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4.0 von 5 Sternen phantastische Erzählung eines realen Lebens, 15. September 2013
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Rezension bezieht sich auf: Casanova - Geschichte meines Lebens: Komplettausgabe aller 6 Bände (Kindle Edition)
Mir mißfällt das aufreizende Cover, das einseitig auf Casanovas Frauengeschichten abzielt. Die Übersetzung von Heinrich Conrad stammt von der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Mit Ausnahme einiger weniger Ausdrücke (jd. die Spitze bieten = mit jd. mithalten, Gold statt Geld, Düte statt Tüte, Püppchen statt Baby) macht sie keinen veralteten Eindruck. Der Text ist vom Projekt Gutenberg übernommen, enthält daher fast keine Rechtschreibfehler.

Die Übersetzung der ebook-Version, die etwa 4500 Seiten umfaßt, ist eine Bearbeitung des 19. Jahrhunderts. Passagen, die damaligem sittlichem Gefühl zu weit gingen, wurden ausgelassen oder abgeschwächt. Eine vollständige Übersetzung wurde erst 1960-1962 von Heinz von Sauter angefertigt.
Casanova erweist sich als ein geistvoller, intellektuell brillianter Erzähler, der dem heutigen Leser erkennen läßt, auf welch niedrigem Niveau sich heutige Gesprächskultur bewegt. Im Leben selbst zu Späßen und Schabernak aufgelegt, liebt er es, viele Situationen aus einem erheiternden Blickwinkel darzustellen.

Als Achtjähriger nach Padua in Ausbildung gebracht, entwickelt sich Giacomo Casanova zu einem Wunderkind an intellektueller Auffassungskraft und Gedächtnis. Seine besondere Vorliebe gilt der Dichtung. Horaz, Ariost und andere Dichter zitierte er auswendig. Aus dem Stegreif konnte er Verse bilden. Mit 15 Jahren erhielt er die vier niederen Weihen, die ihm eine Aussicht auf eine kirchliche Laufbahn eröffneten. Ein Jahr später war er Doktor des weltlichen und kanonischen Rechts. Im Alter von 19 Jahren befindet er sich im Dienst des Kardinals Acquaviva in Rom, konversiert geistreich mit dem Papst und anderen hohen Personen, stolpert aber über eine Entführungsaffäre, in der er Hilfsdienste leistet. Von da an beginnt sein unstetes Leben, das ihn durch viele Länder Europas führt. Ein Beschäftigungsangebot des Preußenkönigs schlägt er aus, zwei weitere Möglichkeiten in Polen und Spanien scheitern an Zwischenfällen. Seine letzten Lebensjahre von 1785-1798 verbringt er im Dienst des Grafen Waldstein auf Schloß Dux in Böhmen. Dort verfaßt er seine Memoiren.

Seine menschliche Vergänglichkeit und sein erlöschendes Leben vor Augen, hat Casanova als einzigen Schatz seine Erinnerungen übrig, die er wahrheitsgemäß erzählen will, um so dem Sinn seines Lebens einen letzten Dienst zu erweisen. Besonders die Argumentationen vieler Dialoge vermitteln einen authentischen Eindruck von Glaubwürdigkeit, auf die wir angewiesen sind, wenn wir uns über die verschiedenen Seiten von Casanovas Charakter klar werden wollen.
Im Vorwort, mit dem man beginnen sollte, faßt er seine Lebenserkenntnisse und Ansichten zusammen. Im Erzähltext wird manches wieder aufgegriffen, meist nur in kurzen Reflexionen. Er spricht öfter von seinem guten Geist (13mal) oder bösem Geist (24mal), denen er gefolgt ist. Ein wichtiges Prinzip ist ihm die stoische Devise "Sequere Deum" - Folge (dem) Gott: "Überlasse dich dem, was das Schicksal dir bietet, sofern du nicht eine starke Abneigung dagegen empfindest" - entsprechend der Erfahrung des Philosophen Sokrates, der von seinem Daimon vor Falschem gewarnt, aber selten zu etwas Richtigem ermahnt wurde. Im Vorwort bekennt denn auch Casanova, sein einziges System im Leben, wenn es überhaupt eines sei, habe darin bestanden, sich von Wind und Wellen treiben zu lassen.

