Kundenrezension

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Debattenbeitrag und Schlüsselroman, Unterhaltungswerk und auch Rechtfertigung - Leon de Winters neuer Roman ist großartig!, 22. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Ein gutes Herz. Roman (Gebundene Ausgabe)
Seit nunmehr nahezu dreißig Jahren liefert Leon de Winter gleichbleibend gute Unterhaltung auf stilistisch hohem Niveau und schafft es dabei, immer wieder Themen und Sujets aufzugreifen, die Brisanz versprechen. Er ist ein politischer Autor, der sich nicht scheut, als Jude durchaus in Europa eher unpopuläre Positionen zu Nahostfragen, zum Verhalten des Staates Israel oder dem der Palästinenser und auch zu solchen von Krieg und Frieden in der Region einzunehmen. Dies merkt man weniger in seinen Büchern (obschon da auch), als in den Essays, die hierzulande regelmäßig z.B. vom SPIEGEL abgedruckt werden. Diese Essays haben de Winter unter Liberalen den Ruf eines schwerst Konservativen, unter Linken den eines üblen Rechtsauslegers eingebracht. Da de Winter in seiner Familiengeschichte nicht nur auf die Rettung seiner Eltern durch katholische Priester, sondern leider auch auf Angehörige verweisen kann, die in den Todeslagern der Nazis umgekommen sind, sollte man vielleicht als Deutscher grundsätzlich vorsichtig mit der Beurteilung sein, wie ein Jude das Verhalten Israels beurteilt. Vielleicht sollte man auch vorsichtig sein, Israels Verhalten generell zu beurteilen, doch ist das eine andere Geschichte.

Das Jüdische spielte bei de Winter immer eine Rolle, doch nur in einigen seiner Romane wurde es politisch explizit. Dennoch brachte es ihm den Vorwurf ein, er nutze sein Jüdisch-Sein aus; mehr noch, er "schlachte" es aus - warf ihm z.B. der niederländische Künstler, Publizist und Filmemacher Theo van Gogh vor. Dieser Theo van Gogh wurde in Deutschland einem breiteren Publikum erst 2004 ein Begriff, nachdem er von dem Islamisten Mohammed Bouyeri an einem diesigen Novembermorgen auf offener Straße regelrecht abgeschlachtet worden war. Van Gogh hatte gemeinsam mit der Menschen- und Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali den Film "Submission" gedreht, der massiv das islamische Patriarchat und somit die Religion grundsätzlich angriff. Doch war van Gogh auch ein grundsätzlicher Provokateur, ein Satiriker, vor dessen strengen Urteilen niemand sicher war; andere sagen auch, er sei ein Kotzbrocken gewesen, unsympathisch und menschenfeindlich. Wahr und belegt ist jedenfalls, daß er und de Winter seit den frühen 80er Jahren herzlichst miteinander verfeindet waren, obwohl man meinen sollte, diese beiden zögen am selben Ende eines Stranges.

