Kundenrezension

69 von 78 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Philosophiegeschichte als Fortschritt im Bewusstsein der defizitären Vernunft?, 22. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Philosophische Temperamente: Von Platon bis Foucault (Gebundene Ausgabe)
Um dies als Hintergrundfolie voranzustellen: ich gehöre, obwohl oder weil professioneller Philosoph, nicht zu den "Fans" von Peter Sloterdijk. Mit seiner "Kritik der zynischen Vernunft" (1983) etwa habe ich mich ausführlich befasst, verführt von einer gewissen sprachlichen Intensität - um jedoch am Ende nicht zu wissen, was er eigentlich will. "Der Weltinnenraum des Kapitals" ließ mich als Kapitalismuskritiker ebenso hilflos zurück, und wenn ich meine Zeit auf "Du musst dein Leben ändern" verwenden werde, dann erst auf die Empfehlung zweier unterschiedlicher Freunde hin - nun allerdings auch unter dem hervorragenden Eindruck dieses Buches. Diese Kurzportraits von 19 Meisterdenkern der abendländischen Tradition frappieren durch ihre Sprachkraft, hinter der eine ganz urtümliches Talent, wenn nicht Genie, in der Erfassung geistesgeschichtlicher Zusammenhänge steht, was sich in gekonnten, bildreichen Formulierungen verdichtet. Beispiel-Zitate aus jedem der Portraits:

* Anlässlich von Platons Programm der Philosophie: "Zum Weisen wird, wer das Chaos als Maske des Kosmos durchschaut. Wer in die Tiefenordnungen blickt, gewinnt Verkehrsfähigkeit im Ganzen" (18).
* Aristoteles: "Im Blick auf seine denkerische und schriftstellerische Lebensleistung drängt sich der Gedanke auf, daß das, was seit dem Mittelalter Universität heißen sollte, in der Gestalt eines einzigen Mannes vorweggenommen war. Das Gehirn des Aristoteles war gleichsam der Senat einer an Fakultäten reichen Universität" (30).
* Augustinus als "Staatsanwalt Gottes", der die Fundamentalinquisition gegen die menschliche Eigenliebe in Gang setzte" (40 f).
* "Aus der glanzvollen Reihe der Renaissance-Philosophen (...) ragt die verkohlte Silhouette Giordano Brunos eindrucksvoll hervor. (...) Es ist an der Zeit, die Asche über Brunos Manuskripten wegzublasen, um freizusetzen, was einen Denker (...) alleine ehrt: die leuchtende Buchstäblichkeit seiner wirklichen Gedanken" (43.45).
* "Es war, als habe Descartes damit neben dem alten Blut- und Schwertadel und der jüngeren noblesse de robe einen eigenständigen Methoden-Adel geschaffen, der seine Mitglieder in allen Schichten rekrutierte, sofern seine Angehörigen den Eid auf Klarheit und Deutlichkeit zu leisten bereit waren" (49).
* "Wäre die Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte ein Bericht von den Konjunkturen des Absurden: Pascals Platz in ihr wäre für immer gesichert. Er ist der Erste unter den philosophischen Sekretären der modernen Verzweiflung" (56).
* "Wie ein Sonnenkönig des Denkens verausgabte sich Leibniz in zahllosen Vernunft-Ressorts (...) Leibniz Heiterkeit vertritt eine Welt, in der die Kabinettskreige der Vernunft noch von einem unerschütterlichen Harmonievertrauen eingehegt werden konnten" (62).
* "Die Kantischen Weltbürger sind Heilige im Gehrock. (...) Bei Kant schwelt unter der skeptisch-humanen Asche eine vernunftfundamentalistische Glut. In seiner Zivilreligion sollen Heilige zu Juristen und Helden zu Parlamentariern werden"(67).
* "Die Wissenschaftslehre jedoch (..) ist die logische Posaune, die zur Auferstehung aus den Gräbern des Objektivismus bläst" (73). - Für Fichte duldet es keinen Zweifel, daß die logisch-moralische Auferstehung der Subjekte und die politische Revolution des Gemeinwesens konvergieren" (74).
* Dialektisch-paradoxe Hegel-Rezeption: "Seit Hegel kann geleugnet werden, daß die Geschichte im wesentlichen zu Ende sei. Vieles bleibt in der Welt zu tun - das wird zum Schlachtruf nachhegelscher Vernunftpolitik; es gibt noch Ungesagtes im Haus des Selbst - das wird zum Leitwort nachhegelscher Diskursschöpfungen" (84).
* "In Schellings Spätstil, mit seiner wunderlichen Komplexität und seinem melancholischen Helldunkel, manifestiert sich der schwierige Abschied vom Epochentraum der Vernunftallmacht" (93).
* "Schopenhauer ist der erste Denker ersten Ranges gewesen, der aus der abendländischen Vernunftkirche ausgetreten ist (94). - Verzicht ist für die Modernen das schwierigste Wort der Welt. Schopenhauer hat es gegen die Brandung gerufen" (95).
* "Für Kierkegaard steht der einzelne auch heute vor der christlichen Legende völlig unbeholfen. Sollte er sich zur Nachfolge entscheiden, dann auf keinen Fall deswegen, weil schon so und so viele Machtmenschen, Hysteriker und Konformisten ihm auf diesem Weg vorangegangen sind. (...) Er betrat als Erster das Zeitalter des Zweifels, des Verdachts und der schöpferischen Entscheidung" (101).
* "Als Heros, der ins Totenreich hinabsteigt, um mit Wertschatten zu ringen, bleibt Marx auch für die Gegenwart auf unheimliche Weise aktuell" (109).
* "Mit letzter Schärfe hebt Nietzsche den bis dahin bis dahin kaum je eigens beleuchteten Sachverhalt ans Licht, daß die Aufgabe, das eigene Leben aus der Rohstoffartigkeit herauszuführen und es zu einem Werk sui generis zu machen, den Charakter eines Kampfes auf Leben und Tod annehmen kann" (113).
* Husserl: "Als bevorzugter Schauplatz von allem, was erscheint, wird der Schreibtisch des Philosophen zum transzendentalen Belvedere (...), ein Altar, an dem der Denker als reiner Funktionär des Absoluten amtiert; hier versieht der Philosoph seinen Dienst als Vikar eines klaren Gottes" 121 f).
* Wittgenstein: "die Hochspannung eines Menschen, der der ständigen Konzentration auf seine Ordnungsprinzipien bedarf, um nicht den Verstand zu verlieren. Als Borderliner des Seins hat es der Philosoph nie mit weniger zu tun als mit dem Block der Welt im Ganzen, auch wenn er nur über die korrekte Verwendung eines Wortes in einem Satz nachdenkt" (126).
* "Was Sartre angeht, so bliebt er zeitlebens seiner Weise, die bodenlose Freiheit zu leben, treu. Für ihn war das Nichts der Subjektivität kein herabziehender Abgrund, sondern eine heraufsprudelnde Quelle, ein Überschuß an Verneinungskraft gegen alles Umschließende" (133).
* "Foucault könnte in der Tat behauptet haben, daß alles wahrhaft Seiende von der Natur der Blitze sei. (...) Während aber die deutschen Adepten Nietzsches und Heideggers den Begriff Ereignis meist in einer kultischen Besinnlichkeit verschwimmen lassen, ist Foucault der Durchbruch zu einer ereignisphilosophisch orientierten ,Grundlagen'forschung gelungen, für die er den leise ironischen Titel Archäologie in Vorschlag brachte" (141).

