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Kundenrezension

39 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Zerrbild der US-amerikanischen Geschichte, 8. Oktober 2010
Von 
Rezension bezieht sich auf: Der Moloch. Eine kritische Geschichte der USA (Taschenbuch)
»Amerika ist eine Missgeburt« - das ist eines von den »programmatischen« Zitaten, die Karlheinz Deschner an den Anfang seines Buches stellt. Eines Buches, das er 1992, nach dem Ende des Zweiten Golfkriegs veröffentlichte und das sich zur Überraschung der Leser nicht mit seinem Hauptarbeitsgebiet, der kritischen Kirchengeschichte, befasste. Seine »kritische Geschichte der USA« erschien auch nicht in seinem Hausverlag Rowohlt, sondern bei Weitbrecht und später bei Heyne, wo sie zahlreiche Neuauflagen erfuhr.

Armin Pfahl-Traughber, der Bücher und Artikel zu den Themen Rechtsextremismus und Verschwörungsideologien verfasste und, wie ich selbst, Deschner für seine aufklärerische Arbeit über die Grundlagen des Christentums und die christlichen Kirchen wertschätzt, veröffentlichte in einer Sonderausgabe der Zeitschrift »Aufklärung und Kritik« (9/2004) eine so treffende Langrezension zu »Der Moloch«, dass ich sie zumindest teilweise in diese Rezension mit einfließen lassen will. Um Textnähe möglichst zu wahren und Deschner im Originalton wiederzugeben, zitiere ich mehrfach aus der mir vorliegenden »Überarbeiteten Neuausgabe 12/2002« (München 2003). Dass die Seitenangaben bei älteren Auflagen wegen unterschiedlichen Formatierungen oder Vorworten um einige Seiten abweichen können, sei einführend noch angemerkt.

Deschners Buch gliedert sich in vierzehn Kapitel: Die ersten drei widmen sich der Landnahme durch die weißen Kolonisten und der Bekämpfung und Vertreibung der indianischen Ureinwohner. Dem folgen mehr oder weniger lange Kapitel zur Entstehung der USA, dem Bürgerkrieg und dem Aufstieg der USA zur wirtschaftlichen Großmacht, sowie der Aufnahme einer imperialistischen Politik. Amerikas Rolle im Ersten Weltkrieg, in der Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg werden in jeweils eigenen Abschnitten behandelt. In den drei letzten Kapiteln befasst sich Deschner mit den USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also im Allgemeinen mit dem Kalten Krieg und im Speziellen u.a. mit den »Stellvertreterkriegen« in Korea und Vietnam. Das Buch endet mit dem Zweiten Golfkrieg.

Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass es sich beim »Moloch« nicht um eine »nüchterne und sachliche, sondern um eine aufgeregte und emotionalisierte Darstellung« (Pfahl-Traughber) handelt. Das fängt beispielweise damit an, dass Deschner die Amerikaner immer wieder als »Yankees« bezeichnet. Das ist ein Spitzname, der zumindest im europäischen Raum, negativ behaftet ist. Man möge sich dazu nur einmal ein englischsprachiges Werk vorstellen, indem die Deutschen dauernd als »Krauts« tituliert werden! Knapp vierzig Mal (!) findet sich dieses, als Kampfbegriff verwendete Wort in allen möglichen Formen im Text wieder, oft auch in Kombination mit diffamierenden Pauschalurteilen: »Scheint der Yankee doch überhaupt zum Selbstbelügen noch mehr befähigt als der Rest der Welt.« (S. 47), »Yankees haben Geschmack. Die Welt weiß es.« (S. 26, S. 63 und S. 69), »Aber so empfindlich sind Yankees, trifft es sie selbst einmal.« (S. 80), »Einflussreiche Yankees wollten einfach einen Krieg.« (S. 154), »Das amerikanische Wesen ist das Geld: der Inbegriff des Yankee-Daseins.« (S. 269) oder z.B. »...eine Heuchelei, die in Yankeebrüsten vielleicht gar nicht mehr empfunden wird, so tief schon ist sie eingedrungen...« (S. 178).
Diese Originaltöne enthalten auch schon die drei Grundpunkte des Deschnerschen USA-Bildes: Seiner Auffassung nach sei die US-amerikanische Gesellschaft nämlich von Anfang an geprägt gewesen durch Geldgier, Gewalt und Heuchelei (vgl. S. 27). Das ist quasi der sprichwörtliche rote Faden, der sich durch den ganzen undifferenzierten und oft sarkastischen Text zieht.