Nun begegnet uns Theo vam Gogh auf den ersten Seiten des neuen Buchs von Leon de Winter, "Ein gutes Herz". Er sitzt seit seiner Ermordung in einer Art Pugatorium und weigert sich, "weiterzugehen". Ihm wird eine Art "Leiter" zur Seite gestellt, der ihm helfen soll, im Himmel (oder der Hölle) zumindest wieder Vollständigkeit zu erlangen, denn momentan hat man es lediglich mit seinem Kopf zu tun, der sich aber mit all dem amüsiert, was er auch auf Erden schon gern tat: Saufen, Rauchen und unflätige Beleidigungen ausstoßen. Dieser van Gogh nun soll, um endlich mal voran zu kommen in seinem neuen und endgültigen Heim, als Schutzengel fungieren für einen gewissen Max Kohn. Dieser Max Kohn wiederum war lange Zeit einer der führenden Drogenbarone der Niederlande, wenn auch "nur" spezialisiert auf "weiche" Drogen. Doch hat er vor 10 Jahren mit all dem aufgehört, als er und seine damalige Freundin - seine große Liebe - Sonja von einem Sonderkommando aus dem Bett geholt wurden wegen der Ermordung zweier Jugoslawen. Die allerdings waren - ohne dessen Wissen - von Kohns rechter Hand Kichi, einem marokkanischen Berber, beseitigt worden. Kohn ging daraufhin in die USA, sein Kompagnon in den Knast und Sonja verschwand irgendwo...nun ist sie die Freundin eines holländischen Schriftstellers namens Leon de Winter, der von seiner Frau Jessica Durlacher verlassen wurde und sich dieses neuen Glücks erfreut. Hätte Sonja bloß nicht solche Angst vor Kohn, den sie für das Böse schlechthin hält. Kohn seinerseits hat in Amerika ein neues Herz bekommen - und zwar ausgerechnet jenes von van Goghs "Leiter" im Himmel - Jimmy. Dieser - ein ehemaliger katholischer Priester, der eine enorme Schwäche für schöne Frauen und mit einer davon auch 2 Kinder hatte - hatte nur ein paar Tage mit Sonja verbracht, doch war sie in diesen Tagen auch zu seiner großen Liebe geworden. Und dieser Jimmy, dessen "gutes Herz" nun in Max Kohns Brust schlägt, hatte diesen "Zufall" genau so geplant und arrangiert, wollte er doch, daß seine große Liebe zurückfindet zu IHRER großen Liebe - die eben Max Kohn hieß. Als sei das alles nicht genug, beschließt der Sohn von Kichi, der mittlerweile zu einem hervorragenden Fußballer und einem strenggläubigen Islamisten herangewachsen ist, nicht nur das Opernhaus in Amsterdam in die Luft zu jagen, sondern auch ein Flugzeug zu entführen und zudem eine Schule zu besetzen. Eben jene Schule, in die Sonjas Sohn Nathan geht...alles kulminiert an diesem Tag, an dem all diese in sich verworrenen Lebenslinien aufeinander zulaufen und sich endgültig ineinander verknoten...

Das klingt nach Kolportage und es wäre auch so, wenn Leon de Winter hier nicht einmal mehr stilistisch und sprachlich zu einer Hochform aufliefe und nicht durch das sich-selbst-in-den-Roman-Einschreiben einen Kniff angewendet hätte, wie er entweder nur vollkommen scheitern oder aber nur brillant gelingen kann. De Winter ist er brillant gelungen. Das ganze Buch ist ein Wagnis und man merkt es ihm an. In einem Nachwort berichtet de Winter, daß er unbedingt habe über van Gogh schreiben wollen, doch mit zunehmender Beschäftigung mit dem Mann und dem , was ihm zugestoßen ist, habe er erkannt, daß er z.B. sich selbst nicht aus dem Kontext auslassen könne usw. Schließlich habe dieses Buch, diese Geschichte ihn gefunden und so sei sie entstanden, wie sie nun ist.

De Winter nimmt mit diesem Buch zu manchem Stellung, was ihm in den letzten Jahrzehnten vorgeworfen wurde. Er macht ein äußest schwieriges Kapitel auf. Er will keinesfalls als Rechter gelten, und er will auch nicht, daß van Gogh so wahrgenommen wird. Doch will er ganz offensichtlich - und das eben nicht als Jude und Opfer, sondern als Europäer, der sich einer Geschichte und gewisser Werte, die dieses Europa in den letzten 250 Jahren v.a. (seit der französischen Revolution) hervorgebracht hat, bewußt ist - nicht klein beigeben vor einer Bedrohung, die unserem Weltbild radikal entgegensteht, da sie auf den Glauben setzt, wo Europa sich entschlossen hat, den Glauben säkular zurückzudrängen und auf das vermeintliche Wissen und die vermeintliche Vernunft zu setzen. Dabei wird gerade in diesem Text deutlich, wie schwer es ist, differenzierte Standpunkte abseits vom Mainstream zu vertreten, wenn die Gemüter erhitzt sind und eigentlich nur noch populistisch einfache Meinungen zugelassen werden. Es gibt Punkte, an denen de Winter ganz offensichtlich kompromißlos ist: Wenn er einen seiner Protagonisten aus dem Koran zitieren läßt und dabei eben Suren auswählt, bei denen kaum mehr Zweifel angebracht sind an ihrer eindeutigen Aufforderung, den Islam auch mit Gewalt zu verbreiten, dann kann man in diesen Passagen schon den streitbaren und Widerspruch herausfordernden Autor jener Essays im SPIEGEL erkennen, von dem oben die Sprache war. Aus dem Zusammenhang gerissen würde auch manche Stelle der Bibel dem Zuhörer solcher Zitate wahrscheinlich kalte Schauer den Rücken runterschicken.