Zwei Zitate sollen Zeugnis von seiner Selbsterkenntnis geben:
1. Eine glückliche Beziehung hatte er zu seiner kurzzeitigen Haushälterin Dubois, die er am Ende an Herrn Lebel abtrat. Nachdem er abschließend ihre Vorzüge gewürdigt hat, bemerkt er: "Hätte ich mich mit einer Frau verheiratet, die es verstanden hätte, mich geschickt zu lenken, ohne daß ich ihr Regiment bemerkt hätte, so hätte ich mich um mein Vermögen bekümmert, hätte Kinder gehabt und stände jetzt nicht allein und arm in der Welt da." Hier wird erkennbar, daß Casanova von der Frau eine Initiative erwartet, die eigentlich er egreifen müßte. So macht er sich letztlich von der Frau abhängig. Es fehlt ihm die Entschlußkraft, eine dauerhafte Verbindung vorzuschlagen. In der Retrospektive des Erzählers entschuldigt er sein Versagen mit der Willkür des Schicksals, z.B. als er 1760 mit der 15-jährigen Rosalie von Nizza nach Genua abreist: "Ich dachte, daß Rosalie mir bis an das Ende meines Lebens angehören und ich nicht mehr das Bedürfnis empfinden würde, von einer Schönen zur anderen zu eilen. Mein Schicksal hatte es anders mit mir beschlossen, und gegen das Schicksal läßt sich nichts machen."

2. Bei seinem Besuch in Wolfenbüttel verbringt er acht glückliche Tage in der dortigen Bibliothek. In diesem Zusammenhang bemerkt er: "Heute sehe ich, daß nur einige ganz unbedeutende Umstände hätten zusammenwirken brauchen, damit ich in dieser Welt ein wahrer Weiser statt eines wahren Toren gewesen wäre."

Dank seiner intellektuellen Vielseitigkeit und phänomenalen Kombinationsfähigkeiten vermochte Casanova, sich auf einer gesellschaftlich hohen Ebene zu bewegen, die ihm von Geburt nicht zufiel. Letztlich galt er der Adelsgesellschaft als Sohn von Schauspielern, einer nicht gesellschaftsfähigen Berufsgruppe. Durch Gewinnspiele, kabbalistische Orakel und Horoskope sowie finanzielle Unterstützung dreier venezianischer Freunde bestritt der vagabundierende Abenteuer seinen anspruchsvollen Lebensstil.

Casanovas Besitz von okkulten Schriften und seine Zugehörigkeit zur Freimaurerei waren Anlässe für seine Haft unter den Bleidächern in Venedig. Seine spektakuläre Flucht, die ihm durch genaueste Planung und todesmutige Ausführung gelang, machten ihn in ganz Europa bekannt. In Paris erlangte er Zugang zu höchsten Regierungskreisen und wurde mit einigen politischen Aufgaben betraut.

Casanova wurde am bekanntesten durch seine Liebesabenteuer. Im Vorwort erklärt er, er sei für die Frauen geboren.
Casanova beurteilt Frauen nach schön und häßlich. Er liebte nur die schönen, geistvollen bzw. verständig naiven. Er glaubt, Frauen größere Liebesgenüsse gewähren zu können als andere Männer. In Zusammenhang mit seinem Verhältnis zu Bellino-Teresa bemerkt er: "Ich hatte immer die Schwäche, vier Fünftel meines eigenen Genusses in der Wonne zu finden, die ich dem reizenden Wesen verschaffte, dem ich mein Glück verdankte."

