Kundenrezension

16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Anfang bis heute, 15. November 2012
Rezension bezieht sich auf: United States of America: Geschichte und Kultur. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart (Gebundene Ausgabe)
Nicht nur durch die gerade beendeten Präsidentschaftswahlen in Amerika ist die “amerikanische Frage” eine breit diskutierte in Europa, in Deutschland. Der vermeintliche „Niedergang“, die wirtschaftlichen Engführungen, die Staatsverschuldung, die enormen Schulden, aber auch die sich in europäischen Augen als „zerrissen“ darstellende Gesellschaft, die teils rückständig wirkenden Haltungen des „Bible Belt“, der „Tea Party“, die Waffengesetzgebung, die mangelnde Sozialversorgung der Bevölkerung, die Waffengesetzgebung und undendlich viel mehr an Andersartigkeiten, die teils sehr befremden ließen sich aufführen im Blick, aber auch im Vergleich mit der „westlichen Führungsmacht“, die nicht nur militärisch, sondern auch kulturell über Jahrzehnte das Leben weltweit mitgeprägt hat. Nicht nur mi Rock Musik und Coca Cola im Übrigen.

All diese „Befremdlichkeiten“, vor allem die spürbaren Ressentiments der Amerikaner einem zentralen Staat gegenüber sind nun nicht einfach so aus der Luft gefallen, sondern beruhen auf teil jahrhundertealten Entwicklungen. Diesen auf die Spur zu kommen und so ein höheres, intuitives Verständnis für diese mächtigen „Vereinigten Staaten“ zu erhalten, ist zumindest eine ständig mitlaufende „Nebenspur“ der Lektüre dieser umfassenden Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, die Bernd Stöver auf gut 670 Seiten nun vorlegt. Gerade weil er sich von Beginn an nicht nur geschichtlichen Fakten und Entwicklungen zuwendet, sondern die Kultur der Staatengemeinschaft ebenso eng mit in den Blick nimmt.

So verwundert es nicht, dass Stöver im Buch nicht mit dem Kanonendonner der Unabhängigkeitskämpfe einsetzt, sondern mit einer Einführung in das, was man gemeinhin den „amerikanischen Traum“ nennt. Eine Idee, die erst später, Ende des 19. Und Anfang des 20. Jahrhunderts „spruchreif“ sich entfaltet hat. Das Streben nach Freiheit, symbolisiert durch die „Statue of Liberty“ und die Figur des „Uncle Sam“ aber greifen (historisch spät) letztendlich dann doch jene Idee auf, die schon bei der Besiedlung Amerikas durch europäische Auswanderer (Pilgrim Fathers) als Motivation im Raume stand. Die Freiheit der persönlichen Entfaltung zu suchen (und zu finden), ebenso, wie die Freiheit zum Leben überhaupt 8sei es aus Repressalien in der alten Welt heraus, sei es schlichtweg aus Hunger oder anderen „Sackgassen“ des damaligen Leben“. „Sich von niemanden herein reden oder etwas vorschreiben zu lassen“ ist ein starkes Motiv des Lebens in Amerika von Beginn an. Womit einhergeht, als Chance, aber auch als Risiko, vollständig eigenverantwortlich für die Dinge des eigenen Lebens zu sorgen (und sorgen zu müssen), den Staat somit weit draußen zu halten und eben nicht als „Gewährleistung der eigenen Rechte“ primär zu verstehen.

Diese Grundhaltung ist in allen Perioden der Geschichte Amerikas zu spüren, auch wenn sie sich natürlich je anders Ausdruck verschafft. Wie Stöver immer wieder aufweist, indem er die Geschichte der Vereinigten Staaten von 1585 an, chronologisch und sorgfältig dargestellt. Amerika, der „Melting Pot“ der Kulturen auf der einen Seite, versehen mit den Traumata des Bürgerkrieges, Koreas und Vietnams auf der anderen Seite, mit dem Aufstieg zur weltweiten Supermacht vor allem durch und nach dem zweiten Weltkrieg. Eine „geordnete Welt“ im kalten Krieg, die ihre Strukturen verlor und bis heute neu sucht. Ein Prozess, den Stöver ebenso beredt aufführt, wie den doch tiefgreifenden Wandel, den die Anschläge vom 11. September danach mit sich gebracht haben. Bis hin zum (fast) aktuellen im 21. Jahrhundert als „Land der begrenzten Möglichkeiten“.

Eine intensive Geschichte ist es, die Stöver vor Augen führt. Mit Blut geschrieben (die Ausrottung der Indianer), mit Naivität oft vorangetrieben, mit Kalkül aufrecht erhalten, mit strikt kapitalistischer Ausrichtung und dennoch dem Anspruch an „Care“, der Sorge der Reichen für Land und Leute. Ein fragiles Gesellschaftsgebilde schildert Stöver, das immer wieder und bis heute um eine gemeinsame Linie und einen inneren Zusammenhalt zu ringen hat. Und in dem er immer wieder die verbindenden, kulturellen Grundüberzeugungen aufweist und einfließen lässt.

Stöver legt flüssig und verständlich eine zwar komprimierte, in sich aber schlüssige Geschichte der Vereinigten Staaten vor, anhand, in der gerade anhand der breiten Einlassungen zur Kultur vieles an „Merkwürdigem“ für europäische Leser deutlich verständlicher wird.
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