Kundenrezension

30 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Richtungslos, 12. August 2013
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es beginnt in der Schweiz der 1920er Jahre und setzt sich fort in den USA, Frankreich und Griechenland: Drei ganz unterschiedliche Menschen geraten in die Mühlen der Zeit. Felix Bloch, Pazifist; Emile Gilliéron, Bohémien; Laura d`Oriano, Nonkonformistin. Was haben sie gemeinsam? Was hat den Autor bewogen, gerade diese Menschen auszuwählen? Werden sie sich begegnen?

Felix Bloch beteiligt sich am Bau der tödlichsten Kriegsmaschine, die die Menschheit jemals konstruiert hat. Er klinkt sich aus, als die Bombe nicht mehr notwendig zu sein scheint, was ihn die Freundschaft seines Forschungskollegen Oppenheimer kostet. Seinen Nobelpreis bekommt er für eine Entdeckung, die künftig viele Leben retten wird. Die Atombombe aber bleibt eine Bedrohung bis heute.

Emile Gilliéron, später auch sein gleichnamiger Sohn (der ihm so ähnlich ist, dass der Übergang fließend erscheint), reüssiert im Dunstkreis Schliemanns und später Evans durch sein Zeichentalent, eigentlich aber durch konstanten Opportunismus; schließlich rutscht er in eine bürgerliche Existenz in Sichtweite der Akropolis. Zu Lebzeiten erst erfolgreich, dann verachtet, haftet den Gilliérons zeitlebens der Ruch geschickter Fälscher an. Heute kann man ihre "Werke" unter anderem im Metropolitan Museum New York bewundern - nicht die schlechteste Adresse.

Laura d`Oriano will sich um keinen Preis von Konventionen beugen lassen, keine "Marionette sein", was ihr gelingt, bis ihre Fäden von der Militärischen Abwehr gezogen werden. Als sie auffliegt, macht sich die Regierung, für die sie in den Tod geht, nicht die Mühe eines Rettungsversuch: Sie ist die tragischste Figur des Trios und die einzige Frau, die jemals in Italien hingerichtet wurde.

Was sich spätestens auf der Hälfte des Romans förmlich aufdrängt, sind die Gemeinsamkeiten der Gilliérons und dem Autor dieses (wie jedes anderen) historischen Romans: Beiden standen nur Bruchstücke als Grundlage für ihre Arbeit zur Verfügung. Die Gilliérons, die nach Meinung der modernen Wissenschaft zu kreativ mit den archäologischen Funden umgegangen sind, entschieden sich unter hundert Varianten für eine einzige der vielen Möglichkeiten, die Lücken zu füllen. An der Figur Robert Oppenheimer entwickelt Capus das Thema weiter. Oppenheimers Erfolg wurde durch dessen Unfähigkeit verhindert, sich für eine Idee, eine Theorie zu entscheiden und sie zu verfolgen; stattdessen verlor er sich in Parallelwahrheiten. Denkt man diesen Ansatz zu Ende, ist Interpretation nötig, um zur "Wahrheit" zu finden; für die Literatur gilt das mit Sicherheit. Warum also entscheidet Capus sich für Oppenheimers Weg - für das, was er selbst so ironisch "Faktenhuberei" nennt?

Er schreibt entlang der verbrieften Lebensläufe, und immer dann, wenn er festes Land verlässt, weist er darauf hin, so dass die Fiktion gebrochen wird. Er zählt Vermutungen auf, wo er auch fabulieren könnte. Zu dieser Sachlichkeit trägt auch der komprimierte Stil bei: Die Figuren werden oft mittels Behauptungen charakterisiert, es gibt kaum Dialoge. Er liefert Dokufiktion in heiterem Berichtston, auf hohem Sprachniveau - das ist unterhaltsam und wirkt unbestreitbar bildend, hält aber emotionale Distanz und facht eher die intellektuelle Neugier an. Ich habe unter der Lektüre ausgiebig nach den Protagonisten gegoogelt, mir Fotos angesehen, einen Dokumentarfilm über Laura gefunden ... dieses Buch also durchaus mit Gewinn gelesen, aber am Ende war ich irritiert: Drei Lebenslinien, die sich nie kreuzten - und denen der Autor auch keine Begegnung erfindet. Sie sind auch keine Helden wider Willen, wie der Klappentext (wie so oft irreführend) behauptet. Einzige Gemeinsamkeit bleibt ihr persönliches Scheitern: Keinem der drei gelingt es, sich treu zu bleiben, aber auch das geschieht auf so unterschiedlichen Ebenen, dass Vergleiche sich verbieten. Auch der Autor - Stichwort Faktenhuberei - wurde sich untreu. Das aber dürften diese Vier mit der halben Menschheit gemeinsam haben.

Zugegeben - ohne diesen Roman hätte ich nie von Felix, Emile und vor allem Laura erfahren; ich empfinde das als Bereicherung. Aber trotzdem fühle ich mich als Leserin genarrt: Was will dieser Roman? Das hat sich mir nicht erschlossen.
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