Ihm gelten die USA, das »Reich der Groschenromanrekorde« (S. 149), als ein kulturloses Land. Bezeichnenderweise ist dabei eine Stelle in einem Unterkapitel »Ein ganz spezieller Schluck für ihre Kehlen«: »Als dann aber die Massen der GIs über den großen Teich schwappten, Camel und Lucky Strike kamen, der Jazz und Rock und Pop, Giftgas und Atomsprengköpfe, kurz alles, was die Neue Welt der Alten an Kultur zu bieten hatte ...« (S. 271). Dass Deschner die Musikrichtungen Jazz, Rock und Pop in einem Atemzug mit Massenvernichtungswaffen nennt, sagt dann aber vermutlich mehr über seinen eigenen Geschmack bzw. seine persönlichen Aversionsobjekte aus, als über die vermeintliche Kulturlosigkeit der Amerikaner. Dazu gehört auch die, in zahlreichen Sätzen mit eingebrachte, allgemeine Geringschätzung von Politikern. Auf derselben Seite findet sich bzgl. der Westbindung deutscher Politiker ein wahrlich gelungenes Bild: »Und wie man eben noch Hitler in den Hintern kroch, so nun den Amis. Die Politiker voran.« (S. 271).

Zum wissenschaftlichen Arbeiten eignet sich der »Moloch« nicht. Zwar wartet das Buch, von den polemischen Zusätzen mal abgesehen, mit zahlreichen »historischen Fakten« (Klappentext) auf, doch kommt es ohne eine einzige Fußnote daher. Aber nicht nur der Anmerkungsapparat fehlt, sondern auch das Literaturverzeichnis. Weder das eine, noch das andere wurde in den zahlreichen Neuauflagen nachgeliefert, auch nicht in der »Überarbeiteten Neuausgabe 2002«. Wenn man den Angaben von Deschner-Kollegen Schmidt-Salomon glauben darf, so ist dies darauf zurückzuführen, dass Deschner unter Zeitdruck stand (»Der Verleger wollte das Buch unbedingt schnell veröffentlichen ...«) und die Quellenhinweise nicht mehr einarbeiten konnte (vgl. Deschner-Forum im Internet). Das würde auch die für Deschnersche Verhältnisse oft plumpen Formulierungen einigermaßen erklären. Lediglich in der insgesamt nur drei Sätze langen Nachbemerkung schreibt Deschner: »Vielen Autoren, Wissenschaftlern und Publizisten bin ich durch dieses Buch verpflichtet - zu vielen, um sie hier zu nennen. Besonders hilfreich aber waren mir u. a. die einschlägigen Arbeiten von E. Angermann, S. v. Nostitz, L. L. Matthias, A. Maurois, H. Scholl, G. Schomaekers, R. Winter.« (S. 365).
Pfahl-Traughber entschlüsselt das folgendermaßen: »Worum handelt es sich bei dieser Literatur und wie ist sie einzuschätzen? Einige der offenkundig gemeinten Veröffentlichungen lassen sich identifizieren, was hier an vier Beispielen erfolgen soll: Mit "E. Angermann" dürfte Erich Angermanns Arbeit "Die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1917", mit "L.L. Matthias" Leo L. Matthias Buch "Die Kehrseite der USA", mit "H. Scholl" Heinz Scholls Schrift "Von der Wallstreet gekauft" und mit "R. Winter" Rolf Winters Werk "Ami go home" gemeint sein. Wie steht es um Charakter und Qualität dieser Veröffentlichungen? Sie können in der genannten Reihenfolge wie folgt eingeschätzt werden: ein renommiertes wissenschaftliches Standardwerk, eine kritische journalistische Arbeit, eine rechtsextremistische verschwörungsideologische Publikation und eine oberflächliche journalistische Streitschrift.«

