Kundenrezension

43 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Falke mit nur einem Flügel oder die konstruierte Dekonstruktion eines Mythos, 20. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Des Kaisers Falke: Wirken und Nach-Wirken von Franz Conrad von Hötzendorf (Gebundene Ausgabe)
Nach der letzten Conrad von Hötzendorf-Biographie von Lawrence Sondhaus (deutsch erschienen 2003) mit dem effektheischenden, grandios-schaurigen Titel „Architekt der Apokalypse“ ist nun rechtzeitig zum 1914-Gedenkjahr des „Des Kaisers Falke“ gelandet. Wenn man um die politisch-mediale Wertung der „Falken“ aus der Bush-Ära weiß, können schon aus der Titelgebung die ersten Schlüsse gezogen werden, wohin die biographische Reise geht.
Das Gute zum Anfang: Wolfram Dornik hat viele – zumeist bekannte Quellen – zusammengetragen und in eine gute und übersichtliche Systematik eingebettet. Das Werk ist flüssig und stilistisch einwandfrei verfasst, die Ausstattung mit Bilddokumenten, Kartenmaterial, Übersicht über militärische Ränge, Bibliographie vorbildlich zu nennen. Der Autor bietet für die in dieser historischen Spezialmaterie nicht so beschlagenen Leser auch immer wieder Ausblicke auf allgemein politische Vorgänge in dieser Zeitspanne, was insofern hilft, die biographischen Lebenszüge besser im allgemeinen historischen Kontext zu verorten. Diese kontextuelle Breite geht allerdings zu Lasten der militärhistorischen Tiefe: die Befassung mit tiefergehenden taktischen Fragestellungen zu den einzelnen von CvH geleiteten Feldzügen sucht man hier vergebens.

Nun allerdings zu den Flugschwächen des kaiserlichen Falken: Die Gelegenheit war so schön... das Interesse an „Österreich-Ungarns letztem Krieg“ ist wiedererwacht; offene Archive auf den Seiten der einstigen Kriegsgegner machen eine umfangreiche und vielseitige Analyse der geschichtlichen Person Franz Conrad von Hötzendorfs möglich... aber was trotz zahlreicher Quellen dabei herauskommt, ist eine Biographie, die genauso voreingenommen ist wie manche der vom Autor gescholtenen biographischen Heldenepen („Hagiographien“) zwischen 1918 und den 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die "Beurteilung" einer historischen Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen kann immer nur angemessen sein, wenn sie das geschichtliche und soziologische Umfeld miteinbezieht - und das ist nun einmal anders als das der Gegenwart!
Das Problem: der Autor, unterstützt auch durch die „Nachbetrachter“ Verena Moritz und Hannes Leidinger, arbeitet konsequent auf das Ergebnis "Unheld" hin, die nach den Regeln der modernen, politisch-korrekten Mainstream-Geschichtsschreibung konstruierte Dekonstruktion des Mythos.
Die History-Staatsanwälte fahren nun gebetsmühlenartig mit allen Anklagepunkten auf, die heutzutage automatisch bei bestimmten politischen Kreisen zum Verdikt: "Unheld/Unhold, Straßenschilder abmontieren, Ehrengrab auflassen“ führen. Ein rücksichtloser Kriegstreiber, ein Sozialdarwinist, einerseits fatalistischer Pessimist andererseits rühriger Aufrüstungsaktivist, ein Dulder von Kriegsverbrechen, zeitweiliger Antisemit, Monarchist und auch noch Deutschnationaler, eine gespaltene Persönlichkeit mit mangelnde Empathie aber künstlerischer Veranlagung, als das und noch viel mehr negatives war also in der DNA unseres Falken.

Besonders exemplarisch wird die aus wissenschaftlicher Sicht unzulässige, nicht-ergebnisoffene sondern tendenziöse Betrachtung etwa an folgender Textstelle (S. 142 f): Nachdem Dornik beschrieben hat, wie Conrads eigener Sohn in den ersten Kriegswochen bei einem Rückzugsgefecht (!) als junger Offizier bei der Verteidigung (!) eines Gehöftes fiel, schwingt er sich zu folgender – nebenbei bemerkt, sehr pietätlosen – „Schlussfolgerung“ auf: “Die Soldaten und Offiziere hatten in ihrer Ausbildung nie etwas anderes als den Angriff gelernt und geübt. So waren sowohl die Niederlagen als auch die schweren Anfangsverluste und der Tod seines eigenen Sohnes von Conrad gewissermaßen mitzuverantworten.“
Im ganzen Buch sucht der Leser vergebens nach nuancierten Überlegungen zu Für- und Wider der getroffenen Entscheidungen von CvH, ob er bei damaligen Kenntnisstand überhaupt Alternativmöglichkeiten gehabt, inwieweit er im Vergleich zu anderen Entscheidungsträgern vielleicht auch positive Aspekte besessen hat. Vielmehr lassen es die Autoren bei etwas hilflosen Hinweisen auf eine schwer fassbare Persönlichkeit bewenden.

