Kundenrezension

49 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen WOW!, 8. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Next Day (Deluxe Edition) (Audio CD)
Eigentlich kann man es ja kaum in Worte fassen, wie unbeschreiblich schön das Gefühl ist, nach zehn langen Jahren endlich ein neues Bowie Album in den Händen halten zu können. Fast hätte man damit schon gar nicht mehr gerechnet.
Und doch...
Wie aus aus dem Nichts tauchte plötzlich am 8.1.2013, pünktlich zu David Bowies 66. Geburtstag, die neue Single "Where Are We Now?" als Video-Clip im Internet auf. Damit verbunden ein Relaunch der Web-Site und die Ankündigung eines neuen Albums für Anfang März mit sage und schreibe 17(!) neuen Songs. Und 12 weitere hat er noch in Reserve für ein nächstes Album. Eine Sensation!

Ab jetzt hiess es nur mehr warten - warten - warten. Zwei Monate können so verdammt lang sein!
Wie wird dieses neue Album wohl sein? Was hat sich musikalisch verändert in den letzten zehn Jahren? "Hours" (1999), "Heathen" (2002) und "Reality" (2003) sind sich ja irgendwie ähnlich - wird Bowie dort weitermachen? Oder wendet er sich wieder mehr der kommerziellen Richtung zu? (hoffentlich nicht!). Oder macht er ganz was anderes? Fragen über Fragen, doch nun ist die Zeit des angespannten Wartens Gott sei Dank vorbei!

Was Bowie im Lauf der letzten zwei Jahre ausgetüftelt und mit Hilfe seines langjährigen Freundes und Produzenten Tony Visconti im New Yorker Studio "The Magic Shop" gezaubert hat, übertrifft selbst meine kühnsten Erwartungen.
Mit "The Next Day" hat David Bowie zum einen ein intensives Werk von beeindruckender Dichte und kompositorischer Präzision geschaffen; zum anderen ist ihm damit ein grossartiges Comeback und ein festes Entree in eine neue Dekade gelungen.

STIL:
Stilistisch ist "The Next Day" vor allem eines: ein Rockalbum. Und was für eines. Mit viel Bowie in allen Variationen und reichlichem Einsatz von Gitarre, Bass und Schlagzeug. Voller Ecken und Kanten und einer Bandbreite an Songmaterial, das sich von tiefer Schönheit ("Heat") bis hin zu brachialer Unerbittlichkeit ("The Next Day") erstreckt, zeigt Bowie hier alle Facetten seiner Kunst.
Gespickt mit Zitaten und Querverweisen zum eigenen Werk, verpackt mit viel Ironie und manchmal auch etwas Zynismus, verarbeitet und recycled Bowie hier Zutaten aus seinem reichlichen Fundus (Lodger/Tin Machine/Scary Monsters/Ziggy Stardust/Heroes) in völlig anderem Kontext zu etwas komplett Neuem. So entsteht der Eindruck, man kennt das von irgendwo, nur man kann nicht genau sagen, woher. Und trotz der Beimengung bekannter Bowie-Aphorismen entwickelt dieses Album, das anfangs vielleicht etwas spröde und sperrig klingen mag, nach mehrmaligem Hören seinen ganz eigenenständigen Charakter im Kopf des Zuhörers. Es ist als ganzes nicht direkt vergleichbar mit irgend einem seiner anderen Alben - es steht für sich selbst. Und es ist ganz weit entfernt von seiner kommerziellen Phase der 80er Jahre (Let's Dance/Tonight/Never Let Me Down). "Sucht man den klassischen Bowie, so wird man ihn auf diesem Album finden - sucht man den innovativen Bowie, so wird man ihn auf diesem Album ebenso finden" (Zitat: Tony Visconti - David Bowies "Stimme auf Erden").

TEXT:
Auf gewohnt hohem Niveau entwirft Bowie in seinen Texten verschiedene Muster über verzweifelte/gescheiterte Charaktere, die er mit Hilfe unterschiedlicher Stimm-Nuancierungen zum Leben erweckt. Er erzählt Geschichten, doch er lässt Lücken, um die Fantasien anzuregen; oft wirft er dem Zuhörer nur wenige Wort/Satz/Brocken hin, um diesem ein Maximum an freier Interpretation zu verschaffen. Er wühlt in der Historie - projeziert in die Gegenwart - kratzt an sozialkritischen Themen - nagt an Zwischenmenschlichem - reflektiert seine Vergangenheit und den eigenen Mythos in anderem Licht ("gleaming like blackened sunshine").