Die Berufung auf einen rechtextremistischen Autor ist übrigens kein Einzelfall. So stützt sich Deschner an einer Stelle auf den Historiker Harry Elmer Barnes (vgl. S. 230), einem der bedeutendsten Geschichtsrevisionisten und Holocaust-Leugner (bzw. -Relativierer) der USA. Dieser spricht nicht nur die Deutschen in beiden Weltkriegen von der Kriegsschuld frei, sondern bezeichnet die Gaskammern als Nachkriegserfindungen (vgl. Pfahl-Traughber/D. E. Lipstadt). Auf keinen Fall sollen Deschner hier politische Nähen zu diesen Personen unterstellt werden, doch zeigen diese Fälle, dass es offenbar an einer sorgfältigen Auseinandersetzung mit der entsprechenden Literatur mangelte.

Im Kapitel »Die Wallstreet kauft Hitler« (!) fällt Deschner sogar auf eine Fälschung herein. Dieser 7-seitige Abschnitt befasst sich mit unterschiedlichen deutschen und ausländischen Geldgebern der NSDAP und stellt die Finanzierung Hitlers durch die Wallstreet in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Deschner spricht von über 30 Millionen US-Dollar, die durch das Bankhaus Warburg an Hitler geflossen sind (als Gegenleistung für eine aggressive Außenpolitik gegenüber Frankreich (!) (vgl. S.222)), und verweist auf ein 1933 erschienenes und schnell wieder aus dem Handel gezogenen Buch mit dem Titel »De Geldbronnen van het Nationaal-Socialisme. Drie gesprekken met Hitler door Sidney Warburg«. Bei der Schrift handelt es sich nachweislich um eine Fälschung. Herausgeber war der Journalist J. G. Schoup, der wegen unrechtmäßiger Führung des Doktortitels und finanzieller Betrügereien vor Gericht gestanden hatte. Der Verlag zog das Buch binnen kurzer Zeit zurück, weil man um den Ruf des Hauses fürchtete (ausführlich in Pfahl-Traughbers Beitrag »Deschners USA-Bild. Eine kritische Betrachtung zu Der Moloch« in »Aufklärung und Kritik« (9/2004)). Wie schon erwähnt, rechnet Deschner dem Einfluss des Geldes in den USA einen besonderen Stellenwert zu. Hinter nahezu allen politischen Entscheidungen stehen wirtschaftliche Interessen bzw. die US-Hochfinanz bzw. allgemein die »typisch amerikanische« Geldgier. Diese verschwörungsideologische Geschichtsauffassung mündet dann in so vollkommen unsinnige Pauschalisierungen und unhaltbare Übertreibungen wie »Der Revolutionskrieg für die Reichen« (S. 81) oder »Die US-Hochfinanz finanziert die Russische Revolution« (S. 187) oder »Man wird in Erinnerung behalten müssen, dass die Finanzierung des Umsturzes in Russland und der roten Armee durch die US-Hochfinanz geschah« (S. 187) oder »Eine wichtige, vielleicht sogar entscheidende Rolle für den Kriegseintritt der USA [...] spielt das New Yorker Bankhaus Kuhn, Loeb & Co...« (S. 183) oder »Die Wallstreet kauft Hitler« (S. 217) oder »Es waren dieselben Wallstreet-Kreise, die schon 1917 die bolschewistische Revolution finanziert hatten, die auch Hitler beisprangen, in der einzigen Absicht, seine Machtergreifung, seine Aufrüstung, sowie den nächsten Weltkrieg zu ermöglichen und damit für sie noch riesigere Gewinne als im letzten.« (S. 217). Pardon, aber bei so einer monokausalen, ökonomieüberschätzenden Betrachtungsweise kann man nur den Kopf schütteln und sich der Entgegnung Pfahl-Traughbers anschließen: »Selbst wenn gewisse finanzielle Mittel geflossen sein sollten, so lassen sich mit diesen Geldern weder allein noch primär derartige politische Ereignisse erklären«. Und speziell was die Behauptung angeht, Hitler sei quasi eine »Marionette der Wallstreet« gewesen, kommen James und Susanne Pool in ihrem Buch über die Auslandsfinanzierung der Hitlerpartei zu dem Schluss, dass es zwar vielfältige Finanzierungswege gegeben habe, sie aber nicht entscheidend für Hitlers politischen Sieg waren.

