Kundenrezension

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Brainy or Brawny – or Neither? How Would You Like Your Man, Ma’am?, 4. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Laura (DVD)
“Dames are always pulling a switch on you.”
“In my case, self-absorption is absolutely justified. I have never discovered any other subject quite so worthy of my attention.”
“I can afford a blemish on my character, but not on my clothes.”

Diese drei Zitate lassen sich ziemlich gut als Selbstauskunft der drei männlichen Figuren in Otto Premingers Klassiker „Laura“ (1944) über ihren Charakter auffassen. Der männliche Protagonist, ein Polizeibeamter namens Mark McPherson (Dana Andrews), ist ein pflichtbewußter und zielstrebiger no-nonsense Kerl, der sichtlich bemüht ist, seine Gefühle im Zaum zu halten, was er mittels eines kleinen Geduldspieles tut. Seine zwei männlichen Hauptverdächtigen sind zwar beide stark von sich eingenommene Gecken, doch während der angesehene Kritiker und Kolumnist Waldo Lydecker (Clifton Webb) wirklich mit einem wachen Geist, großem Wissen und gesellschaftlichen Erfolgen aufwarten kann, ist Shelby Carpenter (Vincent Price) nichts weiter als ein dilettierender Stutzer, der außer seinem blendenden Aussehen nicht viel vorzuweisen vermag.

Die Wege dieser drei Figuren kreuzen sich bei der Aufklärung des Mordes an der begehrenswerten Titelheldin Laura Hunt (mit Gene Tierney wurde hier wirklich eine der schönsten Frauen verpflichtet, die wohl jemals die Kinoleinwand erleuchtet haben – diese Augen!!!), der in ihrem Apartment mit einem Gewehr ins Gesicht geschossen wurde. McPherson läßt sich von Lydecker erzählen, wie dieser aus der kleinen Angestellten einer Werbeagentur eine mondäne und erfolgreiche Frau gemacht und sie gleichzeitig vor unwürdigen Liebhabern bewahrt hat. Als Laura allerdings den Charmeur Shelby kennenlernte, begann sie sich mehr und mehr von Lydecker abzuwenden, und es schien so, als wolle sie den Salonlöwen sogar heiraten. Just an dem Wochenende, an dem sie eine endgültige Entscheidung treffen wollte, wurde sie in ihrer Wohnung getötet. McPherson macht sich daran, neben Lydecker und Shelby auch Lauras Tante Ann (Judith Anderson) auf den Zahn zu fühlen, und in Lauras Wohnung vertieft er sich in die privaten Briefe des Opfers. Gleichzeitig verfällt er indes immer mehr dem Reiz des an prominenter Stelle hängenden Porträts Lauras, riecht ihr Parfüm und durchstöbert die Schubladen, in denen sie ihre Wäsche aufbewahrt, und es wird deutlich, daß er dabei ist, sich in eine Tote zu verlieben. Dann plötzlich steht diese Tote leibhaftig und quicklebendig vor ihm, und es wird klar, daß die Leiche mit dem unkenntlichen Gesicht jemand anderes sein muß. Zudem hat McPherson noch eine Verdächtige mehr – eben die Frau, in die er sich während seiner Ermittlungen verliebt hat.

[Ab hier kommen leichte Spoiler! Wer den Film nicht kennt, sollte besser nicht weiterlesen.]

Obgleich der Titel des Filmes nahelegt, daß Laura die Hauptfigur in diesem Film ist, ist es mindestens ebenso interessant, die Antagonismen zwischen den ihr ergebenen Herren zu verfolgen, vor allem den Gegensatz zwischen McPherson, der mit seiner Tatkraft und seinem Bemühen, seine Gefühle nach Möglichkeit zu unterdrücken, ein traditionelles, eher positiv besetztes Bild von Männlichkeit verkörpert, und Lydecker, der als effeminierter Intellektueller eher unser Befremden erregen soll. Schon zu Beginn des Filmes wird dieser Gegensatz visuell auf mehrfache Weise auf den Punkt gebracht. Wir sehen, wie McPherson mit verhaltenem Interesse die Kunstsammlung in der opulent eingerichteten Wohnung Lydeckers begutachtet, während wir Lydecker als Erzähler aus dem Off hören, wobei er in seiner Erzählung deutlich macht, daß er den Polizisten absichtlich warten läßt. Als McPherson dann schließlich zu Lydecker vorgelassen wird, bewegt sich die Kamera in einem swish pan vom Detektiv zu einer Badewanne, in der Lydecker vor einer Schreibmaschine sitzt. Ein starker Kontrast – der muskulöse Detektiv mit Mantel und Hut und der schmächtige ältere Mann mit einem nackten Oberkörper, der alles andere als männlich wirkt. Als Lydecker dann aus der Wanne steigt – er geniert sich vor McPherson ebenso wenig, wie er dies vor seinem Diener täte –, wird dieser Gegensatz noch auf die Spitze getrieben, denn wir sehen natürlich nicht den entblößten alten Mann, sondern den Detektiv, über dessen Gesicht der Anflug eines spöttisch-verächtlichen Lächelns huscht. Damit ist wohl alles gesagt.

Untermauert wird dieser Gegensatz außerdem durch die Erzählweise des Filmes, denn – wie Jeanine Basinger sagt –, wird die erste Hälfte des Filmes von Lydecker erzählt, und hier haben wir eine tote Laura, während die zweite Hälfte eher die Sicht McPhersons einnimmt, und hier lebt Laura. Ich schreibe bewußt „eher“, denn Premingers Regie bemüht sich recht erfolgreich um eine objektive Kamera, die dem Zuschauer viel Raum zum Beobachten der einzelnen Verdächtigen läßt und nur sehr verhalten mit manipulativen Schnitten operiert.