Nur pars pro toto ein paar Anregungen, mit welchen Hinweisen man sehr leicht diese einseitige Biographie etwas ausbalancieren hätte können:
Den im Buch vielgeschmähten „Offensivgeist“ von CvH könnte man mit der Menschenverachtung kontrastieren, mit welcher der italienische Generalstabschef Cadorno in 11(!) sinnlosen Angriffsschlachten Hunderttausende junge Italiener im schmalen Kampfraum des Isonzos in den Tod schickte.
Die Präventivkrieggedanken in den jährlichen Denkschriften an den Kaiser als möglicher Auslöser für die Verstimmungen in den Gegnerstaaten während der Vorkriegsphase relativieren sich sehr schnell, wenn man etwa auch erwähnen würde, dass es gerade die absolut dilettantische Kommunikationspolitik des Außenministers und Conrad Intimfeindes Lexa von Aehrenthal im Rahmen der Annexionskrise 1908 war, die Russland, Großbritannien etc. massiv gegen Österreich-Ungarns Balkanpolitik aufbrachten.
Und letztendlich sollte der Autor auch einfach den Mut haben, zu konstatieren, dass Conrad in vielen seiner strategischen Voraussagen, insbesondere betreffend der feindlichen „Wühlarbeit“ Serbiens gegen die Monarchie und den Expansionsgelüsten Italiens (leider) geradezu prophetisch Recht gehabt hat.
Fazit: Ein Falke fliegt nur mit beiden Flügeln gut und eine historische Biographie hebt erst dann ab, wenn sie ausgewogen ist!
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.12.2013 04:17:07 GMT+01:00
Dominik meint:
Danke für Ihre Bewertung - habe vom Kauf des Buches Abstand genommen.

Hätten Sie vielleicht eine Empfehlung für eine "neutrale" CvH-Biographie?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.12.2013 23:22:37 GMT+01:00
Dillinger meint:
Auf DIE "neutrale" Bio von CvH mit jüngerem Erscheinungsdatum warte ich noch immer...

Neben Dornik und dem schon zitierten Sondhaus hat jüngst auch Dieter Hackl, Der Offensivgeist des Conrad von Hötzendorf, sich mit Teilelementen des beruflichen Wirkungskreises von CvH auseinandergesetzt - hat aber auch wieder Schlagseite (man muss sich nur das blutige Buch-Cover ansehen) und ist sicher keine Voll-Biographie.

Meine Empfehlung bis auf weiteres daher noch immer:
Oskar Regele, Feldmarschall Conrad (1955), 613 Seiten;
gibts im antiquariatischen Buchhandel bzw. auch hier bei Amazon gebraucht zu bestellen.
Die "Neutralität" liegt hier mE zwar eher tendenziell bei Pro-Conrad, die Bio besticht allerdings durch ihre Detailtiefe und der Abwesenheit von zeitgeistiger Moralismuskeule und oberlehrhafter und nachgeborener Besserwisserei von Nicht-Militärs.

Veröffentlicht am 07.01.2014 10:46:59 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 23.09.2014 14:36:28 GMT+02:00
Ramones 16 meint:
Vielen Dank für diese hervorragende und fachlich fundierte Rezension. Auch ich werde das Buch nicht kaufen und lieber antiquarisch nach dem von ihnen empfohlenen Werk suchen. Ich habe selber "Die Ukraine 1917-1922" von Dornik gelesen und war verärgert über die tendenziöse Schreibe. Ihre Kritik passt also genau ins Bild. Ich fürchte, Historiker im deutschsprachigen Raum erhalten nur dann Fördergelder für ihre Arbeit, wenn sie sich "politisch korrekt" gerieren. Nun ja, es bleibt ja immer noch die spannende Suche in den Antiquariaten....

Veröffentlicht am 23.04.2014 16:10:28 GMT+02:00
Federmann meint:
Eine Gruppe namhafter österreichischer Militärhistoriker hat zur 100. Wiederkehr des Beginns des I. Weltkriegs eine sehr umfassende Schrift publiziert: "zeitreise Österreich". Auch dem Generalstabschef Franz Conrad v. Hötzendorf ist unter "Architekt der Apokalypse" breiter raum gewidmet. Abschließend - ich zitiere wörtlich - ist zu lesen: " Die neue Biografie Conrads, "Des Kaisers Falke" von Wolfram Dornik, ist leider fehlerhaft und nicht empfehlenswert. Weit besser und einfühlsamer ist die (leider vergriffene) Biografie von Lawrence Sondhaus, "Architekt der Apokalypse", die 2003 im Neuen Wissenschaftlichen Verlag erschienen ist."
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