Wie eine Selbstverteidigung kommt dann auch ein recht merkwürdig platzierter Einschub im Unterkapitel »Die Wallstreet kauft Hitler« daher: »Die etablierte Geschichtsschreibung [...] vernachlässigt noch immer gerade die wirtschaftlichen Komponenten im globalen Beziehungsgeflecht, die ökonomischen Faktoren als bestimmende Antriebskräfte...« (S. 219). Dieser Vorwurf überrascht, denn er übergeht u.a. die sozioökonomischen Elemente der zweitweise sehr weit verbreiten marxistisch geprägten Geschichtsschreibung (erwähnt sei hierzu nur bspw. Kiyoshi Inoues »Geschichte Japans«).

An Deschners »Moloch« ist vieles ärgerlich. Stellenweise ist das Buch aber auch einfach polemisch bis zur Unerträglichkeit. Ich habe zwar schon einige Zitate eingebracht, möchte aber noch einige unkommentierte Kostproben des Textes nachliefern: »...eine unersättliche Gier nach Land, Macht, Märkten, ein Hunger, der die Yankees über Kontinente und Ozeane treibt« (S. 21), »...jetzt fühlen sie eher Abscheu, Wut, wird doch ihr Heiligstes angetastet - ihr Profit!« (S. 78), »...wie das Yankees ja immer tun« (S. 166), »...behauptet in bewährter Yankee-Heuchelei...« (S. 165), »...ein wahrhaft wundervolles Geschäft, das Geschäft des Jahrtausends« (S. 214), »...den Herrschenden ganz scheißegal« (S. 177) oder »Alles erstunken und erlogen« (S.327). Am deftigsten kriegt der britische Premierminister im Zweiten Weltkrieg, die »Kriegsfurie Churchill« (S. 267) sein Fett weg: »...Churchill, einer der blutgierigsten Deutschenhasser aller Zeiten, ein fetter britischer Bulle, der im Töten von Deutschen das erste Ziel des Krieges sah.« (S. 248). So eine hefige Diffamierung findet sich in seriösen Sachliteratur wohl kaum ein zweites Mal...