Doch da es de Winter gelingt, diese Aspekte in einen Zusammenhang zu stellen - va.a mit der ängstlichen Sonja (die im Buch die meiste Zeit vor einem Juden Angst hat), deren Kind in eine potentiell tödliche Situation gerät - , in dem all diese theoretischen religiösen Fragen schlicht hinter dem Schrecken einer realen, konkreten Bedrohungssituation verblassen, kann man auch schön sehen, daß all diese Problematiken v.a. Männerproblematiken sind. Ob Kohn oder van Gogh, ob Kichi oder dessen fanatisierter Sohn - all diese sich so wichtig nehmenden Menschen sind Männer, die meinen, das Recht zu haben, über das Leben anderer verfügen zu dürfen (in gewisser Weise gilt das auch für Jimmy, der die ganzen Verstrickungen ja erst auslöst). Sonja und ihr Sohn Nathan, 10 Jahre alt und erstmals verliebt, stehen dem gegenüber für eine Menschlichkeit, die sich nicht aus Abstrakta speist, sondern aus ganz einfachen und doch so realen Bedürfnissen: Eine Party besuchen, jemandem ein Geschenk machen, ein ruhiges Leben leben ohne Angst haben zu müssen.

Der Roman nimmt also bei aller Doppeldeutigkeit, bei aller Ambivalenz, derer er sich bemächtigt, um den Leser eben auch zu verunsichern, klar an einer gesellschaftlichen Debatte, einem Diskurs, teil und stellt in diesem Diskurs gewisse Thesen und Meinungen aus, um sie zu diskutieren und diskutieren zu lassen. Daß de Winter weder sich selbst noch die meisten der anderen (realen) Figuren sonderlich gut weg kommen läßt, sondern durchaus selbstkritisch die eigenen Vorurteile und möglichen denkerischen Einschränkungen ausstellt, macht die Sache natürlich ernst- und glaubhaft. Doch bleibt auch einfach dies festzuhalten: "Ein gutes Herz" ist nicht unr Debattenbeitrag und Darlegung verschiedener Sichtweisen auf das Europa auf mittelfristige Sicht bestimmende Thema, es ist nicht nur ein intellektuelles Spiel mit Positionen und Figuren, es ist auch nicht unbedingt ein Schlüsselroman - aber was es ist, ist gute, manchmal wirklich witzige Unterhaltung, die den Leser dennoch zwingt, sich der beschriebenen Problematik zu stellen und zu verstehen, daß es wahrscheinlich keine "einfachen" Lösungen gibt. Wahrscheinlich nicht mal "einfache" Standpunkte oder Standorte, auf denen man sich sicher fühlen und auf die man sich zurückziehen könnte. Das macht die Wucht dieses Buches und seine Klasse aus.

Ein kontroverses Buch, das zu unterhalten weiß - selten und absolut empfehlenswert!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.12.2013 14:24:41 GMT+01:00
Sabaga meint:
Hallo Gavin,
habe von ihm nur "Malibu" gelesen. Zunächst dachte ich auch "In unnütz toller Wut" aber das war Maarten 't Hart, habe ich verwechselt. In "Malibu" ist mir von dem speziellen Hintergrund nichts aufgefallen, wusste ich da aber auch noch nicht, bei einer Zweitlesung werde ich diebezüglich mal aufmerken.

Das es diese "einfachen" Standpunkte nicht gibt und man diese, sofern man sich auf solchen dünkt, immer mal wieder mittels eines Paradigmenwechsel betrachten und prüfen sollte, ein ähnliches Thema hatten wir letzlich zu einem andern Beispiel in der Weltgeschichte. Aber gewisse Grundsätze sollten schon ein Fundament bilden. Sonst könnten wir uns ja auch fragen, ob es eventuell berechtigt wäre, über den Nationalsozialismus wohlwollend nachzudenken.