[Spoilerende]

Was macht „Laura“ zu einem so besonderen Film? Hier ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu benennen, unter denen an erster Stelle wohl die eindringliche, monothematische Filmmusik David Raksins rangiert, die uns immer wieder die verführerische Kraft Lauras suggeriert. Sie leitet den Film zusammen mit dem berühmten Porträt Lauras ein – das eigentlich eine vergrößerte Photographie war, über die eine Schicht Farben gelegt worden war. Dieses Porträt schlägt McPherson sofort in seinen Bann, und unvergeßlich ist die Szene, in der er das Bild zum ersten Mal sieht. Hier steht er hinter einem ehrfurchtsvoll auf das Konterfei blickenden Lydecker, und als er den Blick abwendet, verdeckt ein Schatten seiner Hutkrempe seine Augen. Neben der Musik verdienen also auch die einmalige, für effektvolle Schatten sorgende Ausleuchtung durch den Kameramann Joseph LaShelle, der unter anderem auch John Fords letzten Film photographierte, sowie der Art Directer Lyle Wheeler, der für die opulenten Interieurs – und auch für einen guten Teil der düsteren, verwunschenen Magie in Hitchcocks „Rebecca“ (1940) – verantwortlich war, Beachtung. Doch auch die Schauspieler – „Laura“ ist ein klassischer Ensemblefilm – sind hervorragend: Der verführerischen, rätselhaften Gene Tierney wurde niemand Geringeres als Judith Anderson an die Seite gestellt, und Clifton Webb gibt hier ein sehr überzeugendes Debüt im Tonfilm, das ihn wohl sogleich auf mondäne, leicht dekadente Rollen festlegte. Vincent Price als prinzipienloser Lebemann vermag ebenfalls zu überzeugen, wenngleich er natürlich noch nicht in dem Genre spielte, in dem er später brillieren sollte (diesen Übergang hatte er 1953 mit „House of Wax“ André de Toth zu verdanken). Ein wenig schade ist es, daß ein Schauspieler wie Dana Andrews, der seiner Figur eine so glaubhafte emotionale Spannung verlieh, nie so wirklich in Hollywoods A-Liga aufzurücken vermochte.

Wenngleich die typischen Film-noir-Elemente eher spärlich eingesetzt sind, vermag es nicht zu verwundern, daß „Laura“ zu den Sternstunden dieses Genres gehört. Dank seines guten Drehbuchs, das uns fast bis zuletzt an der Identität und den Motiven des Mörders zweifeln läßt, ist dieser Film zu recht ein unangefochtener Klassiker.

Die vorliegende Edition ist durch die Zugabe zweier Kommentarspuren – einmal sprechen Jeanine Basinger und der Komponist Raksin, ein zweiter Kommentar ist vom Filmhistoriker Rudy Behlmer – in wirklich vorbildlicher Weise aufbereitet worden.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 05.08.2013 14:39:38 GMT+02:00
christine meint:
Lieber Tristram,
Du hast natürlich recht, aus dem Film lässt sich viel mehr herausholen als ich seinerzeit für möglich gehalten habe. Vielleicht überarbeite ich meinen Text noch mal dementsprechend. Je älter man wird, desto geschwätziger wird man, :-) Für mich ist hier besonders außschlussreich, wie der Film noir gegen den Strich gebürstet wird, etwas Romanze, etwas Mystery, die satirische Spritzen mag ich besonders. Ich weiß natürlich, dass Du aus begreiflichen Gründen Miss Tierney besonders schätzt, aber eigentlich sind alle Rollen außerordentlich sorgfältig besetzt. Ich fand auch immer schade, dass Judith Anderson nie die ganz große Karriere gemacht hat. Andrews und Price arbeiteten ja auch noch in "While the City sleps" zusammen, den ich den gleichen Gründen besonders liebe. Aber bevor ich Dich volltexte, schreibe ich lieber selbst.
LG, Christine

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.08.2013 16:11:52 GMT+02:00
Liebe Christine,

hast Du denn einen Text zu "Laura" geschrieben? Ich habe ihn jedenfalls nicht unter den Rezensionen gefunden; meist schaue ich ja beim Einstellen eines Textes, ob bekannte Namen auch schon etwas zu dem Film geschrieben haben. Ich wäre jedenfalls sehr daran interessiert, von Dir zu diesem Film zu lesen.

Miss Tierney schätze ich in der Tat sehr, denn sie ist eine unnachahmliche Augenweide. Allerdings, so muß ich sagen, bleibt meine unangefochtene Heldin natürlich immer noch Missy, spielt sie doch in "Big Valley" mit Leichtigkeit die herkömmlichere Augenweide Linda Evans an die Wand. Gene Tierney spielt ja leider auch oft in eher schmalzigen Filmen - reine Liebesdramen sind für mich schlichtweg uninteressant - mit, so daß ich sie wenig zu Gesicht bekomme. Momentan denke ich über den Kauf von "Tobacco Road" nach, der allerdings nicht einer der starken John-Ford-Filme ist.

Judith Anderson mag zwar nie eine ganz große Karriere hingelegt haben, aber in den Rollen, in denen wir sie bewundern dürfen, bleibt sie doch unvergeßlich - mir fallen spontan "Rebecca", "Pursued" und "The Red House" ein. Vielleicht war sie auch zu sehr auf eine bestimmte Sparte festgelegt, um universal einsetzbar zu sein.

Und jaaa, bitte schreibe weiter!

LG,
Tristram
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