Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Posthume Apologie der Thatcher Machtergreifung?, 3. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Honig (Gebundene Ausgabe)
Der unvergleichbare britische Autor Ian Mc Ewan versteht es in seinen Romanen immer wieder unvorhersehbare Events zu entwerfen, die dafür sorgen das scheinbar abgefederte Leben aus der Bahn geworfen werden. Mit großer Intelligenz entwirft er dabei fokussierte Epochenbilder. Sein Roman "Abbitte"(2002) wurde ein Weltbestseller, der Roman "Saturday"(2005) wurde in der britischen Presse zerrissen, in seinem Roman "Solar"(2010) wären weniger flache satirische Gags mehr gewesen.

In seinem neuen, sowohl intelligenten, virtuosen, elegant raffinierten, wie fesselnden Roman "Honig", im Originaltitel "Sweet Tooth" - Leckermäulchen- hat er sich das Genre des britischen Geheimdienstes vorgenommen und entwirft darüber ein brillantes Epochenbild. Der Spionageroman hat bekanntlich eine große Tradition in der englischen Literatur, Ian Mc Ewan knüpft daran an, spielt mit diesem Genre und sprengt zugleich dessen Grenzen. Eigentlich hätte der Titel "Leckermäulchen" auch in der deutschen Übersetzung mehr Sinn gemacht, für diese im Seebad Brighton spielende Liebesgeschichte, der Lüge und Verrat als Stolpersteine in die Quere kommt.

Es ist eine Agentengeschichte die auf authentischen Fakten beruht. Die junge Literatur begeisterte "süße"Studentin Serena erzählt die Geschichte wie sie
für eine literarische Mission vom englischen Geheimdienst MI 5 engagiert wird. Ein Geheimdienst den immer ein bildungsbügerliches Flair umgibt. Die Heldin, die eigentlich Mathematik in Cambridge studiert, ist zwar eine ausgesprochene Leseratte, da sie aber neben anspruchsvoller Literatur auch sehr gern Trivialliteratur liest, wird sie für diese Aufgabe ausgewählt.

Ihre Aufgabe ist es einen zukünftigen talentierten Schriftsteller, ihren Geliebten, auf die Seite des Westens, auf die der Freiheit zu ziehen. Unter dem Deckmantel einer dubiosen Stiftung soll sein Werk vom Geheimdienst gesponsert werden. Dieser Tom Haley durchschaut das Spiel, lässt sich zwar protegieren, rächt sich aber für den widersinnigen Versuch des Geheimdienstes im Namen der Freiheit zu manipulieren. Der Clou ist, wie so oft bei Ian Mc Ewan, das wir erst auf den letzten zwanzig Seiten erfahren was hier wirklich vor sich geht, denn da wendet sich das Blatt vollkommen. Raffiniert gemacht. Bis dahin irritiert uns die Heldin über lange Strecken des Romans, weil sie zahlreiche Affären hat, garniert mit diversen Bettgeschichten und uns immer mit der Feststellung nervt, wie attraktiv sie sei. Eigentlich erzählt sie von Anfang an sehr unglaubhaft.

Dieser Liebes-Agenten-Campusroman blickt voll fröhlicher Wehmut in die siebziger Jahre zurück, denn Mc Ewan gibt dem Schriftsteller Tom Haley sein literarisches Milieu in London zu jener Zeit, den die Stories die Serena liest stammen aus seinen früheren Büchern. Die erste Affäre hat die 22 jährige Serena mit einem 54 jährigen Geschichtsprofessor in Cambridge. In diesen Passagen scheint Mc Ewan besonderen Spaß daran zu haben, sich selbst mit den Augen von Serena zu sehen.

Die Geschichte bleibt recht zweidimensional, aber man merkt das der Autor scheinbar noch einen Trumpf im Ärmel hat den er bis zum Schluss unter der Decke halten will, denn es ist vermutlich kein Ich Roman aus der Perspektive dieser jungen Serena. Der sensationelle Perspektivwechsel kommt, wie gesagt, zum Schluss. Brillant wendet Mc Ewan hier wieder den ältesten Trick eines Mainstream Romanautors an, denn er hält nicht nur Informationen zurück, sondern er füttert den Leser auch mit falschen Informationen. So fokussiert er die Attraktivität des Spionageromans, weil eigentlich das Spionagegeschäft genau so läuft wie das Romane schreiben.

Wenn man auch die vielen Liebesgeschichten streckenweise langweilig finden mag, mit "Honig" hat Ian Mc Ewan, mit beeindruckender Souveränität, einen großartigen Emanzipationsroman geschrieben, dabei spiegelt er den Neo-Liberalismus und unterschätzt keinesfalls die Manipulationsmöglichkeiten von der Literatur auf die Gesellschaft, macht sich jedoch einerseits gewandt lustig über die Bemühungen des Geheimdienstes Schriftsteller zu beeinflussen, ohne jedoch auch gleichzeitig die Phantasievorstellungen der Autoren zu karikieren.

Fazit:Wenn man die öffentliche Gesellschaft fördern will, dann sollte man das offen tun und nicht geheim. Darin liegt die Paradoxie.

Ian Mc Evan versteht es in fast all seinen Romanen immer wieder, dass zwischen dem was erzählt wird und wie das erzählt wird ein schwer beschreibbares, aber eigentümliches Spannungsverhältnis aufgebaut wird.

Meine uneingeschränkte Leseempfehlung.
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