Kundenrezension

24 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Frage bleibt: Gibt es eine Verantwortung des Menschen als Menschen, eine Verantwortung, die jeder Mensch hat ?, 29. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Moralische Grundbegriffe (Taschenbuch)
Und gibt es bestimmte Handlungen, durch die er sie verletzt?"(Spaemann)

Leser, die sich bei solchen Fragen entsetzt abwenden, werden schwer Zugang zu diesem Text finden.

Autor dieses Buches ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität in München.
Innerhalb von acht Kapiteln handelt er die wichtigsten Grundfragen der Moral ab. Dabei bemüht er sich dem Leser ethisches Denken durch einfache Darstellung begreifbar zu machen und fragt beispielsweise:
Sind Gut und Böse relativ? Heiligt der Zweck die Mittel? Was macht eine Handlung gut? Was ist ein gelungenes Leben?

Spaemann verdeutlicht, dass gut leben, im Sinne von richtig leben bedeutet, dass man seine Vorlieben in die richtige Rangordnung bringt. Er lässt nicht unerwähnt, dass nur die Rangordnung richtig ist, bei der der Mensch glücklich und mit sich selbst in Freundschaft lebt. Dies aber darf nicht auf Kosten seiner Nächsten geschehen.

Ähnlich wie Epikur meint der Autor, dass es sinnvoll ist seine Begierden gering zu halten, denn der Grad des Glücksgefühls steht in enger Beziehung zum Erwartungshorizont. Der Philosophieprofessor konstatiert, dass Menschen, die sich an die Befriedigung vieler differenzierter Bedürfnisse gewöhnen auf Dauer nicht mehr Vergnügen daraus ziehen, als diejenigen, die bescheidene Bedürfnisse haben. Es stellt sich also die Frage, ob sich der ganze Aufwand lohnt, den mancher betreibt?

Auch die Endlichkeit des Lebens wird thematisiert und es wird deutlich gemacht, dass ohne Sorge um das vom Ende bedrohte Leben ein erfülltes Dasein nicht möglich ist.

Solange der Mensch lebt strebt er nach Lustgewinn und Wohlbefinden, aber er strebt auch nach Selbsterhaltung. Schon Freud wusste, dass die Grenzen des Lustprinzips im Realitätsprinzip liegen.
Die Herausführung aus der animalischen Befangenheit in sich selbst, die Objektivierung und Differenzierung seiner Interessen und damit die Steigerung seiner Fähigkeit zu Lust und Schmerz wird "Bildung" genannt. In diesem Zusammenhang unterstreicht der Autor, dass derjenige, der zwar gelernt hat sein Interesse zu vertreten aber sich dabei für nichts von ihm Unterschiedenes interessiert, kein glücklicher Mensch sein kann. Deshalb sind Bildung, Herausbildung objektiver Interessen, Wahrnehmung des Wertgehaltes der Wirklichkeit essentielle Bausteine eines gelungenen Lebens.

Wie wird man anderen und sich selbst bei seinem Bemühen um ein gutes Leben gerecht?

Gerechtigkeit, so Spaemann kann jedem jederzeit abverlangt werden, weil das Postulat der Gerechtigkeit nur erforderlich macht, dass man die eigenen Wünsche, Vorlieben und Sympathien relativiert. Hinreichend ist ein Rechtfertigungsgrund für eigenes Handeln dann nicht, wenn es den eignen Interessen zwar dient, aber zeitgleich die Interessen anderer betroffen sind. Vorrang können eigene Interessen nur dann haben, wenn sie inhaltlich wichtiger sind. Wenn die Interessen anderer wichtiger sind, haben konsequenterweise andere den Vorrang. Gerecht ist der, welcher bei Interessenkonflikten darauf achtet, um welche Interessen es sich handelt und die Bereitschaft zeigt, davon abzusehen, wessen Interessen auf dem Spiel stehen. Gerechtigkeit ist ein Aspekt bei der Verteilung knapper Güter innerhalb bereits bestehender und institutionalisierter Beziehungen. Es ist zwar zumeist einfach relevante von nicht relevanten Verteilungskriterien zu unterscheiden, aber was macht man, wenn relevante Gesichtspunkte miteinander konkurrieren? Spaemann erklärt den Unterschied zwischen proportionaler und arithmetischer Gleichheit und verdeutlicht, dass Proportionalität in enger Beziehung zur christlichen Nächstenliebe steht.

Gerechtigkeit ist die Anerkennung, dass jeder Mensch um seiner Selbst willen Achtung verdient. Wissen und Liebe sind Grundvoraussetzungen um gerecht zu handeln.

Spaemann reflektiert Begriffe wie "Gesinnungsethik" und "Verantwortungsethik" und lässt nicht unerwähnt, dass der Utilitarismus an der Komplexität und Undurchschaubarkeit der langfristigen Folgen moralisch scheitert und nicht selten das Gewissen zugunsten von Ideologien oder Technokraten entmündigt.
Wo liegt die Verantwortung des Einzelnen? Wann ist sein Handeln gut? Wann ist sein Wille gut? Muss man seinem Gewissen folgen? Wie entsteht das Gewissen?

All diese Fragen versucht Spaemann zu beantworten und zwar so, dass der Leser problemlos versteht, worum es geht. Wichtig ist, dass es kein Gewissen gibt ohne die Bereitschaft, dieses Gewissen zu bilden und zu informieren. Dennoch ist unklar, woher das Gewissen( das Organ für Gut und Böse) kommt, aber man weiß, dass es sich nur schwer ausformen kann, wenn Kinder schon früh an das Recht des Stärkeren ausgeliefert sind. Dann verlieren sie den Sinn für Fairness, das Zartgefühl und die Offenheit. Wo Kinder " durch Drohung eingeschüchtert, lernen, dass man lügen muss, um davonzukommen oder wo sie erfahren , dass die Eltern ihnen die Unwahrheit sagen und die Lüge im täglichen Leben ein normales Instrument des Fortkommens ist, da verschwindet der Glanz und es bilden sich nur Kümmerformen des Gewissens."(S.80)

Ein hochinteressantes Bändchen, das viel mehr bietet, als ich soeben angerissen habe.
Gefallen hat mir, das Spaemann mit einfachen Worte schwierige Problemkreise verständlich darstellt, höchst selten große Philosophen bemüht und davon absieht diese zu zitieren, selbst Kants kategorischer Imperativ wird von ihm fast spielerisch in den Text eingebaut.

Sehr zu empfehlen, auch für Menschen, die bei folgenden Sätzen ungehalten reagieren:
"Es gehört zu Natur eines Versprechens, dass man es halten muss. Der andere verlässt sich darauf. Damit er sich darauf verlassen kann, hat man überhaupt versprochen." ( S. 92 )
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.04.2008 10:29:45 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.04.2008 10:48:57 GMT+02:00
kpoac meint:
"Man kann kein Mensch sein ohne einen anderen Menschen". Das schrieb Menasse in seinem Roman vom Don Juan aus der Mancha, Sie erinnern sich. Und Spaemann sagt, Durch den anderen wird der Mensch, was er ist. Daher gibt es eine Verantwortung. Als Antwort auf Ihre Frage. Gelungene Rezension.
Gruss

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.04.2008 14:21:46 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 23.01.2013 21:56:38 GMT+01:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.01.2013 21:19:41 GMT+01:00
n meint:
Bei Verlässlichkeit muss ich immer an Edzard Schaper denken, haben Sie die Biographie über ihn gelesen, die endlich! geschrieben wurde?
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