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Kundenrezension

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine äußerst anregende Lektüre, 19. Oktober 2010
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Kunst, kein Egoist zu sein: Warum wir gerne gut sein wollen und was uns davon abhält (Gebundene Ausgabe)
Ging es Josef Kirschner vor Jahren mit seinem Buch Die Kunst, ein Egoist zu sein noch vor allem um Selbstverwirklichung und die Bejahung eigener Wünsche und Bedürfnisse, so hat sich Richard David Precht mit seinem neuesten Werk nun quasi zu einem Gegenentwurf aufgemacht, denn zu unübersehbar sind mittlerweile die Folgen von Individualisierung, überbordendem Egoismus und fehlenden Werten, an denen sich die Menschen in diesen modernen und dennoch stürmischen Zeiten orientieren könnten.

Ich habe das Buch mit großem Vergnügen und Gewinn gelesen. In gewohnter Weise wählt Precht den interdisziplinären Ansatz, und das bekommt diesem Thema - wie ich finde - besonders gut. Auch ist es wirklich exzellent geschrieben. Selten habe ich mich einmal mit so viel Lesefreude durch ein Sachbuch dieser Art hindurchgewühlt.

"Die Kunst, kein Egoist zu sein" ist nicht nur ein philosophisches, sondern im Grunde ein politisches Buch, denn es fragt ja nicht nur, warum etwas so ist, wie es ist, sondern auch, was aktuell schief läuft und was wir dagegen tun könnten.

Zum Inhalt haben sich andere schon ausreichend geäußert, sodass ich mich auf die Punkte beschränken kann, zu denen ich eine geringfügig andere Auffassung als der Autor habe. Beispielsweise denke ich, dass sich manches vor dem Hintergrund der Systemtheorie noch hätte etwas prägnanter darstellen lassen.

Gemäß der Systemischen Evolutionstheorie geht es Lebewesen primär um den Erhalt ihrer Lebensraumkompetenzen. Dabei lassen sich zwei Phasen unterscheiden: 1. Selbsthalt = Erhalt der Kompetenzen während des aktuellen Lebens; 2. Fortpflanzung = Erhalt der Kompetenzen über das eigene Leben hinaus. Lebewesen geht es also nicht unbedingt um die Verdrängung aller anderen, sondern primär um die Sicherung des vorhandenen Status. Dabei arbeiten sie ständig gegen Statusverluste an. Entsprechend heißt es bei Precht etwa (349): "Menschen haben große Probleme damit, etwas zu verlieren." Verlust hat aus Sicht des Lebens immer etwas Bedrohliches an sich. Das Interessante ist nun, dass allein dieser globale Statuserhalt (diese globale Verlustvermeidung) bereits für Evolution sorgen kann, da die Individuen auf jede Veränderung reagieren müssen. Das Bemühen, nicht schlechter zu werden, führt somit indirekt zur ständigen Verbesserung und damit auch zu Wachstum (vgl. die Ausführungen von Precht zur roten Königin ab S. 341). Beispielsweise werden Unternehmen allein schon deshalb in die Verbesserung ihrer Produkte investieren, weil es die Konkurrenz tut. Würde man dagegen nichts tun, würden die eigenen Produkte schon bald veraltet sein (Red Queen) und man würde Marktanteile verlieren. Dies bringt auf ganz natürliche Weise die Evolution der Technik hervor, ein Prozess, in dem man kaum steuernd eingreifen kann.

Auf der anderen Seite kann das Bemühen um Kompetenzerhalt auch regelrecht unsoziale bis unmoralische Verhaltensweisen zur Folge haben. Beispielsweise erkrankte das Kind des Hollywood-Regisseurs Jim Abrahams im Säuglingsalter schwer an Epilepsie. Obwohl das Kind auf die medikamentösen Therapien nicht ansprach, rieten die behandelnden Neurologen von einer bewährten Ernährungstherapie ab, auf die die Eltern per Eigenrecherche stießen. Seine Wut darüber drückte Jim Abrahams später in dem Fernsehfilm First Do No Harm [UK Import] mit Meryl Streep in der Hauptrolle aus. Mersch interpretierte das auf den ersten Blick äußerst befremdliche Verhalten der hinzugezogenen Mediziner als das Bemühen der Ärzte, die Krankheit in der eigenen Fachdisziplin zu halten und hierdurch die eigenen Kompetenzen zu bewahren. Deshalb sei es für die Fachdisziplinen auch so wichtig, dass ihnen eine Krankheit "gehört". In diesem Fall war der Kompetenzerhalt also gewissermaßen die Triebfeder der Unmoral.