Casanovas Liebesabenteuer folgen meist demselben Muster: Er verliebt sich in eine Schönheit, deren sinnliches Begehren er durch verliebtes Reden, durch Gesten und Handlungen weckt. Er möchte um der Liebe willen lieben und geliebt werden. Die sich steigernde Leidenschaft der Gefühle strebt schließlich unaufhaltsam ihrer höchsten Erfüllung in der geschlechtlichen Vereinigung zu. Durch sie erfährt die Geliebte ekstatisches Lebensglück und erblüht zu voller Schönheit. Für Casanova waren diese Taten der Liebe unverzichtbares Lebenselixier, was ihm etwa bitter abging, als ihm seine "kleine Frau" C.C. durch ihren Klosteraufenthalt entzogen war. Diese Art der Liebe ist selbstvergessen, augenblicksbezogen und bindungslos, sie duldet keine Vorbehalte, die Casanova als religiöse oder konventionelle Vorurteile bezeichnet. Casanova nimmt kühn und unbedenklich vorweg, was andere abwartend der Ehe vorbehalten. Gefühle in ihrer Übermacht scheinen ein Eigenrecht zu besitzen und der Bindung durch gesellschaftliche Regeln überlegen zu sein und üben so eine fast unüberwindliche Verführungskraft aus.
Drei Äußerungen Casanovas sollen seine Einstellung zur Ehe veranschaulichen:

1. Zu Beginn seiner Laufbahn als "Soldat Amors" wirbt er erfolglos um Angela Tosello, die ihn zwar zu lieben behauptet, aber ihre Gunst nicht vor der Ehe gewähren will. Ihre Freundinnen Nanetta und Martina zeigen Verständnis für diese Haltung. Darauf sagt Casanova: "Sie denkt nur an sich selber; denn da sie weiß, was ich leide - könnte sie wohl so handeln, wenn sie mich um meiner selbst willen liebte?" Casanova macht also seine Person zum alleinigen Rechtfertigungsgrund der Liebeshingabe. Er gesteht dies hinsichtlich der Nonne von Chambery ein: "Ich konnte mir aus meinen Gefühlen kein Verdienst mehr machen; ich hatte mich in diese neue M.M. leidenschaftlich verliebt, und die Liebe macht sehr selbstsüchtig; denn bei allen Opfern, die wir dem Gegenstand unserer Leidenschaft bringen, denken wir nur an uns selber."

2. Gegenüber der Portugiesin Pauline, die Casanova 1762 in London kennenlernt, bezeichnet er die Ehe als "das Grab der Liebe".

3. Nach der Trennung von Rosalie beginnt Casanova, deren Bedienstete Veronika als Nachfolgerin zu umwerben. Diese jedoch hält an Grundsätzen ehelichen Denkens fest. Es entspinnt sich folgender Dialog:
C.: Ich muß Ihnen sagen, daß ich entschlossen bin, mich niemals zu verheiraten, bevor ich nicht der Freund meiner Frau geworden bin.
V.: Das heißt: erst wenn Sie nicht mehr ihr Liebhaber sind?
C.: Ganz recht.
V.: Sie wollen da enden, wo ich beginnen will.

Den Gewissenszwiespalt zwischen religiöser Bindung und freier Liebeshingabe löst die Spanierin Ignazia nach längeren Kämpfen pragmatisch: Sie sagt zu Casanova: "Meine Leidenschaft für dich ist nur eine vorübergehende Verirrung." Ihre Liebeserfahrung wird sie gegenüber ihrem künftigen Ehemann, der nicht welterfahren wie Casanova ist, selbstbewußter und unabhängiger machen. Sie heiratet im folgenden Jahr.

Geht man davon aus, daß sich Liebe in lebenslanger Dauer wesenhaft verwirklicht, ist Casanovas Auffassung der Liebe als Usurpation des Augenblicks zu bezeichnen.

Casanova ist gegenüber Frauen sicherlich selbstsüchtig, aber auch fürsorglich. Er hält sich zugute, den meisten zu ihrem Glück verholfen zu haben. Dieses besteht in der Regel im ruhigen Hafen der Ehe. Besondere Hilfsbereitschaft zeigt er z.B. gegenüber der Apothekerfrau aus Montpellier, die sich von einem betrügerischen Glücksspieler hatte umgarnen lassen und durch halb Europa reiste. Casanova trifft sie in Leipzig krank und verzweifelt. Er sorgt für ihre Gesundung, reist mit ihr nach Wien und gibt ihr Mittel zur Heimreise. Er sucht sie einige Jahre später in Montpellier auf und fühlt Genugtuung, daß sie mit ihrem Ehemann ausgesöhnt lebt. Ohne seine Geldquellen, sagt Casanova, hätte vieles Gute nicht tun können.