Auffallend an Deschners Text ist aber vor allem folgendes: Die Amerikaner stellt er in ein möglichst dunkles Licht, während er ihren zeitweiligen Gegenspielern, wie Engländern, Deutschen oder Japanern bewusst gute Eigenschaften und Beweggründe zuschreibt. Während Deschner die Landnahme der Kolonisten und den Raubkrieg der Amerikaner gegen Mexiko aufs Schärfste angreift, verurteilt er mit keiner Zeile den aggressiven Expansionsmus der Japaner vor und während des Zweiten Weltkriegs oder das grausame Vorgehen gegen die Chinesen. Im Gegensatz: Diesen Landraub bezeichnet er sogar als Erfolg der Japaner (»...dass Japan alle seine bisherigen Erfolge aufgeben müsste« (S. 237)). Das »kleine Japan« (S. 236), das siegreiche (!) Kriege gegen China und Russland führte und nach dem Ersten Weltkrieg »mit nur einigen deutschen Kolonien abgespeist wurde« (S. 236), fühlt sich »mehr und mehr isoliert und bedrängt« (S. 236) von den Engländern und (vor allem) den Amerikanern. Die Japaner geben nach (vgl. S. 236), die japanische Regierung möchte einlenken (»vergeblich«) (S.237), die Amerikaner» reizten jedoch die Japaner immer mehr« (S. 237). Schließlich hat Japan »keine andere Wahl« (S. 239) - Deschner zitiert hier den japanischen Außenminister Shigenori Togo, der nach seinem Bekunden ein »ungewöhnlich kluger Diplomat« (S. 238) war - und muss die USA angreifen, was dann auch ohne vorige Kriegserklärung geschieht. »Die Japaner errangen gewaltige Siege zu Wasser und zu Land« (S. 240) und »die japanische Armee war außerordentlich tapfer« (S. 240), doch gegen die USA, mit einer fast doppelt so großen Bevölkerung etc., »konnte Japan nicht siegen« (S. 240). Bei allem Respekt: Das ist übelster Geschichtsrevisionismus. Durch Weglassen von Informationen, die die Japaner in diesem Zusammenhang kompromittieren könnten, subtilen Formulierungen und der Einbringung von positiven Worten wie »klug«, »tapfer« oder »siegreich«, wird das Bild der Japaner im Zweiten Weltkrieg bewusst geschönt und ihre Kriegsschuld relativiert. Das Japan des Zweiten Weltkriegs aber war ein kulturchauvinistischer, militaristischer und in weiten Teilen auch rassistischer Staat, der eine sogenannte »Großostasiatische Wohlstandssphäre« unter japanischer Vorherrschaft anstrebte. Dieser imperiale Traum sollte schließlich durch Angriffskriege und der Einsetzung von pro-japanischen Marionettenregierungen in die Realität umgesetzt werden. Nach dem Prinzip »Actio et reactio« war ein Zusammenstoß mit anderen Mächten und Großmächten dabei eine vorhersehbare Konsequenz. Was Kriegsschuld anbelangt, so ist die vorhersehbar apologetische Aussage eines japanischen Spitzenpolitikers und Kolonialministers (Shigenori Togo) übrigens von zweifelhafter Qualität.

Ähnlich verfährt Deschner mit den Engländern, den sklavenhaltenden Konföderierten, den Sowjets und den Deutschen. Deschner reagierte zwar mit großer Empörung auf Pfahl-Traughbers Aussage, dass sich der Kirchenkritiker in dem »Moloch« in eine »Geschichtsbetrachtung mit deutschnationalen Zügen« versteige, und blockte diese in einer Erwiderung als »zu absurd, um von mir widerlegt zu werden« ab. Aber auch in diesem Punkt kann ich Pfahl-Traughber nur beipflichten. Während er den Deutschen anscheinend pauschal Eigenschaften wie Verlässlichkeit (vgl. S. 214) und Tüchtigkeit (vgl. S. 215) zuschreibt, stilisiert er die Amerikaner als »In-die-Suppe-Spucker« und »Spielverderber«, die Deutschland »durch ihren Kriegseintritt 1917 in den Abgrund gerissen [haben]« (S. 214). Ein Unterkapitel über den Ersten Weltkrieg, in dem Deschner mit geradezu schwärmendem Beiklang über die anfänglichen Siege der deutschen Truppen schreibt, trägt den bezeichnenden Titel »Erst die USA zwangen Deutschland 1918 zu Boden« (S. 190). Mit dieser Überschrift greift er also schon das Feindbild voraus. Im letzten, abschließenden Unterkapitel zum Ersten Weltkrieg wiederholt er fast schon mit bedauerndem Unterton noch einmal sein Resümee: »Kaum ein Zweifel, dass nur das Auftauchen der amerikanischen Riesenarmee auf dem europäischen Kriegsschauplatz die Mittelmächte in den Untergang riss« (S. 198). Das selbe Spiel im Kapitel zum Zweiten Weltkrieg: Wenn Deschner schreibt »Und obwohl Hitler wohlweislich alles vermied, Amerika einen Grund zum Kriegseintritt zu geben, steuerte Roosevelt voll darauf zu« (S. 234) argumentiert er nicht differenzierend, sondern behauptet pauschal, Hitler habe keinen Krieg gegen die USA gewollt, Roosevelt aber einen Krieg gegen Deutschland angestrebt. Genauso mit dem Satz »Roosevelt provozierte Deutschland fortgesetzt, um endlich Krieg führen zu können« (S. 234). Deschner zufolge haben die Amerikaner nicht nur die deutsche Nation 1917/18 »kaputtgeschossen«, sondern ihr auch im Zweiten Weltkrieg »den Rest gegeben« (vgl. Formulierungen auf S. 214).