Wie man sieht, ist der Anwalt einer "zynischen Vernunft" in diesen Kurzportraits abendländischer Philosophen alles andere als zynisch, nämlich einfühlsam und wohlwollend gegenüber dem jeweiligen Theorietyp - wenngleich seine Vorliebe für den dekonstruktiven, die Ansprüche einer Vernunftallmacht destruierenden Typus des nachmetaphysischen" Denkens doch unüberhörbar bleibt. Dass einige bedeutende Namen wie Thomas oder Spinoza fehlen, sei nur erwähnt, keineswegs in kritischer, eher in herausfordernder Absicht.

Auch wenn der Rezensent selbst entschieden die Möglichkeit und Fruchtbarkeit moderner Sinn-Systematik vertritt, einer von Allmachtsphantasien befreiten Reflexionsphilosophie auf der Linie Kant - Fichte - Hegel, die Sloterdijk bisher nicht zur Kenntnis genommen zu haben scheint; auch wenn mir umgekehrt seine eigene, möglicherweise konstruktive Philosophie kaum deutlich geworden ist, so ist ihm zuzugestehen, dass er mit dieser sprachkräftigen Art von ereignishafter, urheberzentrierter Philosophiegeschichte einen Erweis des Geistes und der Kraft geliefert hat, wie er in der derzeitigen Schulphilosophie kaum anzutreffen ist. Auf eine verschwiegene Voraussetzung von Sloterdijks Denken sei schließlich hingewiesen: Er sieht offensichtlich eine Kontinuität in der Abfolge der Denker, eine Geistes-Geschichte als Reflexions-Schichtung. Wie verträgt sich derartige, freilich nicht deduzierbare "Vernunft in der Geschichte" (Hegel)mit seiner vielfach geäußerten Vernunft-Skepsis? Der Titel "Philosophische Temperamente" spielt diese geschichtskonstruktiven Bezüge etwas einseitig psychologisierend herunter, mag darin auch ein Fichte-Wort anklingen: "Was für eine Philosophie einer wählt, hängt davon ab, was für ein Mensch er ist." Was natürlich auch für den Geist dieses brillanten, wenngleich auch diskutablen Buches gilt. Sloterdijk ist für mich der Poet der geistesgeschichtlichen Einbildungskraft.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.12.2009 00:52:25 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 16.12.2009 00:53:59 GMT+01:00
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.12.2009 18:29:50 GMT+01:00
Wakeupcaller meint:
Sehr geehrter Herr Doktor,

Ihr Kommentar ist einfach laecherlich. Johannes Heinrich rezensiert alles andere als neidisch. Hochachtung vor Sloterdijk's und Heinrich's Kontingenzen und ihren Vokabularen und Beschreibungen. Sachlichkeit, Herr Doktor, ist nach dem Tod der Metaphysik, nach Nietzsche und Heidegger, vielleicht auch Foucault nicht immer wuenschenswert. Da Letztbegruendung nicht moeglich ist, erfreuen sich die Leser an Unterhaltung, Neuformulierungen mit philosophischer Poesie und Literatur. Auch Safranski ist so einer, der, nachdem sich die angelsaechsische Analytik ueberhoben hatte, uns Leser nunmehr behutsam in die Biographien mancher Meisterdenker einfuehrt. Da stoert Ihr Geschreibsel niemanden.
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