Bei mehreren Mädchen und Frauen gelangt Casanova nicht zum Ziel seiner Wünsche. Diese sind Angela, Frau F., die Roman, Manon, Esther, Veronika, Armilliana. Ihnen gemeinsam ist, daß Casanova Zeit und Mühe aufgewendet hat, um sie sich geneigt zu machen. In zwei Fällen der Verweigerung jedoch glaubte er, ohne längere Vorbereitung sein Ziel erreichen zu können, bei MERCI und der CHARPILLON.

1. MERCI ist die Nichte eines Huthändlers in Spa, bei dem er Quartier gefunden hat. Die Nichte ist ernst und nicht zu Gesprächen aufgelegt. Ihre Schlafstätte grenzt an der Casanovas an. Nach einigen Tagen stattet er ihr morgens einen Besuch an ihrem Bett ab und greift unter die Bettdecke. Im selben Augenblick, so erzählt Casanova, "erhielt ich einen Faustschlag auf die Nase, so daß ich tausend Sterne sah. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich ex abrupto jede Lust verlor, zärtlich zu sein."

2. Die Verweigerung der CARPILLON bringt Casanova zu solcher Verzweiflung, daß er sich in die Themse gestürzt hätte, wenn nicht "sein guter Geist" einen Freund des Wegs geführt hätte, um ihn daran zu hindern. Zum Verständnis dieser dramatischen Geschichte sind einige Vorkenntnisse erforderlich:
a) Casanova hat ein Haus in London gemietet. Er möchte eine Mieterin, "die englisch und französisch spricht, und weder bei Tage noch bei Nacht Besuche empfängt." und bringt ein Plakat an. Ganz London amüsiert sich darüber. Casanova nimmt die Portugiesin Pauline an, die es nach England verschlagen hat und fast mittellos bis zur Aufforderung zur Rückkehr nach ihrer Heimat warten muß. Es entwickelt sich eine glückliche Liebesbeziehung zwischen beiden.
b) Die (Marianne) Charpillon, 17 Jahre alt, lebt 1763 seit vier Jahren mit Mutter, Großmutter und deren zwei Schwestern in London. Sie wurden aus Bern wegen Prostitution ausgewiesen und hielten sich einige Jahre in Paris auf. Dort trifft Casanova die Dreizehnjährige vor einem Laden und kauft ihr einen Ohrschmuck, der ihrer Tante (= Großtante) zu teuer ist. Finanzielle Schwierigkeiten veranlassen die Truppe, nach London weiterzuziehen.
c) Der venezianische Gesandte Morosini übergibt in Marseille dem nach England aufbrechenden Casanova einen Brief an die Charpillon, den er bestellen soll, wenn er sie fände.

Anläßlich einer Einladung wird Casanova von der Charpillon angesprochen, die sich an ihn von Paris her erinnert. Er übergibt ihr den Brief des venezianischen Gesandten. Vier Informationen weisen auf das kommende Verhängnis voraus:
a) Aus seiner Adresse erkennt sie, daß er "jener Italiener" ist, "der den Zettel aushängte". Sie hätte sich gerne einen Spaß gemacht, diese Wohnung zu mieten, um ihn verliebt zu machen und ihn "dann entsetzliche Qualen erdulden zu lassen".
b) Aber ihre Mutter sei dagegen gewesen.
c) Casanova bejaht ihre Frage, ob er aus der Identität der unbekannten Dame ein Geheimnis mache.
d) Die Charpillon lädt sich und ihre Tante zum Mittagessen am nächsten Tag ein.
Rückblickend bemerkt Casanova: "Diese Sirene hatte, schon ehe sie mich kannte, daran gedacht, mich unglücklich zu machen."

