|
56 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Rezension bezieht sich auf: Das wilde Kärnten: Menschenkind. Der Ackermann aus Kärnten. Muttersprache. Drei Romane (suhrkamp taschenbuch) (Taschenbuch)
Die Trilogie „Das wilde Kärnten" des Schriftstellers Josef Winkler ist eine Kompilation seiner drei ersten Romane „Menschenkind", „Der Ackermann aus Kärnten" und „Muttersprache". Alle drei zusammengenommen bilden von der wild-wüsten Anklage in „Menschenkind" hin zu einer etwas distanzierten Haltung in „Muttersprache" die Auseinandersetzung des Österreichers mit seinem Vater, dem Patron, der Haßfigur, an der er sich abarbeitet. Auch heute noch lebt Winkler in dem erzkatholischen Kärtner Dorf Kamering, obwohl er dort als „Anderer" kaum angesprochen, fast überall angefeindet wird. Doch Winkler braucht diese Umgebung, um überhaupt erst schreiben zu können, schließlich ist er über sein Anders-Sein erst zum Schreiben gekommen. Ausschlaggebend dafür war der Selbstmord zweier 17jähriger Jungen aus seinem Dorf. Dem einen war Winkler - damals 21jährig - derart eifersüchtig, daß er nicht ihn mit in den Tod genommen hat, daß er zu dem Zeitpunkt begann, „Menschenkind" zu schreiben.Zum Teil ist Winklers Schreiben Selbsttherapie. Das Motiv der beiden Jungen und deren Selbstmord taucht immer wieder auf, geschmückt in den unterschiedlichsten farbigen Metaphern, verbunden mit obszönen Darstellungen homosexueller Sexualpraktiken, wüsten Schimpftiraden auf den Vater, den Katholizismus, die Kärntner Scheinidylle. Mit „Menschenkind" scheint er sich zum Teil therapiert zu haben. Die Abruptheit, die Explosivität der Sätze ist teilweise gewichen, der Leser gerät nicht ständig in ein Wechselbad der Gefühle, auf eine Achterbahn der Emotionen. Winkler hat noch nicht seinen Frieden gefunden, das gelingt ihm wohl erst mit „Natura morta", doch indem er sein katholisches Leiden auf eine derart schockierende Weise beschrieben hat, öffnet sich ihm in der Realität der Weg nach draußen, in sein Leben mit einem gewissen Abstand zum Vater, dem er zu nichts mehr verpflichtet ist. Fazit: Josef Winkler polarisiert; man muß sich in ihn einlesen und v.a. auch etwas über den Hintergrund seines Schreibens, die österreichische Mentalität kennen, um sein Werk zu verstehen. Und obwohl gerade „Menschenkind" vor Obszönitäten nur so strotzt, kommt man einfach nicht davon los immer weiter zu lesen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen Kommentare
Von 1 Kunden verfolgt
Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag:
14.01.2009 12:28:50 GMT+01:00
E. Dilsky meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]
Antwort auf einen früheren Beitrag vom
15.04.2009 10:39:44 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 15.04.2009 10:42:36 GMT+02:00
Daniel B. meint:
Wenn Sie bloß eine Ahnung davon hätten, welch tiefe Wunden das "schöne Kärnten und dessen bäuerliche Bevölkerung" einem Menschen zufügen können; Wunden, die ein Leben lang nicht heilen! Der fanatische Katholizismus dieses Landstriches und patriarchale Gewalt lassen Winklers Jugend als eine Katastrophe dastehen, eine Katastrophe, die in diesen fantastischen Büchern nur angedeutet werden kann und die wohl nur ganz wenige verstehen können.
Antwort auf einen früheren Beitrag vom
06.03.2010 00:12:02 GMT+01:00
Peter Uehling meint:
Liegt das wirklich am schönen Kärnten und dessen bäuerlicher Bevölkerung? Wäre es ihm, der so-und-nicht-anders-beschaffenen Person JW, in Berlin-Mitte besser ergangen? Eins ist wahr: Österreichische Autoren werden gerade dann berühmt, wenn sie von einem existenziellen Hass auf ihre Heimat besessen sind, ob sie nun in Wien, der Steiermark oder eben Kärnten aufwachsen. Das wird man nun nicht alles Land und Leuten anlasten können, sondern einer spezifischen Sensibilität. Die hätte ich gerne mal erklärt.
Antwort auf einen früheren Beitrag vom
01.01.2011 17:38:04 GMT+01:00
Gahanaho meint:
Es liegt nicht an Kärnten oder an der Tätigkeit der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Ausschlaggebend ist die Verblendung durch den Katholizismus. Weshalb es ihm in Berlin-Mitte genauso hätte ergehen können, wenn sein Umfeld aus gleichermaßen tiefreligiösen Menschen bestanden hätte. Was sich in einer Stadt wie Berlin aufgrund der kulturellen Vielfalt kaum gestalten lässt.
Es geht nicht um die Region, nicht um das Land oder den Ort. Es geht um die ausschließlich tiefreligiöse Umgebung und die Ausweglosigkeit, welche sich aus der Konstellation kleiner Gemeinden mit sehr ähnlichen, allgemeinen Ansichten ergibt. Die Kritik des Buches richtet sich in meinen Augen nicht gegen die Heimat an sich, sondern gegen die Einseitigkeit sowie die Unabdingbarkeit der dort herrschenden Meinung und natürlich gegen den engstirnigen Katholizismus an sich. Ganz allgemein sollte man ein Buch lesen, wenn das Thema interessant erscheint. Und bewerten sollte man es, wenn man sich auch mit dem Thema beschäftigen möchte. Andernfalls könnte es dazu kommen, dass unproduktive Totschlagargumente angeführt werden, oder es gar zu einer Grundsatzdiskussion kommt. Ich für meinen Teil bezweifle die Produktivität beider Dinge.
‹ Zurück 1 Weiter ›
|
Details |