Kundenrezension

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Finden Sie ihren persönlichen Ort der Umkehr!, 23. September 2013
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Rezension bezieht sich auf: Die grosse Scheidung: Oder zwischen Himmel und Hölle (Broschiert)
"Die große Scheidung" ist ein Buch über den Glauben. Sein Autor (der übrigens ein Clive ist und nicht eine Cecil, wie das von Amazon irreführend angegeben ist), der den Lehrstuhl für Englische Literatur des Mittelalters und der Renaissance an der University of Cambridge inne hatte, war in seiner Jugend ein überzeugter Atheist. Erst 1931 bekannte er sich zum Christentum und trat der anglikanischen Kirche bei. Als ich sein Buch das erste Mal las, ist mir gar nicht bewusst gewesen, wie wichtig diese Information für dessen Verständnis ist. Für mich war dies eine in der Tradition der "Göttlichen Komödie" verfasste Geschichte, die über eine Busreise durch das Jenseits berichtet, an der der Ich-Erzähler zusammen mit anderen Bewohnern der "Grauen Stadt" teilnimmt. Ein Bus holt sie ab, sie fahren in den "Vorhimmel", begegnen dort Geistwesen, die ihnen das Angebot machen, in den Himmel aufzusteigen, und sie haben eine Wahl zu treffen - entweder gehen sie mit oder sie kehren zurück in die Graue Stadt. Beide Wege stehen ihnen offen, sie müssen sich nur für den einen oder für den anderen Weg entscheiden. So weit so gut.

Dass es sich dabei um ein klassisches religiöses Motiv handelt, liegt klar an der Hand, jeder Mensch, der religiös erzogen wurde, weiß, dass er irgendwann an einem Punkt ankommen wird, wo entschieden wird, ob er in den Himmel aufgenommen wird, oder in der Hölle landet. Doch in der traditionellen Symbolik geschieht dies im Rahmen eines Gerichtes, wo ein Richter - sei es ein Christus, sei es ein Osiris - seine guten und bösen Taten (bzw. sein Herz) auf einer Waage wiegt. Überwiegen die guten Taten, steht ihm der Weg in den Himmel (via Paradies) frei, überwiegen die Sünden, kriegt er lediglich eine Aufenthaltserlaubnis für die Läuterungssphären, wo er die Chance bekommt, sich zu reinigen,um dem Schicksal der unverbesserlichen und uneinsichtigen Sünder zu entgehen, der Hölle. Bei Lewis gibt es aber kein "letztes Gericht" in diesem Sinne. Die Boten des Himmels plaudern gemütlich mit den Reisenden, erklären ihnen das Wesen ihrer Verfehlungen und stellen ihnen am Ende eine simple Frage: wo willst du hin? Kein Gericht also, keine Strafe und kein Preis, keine Beichte und keine Absolution. Nur eine simple Frage - willst du zurück in die Graue Stadt, den Vorhof der Hölle, oder willst du bleiben und mit unserer Hilfe auf den Berg der Erlösung ("der Seligkeit") empor zu steigen? Du hast die Wahl.

Soweit ich es inzwischen beurteilen kann, handelt es sich hier um die symbolische Darstellung der evangelischen Prädistinationslehre, deren Verständnis den Katholiken viel Kopfzerbrechen bereitet. Prädistination bedeutet so viel wie Vorbestimmung. Als ich zum ersten Mal von diesem Prinzip hörte, fragte ich mich verwirrt, was das heißen soll - bestimme Gott etwa willkürlich, wer "erlöst" und wer "verdammt" wird, ungeachtet der guten und der bösen Taten des Menschen??? Inzwischen ist mit bewusst geworden, dass damit etwas anderes gemeint wird, als ich dachte: ob ein Mensch erlöst wird oder nicht, bestimmt weder ein "willkürlicher" noch ein "gerechter" Gott, sondern der Mensch selbst. Und zwar, indem er sich entscheidet, ob er das Angebot der Erlösung annehmen will oder nicht. Ob man das "freien Willen" nennen kann? Ja und nein. Ja, denn der Mensch darf sich für einen der beiden Wege frei entscheiden. Nein, denn die Entscheidung ist vorbestimmt. Das ist der Kern dieser Lehre: die Vorbestimmung (Unfreiheit) des Menschen besteht darin, dass er sich entscheiden MUSS. Seine Freiheit besteht dagegen darin, dass er die Wahl treffen darf, wofür er sich entscheidet, d.h. wie er leben will: mit Gott oder ohne Gott.

