Kundenrezension

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mild-melancholische Meisterschaft, 10. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Benefit (Deluxe Edition) (Audio CD)
U. war knapp fünf Jahre älter als ich, und sie war meine Lieblingscousine. Wir einigten uns früh darauf, dass ich sie künftig - welch wunderbar altmodischer Ausdruck - als meine Base bezeichnen würde. Ich war wohl zwölf, und meine Base war wohl siebzehn, als sie eines Tages in ihrem Zimmer die LP BENEFIT von Jethro Tull auf ihren Plattenspieler legte. Das war 1971, und damals wurde auch viel von Jethro Tull im Radio gespielt: "Living In The Past", "Bouree", "The Witch's Promise", "Life's A Long Song". Ich war von den Klängen dieser Band ebenso verwirrt wie fasziniert. Sie sickerten langsam, aber sicher in mein Gehirn und meine Seele ein, und sie ließen mich nicht mehr los.

Zwei Jahre später kaufte sich mein Freund Hannes das Doppelalbum LIVING IN THE PAST, und wir lauschten der Kompilation aus bekannten und weniger bekannten Songs von Jethro Tull mit wachsender Begeisterung. Was für eine künstlerische Autorität ging von diesem Sänger, Flötisten und Gitarristen namens Ian Anderson aus!

Kurzum: Jethro Tull prägten meinen Musikgeschmack damals ebenso wie T.Rex und Sweet, Gary Glitter und Slade, Deep Purple und Uriah Heep, Yes und Pink Floyd. Alles ging, nebeneinander und miteinander. Was für eine musikalisch unvergesslich großartige Kinder- und Jugendzeit!

Der Grundton von BENEFIT ist mild melancholisch, würde ich jetzt mal behaupten wollen; von den ersten, verhallten Flötentönen von "With You There To Help Me" bis hin zu den letzten Klängen der akustischen Gitarre in "Sossity; You're A Woman". Es ist eine Spätsommer- und Frühherbstplatte und entspricht daher meiner absoluten Lieblingsjahreszeit.

Entstanden nach dem großen Erfolg ihres zweiten Albums STAND UP (1969) und vor ihrer legendären vierten Platte AQUALUNG (1971), wird BENEFIT von vielen bis heute als ein eher unauffälliges Zwischenwerk betrachtet, das eigentlich keinen wirklich bis heute berühmten Tull-Song enthält. Letzteres ist wohl wahr, doch wertet diese Tatsache die Gesamtwirkung von BENEFIT in irgendeiner Weise ab? Klare Antwort: nein, nein und nochmals nein. Und genauso sahen das damals auch die Plattenkäufer, denn mit Platz 3 in England, Platz 5 in Deutschland und Platz 12 in den USA wurde es weltweit eines der erfolgreichsten Alben des Jahres 1970.

Mastermind Ian Anderson selbst ordnet die Platte heute im unteren Drittel aller Tull-Alben ein, während sie für seinen langjährigen Gitarristen Martin Barre im oberen Drittel anzusiedeln ist. Das umfängliche Booklet zur Deluxe-Ausgabe bietet u.a. eine reichhaltige Auswahl von Erinnerungen und Bewertungen zu jedem einzelnen Song (plus Bonustracks) von den damaligen Mitgliedern Anderson, Barre, Glenn Cornick und Clive Bunker. Immer wieder erstaunlich ist dabei vor allem, wie überaus kritisch Ian Anderson, von dem immerhin alle Songs und Texte stammen, seine damalige Arbeit betrachtet.

Die zehn Titel des Originalalbums sowie einige weitere Songs, die um die Entstehungszeit der Platte herum entstanden, nämlich "Singing All Day", "Sweet Dream", "17", "Teacher" und "The Witch's Promise", wurden von Steven Wilson (Porcupine Tree, Blackfield) im Jahre 2013 einem behutsamen Remix unterzogen. Die Klangunterschiede zu früheren LP- und CD-Versionen sind dabei mal weniger und mal etwas mehr auszumachen. Insgesamt ist er jedoch sehr respektvoll mit dem Material umgegangen und erhält somit dankenswerter Weise die einmalige Atmosphäre der Aufnahmen.

Und wie schon erwähnt, ist diese Atmosphäre oftmals etwas nachdenklich und melancholisch. Anderson enthält sich mit Stimme und Querflöte jeder aggressiven oder humoristischen Attitüde. Oftmals spielen er und Martin Barre gleichzeitig elektrische Gitarre, oder akustische und E-Gitarre vereinigen sich auf harmonische Weise. Barre darf sich gelegentlich austoben, ohne dabei jemals zu 'wild' zu klingen. Der damals neu in die Band zu integrierende John Evan(s) ergänzt das Klangbild auf beeindruckende Weise an Orgel und Piano. Andersons Texte sind teilweise grüblerisch und zeugen nach drei anstrengenden US-Tourneen von einer gewissen Sehnsucht nach Zuhause, aber auch von dem Gefühl, endlich zu Hause zu sein, wie z.B. in dem herrlichen Ohrwurm "Inside", der einen mit seiner ausnahmsweise optimistischen Stimmung stundenlang verfolgt. Warum dieser Titel damals trotz Singleauskopplung kein Hit wurde, wundert einen bis heute.

