Kundenrezension

1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Methologie der frühen 1960er für die empirische Sozialforschung heute, 25. April 2009
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Rezension bezieht sich auf: Soziologie: Allgemeine Grundlagen (Taschenbuch)
Essers Problemstellung der 80er und 90er Jahre, die in diesem Buch nur implizit zum tragen kommt, ist die Verbindung von empirischer (quantitativer) Sozialforschung und (erklärender) Theorie. Die Praxis der Sozialforschung ist zumeist dadurch geprägt, dass sie Datensätze mit ad hoc-Thorien verbindet oder gar durch Statistikprogramme Modelle aufgrund von Korrellationen etc. anfertigen läst. Gesellschaftliche Phänomene (Aggregate von Handlungen und ihren beabsichtigten und vor allem auch unbeabsichtigten Folgen) sollen nach Esser jedoch einer Tiefenerklärung zugeführt werden.

Dies versucht Esser zu erreichen, indem der die Theorie der Erklärung (Hempel) und das Falsifikationsprinzip (Popper) zum methodischen Ideal der Soziologie erhebt. Das methodische Gewissen des Sozialforschers überantwortet Esser damit dem kritischen Rationalismus.

Die (nicht-)intendierte Folge eines solchen Vorgehens ist, dass die Soziologie implizit auf eine spezifische Theorie des Sozialen festgelegt ist, die ihre Urspünge im methodischen Individualismus (Schumpeter) der schottischen Moralphilosophie (Hume, Smith) hat. Esser geht es dabei durchaus um eine Reduktion situationsspezifischer sozialer Phänomene auf eine situationsunspezifisches Handlungstheorie, die im Rahmen von Essers Theorie soziologischer Erklärungen das immergleiche Erklärungsprinzip liefert. Welche Handlungtheorie in ein Erklärungsmodell eingefügt wird, bleibt dem Forscher überlassen. Esser präferiert eine elaborierte Form des Nutzenmaximierers. Dies ist kein Wunder, da sich über Nutzenskalen die Handlungstheorie mit formalen Modellen kombinieren läßt. Der Marginalismus läßt grüßen.

Die Soziologie ist aus der Kritik des einseitig ökonomischen Individualismus entstanden. Essers krude Umdeutung soziologischer Traditionen, deren Sinn darin liegt, die Leistungsfähigkeit seiner "Soziologie" darzustellen, zeugen von einem naiven Vertrauen in die Richtigkeit einer durchaus umstrittenen Wissenschaftstheorie. Damit löscht Esser die spezifisch soziologischen Problemstellungen aus, die der Disziplin ihre Daseinsberechtigung neben einer neoklassischen Wirtschaftswissenschaft geben. Essers Soziologie bleibt der bestimmten Problemstellung einer sozialtheoretisch abstinenten, quantitativen Sozialforschung verhaftet. Was Esser leistet ist eine bestimmte Kodifizierung wissenschaftstheoretischer Grundlagen für die empirische Sozialforschung. Sich dabei durch die (philosophische) Wissenschaftstheorie eines externen Methoden- und Theorieideals zu versichern, ist eine Strategie, die seit den 1960ern immer wieder in den unterschiedlichsten Wissenschaften im Namen der "Einheit der Wissenschaft" durchzusetzen versucht wurde. Was Esser ignoriert, ist die Geschichte der Soziologie als Geschichte der Problematisierung von philosophischen Methoden- und Theorieidealen durch die Sozial- und Gesellschaftstheorie.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 08.05.2009 12:25:20 GMT+02:00
ageispolis meint:
Hervorragend geschrieben! Dem ist nichts hinzuzufügen.
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