Kundenrezension

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Hat mich nicht immer berührt..., 18. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Es wird keine Helden geben (Gebundene Ausgabe)
„Es wird keine Helden geben“ von Anna Seidl ist ein Jugendbuch, das sich mit der Trauerbewältigung nach einem denkbar schockierenden Ereignis auseinandersetzt: Einem Amoklauf.

Darum geht es: Miriam ist 15, als an einem normalen Schultag plötzlich die Hölle losbricht. Der Amoklauf eines Mitschülers verändert von einem Moment zum nächsten ihr Leben. Sie versteckt sich und überlebt, doch Tobi, ihre erste große Liebe, hat weniger Glück. Miriams unbeschwertes Leben endet und sie muss sich mit der Trauer, aber auch mit der Frage nach der Schuld auseinandersetzen, denn sie kannte den Amokläufer…

Ich bin wirklich zwiegespalten bei „Es wird keine Helden geben“. Es ist ein Buch über ein wirklich schockierendes Thema, es behandelt ein schwieriges Schicksal. Trauer, Leid und Schuld, viele zerstörte Leben, eine unfassbare Tragödie, die weltweit leider schon zu oft Realität wurde. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es schwieriger ist, sich selbst zu erlauben, auch einem Buch mit einer solchen Thematik kritisch gegenüber zu stehen. Viele loben dieses Buch und auch mich hat es gelegentlich berührt – trotzdem wäre es nicht fair den vielen anderen Bücher gegenüber, wenn ich hier über Kritikpunkte hinweg sehen würde, die ich ohne diesen alles überschattenden Schwerpunkt „Amoklauf“ anbringen würde.

Miriam, die Ich-Erzählerin, konnte ich oft verstehen. Ihren Trotz, ihren Schmerz, ihre Leere, ihre Wut, ihre Schuld – das alles sind Abschnitte eines Trauerprozesses, den ich nach einem solchen Schicksalsschlag nachvollziehen kann. Ich habe mich gut in sie hineinversetzen können, selbst dann, wenn es schwer war, wenn sie ungerecht, unausstehlich und vorwurfsvoll war – das alles passt meiner Meinung nach in das Bild der Traumatisierten. Die Entwicklung durch diese Phasen habe ich teilweise allerdings leider vermisst. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Buch mit 250 Seiten alles andere als umfangreich ist, doch mir war es häufig zu sprunghaft. Nicht, dass ich der Protagonistin nicht jede Sprunghaftigkeit zugestehen würde. Der Autorin und der Erzählweise kann ich dies nur nicht zugestehen. Ich möchte als Leser das Gefühl haben, Miriam bei ihrem Prozess begleitet zu haben.

Doch dann waren Miriams Gefühle plötzlich wieder fort oder ganz anders und das hat mich als Leserin regelrecht aus der Figur heraus katapultiert, da ich den Eindruck hatte, eine Entwicklung zu verpassen. Vieles schien mir doch zu oberflächlich, ich möchte fast sagen, auch recht plakativ. Das Einfühlsame, das Leise, Nachdenkliche hat mir gefehlt. Miriams Familie zum Beispiel schien deutlich fürsorglicher, als sie sie in ihrem Trotz beschrieb – trotzdem ließ sie eine 15-Jährige in den grenzwertigsten Momenten vollkommen allein, erlaubte ihr nicht nur die Trauer, was ich verstanden hätte, sondern auch einen Hang zur Selbstzerstörung, wo ich mir schon früher eine Intervention gewünscht hätte.

Ein großes Thema ist auch die Beziehung zwischen Miriam und ihrer Mutter – eigentlich die einzige, die näher beleuchtet wird, dabei hätte ich mir das bei einigen anderen auch gewünscht. Aber tiefgehend war auch das leider nicht. Ich bin auch keine moralische Instanz oder lebe hinter dem Mond – Jugendliche trinken gelegentlich Alkohol, obwohl sie keinen dürfen. Aber wenn die Aufarbeitung einer schwierigen Beziehung aus zwei Flaschen Wein und Frauenfilmen besteht, finde ich das nicht nur ein wenig bedenklich, es bleibt mir auch zu sehr an der Oberfläche. Andere Beziehungen erfahren überhaupt keine weitere Entwicklung. Stattdessen tauchte am Ende noch eine Figur auf, deren Rolle mir zu offensichtlich war, die mir zu glatt und „nett“ war. Gerade mit dem Schluss habe ich daher große Schwierigkeiten.

Genug der Kritik, „Es wird keine Helden geben“ lässt sich an vielen Stellen auch gut lesen, es berührte mich auch, wenn ich mich nicht gerade zu sehr über einige Entwicklungen gewundert habe. Gut gelungen fand ich auch die psychotherapeutische Begleitung – als die dann vorhanden war. Eine Hilfe zur akuten Traumabewältigung habe ich am Anfang vermisst.
Auch sprachlich konnte der Roman überzeugen, vor allem, wenn man berücksichtigt, dass die Autorin dieses Buch selbst in sehr jungen Jahren geschrieben hat. Dafür scheint mir das Buch sehr realistisch und es lässt vielleicht über den einen oder anderen Sprung in der Handlung hinwegsehen. Die eingebauten Rückblicke bildeten den Kontrast zwischen Miriams altem Leben und ihrem neuen gut ab – eine interessante Lösung.

Fazit: Ein gutes Jugendbuch zum Thema Amoklauf, das aber aufgrund einer gewissen Sprunghaftigkeit der Hauptfigur nicht immer berühren konnte. Manchmal zu oberflächlich, am Ende ein wenig zu offensichtlich. Nicht schlecht, aber auch nicht überwältigend. Ich vergebe gute 3 Sterne.
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