Kundenrezension

18 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gespräche übers Wetter, 29. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Das Wetter vor 15 Jahren (Gebundene Ausgabe)
- Der neue Roman von Wolf Haas ist zurzeit ja in aller Munde.

- Na ja, kein Wunder. Wolf Haas zählt mittlerweile zu den originellsten und amüsantesten Autoren Österreichs.

- Was ist denn so Besonders an diesem Schriftsteller?

- Nun, wer seine früheren Romane kennt, wird sicherlich wissen, was ich meine. Wolf Haas wurde vor allem durch seine Brenner-Krimireihe bekannt, wobei der Begriff "Krimi" hier eher nicht verwendet werden sollte.

- Sondern?

- Die Brenner-Reihe ist durch einen sehr eigenwilligen, "alpinen" Stil gekennzeichnet; die ganze Geschichte wird aus dem Blickfeld einer unbekannten Identität sozusagen nacherzählt, dessen Sprache sich fest an der österreichischen Alltagssprache festhält. Auf Satzbau und Grammatik wird da ja wenig geachtet, unausgesprochenes wird durch Haas’ - mittlerweile - berühmten "dings" ersetzt. Der abstruse Plot und der Antiheld Kommissar Brenner lassen das ganze dann in einer satirischen Farce enden.

- Klingt viel versprechend.

- Ist es auch. Haas gelang mit seinen Brenner-Romanen nicht nur eine einfallsreiche Umsetzung des Krimistoffs, sondern auch ein ausgeklügeltes Sittenbild der österreichischen Gesellschaft. Zwei seiner Romane wurden schon verfilmt – herausragend, übrigens. Und seine Bücher wanderten sogar in die eine oder andere Schulbibliothek.

- Aha. Aber – Kommissar Brenner ist tot.

- Ja. Aber die Lust am schreiben hat Haas wohl immer noch nicht verloren. Sein neues Buch…

- …ist in Form eines Interviews geschrieben. Wie kam er auf diese Idee?

- Da müssen Sie ihn schon selbst fragen. Oder seine „echten“ Interviews lesen. Das im Buch ist ja fiktiv.

- Was hat es nun mit diesem Buch auf sich. Worum geht’s in „Das Wetter vor 15 Jahren“?

- Tja, worum geht’s? Im Zwiegespräch zwischen Interviewerin und Haas wird die Geschichte des Vittorio Kowalski nacherzählt, der nach 15 Jahren seine wahre Liebe wieder findet.

- 15 Jahre, wie?

- Genau. Kowalski, der vor 15 Jahren von seiner Jugendliebe getrennt wurde, erinnert sich nämlich an das Wetter jeden Tages der letzten 15 Jahre eines bestimmten Ortes –

- Lassen sie mich raten: der Ort seiner Geliebten?

- Ja. Dieses Wissen, oder besser gesagt, diese Fähigkeit verschafft ihm sogar einen Auftritt bei „Wetten, dass…?“ Und ab da nimmt die Geschichte seinen Lauf…

- Er sucht und findet sie.

- Exakt. Eine typische Liebesgeschichte eben.

- