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Kundenrezension

41 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kampf um Religion und Territorium, 24. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Krimkrieg: Der letzte Kreuzzug (Gebundene Ausgabe)
'Der letzte Kreuzzug', so lautet der Untertitel dieser umfassenden Betrachtung einer der blutigsten Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts. Dieses besondere Stück 'Kriegsgeschichte', dass gerade in Deutschland nicht allzu breit im Bewusstsein verankert ist, legt Orlando Figes auf knapp 700 Seiten nachvollziehbar strukturiert umfassend in Entwicklung, Verlauf und Folgen dieses Krieges vor. Und mehr noch, nachvollziehbar weist er auf, dass durchaus religiöse Motive eine, wenn nicht die, entscheidende Ursache dieses Krieges waren.

Der Geschichtsprofessor am Birkbeck College in London nimmt sich dabei Zeit (und Raum) für seine Darstellung und belohnt den Leser für dessen konzentrierte Leseleistung mit einem detaillierten und, vor allem, umfassenden Blick nicht nur auf die kriegerische Auseinandersetzung selbst, sondern vor allem auf die Bedeutung des Krimkrieges für die Machtverschiebung in Europa.

Russland auf der einen Seite mit starkem Expansionsdrang, vor allem zunächst gegen die Türkei. England und Frankreich als (aus politischem Eigennutz) Verbündete der Türkei auf der anderen Seite sorgen in den Jahren zwischen 1853 und 1856 für den ersten, sogenannten, 'modernen Krieg', in welchem dem technischem Fortschritt ebensoviel Bedeutung zukam wie der reinen Quantität an Truppen und deren entsprechender Ausbildung.

Die Belagerung und Schlacht um Sewastopol ist sicherlich hier ein breit bekannter Begriff und gilt als zentrales Ereignis des Krimkrieges. Anhand vieler direkter Quellen und mit durchaus kraftvoll bildhaftem Sprachstil stellt Figes dieses Ereignis der Weltgeschichte mitsamt der umgebenden Schlachten und Scharmützel plastisch und in ganzer Härte dar. Was da an Berichten aus den Lazaretten vorliegt und an geschilderter Grausamkeit und teilweiser Verrohung mit im Raume schwingt, lässt den Leser nicht unberührt.

Vor allem aber den Kern der Auseinandersetzung und die späteren Folgen für die europäische Balance stellt Figes deutlich heraus. Das Streben von Zar Nikolaus I. nach einem religiösen Großreich, dem vor allem das osmanische Reich im Wege stand (Konstantinopel war zentraler Ort der Begehrlichkeit für ein 'orthodoxes Großreich', zudem hinderte die heutige Türkei den Weg nach Jerusalem) wird von Figes minutiös offen gelegt. Religiöses 'Großmachtstreben' einerseits, Konstantinopel und Jerusalem unter dem Dach der 'orthodoxen Kirche' und der Vorrangstellung Russlands einzunehmen einerseits und die Sorge um den Verlust politischen Einflusses und territorialer (ebenso auch religiöser) Ansprüche auf der anderen Seite sind die eigentlichen Ursachen des Krimkrieges.

Wie also die mittelalterlichen Kreuzzüge liegen die Wurzeln des Krimkrieges wiederum in der Begehrlichkeit, die sich auf das 'heilige Land' richtet. Dort beginnt im Übrigen letztlich auch die Auseinandersetzung, die zum Krieg führten und bei diesen Auseinandersetzungen zwischen Christen verschiedener Glaubensrichtungen (vor allem ausgelöst durch orthodoxe Christen) setzt auch Figes mit seiner Schilderung ein. Und vollzieht von da aus folgerichtig aus dem religiösen Anspruch heraus den dann weltlichen Krieg.

Ein Krieg, der, so legt Figes fundiert dar, keiner der beteiligten Parteien auf Dauer wirklich Nutzen eingebracht hat, im Gegenteil, auf die ein oder andere Weise haben alle beteiligten Großmächte des Krimkrieges letztendlich äußerlich oder innerlich verloren. Schon 15 Jahre später wurden die Verhältnisse in Europa nachhaltig wieder verändert. Im französisch-deutschen Krieg 1870/71, dessen innere und äußere Wurzeln Figes ursächlich mit dem Krimkrieg verzahnt.

Ein sprachlich und in seiner fundierten Recherche ganz hervorragendes Buch legt Orlando Figes vor, in dem er aufzeigt, wie aus eigentlichen Nichtigkeiten ein umfassender Krieg entsteht und wie aus der ersten modernen 'Materialschlacht' der Neuzeit nichts weiter entsteht außer Schwächung aller Beteiligten und späterhin neue Kriege. Das Buch ist jedem historisch interessierten Leser zu empfehlen als Paradebeispiel einer umfassend gelungenen historischen Betrachtung, fordert aber Zeit und Konzentration (und bei der Darstellung des Krieges selber auch gute Nerven) ab.
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