Es gibt zahlreiche weitere Punkte in Deschners USA-Geschichte, mit welchen man sich detaillierter auseinandersetzen könnte. Aus Platzgründen sei hier lediglich noch fragmentarisch auf fünf Punkte eingegangen, die ich mir beim Lesen des Buches herausgeschrieben habe:

Angefangen mit dem harmlosesten: Im letzten Unterkapitel zum Ersten Weltkrieg kommt Deschner nach Nennung von drei Fällen (bzw. zwei) in denen sich US-Präsident Wilson geografisch vertan hat zum Gesamturteil »Überhaupt waren die Geographiekenntnisse der Yankees, was Europa (und darüber hinaus) betrifft, einfach stupend« (S. 195). Jetzt könnte man sich natürlich fragen, welcher Europäer aus dem Stand die Stadt Rastatt (die Wilson, laut Deschner, für einen rheinischen Brückenkopf hält) korrekt lokalisieren könnte und ob es sich dabei nicht eher um mangelnde Vorbereitung, als um fehlende Geografiekenntnisse handelt. Wie dem auch sei, in einem weiteren Beispiel passiert Deschner ironischerweise selbst ein Irrtum: Bei der Schreibung »Heligoland«, die er dem amerikanischen Außenminister Lansing als Fehler anlastet, handelt es sich einfach um die englischsprachige Version des Inselnamens.
Nebenbei bemerkt gibt es im politischen System der USA streng genommen auch keine »Minister«. Bei diesen Kabinettsmitgliedern handelt es sich um Sekretäre des Präsidenten (»Außenminister« wäre der »Secretary of State«) mit beratender Funktion (vgl. Informationen zur politischen Bildung 283 (2004): Politisches System der USA). Da im »Moloch« keine Analyse des US-amerikanischen politischen Systems erfolgt, wird diese Information und damit auch der Hinweis auf die starke Machtverschränkung in der Person des US-Präsidenten übergangen.

