Kundenrezension

21 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein leidenschaftliches Plädoyer für das Anderssein!, 18. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Die Durchschnittsfalle: Gene - Talente - Chancen (Gebundene Ausgabe)
In unserer Gesellschaft wird der Durchschnitt als erstrebenswert propagiert. Wir sollten möglichst alle über eine einigermaßen solide Bildung verfügen, nicht zu unsportlich sein usw. Menschen, die dauernd aus der Reihe tanzen, fallen meist negativ auf (v.a. wenn man mit ihnen zusammenarbeiten muss ;). Wie verheerend dieses Denken sich auf unsere Zukunft auswirkt, zeigt Markus Hengstschläger in diesem spannenden Buch, das ich in einem Zug ausgelesen habe, auf.
Der Autor geht auf die ganze Palette gesellschaftlicher und politischer Vorgaben ein, die den Durchschnitt als gerechteste und beste Möglichkeit deklarieren - was für ein fataler Blödsinn, wenn es um langfristige Problemfindung geht. Denn keiner von uns weiß, wie die Probleme von morgen aussehen werden. Deshalb ist es wichtig, einen möglichst großen Pool verschiedenster Talente zur Verfügung zu haben und das lässt sich nur schwer mit dem Wunsch nach einem "soliden Durchschnitt" vereinbaren. Man denke nur mal an die Schule! Wie viele Stunden und Energie haben sie mit Mathenachhilfe/Mathebüffeln etc. vergeudet, obwohl Ihre Talente vielleicht (oder sicherlich!) in einem ganz anderen Bereich gelegen hätten? Und alles nur, um dem Durchschnitt zu genügen. Dann hat man eben in Mathe eine etwas bessere Note, kann sich aber um Musik weniger kümmern und wird dann in beiden Fächern eben durchschnittlich gut. So ist es auch gewollt!
Hier ist es wichtig, einzugreifen. Der Autor plädiert u.a. dafür, Kinder aus bildungsfernen Schichten nicht deshalb zu fördern, weil sie dann dem Durchschnitt näher kommen und "mithalten" können, sondern weil sie ihre Talente und Potenziale verwirklichen sollen, die uns in Zukunft letztlich allen zu Gute kommen können. "Was soll uns das schon bringen?!", mag man jetzt fragen. Eine Menge, denn "schlechte" Talente gibt es nämlich nicht - weil wir einfach nicht wissen, was morgen gefragt sein wird.
Sehr schön zeigt der Autor viele Zusammenhänge anhand von biologischen Beispielen auf, etwa dem folgenden: Eine Hydra lebt in einer Pfütze und langweilt sich (der Autor drückt es viel charmanter aus: "ihr ist fad!" ;). Deshalb vermehrt sie sich zunächst asexuell und produziert also Nachkommen mit identischem Genom. Ändert sich nun die Umwelt auch nur geringfügig (etwa durch eine leicht Temperaturerhöhung, ph-Wert-Veränderung etc.), bedeutet dies unter Umständen den Tod aller Individuen (glückliche Mutationen werden hier mal ausgeklammert). Bei sexueller Vermehrung (dazu braucht man aber eine Hydra aus einer anderen Pfütze!) wird der Genpool schon mal erweitert und die Möglichkeit, dass einige Individuen überleben, steigt. Nun stelle man sich mal vor, dass jemand einen Zaun um die Pfütze baut - ganz schön dämlich, wenn's um die Zukunft geht... Hier geht es um die Migration als Evolution und um eine Chance, die wir auf keinen Fall vertun dürfen.