MUSIK:
Musikalisch wirkt dieses Album schlank und entschlackt, mit einem hohen Mass an Modernität. Stellenweise ungewohnt spartanisch instrumentiert, verzichtet Bowie hier auf diverse Soundspielereien. Der Einsatz von Synthesizern ist eher zurückhaltend. Unnötiger Ballast und Schnickschnack wurden über Bord geworfen; man beschränkt sich auf das Essentielle. Die Band spielt präzise auf den Punkt und präsentiert sich vom Sound her jung und dynamisch.
Manchmal treten die Musiker auch ein paar Schritte in den Hintergrund, um Bowie den Vortritt zu lassen. Die Songs sind kurz gehalten, frei nach der Devise "in der Kürze liegt die Würze". Anders als z. B. bei "Earthling" (1997), wo die Songs zumeist eine Länge von fünf bis sechs Minuten aufweisen und wo Effekte bzw. Instrumentalpassagen eher grosszügig eingesetzt wurden, spielt hier Bowies Stimme eindeutig die Hauptrolle. "The Next Day" enthält ausschliesslich Original-Kompositionen, es gibt keine Cover Versionen. Glasklar in der Produktion und mit dem Visconti-typischen donnerndem Drum-Sound versehen, präsentiert sich dieses Album äusserst kompakt und homogen.

BAND:
Zum Kern der Band neben dem Meister selbst gehören im Prinzip lauter "alte" Bekannte: Gail Ann Dorsey (bass, backing vocals), Gerry Leonard (guitar) und an den Drums wechselweise Zachary Alford bzw. Sterling Cambell, der aber nur begrenzt zur Verfügung stand, da er anderweitige Verpflichtungen bei den B-52's hatte. Bowie übernahm die Keyboard/Sythesizer-Passagen und spielte bei einigen Tracks Akustik-Gitarre. Produzent Visconti widerum zupfte bei einigen Titeln den Bass. Zusätzlich beteiligt waren namhafte Musiker wie Earl Slick (guitar), David Torn (guitar effects), Tony Levin (bass), Steve Elson (sax) und Henry Hey (piano). Sogar ein Streich-Quartett wurde bei einigen Songs eingesetzt, um den Sound zu verfeinern. Auch King Crimson-Gitarrist Robert Fripp wurde eingeladen, ebenfalls mitzumachen, doch aus Termin-Gründen musste dieser leider absagen.

SONGS:
1. The Next Day
Volle Power gleich zu Beginn. Rockig, rotzig, trotzig - mit mächtiger Stimme, dominanten/verzerrten Gitarren und satten Drums. Thematik: Vergänglichkeit. "Here I am, not quite dying/"My body left to rot in a hollow tree". Tin Machine lässt grüssen - ruft aber auch Erinnerungen wach an "Lodger" (1979) oder "Scary Monsters" (1980).

2. Dirty Boys
Ein zerklüftetes Stück Modern Jazz, das anmutet, als wäre es von Laurie Anderson - mit zitterndem Bass (Tony Levin), schroffem Bariton Sax (Steve Elson) und klirrend-kalten Gitarren (Gerry Leonard, Earl Slick). In einer Art Kaugummi-Gesang erzählt Bowie von einer Rocker-Bande, den "Dirty Boys", denen man sich nicht entziehen kann.

3. The Stars (Are Out Tonight)
Die zweite Single-Auskopplung. "We have a nice life" flüstert Tilda Swinton im dazugehörigen Video-Clip David leise ins Ohr. Damit bringt sie es auf den Punkt. Vermittelt wird das Bild des "heilen", biederen Lebens eines Ehepaares, das jäh gestört wird wird durch die Ankunft eines jungen, party-affinen Pärchens in der Nachbarschaft. Seltsam nur, dass eine der Protagonistinnen mit ihren roten Haaren aussieht wie David in seinen jungen Jahren zu seiner "Cracked Actor"-Zeit (1974). Ob das wohl ein Zufall ist? The Stars (Are Out Tonight) ist ein flottes Stück. Dezente Synths gepaart mit Strings und einem hintergründigen Bariton Sax schaffen eine bedrohliche Stimmung von aufkommendem Unbehagen. "Stars are never sleeping - the dead ones and the living". Wirkt ähnlich beschwörend wie "The Voyeur Of Utter Destruction" ("Outside", 1995).

4. Love Is Lost
Psychodelische Orgelklänge, stampfende Drums, Verzweiflung in der Stimme und echoverhallte Gitarren erzeugen ein hypnotisches, beklemmendes Feeling, ähnlich wie bei Alex Harvey's "Faith Healer". Kernaussage: "Alles ist neu, nur die Ängste sind die alten geblieben". Könnte von "Scary Monsters" (1980) sein.

5. Where Are We Now?
Mit schwebend leichter Melodie und dezenten Gitarren, aber textlich und von der Stimmlage her von tiefer Melancholie und Schwermut geprägt, erinnert sich Bowie an das Berlin der ausklingenden 70er Jahre, wie er es erlebt hat. Eine Ballade wie aus einer anderen, fernen Zeit. Und ein für dieses Album atypischer Song.

6. Valentine’s Day
Mit leicht süsslichem Gesang und den "sha-lal-la"-Chören aus dem Hintergrund versprüht "Valentine’s Day" pure Nostalgie. Allerdings geht es hier thematisch nicht um den 14.2., an dem man sich Blumen schenkt, sondern um einen Serienkiller namens Valentine. Earl Slick lässt die Gitarre jaulen in bester Mick Ronson-Manier. Gegen Ende des Songs liefern sich Slick und Bowie ein Duell "Gitarre vs. Stimme" - fast so schön wie bei "Moonage Daydream" ("Ziggy Stardust", 1972)

7. If You Can See Me
Hämmernde Sythies, gehetzter Gesang, hektische Drum & Bass-Rhythmen wie bei "Earthling" (1997), doch zum Unterschied, hier mit "echten" Instrumenten gespielt.