Auf Seite 271 heißt es dann: »Die USA sind bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in vielen Ländern Europas weder sehr bekannt noch sehr angesehen gewesen. Man kannte sie kaum besser als China, Südafrika oder Australien. Und bis ins 20. Jahrhundert hinein dachte man über sie in Europa fast ausnahmslos negativ...«. Dem wage ich sehr zu widersprechen. Allein wenn man die Beliebtheit eines Landes an ihrer Einwandererzahl misst, trifft dieses Pauschalurteil nicht zu. Vergleicht man beispielsweise die durchschnittliche Immigrationszahl der Vereinigten Staaten mit der von Australien im Zeitraum von 1831 bis 1860, kommt man zu dem Ergebnis, dass schon damals neunmal mehr Menschen in die USA (i.D. 165000 Einwanderer jährlich) ausgewandert sind, als nach Australien (18200 Einwanderer)(vgl. Adams: Fischer Weltgeschichte. Die Vereinigten Staaten von Amerika, Vamplew: Australians. Historical Statistics). Dass die Einwanderungszahl im frühen 19. Jhd. gering war, hat nicht nur mit den Napoleonischen Kriegen und der Kontinentalblockade zu tun, sondern auch mit den anfangs sehr hohen Überfahrtskosten (über 3000 Meilen Schiffsweg). Auch ist es ein absolutes Fehlurteil, das man über die USA »bis ins 20. Jahrhundert (!) [...] fast ausnahmslos negativ« dachte - dies war vielleicht nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland und dann eher in deutschnationalen Kreisen der Fall. Die deutsche Auswanderung nach den Vereinigten Staaten erreichte ihren Höhepunkt mit einer Viertelmillion (!) im Jahre 1882 (vgl. Adams). Oft verband man mit der Auswanderung in die USA die Hoffnung auf eine besseres Leben. Dass die Löhne in Amerika stets höher waren, als in der Rest der Welt, war ein wichtiger Faktor für die Auswanderung. Aber: »Nicht alle Einwanderer waren jedoch Opfer ihrer wirtschaftlichen Lage. Seit Beginn der amerikanischen Geschichte sind zahlreiche Menschen aus politischen, religiösen und kulturellen Gründen in die Neue Welt gekommen« (Adams, S. 187).

Was man auch im Zusammenhang mit der "deutschnationalen Geschichtsschreibung anführen könnte, ist der Abschnitt »Teheran oder Möglichst viele Deutsche töten« (!) (S. 246). Wie es der Titel schon andeutet, geht es um die Teheran-Konferenz Ende 1943, bei er sich die alliierten Hauptführer Churchill, Roosevelt und Stalin zusammenfanden, um ihr weiteres Vorgehen abzustimmen. »Natürlich klangen [...] die verschiedensten Themen an« und auch »die Zerschlagung Deutschlands wurde selbstverständlich ventiliert« (S. 247), aber bei aller Meinungsverschiedenheit war man sich, so Deschner, einstweilen darin einig, »die Deutschen in Massen umzubringen, in möglichst großen Massen; je mehr desto besser« (!) (S. 247). Roosevelt, so weiter im Text, soll seinem Sohn Elliott in Teheran gestanden haben, dass »die einfachste Methode, um möglichst viele Deutsche unter möglichst geringen eigenen Verlusten zu töten, darin bestehe, eine große Offensive aufzubauen und dann mit allen Mitteln zuzuschlagen, die uns zur Verfügung stehen...« (S. 248). Das ist vermutlich so ein innovatives »Faktum«, das vielen Lesern in noch keinem Buch begegnet ist. Da keinerlei Quellenangabe auf den Ursprung dieses ominösen und auch inhaltlich unsinnigen »Zitats« hinweist, kann man nur darauf schließen, dass es entweder direkt aus dem »Völkischen Beobachter« entnommen wurde, oder aus neuerer rechtsextremistischer »Enthüllungsliteratur« - unreflektiert und ungeprüft. Kernaussage dieses Unterkapitels ist jedenfalls, dass die alliierte Führung (allen voran US-Präsident Roosevelt) nicht auf eine Niederringung eines verbrecherischen und Angriffskriege führenden Regimes aus war, sondern schlicht »möglichst viele Deutsche töten« wollte.

Weiter schreibt Deschner, der Koreakrieg sei die Folge der russlandfeindlichen US-Politik (!) (vgl. S. 284) gewesen, und schickt dieser Auffassung nicht einen einzigen erläuternden Satz hinterher. Bei der nur zweieinhalb Seiten langen Beschreibung des Koreakrieges vergisst er nicht darauf hinzuweisen, dass es sich bei Südkorea um ein »diktatorisches Regime« unter Führung des Antikommunisten Syngman Rhee handelte. Auf eine Beschreibung Nordkoreas verzichtet er aber komplett und erwähnt nicht dass ein gewisser Kim Il-sung diktatorischer Machthaber des kommunistischen Nordens war, 1950 den Angriffsbefehl gab, sogenannte »Umerziehungslager« errichtete und seinen Sohn Kim Jong-il nach über 40-jähriger Alleinherrschaft in die Führung hievte.