Casanova ist von Mariannes Schönheit hingerissen. Mit Schrecken erkennt er, daß sie das Bild Paulines in seiner Seele verdrängt. Er steht unter dem Zwang seines eigenen Systems: Wenn eine (junge) Frau Kriterien der Schönheit und des Geistes ausreichend erfüllt, ist es ihm nicht möglich, sie nicht in Besitz nehmen zu wollen. Denn, wie er im Vorwort erklärt: "Der Kultus der Sinneslust war mir immer die Hauptsache." Die erweckte Sinneslust ist aber nicht abstellbar, sondern muß durch sexuellen Vollzug gelöscht werden. Wegen ihres früheren Verhältnisses zu Morosini glaubt er, sie sei käuflich und es werde ihm leicht gelingen, sie zu besitzen.

Durch Goudar, einen zwielichtigen Charakter, erfährt Casanova, daß die Charpillon vor 16 Monaten die Geliebte Morosinis wurde und nach dessen einjährigem Aufenthalt einige weitere hochgestellte Liebhaber hatte. Es ist zu vermuten, daß das nunmehr 17 Jahre alte Mädchen sich in einer Phase befindet, in der sie stärker ihren eigenen Willen gegen Liebhaber und vielleicht auch ihrem Anhang von vier Frauen und drei zuhälterischen Schmarotzern zur Geltung bringen möchte. Von Lord Pembroke, mit dem er sich angefreundet hat, erfährt Casanova, daß sie ihm bereits ein Schnippchen geschlagen hat. Auf seine Bemerkung, er würde sie das nächste Mal erst hinterher bezahlen, antwortete sie: "Pfui, von Bezahlung spricht man nicht." Vielleicht lehnt sich die Charpillon gegen eine Bestimmung permanenter Prostitution auf. Sie möchte zumindest, daß auch ihre persönlichen Gefühle auf ihre Rechnung kommen. Casanova ist sich nicht klar, daß er die epigonenhafte Doublette des venezianischen Gesandten ist. Denn dieser hatte ihr ein ganzes Häuschen zur Verfügung gestellt mit der gleichen Bedingung wie auf Casanovas Plakat, daß sie keinen Besuche empfangen dürfe. Diese Tatsache dürfte sie dazu gereizt haben, sich bei Casanova zu melden.

Casanova denkt nicht daran, sich in die Situation des Mädchens hineinzuversetzen. Er rechnet mit einer "Entzauberung" ihrer Reize, sobald er sie besessen habe, "was nicht lange dauern kann". Nach seiner erfüllenden Beziehung mit Pauline nimmt er nicht die Mühe auf sich, durch verliebte Reden und geduldiges Warten sie sich geneigt zu machen. Nachdem sie schon zahlreiche Liebhaber gehabt hat, geht ihm die Achtung vor ihrer Person ab. Außerdem ist sie von den Absichten ihrer Familie abhängig.