Widerstreitende Empfindungen werden bereits im ersten Song deutlich. Weisen die einleitenden Worte 'In days of peace / Sweet smelling summer nights of wine and song' noch auf Frieden und Harmonie hin, so konterkariert Anderson dies sogleich mit den nächsten Versen: 'Why am I crying, I want to know / How can I smile and make it right? / For sixty days and eighty nights / And not give in and lose the fight'.

Das mündet dann in den Refrain: 'I'm going back to the ones that I know / With whom I can be what I want to be / Just one week for the feeling to go / And with you there to help me then it probably will'. Gewohnte Umgebung, Freunde, Genuss und Entspannung: die heimlichen Sehnsüchte jedes getriebenen Menschen.

In dem Song "For Michael Collins, Jeffrey And Me" beschreibt Anderson am Beispiel des Astronauten Michael Collins, der allein in der Raumkapsel zurück bleibt, während seine beiden Apollo-11-Kollegen als erste Menschen den Mond betreten, auf poetische Weise ein ganz allgemeines Gefühl der Isolation und Verlorenheit.

Leider enthält uns auch die Deluxe-Version, wie schon alle anderen Ausgaben, die Songtexte vor. Das ist sehr schade.

Auf der zweiten CD findet sich eine abenteuerliche Anhäufung verschiedener Versionen weniger Songs (z.B. Mono und Stereo), von denen aber nur ein einziger ("The Witch's Promise") nicht auch schon auf der ersten CD zu hören ist. Zudem gibt es zwei originelle US-Radio-Werbespots für das Album BENEFIT. In dem einem spielt Frank Sinatra (!) eine Rolle, und in dem anderen hält jemand es nicht für ausgeschlossen, dass Ian Anderson ein Homosexueller sei, denn welcher richtige Mann spiele denn schon Flöte? ;-)

Die Audio-DVD bietet Surround- und andere Mixe des Albums sowie von einigen Bonustracks. Wer entsprechendes Sound-Equipment besitzt, dürfte sicherlich einige interessante neue Klangerfahrungen machen.

Ob man das alles wirklich braucht, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Dem 'normalen' Fan würde wohl eine bis zum Rand vollgepackte CD inklusive des 48-seitigen Booklets vollkommen genügen. Aber eine solche Ausgabe gibt es leider nicht.

BENEFIT ist immer mein Lieblingsalbum von Jethro Tull geblieben. Mittlerweile besitze ich es, inklusive dieser Deluxe-Version, in vierfacher Ausfertigung: als Vinylplatte und in drei verschiedenen CD-Editionen.

Vor einiger Zeit habe ich übrigens meine Base, die dieses Jahr 60 wird, daran erinnert, dass ich BENEFIT ja damals durch sie kennen gelernt habe, und dass ich dieses Album bis heute sehr liebe. Sie blickte mich ein wenig irritiert an und sagte dann: "Ach, dieses alte Zeug findest du immer noch gut? Die Platte habe ich schon vor Jahrzehnten irgendwo eingemottet!".

Und so was war mal meine Lieblingscousine?!? ;-)
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.03.2014 11:27:52 GMT+01:00
"BENEFIT von vielen bis heute als ein eher unauffälliges Zwischenwerk betrachtet"

Das sah seinerzeit auch der Melody Maker so. Ich kann mich noch vage an die Kritik erinnern, in der bemängelt wurde, dass originelle und neue Ideen fehlen würden, dass JT wohl in einer Krise sei.

Ich erlebe es ähnlich wie Sie : auf der LP befindet sich zwar keine herausragende Top-Nummer. Aber die Platte ist als Ganzes ein Meisterwerk und hat ein einzigartiges Flair. So locker und leicht - mit intensiver Wirkung - haben JT nie mehr gespielt. Es sind u.a. die vielen liebevollen Details, die einem nicht mehr aus Kopf und Herz gehen - wenn sie einmal den Weg dort hinein gefunden haben.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.03.2014 18:16:43 GMT+01:00
H. Schwoch meint:
Hallo Johannes im Grünen, herzlichen Dank für Ihren netten Kommentar! :-)

Veröffentlicht am 17.09.2014 21:21:39 GMT+02:00
"schuebi007" meint:
Allen, die an den JT-Texten interessiert sind, kann ich das "JETHRO TULL-Songbook" von Jochen Schramm nur wärmstens empfehlen. Es hat mir unter anderem bei den Vorbereitungen zu meinem ersten Interview mit Ian Anderson wertvolle Dienste geleistet.
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