Und im Vietnam-Kapitel, das wohl das größte Potential für eine Amerikakritik bietet, versteigt sich Deschner zu der Aussage: »Hitlers SS hatte Lidice vernichtet - in Vietnam hat man "ganze Ortschaften ausgetilgt" (Egon Larsen)« (S. 337). Das läuft darauf hinaus, dass die US-Amerikaner schlimmer waren als die Nationalsozialisten und ist im Gesamtkontext nicht nur eine unzulässige Verallgemeinerung, sondern auch tendenziell falsch. Lidice war nämlich mitnichten die einzige, von Hitlers SS-Mordtruppen vernichtete Gemeinde (wie die Formulierung es vorgibt): Allein auf der Krim wurden über 80 jüdische Gemeinden ausgelöscht (vgl. Gilbert: Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden). Überhaupt wirkt das Vietnamkriegs-Kapitel aufgrund der vorherigen pauschalisierenden, dämonisierenden oder übertriebenen Aussagen zu anderen historischen Ereignissen und dem polemischen Stil geradezu »entkräftet«.

So sehr man Deschners Ruf nach Aufklärung und Kritik zustimmen muss und so sehr die Kritik an mehreren Punkten der US-amerikanischen Geschichte durchaus berechtigt ist, sowenig gelingt Deschner mit dem »Der Moloch« eine fundierte, stilistisch ansprechende (kritische) Darstellung der US-Geschichte und -Gesellschaft. Die amerikanische Gesellschaft lässt sich nicht einfach auf Geldgier, Gewalttätigkeit, Kaugummi und Rockmusik reduzieren. Dass Deschner im Moloch vor keiner noch so abgedroschenen Formulierung und Argumentaufbietung zurückschreckt um dass so hinzubiegen, lässt einen mehr als nur einmal verärgert an den Kopf fassen. Pfahl-Traughber beendet seine Langrezension zum Buch mit folgenden treffenden Worten, denen ich abermals nur beipflichten kann - ausdrücklich auch seinem »versöhnlichen« Schlusssatz:
»"Der Moloch" [...] bringt weder formal noch inhaltlich Neues, ähnlich gestrickte Bücher sind mitunter besser, mitunter schlechter - aber sie vermitteln kaum innovative Einsichten und wirklichen Erkenntnisgewinn, allenfalls befriedigen sie emotionale Ressentiments und stereotype Feindbilder. Statt der Arbeit an "Der Moloch" wäre ein weiterer Band der "Kriminalgeschichte des Christentums" ein lohnenderes publizistisches Projekt gewesen.«
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 13.02.2013 00:28:00 GMT+01:00
Marc meint:
Danke für Ihre Arbeit. Ich bin ein wenig schockiert - ich werde die Kriminalgeschichte des Christentums nun leider mit anderen Augen sehen.

Veröffentlicht am 27.02.2013 17:48:28 GMT+01:00
skalde meint:
Warum sollte der Tonfall nüchtern, sachlich sein, wenn es sich um Aufarbeitung von Massenmord handelt? Nichts anderes war die gezielte Ermordung der amerikanischen Ureinwohner. Ausgehend von dieser Vernichtung und des Landraubes ist eine emotionale herangehensweise ob diesen Unrechts durchaus angebracht. Eine andere Sichtweise erschließt sich mir nicht.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.03.2013 00:54:29 GMT+01:00
PikAss meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 08.06.2014 14:52:12 GMT+02:00
Ralph meint:
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