Marianne Charpignon hingegen fühlt sich in ihrem Anspruch auf Achtung und aufrichtiger Zuneigung bestärkt durch die Bemerkung Casanovas, er verdanke der Dame, die bei ihm gewohnt habe, eine seiner "süßesten Erinnerungen". Neid und Eifersucht mögen in der Charpillon erwachen, zumal Casanova nicht bereit ist, sie in sein Geheimnis einzuweihen und so ein erstes Vertrauensverhältnis zustande zu bringen.
Das Mädchen treibt ein doppeltes Spiel, das sich nicht vereinbaren läßt: Sie erwartet von Casanova Rücksichtnahme und Zuneigung, gleichzeitig bittet sie um ein Darlehen von 100 Guineen. Casanova seinerseits ist sich wohl nicht bewußt, daß er es hier nicht, wie in den meisten übrigen Fällen, mit einer Ersteroberung zu tun hat. Er ist unerfahren auf diesem Terrain und wird so Opfer seiner sinnlichen Leidenschaften. Wie weit die kommenden Verweigerungen abgekartetes Spiel sind oder Schutzbehauptungen der Charpillon, ist schwer zu entscheiden. Das Unglück beginnt, als ihre "Lieblingstante" ihn ermuntert, ihre Nichte zu besuchen, die erkältet sei und im Bett liege. Sie nimmt jedoch gerade ein Bad, Casanova kommt hinzu, weigert sich jedoch auf ihre Aufforderung hin sie zu verlassen.
Casanova läßt sich auf einen absurd anmutenden Wunsch der Charpillon ein: Er solle ihr vierzehn Tage den Hof machen und keine Gefälligkeit von ihr erwarten, dann würde sie ihm gehören. Für Casanova bedeuten die vierzehn Tage notwendigerweise abwarten, um in den ersehnten Sinnengenuß zu kommen. Denn die eingegangene Bedingung schließt allmählich wachsende Zuneigung und gegenseitiges Vertrauen aus, die doch für die Vereinigung von Leib und Seele nach Casanovas eigener Überzeugung erforderlich sind. Die Carpillon hat nicht unrecht, wenn sie in einer Situation als Casanovas Ziel "die Befriedigung seiner tierischen Lust" bezeichnet. Es mag theatralisch klingen, aber doch einer inneren Sehnsucht entsprechen, wenn sie sagt: "Sie können mir's glauben: ich schäme mich, wenn ich daran denke, daß ich stets nur aus Gefälligkeit geliebt habe. Ich Unglückliche! Ich fühle mich zur Liebe geschaffen und ich habe einen Augenblick geglaubt, Sie seien der Mann, den mein guter Stern nach England geführt habe, um mich durch wahre Liebe glücklich zu machen."

Nach Ablauf der vierzehn Tage überläßt Casanova die Entscheidung über den vorgesehenen Ort der Liebesnacht der Mutter der Charpillon, statt sie in sein eigenes Haus mitzunehmen. Sie verweigert sich ihm und er schlägt sie grün und blau. Die Mutter habe die Verweigerung von ihr verlangt. Nun mußte wirklich jede Zuneigung zerstört sein. Aber die Charpillon fesselt ihn weiterhin und verweigert sich ihm zwei weitere Male. Als er eines Abends nach längerem Warten vor ihrem Haus eintritt und entdeckt, daß sie mit ihrem Friseur geschlechtlich verkehrt, verliert er den Rest seiner Beherrschung, schlägt alles zusammen, was er an Mobiliar trifft. Er läßt sich von falschen Nachrichten täuschen, die Charpillon läge im Sterben, und beschließt sich das Leben zu nehmen. Am Abend desselben Tages bemerkt er die Charpillon munter beim Tanzen.
Eine nicht unwesentliche Rolle an der Tragödie spielt der genannte Goudar, dem Casanova unbegreiflich viel Vertrauen entgegenbringt. Denn durch seine eifrigen Dienste ritt er ihn nur noch tiefer in sein Verderben.
Die Niederlage war beiderseitig: Casanova hatte ein halbes Vermögen für die Charpillon ausgegeben. Er konnte sich trösten, daß sie sich seinen Bemühungen unwürdig erwiesen hatte. Die Charpillon konnte sich nicht genügend von ihrem Anhang frei machen, sie erhob zu hohe Ansprüche für sich und Casanova und machte sich durch die Friseurszene unglaubwürdig. Sie war später mit einem Tommy Panton, Sohn eines Pferdezüchters, liiert und hatte von ihm einen Sohn. Von 1773-1777 nahm sie der Politiker John Wilke in Beschlag, mit dem sie bald Meinungsverschiedenheiten hatte und der sich nach einem heftigen Streit von ihr trennte. Von da an verlieren sich ihre Spuren. (Quelle: Judith Summers, Casanova's Women)
Man kann nicht umhin, Mitleid und eine gewisse Sympathie mit Marianne Charpillon zu empfinden, die Opfer einer parasitären Clique war.

Nach seiner Niederlage gegen die Charpillon setzte Casanova seine Ersteroberungen nach dem bekannten Muster fort.

Unter den zahlreichen Liebesgeschichten wird jeder Leser andere bevorzugen. Ich selbst empfinde eine gewisse Vorliebe oder Schwäche für MARCOLINA.
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A. Rieble
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