"Am Ende gibt es eben nur zwei Sorten von Menschen. Die, die zu Gott sagen: 'Dein Wille geschehe' und die, zu denen Gott sagt: 'Mein Wille geschehe'.", heißt es in dem Buch.

Hat man sich nun für Gott entschieden, bedeutet es allerdings nicht, dass man automatisch eine Freikarte in den Himmel erhält. Den Himmel erreicht man nur auf dem "rechten Weg" , gibt uns Lewis zu verstehen, und falls man abgedriftet ist, muss man umkehren. "Eine falsche Summe kann berechtigt werden, doch nur dadurch", schreibt er, "dass wir zurückgehen, bis wir den Irrtum finden, und von diesem Punkt an von neuem addieren, nicht aber dadurch, dass wir einfach damit fortfahren". Anders formuliert: "Böses kann rückgängig gemacht werden, aber es kann sich nicht zum Guten entwickeln. Die Zeit heilt nicht". So bleibt uns, an dieser Stelle angekommen, nichts anderes übrig, als "das Böse" zu definieren. Denn solange wir "das Böse" falsch definieren, können wir auch "den Irrtum" unseres Lebens, den Punkt der persönlichen Umkehr, nicht finden.

Anders als ein Katholik, der das Böse (die Sünde) im Sinne des Übertrittes eines Verbotes oder der Verletzung eines Gebotes versteht, definiert es Lewis nicht im moralischen Sinne, sondern als den luciferischen "Abfall von Gott", den jeder Mensch vollzieht, indem er sagt/denkt/fühlt oder tut etwas nach dem Motto: "Ich gehöre mir selbst." Lewis veranschaulicht das sehr gut am Beispiel eines Malers. Im Vorhimmel angekommen, ist er so begeistert, dass er sofort malen will. "Wie bald, meinen Sie" - fragt er den ihn betreuenden Geist, "kann ich mit dem Malen anfangen?" Der Geist lacht: "Begreifst du denn nicht, dass du überhaupt nie malen wirst, wenn du deine Gedanken darauf richtest?" Der Künstler kann das nicht begreifen: "Aber das ist nun einmal die Art, wie ein Künstler an einem Land interessiert ist", antwortet er verwirrt. Die Antwort, die er erhält, erklärt ihm seinen "Irrtum" (zeigt ihm die Gabelung, auf der er den falschen Weg eingeschlagen hat): "Nein, du vergisst", sagt der Geist, "so hast du nicht angefangen. Das Licht selbst war deine erste Liebe. Du hast das Malen nur als Mittel geliebt, vom Licht zu erzählen". Der Künstler gibt es zu, jetzt interessiere ihn das Malen um seiner selbst willen. Und das sei falsch, bekommt er zu hören: "Jeder Dichter und Musiker und Künstler wird, wenn ihm die Gnade nicht hilft, abgezogen von der Liebe zur Sache, von der er erzählt, hin zur Liebe zum Erzählen, bis sie dann, in der tiefen Hölle, sich überhaupt nicht mehr für Gott interessieren können, sondern nur für das, was sie von ihm sagen (..) Sie sinken tiefer - sie fangen an, sich für ihre Persönlichkeit zu interessieren und dann für nicht als für ihren eigenen Namen"...

Versuchen wir nun, diese Erklärung auf das Prinzip der Religion zu übertragen: "Deine erste Liebe war Gott, aber inzwischen hast du Gott aus den Augen verloren, uns statt für Gott, lebst du nur für sich." Als ich zu dieser Erkenntnis kam, habe ich verstanden, was Lewis mit der Hölle meinte. Nein, sie sei kein Feuermeer, wo die Sünder gequält werden, sondern ein Ort, wo all die Menschen landen, die sich für sich selbst, statt für Gott entscheiden, die "sich selbst gehören" wollen, die nicht "Gottes Willen", sondern ihren eigenen Willen geschehen lassen möchten. Das ist die Graue Stadt. Die Vorhölle. Eine Welt ohne Gott.