Ein interessantes Buch, welches Du hier vorstellst, zu einem schwierigen Thema, wenn ich an Israel, seine Siedlungs-und Wasserpolitik denke, z.B. Und es ist so, der Koran fordert seine Anhänger auf, die islamische Lehre zu verbreiten. Aber die Kreuzzüge und andere Missionierungen für eine christliche Welt waren wohl auch nichts anderes. Dem Judentum ist eine Aufforderung zur Missionierung fremd. Aber lassen wir diese Diskussion unter dem heidnischen Tannenbaum mal lieber ruhen.

Es grüßt recht herzlich
Sabaga

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.12.2013 11:43:17 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo Sabaga,

"Malibu" ist sicherlich eines der Bücher, in denen die ""Hintergrundthematik" nicht direkt eine Rolle spielt, dennoch schimmert auch hier durch, welches die "großen" Themen de Winters sind (islamistische "Terroristen", ein jüdischer Papa, der leidet, also auch am Überleben der eigene Kinder leidet, das Thema der Schuld - verklausuliert ist schon alles da).

Die Frage nach den Standpunkten ist natürlich eine äußerst schwierige, gerade bei diesem Thema. Ich selbst habe mir da einen erarbeitet, den ich aber auch nur ungern in der Öffentlichkeit diskutieren möchte. Nur soviel: Er leitet sich definitv aus der deutschen Geschichte und der daraus resultierenden Verantwortung ab.

Doch selbst wenn man uneingeschränkt Position für Israel bezieht - de Winter macht es einem schwer, wenn er, damals aus Anlaß des Libanonkrieges, im SPIEGEL einen Essay veröffentlicht, in dem er allen Ernstes anfängt, mögliche Zivilopfer dieses Krieges und Zivilopfer, die durch islamistische Selbstmordanschläge getötet und verstümmelt wurden. Es widerspricht einfach fundamental den Lehren, die wir in den letzten 70 Jahren aus den Greueln des WKII gezogen haben - daß sich Gewalt z.B. selten mit Gewalt beenden läßt. Selten.

Was mir an "Ein gutes Herz" so gefällt, ist, daß er es auf eine stilistisch ganz gelungene Art schafft, die Kompliziertheit der verschiedenen Standpunkte zu thematisieren, daß er seine eigene Rolle als vermeintlicher "Rechtsausleger" reflektiert und Verständnis zeigt, daß er zu diesem Ruf kommen konnte. Die Hinzunahme Theo van GHoghs, der ja den viel grundsätzlicheren und elitäteren Standpunkt des Fundamentaloppositionellen eingenommen hatte, macht es nicht leichter, was dem Buch dann allerdings noch besser bekommt. Es zeigt ganz gut, daß es eben Konflikte gibt, wo ein "klarer Standpunkt" eher nie einzunehmen ist, weil man damit zu viele ebenso gültige Meinungen unterdrückt.

Dir wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest, sei gegrüßt,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.12.2013 18:37:25 GMT+01:00
Sabaga meint:
Hallo Gavin,
Gewalt gebiert Neues, und zwar neue Gewalt. Da bin ich mit Dir vollkommen konform. Lösungen wird sie langfristig nicht bieten. Wenn es darum geht, wer hat zuerst geschossen, den ersten Toten zu verantworten, und was war dann alles "nur" Rache, dann kann man weit, weit, zurückgehen, immer wird man in der Vergangenheit eine Aggression, eine Gewalt finden, die es zu sühnen gilt, die angeblich angefangen hat. Wieviele Beispiele bietet da die Geschichte, eine unübersichtlich endlose Zahl. Diesbezüglich ist es wie mit dem Huhn und dem Ei und der Frage, was zuerst da war.