8. I’d Rather Be High
Ein Song zum Thema Krieg. Prägnante Drums, griffige Gitarren-Licks und helle, gezogene Vocals mit Beatles-Touch erzeugen zusammen mit dem Background-Chor ein gewisses Sixties Flair.

9. Boss of Me
Steve Elsons Bariton-Sax kommt erneut zum Einsatz. Verhaltene Orgel, die feine Bassarbeit von Tony Levin sowie die Background Vocals von Gail Ann Dorsey bilden den weiteren Boden, auf dem sich Bowie hier mit klagender Stimme bewegt: "Who'd have ever thought of it, who'd have dreamed" / "that a smalltown girl like you would be the boss of me".

10. Dancing Out In Space
Ein im Uptempo Rhythmus gehaltener Song mit leicht verzerrten Gitarrenklängen/Effekten, beigesteuert von David Torn. Erinnert an "Heathen" (2002).

11. How Does the Grass Grow?
Fängt an wie "Boys Keep Swinging", wird aber sofort beim Einsatz des Gesangs von Bowie in eine andere Richtung dirigiert. Eine bitterböse Western-Idylle voller Zynismen. Bowies helle, klagende Staccato-Vocals und die wiederkehrenden "Ya Ya Ya"-Chöre (entlehnt aus dem Shadows-Song "Apache") untermauern die düstere Grund-Stimmung. Deftige Gitarren-Parts im Stil von "Heroes" (1977) gegen Ende des Songs.

12. (You Will) Set the World On Fire
Ein sehr kraftvoller Titel, gesungen mit elegisch tiefer Stimme und begleitet von donnernden Drums, präzise in Szene gesetzt von Sterling Campbell. Mit Schweine-Gitarren (Earl Slick, Gerry Leonard) a la Tin Machine. Erinnert etwas an "Bang Bang" ("Never Let Me Down"; 1987)

13. You Feel So Lonely You Could Die
Eine Midtempo-Ballade in bedrohlicher Stimmlage, begleitet von akustischer Gitarre und Streichern. Passt stilistisch perfekt in die Ziggy Stardust-Phase. Das Drums-Outro ist wieder einmal ein Selbstzitat.

14. Heat
Das athmosphärisch düster fliessende, mit tiefer Stimme im Stil von Scott Walker gesungene "Heat" bildet den Ausklang des Albums. Untermalt von Bowies Akustik-Gitarre, Streichern und Gail Ann Dorseys virtuosem Fretless Bass-Spiel. Textlich kontrovers. "And i tell myself, i don't know who i am"/"I am the seer, but i am a liar".

Bonus Tracks
1. So She
Ein federleichter, melancholischer Song mit dezenten Gitarrenklängen und verhaltenen Drums.

2. I’ll Take You There
Ein flotter, rockiger Track mit prägnantem Gitarren-Riff, den Bowie gemeinsam mit seinem Gitarristen Gerry Leonard geschrieben hat.

3. Plan
Ein Instrumentaltitel. Er enthält diese Passagen, die als Einleitung zum Clip "The Stars (Are Out Tonight)" verwendet wurden.

Mit Absicht habe ich keine Bewertung der einzelnen Songs vorgenommen. Da muss sich schon jeder selbst durchhören und überraschen lassen - ich kann nur soviel sagen: Trotz einer Spieldauer von über 60 Minuten, vergehen diese sehr schnell. Das mag daran liegen, dass "The Next Day" ein äusserst kurzweiliges Album ist, auf dem es keinen schwachen Song gibt - und deshalb vergebe ich 5 Sterne!
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Kommentare


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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 08.03.2013 21:26:21 GMT+01:00
Jim Grobeck meint:
Danke für deine tolle Rezension! Bin ebenfalls hin und weg von Bowies neuestem Werk. Nach "FOALS - Holy Fire" bereits das zweite Album, welches als ganzes Werk zu überzeugen und nicht nur mich zu begeistern weiss in diesem Jahr.

David Bowie kann es einfach noch. Und er hat musikalisch in der Tat noch was zu sagen! :)

lg

Veröffentlicht am 09.03.2013 01:43:30 GMT+01:00
Vielen Dank für diese super Rezension – sie ist meines Erachtens bislang die beste Rezension zu diesem Album. :)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.03.2013 15:02:34 GMT+01:00
JoeTheLion meint:
Danke für eure lobenden Worte!
@Jim Grobeck: Die Foals sind ein guter Tipp! Diese Band muss man auf jeden Fall im Auge behalten!

Veröffentlicht am 26.03.2013 21:23:16 GMT+01:00
Danke !

Veröffentlicht am 09.05.2013 22:24:08 GMT+02:00
Beckamp meint:
Danke. Super Rezension, die den Nagel auf den Kopf trifft.
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