Ein Beispiel, um aufzuzeigen, wie sinnvoll eine zunächst als sinnlos erachtete Variation (oder eben ein Talent) sein kann, liefert Markus Hengstschläger mit dem Birkenspanner, der überwiegend in einer hellen Variante existiert - sich aber zur Zeit der Industrialisierung in England in der (vorher sehr seltenen) dunklen Variante durchsetzte.
Hier sieht man mal, dass es durchaus mit einem großen Vorteil verknüpft sein kann, wenn man anders ist.
Das Potenzial des Anderen, Fremden, das die Gesellschaft für die Zukunft wappnet steht also im Mittelpunkt. Denn wir wissen heute noch nicht, was morgen gefragt ist. Sehr schön illustriert der Autor dies wiederum anhand eines Bildes: In einer Turnhalle befinden sich 20 Schüler, deren Aufgabe darin besteht, einen Ball aufzufangen, der aus irgendeiner Richtung kommt - keiner weiß vorher woher. Auch statistische Berechnungen, die Aussagen darüber treffen, wie oft der Ball bislang von oben oder von hinten links kam, sind nicht hilfreich - denn man hat keinerlei Anhaltspunkt was das zukünftige Geschehen angeht. Die größte Chance, dass eines der Kinder den Ball fängt, besteht dann, wenn alle möglichst im ganzen Raum, an ganz unterschiedlichen Stellen aufgestellt sind - ein Erfolg wird sich höchstwahrscheinlich nicht einstellen, wenn alle in einer Reihe stehen und geradeaus gucken. Genau das erwarten wir aber bei vielen Problemen! Seltsam, oder?
Oder: Wenn zwei Menschen ein Team bilden sollen, und beide Personen hatten bisher ähnliche Probleme, wird die Zusammenarbeit sich sehr wahrscheinlich weniger fruchtbar gestalten, als wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen aufeinander treffen.
Als Genetiker geht der Autor natürlich v.a. auch auf sein Spezialgebiet ein:
Welche Rolle spielt die Genetik? Hier hält Hengstschläger klar fest: Menschliche Rassen gibt es genetisch nicht. Ein Weißer ähnelt einem dunkelhäutigen Menschen genetisch vielleicht sehr viel stärker, als seinem weißen Nachbarn. Und hier unterscheiden uns ohnehin maximal 0,1 Prozent von den anderen... Auch die Anzahl der Gene macht uns nicht zu etwas Besserem - oder falls die Anzahl doch eine Rolle spielen sollte, ist ein Kohlkopf mehr als 4x so toll wie wir... Frustrierend? Nicht unbedingt. Der Autor erklärt, worauf es ankommt. Nämlich nicht nur auf die Gene (aber auch!), sondern ganz maßgeblich auch auf die Umwelt.
Hier werden Gene, epigenetische Prozesse, Meme und Epigeme (Neuschöpfung des Autors - ein Epigem als Einheit der Vererbung epigenetischer Prozesse) erläutert.

Der letzte Teil ist eine Art Praxisteil. Hier erfährt man, wie man am besten rangeht, an die Talente und man lernt die verschiedenen Talente kennen - wobei Talente oder Begabungen selbst nicht messbar sind, sondern lediglich der Erfolg, den man durch diese Leistungsvoraussetzungen hat. Hier wird eine ungefähre Kategorisierung verschiedener Begabungen vorgenommen -z.B. sportliche Begabungen (natürlich hängt hier auch vieles von körperlichen/genetischen Voraussetzungen ab - etwa wenn ein 1,65-Mann Basketballer werden möchte etc.). Sprachliche, wissenschaftliche, künstlerische Begabungen u.v.m. werden ebenfalls abgehandelt. Auch das Thema "Glück und soziale Begabungen" wird ausführlich erörtert. Schließlich geht es darum, wie Talente entdeckt und gefördert werden können und man wird nochmal dazu motiviert, aus der Reihe zu tanzen.

Der Autor bindet viele Zitate in seine Ausführugen ein und fasst damit viele Erkenntnisse zusammen, die zu diesem Themenkomplex bereits existieren. Er berichtet auch von seiner eigenen Forschung aus dem Bereich der Medizinischen Genetik und aus der Grundlagenforschung (etwa der Erforschung der Erbkrankheit Tuberöse Sklerose usw.) Als Leser lernt man einiges über die Grundlagen der Genetik - manches kennt man vielleicht schon, wie z.B. die Sache mit der Sichelzellenanämie und der Malaria o.ä. Ich habe mich jedenfalls oft an die Bio-Stunden von früher erinnert (durchaus sehr positiv! :-)

Fazit: Ein sehr gelungenes und erhellendes Buch, das uns die Augen öffenen und unsere überkommenen Betrachtungsweisen überdenken lassen sollte!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

Schreiben Sie als erste Person zu dieser Rezension einen Kommentar.

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 


Details

Artikel

Rezensentin / Rezensent