So kontraproduktiv es erscheinen mag, kann ich in diesem Zusammenhang sogar der Blutrache etwas Positives abfinden. Im ersten Nachdenken scheint sie auch die ewig lange Kette zu produzieren, die ich gerade reklamiert habe. Im zweiten Nachdenken warnt sie aber eindringlichst davor, das erste Blut zu vergießen. Die Tat steht hier sehr im Mittelpunkt, es ist kein anonymes Töten an einer Front, sondern eine zu tiefst individuelle Tat. Und wer sie begeht, zieht den Fluch der Blutrache auf seine Familie, gibt sie einem nicht enden wollenden Rachefeldzug preis. Es ist ein Tabu, welches zunächst gebrochen werden muss, bevor die Blutrache einsetzt. Die Schwelle ist für mein Dafürhalten recht hoch gesetzt. Niemand gibt leichtfertig seine Angehörigen einem nicht endenwollenden Blutrachebrauch preis.

Deine Einstellung zur Kritik an Israel kenne ich, und ich möchte Deinem Wunsch entsprechend, hier keine diesbezügliche Diskussion anfangen. Nur soviel, dass ich es nicht nachvollziehen kann, dass ein Volk, welches über Jahrtausende in der Diaspora gelebt und endlich eine Heimat gefunden hat, in ähnliche Muster verfällt, wie wir sie hinlänglich in der Geschichte der Völker kennen. Insofern ist es dann doch nicht das auserwählte Volk, was andere, auserwählte, neue Wege beschreitet, sondern auch nur die Mittel des Stärkeren gebraucht, eigenes erfahrenes Leid nun Anderen zumutet.

Mit einem nachweihnachtlichen Gruß
Sabaga

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.12.2013 11:23:47 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo Sabaga,

ob ich Dir da konform gehe mit der Blutrache? Ich befürchte, eher nicht. Denn Albanien und andere Gesellschaften (Sizilien) zeigen ja leider, daß sie eher nicht abschreckend wirkt, dafür aber über Jahrzehnte und manchmal Jahrhunderte Leid und Elend über die betreffenden Familien bringt. Außerdem dachte ich immer (und fand das immer eine der angenehmeren Eigenschaften dieser Religion), daß das Vergeben sozusagen oberstes christliches Gebot sei...

Im Grunde geht die ganze Frage der Gewaltrspirale ja schon ins Biblische zurück...Kain und Abel (und siehe da - es ist scheinbar wirklich IMMER häusliche Gewalt)...

Zu Israel und israelischem Verhalten in Gaza und der Westbank kann man jetzt natürlich ein Forum aufmachen. Und auch ich bin kein Freund der Regierung Netanjahu, denke, daß Vieles, was in Israel passiert möglicherweise kritikwürdig ist usw...

NUR: Wieso steht Israel und nicht z.B. Putins Rußland (das wir ja irgendwo ob seiner machohaften Überheblichkeit doch alle bewundern, oder?), Südafrika, das in schrecklichen Bruderkriegen unter der Bürgerkriegsgrenze versinkt, China oder Korea in unserem Fokus? Die, die Israel ganz besonders meinen im Auge behalten zum müssen, machen ja gerade DAMIT deutlich, daß es eben DOCH eine Sonderbeziehung Israel - Deustchland gibt. Und diese Sonderbeziehung deute ich eben nicht dahin, daß Israel BESSER als jeder andere zu sein hat (zu dem von Dir angesprochenen Verhalten Israels, das eben nicht bessere Wege geht, könnte man jetzt ewig lange psychologische Vermutungen aufschreiben, mich jedenfalls wundert es nicht), sondern daß Deutsche einfach ruhiger als alle anderen zu sein haben, was die Beurteilung von Israels Verhalten angeht. Aber ich kenne ja all die Argumente: Man läßt sich doch nicht den Mund verbieten, man wird ja wohl noch sagen dürfen etc...

Deshalb breche ich es hier auch ab und kann Dich, liebe Sabaga, nur bitten, den letzten Satz Deines letzten Kommentars noch einmal sehr, sehr genau zu überdenken...

