Kundenrezension

34 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gelungene Fortsetzung in der Reihe "Friedhof der vergessenen Bücher", 25. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Gefangene des Himmels: Roman (Gebundene Ausgabe)
Carlos Ruiz Zafón - Der Gefangene des Himmels / El Prisionero del cielo
Der Gefangene des Himmels ist das dritte Buch aus der Reihe, die sich um den "Friedhof der vergessenen Bücher" dreht. Obwohl der Autor in seinem kurzen Vorwort meint, dass die einzelnen Bücher in sich geschlossene Einheiten darstellen und unabhängig voneinander (und daher auch in beliebiger Reihenfolge) gelesen werden können, meine ich, dass es sich empfiehlt, dieses Buch als dritten Teil zu verstehen, es also erst zu lesen, nachdem man "Den Schatten des Windes" und "Das Spiel des Engels" gelesen hat. Die Geschichten sind eng miteinander verwoben und zum großen Teil hat man es mit den gleichen Personen und gleichen Schauplätzen in Barcelona zu tun.
Im Vergleich zu den ersten beiden Teilen fällt auf, dass "Der Gefangene des Himmels" nicht nur im Hinblick auf die Seitenzahl kürzer, sondern auch inhaltlich deutlich weniger komplex ist. Es gibt nur zwei Zeitebenen und zwei verschiedene Erzähler.
Der erzählerische Rahmen umfasst den Zeitraum zwischen Dezember 1957 und Februar 1958. Im Mittelpunkt steht hier der Ich-Erzähler Daniel Sempere, der mit seiner Frau Beatríz und dem gemeinsamen Kind in einer kleinen Wohnung über dem Buchladen seines Vaters lebt. Die auf dieser Ebene erzählte Rahmengeschichte ist ziemlich einfach gehalten, weist aber gegen Ende in einem kurzen, als Cliffhanger angelegten Epilog, der im Jahr 1960 spielt, über das Buch hinaus und deutet an, worum es im nächsten Buch der Reihe gehen wird.
Komplexer und geheimnisvoller ist dagegen die zweite Zeitebene. Dabei erzählt Fermín Romero de Torres seinem Freund und Buchhändler-Kollegen Daniel von seinem Schicksal zwischen 1939 bis 1940, also kurz nach dem spanischen Bürgerkrieg. Ohne die genauen Gründe zu erfahren, gerät Fermín in das berüchtigte Gefängnis für politische Gefangene von Montjuic, einer alten Burg auf einer Anhöhe außerhalb Barcelonas. In diesem Gefängnis herrscht der von Selbstmitleid und Ehrgeiz zerfressene Direktor Mauricio Valls wie Gott und Teufel in einer Person über die Wächter und Gefangenen. Für den Direktor ist der Gefängnisposten nur ein Einstieg in eine erhoffte politische und literarische Karriere; seine Herrschaftsposition nutzt er aus, um sich die Fähigkeiten und Kenntnisse seiner politischen Gefangenen anzueignen, mit dem Ziel, reich, berühmt und einflussreich zu werden. Wie zu erwarten ist, geht es in diesem Kapitel sehr grausam zu. Manche Beschreibungen spielen sich deutlich jenseits der Ekelgrenze ab. Das Schlimmste ist dabei die Vorstellung, dass solche Dinge wahrscheinlich wirklich passiert sind. Im Gefängnis befindet sich auch ein ehemals berühmter Schriftsteller, David Martín, Hauptdarsteller des zweiten Bandes "Das Spiel des Engels", mit dem sich Fermín anfreundet. Wie sich herausstellt, wurde der Schriftsteller auf Wunsch des Gefängnisdirektors verhaftet und in einem üblen Schauprozess auf der Grundlage meineidiger Zeugen verurteilt. Die meisten dieser willfährigen Lügner sind erfolglose Schriftsteller, die die Chance wittern, den aufgrund seines Ruhmes verhassten Konkurrenten zu beseitigen.
Bei der Beschreibung dieses Gerichtsverfahrens hört man deutlich die Stimme des Autors Ruiz Zafón heraus, der sich damit gegen die Anfeindungen stellt, die ihm in Spanien aufgrund seines enormen Erfolgs mit Wucht entgegen prallten. Während der Autor international wie ein Star gefeiert wird, gab es in Spanien eine eifrige Debatte darüber, ob die Bücher von Ruiz Zafón überhaupt als Literatur bezeichnet werden dürfen. Der Hauptvorwurf lautet, dass Ruiz Zafón gezielt den Massengeschmack bediene, um sich wirtschaftlich zu bereichern. Angesichts der Komplexität der Geschichten, der großartigen Sprache, des Witzes und des Einfallsreichtums erscheint der Vorwurf, Ruiz Zafón produziere Trivialliteratur zwar absurd, doch handelt es sich wohl um ein menschliches Urbedürfnis, den Erfolgreichen den Ruhm herzlich zu missgönnen.
Das Buch stellt gleichzeitig auch einen Beitrag für die in Spanien längst nicht abgeschlossene Debatte über die Kriegsverbrechen im spanischen Bürgerkrieg und das Duckmäusertum in der Nachkriegsära dar. Der Umstand, dass der grausame Diktator Franco als alter Mann im Bett starb, während um ihn herum Kardinäle, Klageweiber und Schulkinder um sein Seelenheil beteten, nagt sehr am spanischen Nationalstolz. Zwar gerieten in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts auch andere europäische Länder in die Fänge von Diktatoren, doch haben sich andere Länder - wenn auch mit Hilfe der Alliierten - viel schneller von diesen Diktatoren befreien können: Hitler richtete sich in auswegloser Situation selbst, Mussolini baumelte aufgeknüpft von einer Straßenlaterne, nur Franco starb an Alterschwäche im Pyjama. In der Szene, in der Daniel Sempere seinem Vater vorwirft, sich nicht für den politisch motivierten Mord an seiner Mutter gerächt zu haben, kommt der ganze Ärger der jüngeren Generation gegenüber den Mitläufern im Franco-Regime zum Ausdruck. In bewegenden Worten erklärt ihm der vom Leben gezeichnete Vater, warum seine Generation nach dem Bürgerkrieg still gehalten hat: Man wollte das Grauen vergessen, nach vorne schauen und vor allem den Kindern eine Zukunft ohne weiteres Blutvergießen und Gewalt geben.
Ich habe das Buch (im spanischen Originaltext) in zwei Tagen durchgelesen. Die Schilderung des Grauens in den Gefängnisszenen mag manchmal abstoßend sein, doch ist sie zur Darstellung des historischen Gesamtbilds traurigerweise inhaltlich legitimiert. Ansonsten liest sich das Buch leicht und anstrengungslos. Vor allem der mit allen Wassern gewaschene Fermín Romero de Torres bringt immer wieder Witz und Fahrt in die Geschichte. Wer die ersten beiden Bücher aus der Reihe "Friedhof der vergessenen Bücher" gelesen und gemocht hat, wird auch "Den Gefangenen des Himmels" gerne lesen und sich mit mir schon jetzt auf den vierten Band freuen.
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