Kundenrezension

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Skuril, dunkel, phantastisch..., 29. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Das Albtraumreich des Edward Moon: Roman (Taschenbuch)
...ist dieses einzigartie Werk von Jonathan Barnes.

Im düsteren viktorianischen London geschehen geheimnisvolle Dinge. Menschen werden ermordet und es brodelt im Untergrund. Der alternde Magier und Detektiv Edward Moon nimmt sich der Sache an. Sein unverwundbarer, stummer Freund, der Schlafwandler, und so manch andere skurile Figur helfen ihm bei seinen Ermittlungen.
Soweit zur Handlung, die in den ersten zwei Dritteln eher als banale (manchmal brutale) Kriminalgeschichte angelegt ist. Das einzige was sie von anderen nüchternen Krimis unterscheidet, ist zum einen die Kulisse: Ein kleines geheimnisvolles Theater und das düstere London, das den Leser nicht gern hinter seine viktorianische Fassade blicken lässt. Zum anderen schafft es Barnes durch die Vielfalt seiner Figuren und deren Skurilität eine Atmosphäre zu erschaffen, die einen Weiterlesen lässt, auch wenn die Handlung mal wieder etwas langatmig ist. Das letzte Drittel der Handlung aber, unterscheidet die Geschichte eindeutig von anderen phantastischen Krimis, die ich kenne. Dazu gleich mehr.

Die Erwartungshaltung, die das Cover und der Titel beim Leser evtl. hervorrufen könnten, nämlich, dass Barnes hier eine Art viktorianischen Horro-Fantasy-Thriller geschrieben haben könnte, geht leider völlig ins Leere. Horror und auch Fantasy hat das Buch reichlich, sie sind hier aber nur Beiwerk, nicht der Hauptstrang der Geschichte. Inhaltlich bewegt sich das Buch, wie bereits erwähnt, auf der Ebene eines phantastischen Krimis. Wobei die Auflösung des Falles im Vordergrund steht und nicht die evtl. übersinnlichen Fähigkeiten oder die interessante Vergangenheit der Protagonisten. Die Action, die man dabei vielleicht erwarten könnte, kommt vielleicht etwas kurz, ist in diesem Werk aber auch nicht unbedingt nötig und hätte die Handlung nicht unbedingt vorangetrieben. Letztlich ist das letzte Drittel des Buches entscheidend. Denn hier driftet das Buch nicht völlig ins Phantastische ab, was man durchaus hätte erwarten können, sondern nimmt direkten literaturhistorischen Bezug auf die englische Romantik, insbesondere auf den Dichter Coleridge. Darüber habe ich mich riesig gefreut.

Dies ist wahrscheinlich der Punkt, weshalb das Buch hier oft schlechter bewertet wurde, als es ist. Es hat zu häufig die Erwartungen der Leser enttäuscht. Und bei mir wäre das beinahe auch geschehen. Die ersten zwei Drittel des Buches sind zu schwach, um dem Titel gerecht zu werden, auch wenn Barnes ein Figurenpanorama erschafft, dem es einfach nur Spaß macht zuzusehen. Aber spätestens dann kommt die Handlung wieder etwas zu kurz. Dass Barnes dann aber ein Thema der englischen Dichter der Romantik, die Pantisokratie, aufgreift und seinem Werk (beinahe) zu Grunde legt, hat es für mich mehr als grettet.

Dieser Umstand und die bereits erwähnte Figurenvielfalt und -gestaltung haben dem Buch vier Sterne beschert.

Sprachlich bewegt sich dieses Buch auf eher hohem Niveau. Barnes, der ohne Frage literarisch gebildet ist, versucht sich am Stil des 19. Jahrhunderts zu orientieren und schafft dies auch die meiste Zeit. Seine Sprache ist geschliffen und klar, oft ironisch und immer interessant ohne belehrend zu sein.

Schlecht an diesem Buch finde ich, dass häufig Fragen offen bleiben. Woher kommen diese Massenmörder, die sich als Schuljungen verkleiden und die Zeit scheinbar unbeschadet überdauern konnten. Oder: Woher kommt der Schlafwandler und woher hat er seine Fähigkeiten? USW. Hier könnte man beliebig viele Fragen anhängen. Also, wen es stört, dass Barnes Interessantes häufig nur erwähnt, um eine gewisse Atmosphäre aufzubauen, der wird hier genug Angriffsfläche finden. Zu Barnes Verteidigung: Für die Handlung sind diese Informationen nicht nötig und hätte er sie dennoch ausführlich behandelt, wäre das Buch gut und gerne 1000 Seiten dick geworden.

Was mir auch ein wenig gefehlt hat, war Spannung. Die Handlung bewegt sich mehr oder weniger immer auf der selben Ebene ohne wirklich auszubrechen, vom Ende abgesehen. Mich hat dieser Umstand nicht wirklich gestört, da ich die Literatur des 19. Jahrhunderts gewöhnt bin und hier die Spannung häufig mal um des Erzählens Willen auf der Strecke bleiben kann. Man weiß auch eine ganze Zeit lang nicht, in welche Richtung die Geschichte gelenkt werden soll.

Dies bringt mich zum nächsten und meiner Meinung nach größten Kritikpunkt: Der Leser sollte wohl idealerweise Engländer und, was besonders die Literatur der englischen Romantik betrifft, literarisch vorgebildet sein. Okay, zumindest sollte man mal etwas über die Bewegung des "Romaniticism" oder Coleridge gehört haben. Man versteht die Handlung zwar auch bestens ohne Vorkenntnisse, das Buch erhält dadurch aber eine unverhoffte Tiefe und besondere Qualität. Ohne diese hätte ich ihm auch nur drei Sterne gegeben!

Fazit: Das Buch hat mehr Potential, als man auf der ersten Blick vielleicht vermuten könnte, ist aber sicher nichts für Horror-Fans. Wer das alte England und seine Literatur des 19. Jahrhunderts liebt und dies mit phantastischen Figuren gemixt immernoch mag, der wird hier voll auf seine Kosten kommen.

Für dieses Buch sollte ein Instant-Kamin gleich mitgeliefert werden. Dann sollte man noch für einen weichen Sessel und Schwarztee mit Milch sorgen und die Weichen sind gestellt, um in diesem herrlichen Werk zu versinken.
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