren Solartechnik. Beim Komplex Nahrungsmittelproduktion können auch Braungart und McDounough nur nahelegen, sich zu vergegenwärtigen, dass ein hoher Fleisch- insbesondere Rindfleischkonsum doch eher gesundheitsschädlich sei.

So sehr man dem Buch, den Autoren und ihrem innovativen Konzept nur alle Aufmerksamkeit wünschen kann, so deutlich muss man doch auch Bedenken anmelden, wenn die Sache zu einer Art Heilsvision stilisiert wird, bei der eine Welt Realität wird, in der die Menschheit verschwenderisch konsumierend auf sonnigen hedonistischen Pfaden wandelt. Wenn Ressourcen kein Problem mehr seien, weil ja alles in einem endlosen Kreislauf wiederverwertet werden kann, gäbe es keinen Grund mehr für grüne Askese. Material- und Produktkosten würden zudem erheblich sinken, weil ja nur noch geleast würde und weniger Knappheiten bestünden.

So versteigt sich Braungart denn auch immer wieder dazu, seinen Zeitgenossen das mühsam angeeignete Umweltbewusstsein im herkömmlichen Sinne ausreden zu wollen: „Wer jetzt Sparen, Verzichten, Vermeiden predigt, der sorgt dafür dass das bestehende falsche System nur gründlich falsch wird.“ Das ist nicht nur aus den genannten Gründen in dieser Pauschalität grob fahrlässig und unsinnig, sondern auch kurzsichtig, was die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme betrifft. Möglicherweise würden Menschen im C2C-Utopia noch mehr als bislang im ökonomischen Hamsterrad leben, weil Nachfrage und Konsum die Produktionskapazitäten erheblich erweitern würde. In der verbleibenden freien Zeit würde man dann noch suchthafter konsumieren und die zwischenmenschliche Bezüge würden noch mehr verarmen als bisher.
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