Mit noch 2013lichen Grüßen ;-)
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.12.2013 00:20:34 GMT+01:00
Sabaga meint:
Lieber Gavin,
Du hast über dieses Buch geschrieben, diesen Autoren. Darum kam ich nicht auf Putins Russland, Südafrika, China, Korea …. Es waren schließlich die ersten Kommentare, vielleicht wären wir bei der oft üblichen Ausschweifung noch dahin gekommen. Dass es noch nicht so ausufernd war, davon kannst Du doch keine contra- israelische und vielleicht pro- putinsche Symptomatik ableiten.

Ich denke nicht, eine deutsch- israelische Sonderbeziehung zu bedienen, weder in die eine noch in die andere Richtung. Und ich habe kein besonderes Augenmerk auf diese Region der Welt. Sie interessiert mich gleichermaßen wie viele andere Brennpunkte auch. Wenn ich über Israel und auch über andere Länder nachdenke, nehme ich einen Standpunkt ein, ja, geht es ohne? Kann man so neutral sein, oder geht es Dir darum den Standpunkt nicht zu nennen weil geschichtliche Hintergründe eine solche Haltung verlangen? Ich glaube ja. Ein deutsches nationales Bewusstsein, oder sogar ein deutscher Nationalstolz, ist mir in meiner Sozialisierung immer aberzogen worden und konnte sich wohl auch kaum entfalten. Ich fühle mich eher so, dass ich mich schämen müsste, deutsch zu sein, zumindest nicht stolz. Letztlich denke ich deshalb manchmal eher als nationales Neutrum, welches in Deutschland verortet ist. Ganz grob gesagt, nicht dass hier neue Gräben entstehen.
Wenn ich im letzten Satz sagte, die Israelis muten Anderen zu, was sie selber ertragen mussten, dann dachte ich an Diskriminierung, Vertreibung von Orten oder in Gettos, Arbeitsverbote in angesehenen, sog. ehrlichen Berufen in früheren Zeiten und damit Aussperren von anständigem Verdienen von Lohn und Brot u.a. Ich zielte natürlich in diesem Vergleich nicht auf Ermordung und Vernichtung. Und kein Gedanke, dass sie nun dieses ihrerseits täten. Bin ganz überrascht, dass man das annehmen könnte oder extra ausschließen müsste.

Am besten, man sagt gar nichts mehr.

Du weißt, wie mich das Entsetzen und Unverständnis packt, wenn ich an den Holocaust denke, und wie ich um Verstehen ringe. Nicht um zu verzeihen, sondern um besser gegenhalten zu können und aktuell gewappnet zu sein gegen Strömungen und Ideen. Eben weil ich finde, dass Deutsche sich schuldig gemacht haben, in der Verantwortung sind und bleiben werden. Auch ich, nicht schuldig, nicht verantwortlich, aber in Verantwortung. Vielleicht verbietest Du Dir deshalb jede Kritik und findest es anmaßend, wenn welche geäußert wird. So zurückhaltend, zu Recht, bewegt sich ja auch die deutsche Außenpolitik, die sich der Stimme enthielt als es 2012 vor der UNO um die Statusaufwertung der PLO als Staat Palästina zum Beobachterstatus als Nichtmitgliedstaat ging, über welche Aufwertung Palästina nun verfügt, ein Status wie ihn der Heilige Stuhl inne hat.
Gerade Dir habe ich hier viele Literaturtipps und Anschaffungen zu verdanken. Mein Ansatz war einfach der, wer soviel Leid einsammeln musste, der kann doch am besten nachfühlen, was die Palästinensern bewegt, oder sage ich besser die arabisch sprechende Bevölkerung. Natürlich kann man die Argumentationskette umkehren und sagen, dass Israel so reagiert, gerade weil die Juden soviel Unglaubliches durchlebt und nun etwas ganz Besonderes, für sie Erstmaliges und Wertvolles zu schützen und auch zu verteidigen haben. Da würde sich der Kreis schließen, von den Meinungen die von den Standpunkten abhängig sind und damit wären wir dicht beim Buch, welches ich mir übrigens bestellt habe.

Und wenn Du alle Argumente schon kennst, es Dir also langweilig ist, oder zu wider, warum hast Du meinen Vorschlag die Diskussion unterm Tannenbaum wegzusperren nicht angenommen? Du diskutierst weiter, um mir dies zu sagen?

