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4.0 von 5 Sternen Spieglein, Spieglein an der Wand..., 26. Juli 2013
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Rezension bezieht sich auf: Nacht ist der Tag: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ton ab, Kamera läuft... Ein "gestyltes" Leben und ständige Inszenierungen des selbigen gelten schon lange nicht mehr nur für Medienprofis. Der Zaun zwischen Realität und Fiktion, zwischen Zuschauerraum und Bühne, ist morsch geworden. So gut wie jeder kann zum Medienstar werden, zumindest für wenige Minuten. Doch gilt dies auch umgekehrt: Was die Medienwelt nicht einfängt, wird oft so gelebt, als ob die Kamera surren würde. Das Leben wird zu einer riesigen Bühne. Egal, ob es das Parkett des Arbeitslebens ist, auf dem es überzeugend aufzutreten gilt oder aber die eigenen privaten vier Wände und ihr abgegrenztes Fenster zur Welt: Es kommt immer auf eine gelungene Präsentation an. Facebook und Co. sind beredtes Zeugnis derartiger Aufführungsvarianten. Nur was, wenn die Maske bröckelt? Wenn die oberflächliche Schicht einen Riss bekommt oder ganz abfällt, wie eine desolate Vorhangfassade? Dann kommt plötzlich das Ursprüngliche und Elementare zum Vorschein, das Graue und Verwitterte.

So geht es auch den beiden Protagonisten in Peter Stamms neuem Roman, denen er jeweils ein eigenes Kapitel widmet. Zeitversetzt um sechs Jahre lässt er sie aus ihrer eigenen Sicht über ihre Brüche im Leben sinnieren. Da ist zunächst die neununddreißigjährige Gillian. Schön und erfolgreich als Fernsehmoderatorin, lebt sie mit ihrem Mann Matthias ein von den Illustrierten verfolgtes glamouröses Leben zwischen adretten Kleidern, Designermöbeln, Städtereisen, Essen in guten Restaurants und gelegentlichen Besuchen bei ihren Eltern und bei der Mutter ihres Mannes. "Ihr Leben (...) war eine einzige Inszenierung gewesen." Doch der glitzernde Vorhang, den sie über ihrem Dasein ausgebreitet hat, weist bereits einige lose Gewebefäden auf. Die Struktur ist mürbe. "Seit langem schon atmete sie nur noch aus, und manchmal hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr zu haben und trotzdem immer weiter ausatmen zu müssen." Bei einem Fernsehinterview lernt sie den gleichaltrigen Künstler Hubert Amrhein kennen, der seine Modelle auf der Straße anspricht, danach nackt bei alltäglichen Handlungen in ihrer gewohnten Umgebung fotografiert und nach diesen Vorlagen Aktbilder malt. Auf unbestimmte Art und Weise fühlt sich Gillian von dem phrasendreschenden Hubert an- und einige anonyme Mailkontakte später auch ausgezogen. "Sie suchte die Verunsicherung, in der Hoffnung aufgerüttelt zu werden. Sie wollte spüren, wer sie war." In seinem Atelier steht sie ihm tatsächlich Modell, und es kommt wie es kommen muss. Matthias findet die Fotos, Eifersuchtsstreit, Alkohol am Steuer... Unfall. Gillians Ehemann überlebt den Zusammenstoß mit einem Reh nicht, sie selbst wacht im Krankenhaus auf. Doch von ihrem hübschen Konterfei ist nicht mehr viel übrig. "Sie schloss die Augen und sah wieder das Loch in ihrem Gesicht, durch das sie in ihr Inneres gesehen hatte. (...) Was ist von mir übrig geblieben? Und ist das, was übrig ist, mehr als eine Wunde? Was wird da zusammenwachsen? Werde ich das sein?"
Schnitt...
Sechs Jahre später lässt der Schweizer Autor einen anderen zu Wort kommen. Nun wird das Leben von Hubert unter die Lupe genommen, das nicht minder aufgesetzt und inszeniert scheint. Obwohl er mittlerweile als Professor an der Kunsthochschule unterrichtet, sind Inspiration und Fantasie aus seinem gefühlten Vokabular verschwunden. Die Ehe mit seiner Frau scheint gleichfalls am Ende. Ein letztes Aufbäumen, eine Einladung zur Gestaltung einer Ausstellung in einem Kulturzentrum in den Bergen, soll den erhofften inneren Anschub bewirken. Dort trifft er auf die äußerlich wiederhergestellte Gillian, deren "loses Gewebe" wieder eingefädelt wurde und die sich in einem anderen Umfeld arrangiert (oder doch nur versteckt) hat?

Erneut ist Peter Stamm ein flüssiger, gut lesbarer und durch die Seiten treibender Roman gelungen. In seiner für ihn typischen klaren, nüchternen, distanzierten, eher schmuck- und teilnahmslosen, als romantisch und verklärten Sprache, lotet er menschliche Unzulänglichkeiten aus. Dies immer mit einer kühlen Zärtlichkeit und Empathie. Gekonnt variiert er subtil auf mehreren Bezugsebenen, lässt dabei vieles in der Schwebe. Obwohl gerade diese Herausarbeitung der Unschärfe, die letztendlich einen Menschen ausmacht, über große Passagen gut gelungen ist, tut man sich schwer, den beiden Protagonisten Sympathie entgegenzubringen. Hinzu kommt ein zu offensichtliches Bemühen um Vermeidung des Anschrammens an den allerorts herausragenden klischeebeladenen Kanten, der sich aus der Identitätskrise hinausbemühenden Protagonisten. Glücklicherweise bewahrt das Ende den Leser vor Schlimmerem und lässt ihn wieder mit seinem Autor versöhnen.

Fazit: Inszeniertes Leben und was nach einem tragischen Unfall davon übrig bleibt sowie Identitätssuche und Lebenskrise sind die Themen in Peter Stamms puristischem, leisem und unaufgeregtem Roman, der sich gewohnt flüssig liest. Die Tiefe des 2009 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stehenden Textes "Sieben Jahre" erreicht der Schweizer Autor mit "Nacht ist der Tag" leider nicht.
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