Liest man nun dieses Buch vor diesem Hintergrund, so wird Einiges klar: wer sich entscheidet, in der Hölle (d.h. für sich selbst zu leben), verlässt den Weg, der in den Himmel führt. Was Eintritt in den Himmel gewährt, sind demnach nicht die guten Taten (ethisches Verhalten, Leben nach dem Gesetz etc.), sondern das Bekenntnis zu Gott: "Vater, ich gehöre Dir." Als ich dies begriff, konnte ich besser die Bedeutung der einzelnen Szenen dieses Buches verstehen! Ich versuche das am Beispiel der Geschichte von der Mutter zu erklären, die sich wünscht, dass ihr Sohn, der z. Z. im Himmel verweilt, mit ihr in die Graue Stadt zurückgeht. Als sie erfährt, dass Sie ihren Sohn nicht sehen wird, rebelliert sie: "Die Mutterliebe sei das höchste und heiligste Gefühl in der menschlichen Natur" (...) Und: "Ich glaube an einen Gott der Liebe. Keiner hat das Recht, zwischen mich und meinen Sohn zu kommen. Auch nicht Gott. Sage ihm das ins Gesicht. Ich will meinen Jungen haben, und ich werde ihn bekommen. Er ist mein, verstehst du? Mein, mein, mein, für immer und ewig". Darin irrt sie sich. Zum ersten, ihr Sohn gehört ihr nicht, er gehört Gott (deshalb lebt er ja jetzt im Himmel), also sie will quasi Gott "seinen Sohn" abwerben. Und zum Zweiten, sie hat ihrem Sohn den Platz zugewiesen, der Gott gebührt. Der Lichtgeist versucht, ihr das zu erklären: "Du wirst dicht genug sein, um vom Michael wahrgenommen zu werden, sobald du erst gelernt hast, nach anderem als nur nach Michael zu verlangen (...) Nur den kleinen Keim eines Verlangens nach Gott brauchen wir, um den Prozess einzuleiten". Sie kann das nicht verstehen. Sie kann nicht begreifen, dass Gott "nicht ein bloßes Mittel in Bezug auf Michael sein kann". Und das heißt: Sie kann ihren persönlichen Ort der Umkehr nicht finden. Sie geht freiwillig in die Vorhölle zurück, kehrt zurück in die Graue Stadt.

Ich habe ähnliche Gedanken in den Büchern der russischen Heilers Lazarew gefunden, der seine Patienten immer wieder mahnt, sie sollen "Gott mehr lieben als alles andere", wenn sie von ihren Krankheiten und dem Unglück geheilt werden wollen. Auch er wird von vielen Menschen nicht verstanden, weil er damit alle "irdischen Werte" meint, auch die, die als "höhere Werte" bezeichnet werden und die als "heilig" gelten: also nicht nur Geld, Macht und Gier, sondern auch Patriotismus, Ideale, Religiosität, ethisches Handeln oder - wie in diesem Fall - Mutterliebe. Sie werden dämonisch und krankmachend, behauptet Lazarew, wenn sie nicht die Liebe zu Gott als Grundlage haben. Lewis denkt ähnlich, indem er erklärt, warum einer Mutter der von ihr abgöttisch geliebter Sohn genommen werden musste: "Das einzige Heilmittel war, den Gegenstand fortzunehmen. Es war ein Fall von Chirurgie". "Keine natürlichen Gefühle sind in sich selbst hoch oder niedrig, heilig oder unheilig", sagt er. "Sie sind alle heilig, wenn Gottes Hand die Zügel hält. Sie alle werden schlecht, wenn sie ihren eigenen Hausstand gründen und sich zu falschen Göttern machen."

Fazit: "Die große Scheidung" ist kein leichtes Buch, das man so nebenbei lesen kann. Will man von seinem Gedankengut profitieren, muss man über jede seiner Geschichten nachdenken, auch darüber, warum so viele Menschen sich entscheiden, in die Graue Stadt zurückzukehren. (Nach Milton: "Weil es einfacher ist in der Hölle zu herrschen als im Himmel zu dienen.") Ilona Banet
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 17.10.2013 23:24:17 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.10.2013 23:24:40 GMT+02:00
Karsten Meyer meint:
Es stimmen zwei Dinge in der Rezension nicht: Es gibt einen Ort für die Uneinsichtigen. Lewis hat es an einer Stelle beschrieben "Es ist die Frage, ob die Frau nörgelt oder ob nur noch ein Nörgeln da ist. In letzteren Falle muß es ausgelöscht werden".
Das zweite ist, das man einen Preis zu entrichten hat, wenn man weiter auf dem Weg in den Himmel gehen will. Man muß von dem, was einen in der Hölle hält lossagen, bzw. aufgeben, damit man von den Durchsichtigen zu den Körperlichen werden kann.
"Nichts, nicht das beste kann in den Himmel gelangen, bevor es nicht umgewandelt wurde".

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.10.2013 19:47:40 GMT+02:00
Danke für die Ergänzung. I.B.
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