Kundenrezension

15 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Excess on Main St, 21. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Exile on Main Street (Remastered) Deluxe 2 CDs (+ 10 unveröffentlichte Songs) (Audio CD)
Unter'm Strich gibt es bei dieser netzwerktechnisch mit viel Aufwand gepushten Neuauflage nicht allzu viele Kaufanreize, wenn man diese Platte ohnehin schon hat. Wenn man Stones-Fan ist und insbesondere diese Platte liebt, dann lohnt es sich wegen vier bis fünf der beigefügten zehn Zusatz-Songs. Aber auch dabei ist Toleranz nötig. Kaufanreiz sollen sie sein, die Bonus-Dreingaben, die tatsächlich einige positive Überraschungen bieten - leider jedoch überdeutlich erkennbar unter Jaggers wirtschaftlich geschultem Kalkül zu leiden haben.

Eins vorweg: Die Stones waren von meinem 14. Lebensjahr an meine Lieblingsband, bis ihnen ca. 1998 nach einem Konzert in der Essener Grugahalle Bob Dylan den Rang abgelaufen hat. Nicht, dass das, was die Stones zu jenem Zeitpunkt abgesondert haben, noch Bedeutung gehabt hätte. Für mein Dafürhalten hatte ihre ureigene Kreativität ohnehin nach ,Emotional Rescue' von '79/80 zuzüglich der später auf "Tattoo You" erschienenen Nachbesserungen von Studio-Relikten besagter Platte ihren Zenith überschritten.

Dennoch haben die Stones einen ewigen Stein in meinem Brett, und deswegen will ich zu dieser Neuauflage eines ihrer interessantesten Alben meinen Senf abgeben. EXILE gilt ja unter der schreibenden Kritikerzunft im Nachhinein als eine Großtat aufgrund seiner Unfertigkeit, die eine Spontaneität zu vermitteln schien, die als eine bewusste Rückbesinnung auf künstlerische Wurzeln interpretiert wurde.
Letztendlich war es aber wohl nur eine Horde verwöhnter Mittelklasse-Jungs, die seit etwa zehn Jahren auf Klassenfahrt waren, zuviel Taschengeld zur Verfügung und unterwegs den einen oder anderen verloren hatten, etwa im Swimmingpool, und nun mit einem kreativen, finanziellen, personellen und drogenbedingten Kater kämpften. Aber sie haben sich gut geschlagen, obwohl einer ihrer kreativen Köpfe im Heroinsumpf zu versacken drohte und mit seinem Kumpel Gram Parsons lieber eine neue Countrymusic erfinden wollte.

EXILE ist ein ergiebiges Album, das zwar im Vergleich zur vorherigen ,Straße' großartiger Platten (Banquet; Bleed; Ya-Yas; Fingers) dumpf und zunächst Hit-los erschien. Auch im Kontext der folgenden, ebenfalls großartigen Alben ,Black & Blue', ,Goat's Head Soup' und ,It's only...' hat EXILE eine Ausnahmestellung, weil es klingt, als gäbe es keine Kompositionen sondern nur Improvisation.

Im Laufe der Jahre hat sich jedoch gezeigt, dass Songs wie ,Shine A Light', ,Sweet Virginia', ,Loving Cup', ,Sweet Black Angel' und ,Tumbling Dice' aufgrund ihrer Nähe zur musikalischen Authentizität eine längere Halbwertszeit aufweisen als etwa ,Angie' oder sogar ,Brown Sugar' und ,Get Off Of My Cloud'. Und ,Happy' und ,Rocks Off' gibt's auf EXILE obendrein.

Nun zu dieser Neuauflage: EXILE ist wie es ist, daran lässt sich nicht viel ändern; es hat wenig Brillanz und klingt ein wenig wie aus dem Pappkarton. Daran kann auch das erneute Remastering nichts ändern. Diese Version holt die percussiven Instrumente wesentlich klarer nach vorne, lässt auch Blasinstrumente und Akustikgitarren kristalliner klingen. Aber letztlich bleibt es eine rustikale Aufnahme, auf die Rick Rubin sicher stolz wäre. Der als Single verbreitete Song ,Plundering My Soul' ist Durchschnitt, aber eine angenehme Wiederentdeckung, ähnlich wie ,Pass The Wine'. Völlig genial und geradezu unerhört gut sind jedoch ,Following The River' und ,Dancing In The Light'. Sie hätten, seinerzeit zuende gedacht, das Originalalbum sicher bereichert und uns Füller erspart wie ,Casino Boogie' und ,I Just Want To See His Face' oder ,Turd On he Run' - das allerdings einen lustigen Text hat.

Bei den zuletzt gelobten Songs ist jedoch leider Jaggers künstlerisch-komerzielles Nachwirken extrem hörbar. Er hats wohl noch mal neu gesungen - mit einer fast 40 Jahre gealterten Stimme. Und zusätzlich die Chöre um Damen ersetzt, die zur Zeit der Sessions zu EXILE gerade mal Kinderlieder gesungen haben - darunter die langjährige Stones-Background-Sängerein Lisa Fisher.
Die beiden für Fans dieses Album demnach wirklich erfreuenswerten Songs sind also nicht authentisch. ,Don't mess with the bible' soll Keith gesagt haben, als Mick begonnen hatte, an den EXILE-Tapes zu fummeln... Der Rest ist schon interessant (s.o.) und/oder belanglos, zumal es auch noch zwei saumäßige Alternativ-Versionen von ,Loving Cup' und ,Soul Survivor' gibt, die nichts taugen.
Zuletzt noch ein Wort zum mehr als dürftigen Booklet: Ein paar Fotos in schlechter, körniger sw-Qualität, die Mick, Keith und Charlie sowie einige Gastmusiker zeigen. Einmal ist Mick Taylor von hinten zu sehen, Bill Wyman überhaupt nicht. Darüber kann sich jeder selbst seine Gedanken machen, aber "Geschichtsklitterung" wäre wohl das passende Wort. Auch dass schon in der Urfassung die Mitwirkung Gram Parsons verschwiegen worden war, haben die Verantwortlichen bei der Neuauflage nicht korrigiert.

Zur Vergabe der vier Sterne: 5 fürs Original-Album, 3 fürs Remastern, 3 für die zwei brauchbaren neuen Songs, minus 3 für das lieblose Booklet, minus 3 für die Beschönigung der Aufnahmen - ergibt immer noch 5. Und daran ist nicht zu rütteln.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 24.05.2010 23:13:34 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.05.2010 20:06:42 GMT+02:00
musicpeterpan meint:
Tolle Rezi, bin auch fast in allen Punkten Deiner Meinung. Fast, denn ich finde das Remastering bringt doch deutliche Vorteile im Vergleich mit dem Original und lohnt so den Neukauf. Einen High End Klang wird es bei diesem Album sicher nie geben, doch das würde auch nicht zum Charakter dieses legendären Werks passen. Die zweite CD braucht man nicht unbedingt. Im Übrigen las ich gerade, dass die Bonusstücke in der Urversion ohne Gesang waren und deshalb neu eingesungen werden mussten.
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