Im Grunde liegt der Keim des Konfliktes in der Aufteilung des Osmanischen Reiches und nachfolgend in den willkürlichen britischen Grenzen des damaligen Mandatsgebietes, die Palästina von Transjordanien trennten, die also jung waren, die Grenzen, und keine Verbindung zur arabischen Geschichte hatten. Hier denke ich an M.B. der in einer Diskussion auch schon mal die durch Kolonialmächte mit dem Lineal gezogenen Grenzen zu bedenken gab. Insofern hat sich hier ein Konflikt manifestiert, den die ehemaligen Kolonialmächte ungeordnet zurückließen und der mit der Gründung des Staates Israel in den Nahostkonflikten aufbrannte.

Ich habe nicht gesagt, dass ich Blutrache gut finde, sondern dass ich ihr ETWAS abfinden kann, und zwar das errichtete TABU des BLUTVERGIESSENS, und nur das Tabu. Gleichzeitig hatte ich auch gesagt, ist sie erstmal im Gange, entsteht diese lange Kette, und es eigentlich kontraproduktiv sei. Du führst das jetzt aus, dabei hatte ich das doch selbst schon im Auge. Auch finde ich das Bild einer Kette stimmt, nicht die einer Spirale. Finde das bitte nicht spitzfindig, denn ich sehe da schon einen Unterschied. Auch können sich die Betroffenen aus dieser Kette entwinden, es gibt da soetwas wie anerkannte Vermittler, die angerufen werden können und deren Entscheidung, wird sie angenommen, von den Parteien akzeptiert wird. Wie so viele menschliche Gebote und Verbote funktionierte es oft genug nicht, das Tabu, aber den Grundgedanken finde ich bemerkenswert, der eben besagt, hüte Dich davor, Blut zu vergießen.

Ähnliche Tabus gibt es auch im Christentum, Du sollst nicht Töten, das 5. Gebot, aber das Brechen wird nicht direkt bestraft, erst in einer späteren Höllenwelt, wenn nicht schon zu Lebzeiten Absolution erteilt wurde. Insofern, so war meine Idee, ist die Androhung der Blutrache direkter und wirkungsvoller. Und die Blutrache wird weniger Tote gebracht und weniger Familien betroffen haben, mit Statistik kann ich leider hierzu nicht aufwarten, als z.B. die christlichen Kreuzzüge oder alle anderen Kriege die mit gesegneten Waffen geführt wurden. Bei ersteren waren es einzelne Familien bei den zweiten ganzen Völker, die mit Kriegsgerät überzogen wurden.

Das christliche Kulturgut und das von dir speziell genannte Verzeihen sollte man nicht unbedingt über andere, alte, archaische Kulturen und Riten stellen. Das ist unsere typische westliche zivilisierte Überheblichkeit. Nicht zuletzt gilt auch im Alten Testament der Rechtssatz, Auge um Auge, Zahn um Zahn.

War ja klar, dass mich Empörung oder Nichtverstehen strafen wird, wenn ich es wage, Blutrache nicht ausschließlich zu verachten. Jeder nimmt selbstredend für sich in Anspruch, Gewalt zu verabscheuen. Wer will schon als Ungeheuer dastehen. Ich lehne Gewalt und besonders Krieg auch ab, habe mich schon genug diesbezüglich artikuliert und geäußert. Komisch das dass alles immer gleich vergessen ist, wenn man mal einen unpopulären Gedanken vorstellt.

Um zum Ende zu kommen, das Buch, das habe ich bestellt. Sagte ich schon. Die Sache mit den Standpunkten und gerade auch zum speziellen Thema interessiert mich. „Es zeigt ganz gut, daß es eben Konflikte gibt, wo ein "klarer Standpunkt" eher nie einzunehmen ist, weil man damit zu viele ebenso gültige Meinungen unterdrückt.“

Wiedermal eine Literaturanregung von Dir, die ich gern nutze und dafür danke ich Dir.

Darauf würde ich mich gern verständigen und die Diskussion beschließen.

Gruß
Sabaga
‹ Zurück 1 Weiter ›