Kundenrezension

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Monster in uns, 5. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Bonita Avenue (Gebundene Ausgabe)
Schon der Anblick des 640 Seiten starken, backsteindicken Familienromans macht klar: Das ist keines dieser üblichen, verklemmten 140-Seiten-Debüts. Kein sich langsames Vortasten ins Bewusstsein der Kritiker. Sondern mit einem „Big Bang“. Und die Rechnung ging auf, in den Niederlanden jedenfalls. Denn Peter Buwaldas Eps „Bonita Avenue“ triumphierte dort, wo es 2010 erschien, auf Anhieb: Das Buch wurde für zehn Preise nominiert, von denen es fünf gewann, und ging bislang in 21 Auflagen 250 Tausend Mal über die dortigen Ladentische,- eine für niederländische Verhältnisse gigantische Zahl. So ist der gebürtige, 42-jährige Belgier Buwalda, der im Alter von acht Monaten nach Holland kam, in seiner Wahlheimat inzwischen ein Star. Er hat sich mit seinem Roman einer prozesshaft implodierenden Patchwork-Familie Vergleiche mit den Amerikanern Jonathan Franzen und Philip Roth erschrieben und gilt seither als literarisches Schwergewicht. Nicht schlecht für einen, der, bevor das Buch nach vierjähriger Schreibarbeit endlich erschien, kein Geld, keine Wohnung und keine künstlerische Perspektive besaß.

Tatsächlich erweist sich Buwaldas Debütroman bei eingehender Betrachtung als ein in seiner sprachlichen Wucht und Freiheit kühnes und in seiner psychologischen Schärfe und Genauigkeit beeindruckendes, ja erschreckendes Buch. Eine Familie zerbricht an ihrer plötzlich außer Kontrolle geratenden inneren Tektonik, zerspringt in ihre Einzelteile - und hinterlässt ein Bild totaler, seelischer Verwüstung. Gewiss: der Vergleich mit Jonathan Franzens Familienroman „Die Korrekturen“, den mancher niederländische Kritiker anstrengte, scheint auf den ersten Blick passend. Doch wo bei Franzen die Figuren noch am Sosein ihrer im Kleinkriegerischen versunkenen St. Jude-Welt laborierten, da dechiffriert Buwalda das Konstrukt Familie als solches als ein viel größeres Desaster, nämlich als mörderisches Teufelsgeflecht aus Lüge, Hintertreibung, unkontrollierter sexueller Gier, ungebremstem Willen zur Macht und latentem Wahnsinn. Und ging Franzen noch vornehm mit Skalpell und Schere zu Werke, um ins faul gewordene Fleisch zu schneiden, so ist bei Buwalda an deren Stelle längst die Kreissäge gerückt, mit welcher am Ende gefrorene Körper zerstückelt werden. Darin erweist sich „Bonita Avenue“ als überaus modern. Denn Buwalda beherrscht den Ton des klassischen Epikers ebenso sicher wie den des literarischen Splatterautors, dem die Farben am Ende nicht grell, und die Schreie nicht markerschütternd genug sein können. Buwalda lesen, heißt in die verglühende Asche des Familienromans starren, heißt, einem unerschrockenen Tragödiendichter und lustvollen Exorzisten über die Schulter zu sehen.

„Bonita Avenue“ entrollt die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Mannes namens Siem Sigerius, - einem geistigen und körperlichen Kraftkerl, der es vom renommierten Mathematiker und erfolgreichen Universitätsrektor zum Wissenschaftsminister im niederländischen Kabinett bringt, und dem am Ende seine gesamte Existenz um die Ohren fliegt. Denn irgendwann beginnen die Leichen, die Sigerius im Keller hat, nach ihm zu greifen und ihn hinabzuziehen in tödliche Finsternis. Eine von ihnen hört den Namen Wilbert und ist sein Sohn aus erster Ehe,- ein außer Kontrolle geratener Superfreak, der in Jungenjahren einen Mann mit einem Hammer erschlug und nun, da er sich damals von seinem Vater getäuscht sah, auf seine Weise den Racheengel gibt. Ihm gegenüber stehen Siems Adoptivtöchter Joni und Janis,- zwei scheinbar rundum gelungene Erscheinungen, die im komfortablen Landhaus bei Enschede neben Siem und seiner Frau heranreifen. Doch als im Jahr 2000 in Enschede die dortige Feuerwerksfabrik in die Luft fliegt und es Asche regnet, ist dies gleichzeitig der Startschuss zu Siems persönlichem Untergang. Es beginnt damit, dass er, der immerzu seinen Exzessen der Selbstbefriedigung frönt, auf seinen nächtlichen Surftouren durch die Pornoseiten-Angebote des Internets auf eine Seite seiner Tochter Joni stößt, die diese höchst erfolgreich mit ihrem Ex-Freund Aaron, einem psychotischen Ex-Fotografen, betreibt. Was dann folgt, liest sich, als hätten der frühe Quentin Tarrantino und der späte John Updike, eines von Buwaldas erklärten Vorbildern, gemeinsam in die Tasten gedrückt, denn: eine nach der anderen schickt Buwalda seine Figuren in den Shredder: Joni, die es fluchtartig aus Enschede weggezogen hat, bringt es in Kalifornien als Produzentin von Pornofilmen zu fragwürdigem Ruhm – und kühlt darüber innerlich aus; Aaron erliegt im Trümmerregen von Enschede seinen inneren Dämonen - und fantasiert von einer zweiten Chance mit Joni. Und Siem, eben zum Minister aufgestiegen, liefert sich mit Wilbert einen alptraumhaften, gleichsam hollywoodreifen bluttriefenden Showdown, der erst seinen Sohn ins Grab bringt – und schlussendlich ihn selbst. Das Resultat ist ein mutiges, unerschrockenes Kunstwerk, das sich vor allem dadurch von seinen Vorgängern zum Thema unterscheidet dass es das Wagnis eingeht, sich einen Teufel um literarische Anstandsregeln zu scheren. Ein Buch, das gerade durch seine bewusste Weiterdrehung des Erzählens und Nachdenkens über Familie ins Irrwitzige, ja Irrationale und Groteske jene tieferliegenden Wahrheiten zum Thema birgt und ans Tageslicht holt, an die mit traditionellen Erzählmitteln bislang offenbar nicht heran zu kommen war. Das macht es groß und unerhört.
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