Precht schien mir das Thema manchmal ein wenig zu sehr vom Menschen aus und zu psychologisch zu betrachten. Beispielsweise heißt es auf S. 360: "Obwohl sich nahezu alle einig sind, dass materieller Wohlstand und Wohlbefinden nicht identisch sind, hängt unsere Gesellschaft psychologisch fest an der Idee, den materiellen Wohlstand weiter zu mehren." Ist es wirklich die Gesellschaft, die hier agiert, oder sind es nicht doch eher die miteinander im Wettbewerb stehenden Unternehmen, die für ein ständiges Wachstum sorgen? Wir Menschen könnten sicherlich vielfach auf eine Mehrung des materiellen Wohlstands verzichten, aber kann dies auch die Unternehmenswelt, bei der fast alle Bürger ihr Auskommen verdienen?

Auf den Folgeseiten setzt sich Precht kritisch mit dem Konzept des homo oeconomicus auseinander, das er für verfehlt und überholt hält. Allerdings interpretiert er es meiner Meinung nach zu strikt. Es würde ja reichen, wenn sich Menschen statistisch signifikant gemäß ökonomischen Gesichtspunkten entscheiden, z. B. bei Fertilitätsentscheidungen, wo das meiner Meinung nach längst außer Frage steht. Stellt man sich den homo oeconomicus dagegen als ein ständig rational kalkulierendes Wesen vor, dann dürfte es leicht zu Fehlschlüssen kommen. So heißt es etwa auf S. 380: "Denn wer seine Vorteile tatsächlich rational kalkuliert, der ist zum Beispiel nicht allzu abhängig vom Status. Das Geld für den Mercedes investiert er lieber für ein gewinnbringendes Objekt." Dann dürften aber Unternehmen, denen man gewiss ein ökonomisch-rationales Kalkül unterstellen darf, überhaupt nicht Status-affin sein. Das ist aber alles andere als zutreffend.

Absolut korrekt scheint mir Prechts Analyse der explodierenden Managergehälter zu sein (382f.): "Amüsant an diesem bösen Spiel ist, dass der Streit um Managergehälter oft als eine 'Neiddebatte' bezeichnet wird. Die, die dagegen protestieren, seien ja nur neidisch. Tatsächlich aber ist es eine 'Neiddebatte' in ganz anderer Hinsicht, nämlich in Bezug auf den Neid der Manager untereinander." Sehr wahr. Und ein hübsches Beispiel dafür, wie durch mehr Transparenz manchmal auch unerwünschte Wirkungen entstehen können. Denn gerade durch die Transparenz dürften sich die Gehälter - gemäß Red Queen - in immer atemberaubendere Höhe schwingen.

Zum Schluss des Buches erfolgt noch eine verhaltene Marktwirtschaftskritik (390): "Auf die Dauer gerechnet wird Marktwirtschaft deshalb zu einer Belastung und Gefahr. Je zweckrationaler die Menschen ihren Nutzen kalkulieren, umso ungesünder wird das gesellschaftliche Klima." Auch hier bin ich der Auffassung: Es sind nicht so sehr die Menschen, die die Probleme verursachen, sondern in erster Linie die im Wettbewerb stehenden Unternehmen, die als eigenständige Systeme primär den Gesetzen ihrer Lebensräume, den Märkten, folgen. Sie handeln nicht unbedingt human, da sie nicht human sind. Und ihr Agieren hat auch nicht unbedingt etwas damit zu tun, wie human oder inhuman ihre Manager sind. Das Problem könnte insoweit viel größer sein, als uns Precht glauben machen möchte. Im übertragenen Sinne: Wenn sich Menschen (Vielzeller) gegenseitig bekriegen, dann mögen deren Zellen dies zwar als äußerst unangenehm empfinden, sie sind jedoch keineswegs die Verursacher des Geschehens.

Von diesen wenigen Anmerkungen einmal abgesehen: Ein rundum gelungenes Buch, dass ich vorbehaltlos empfehlen kann.
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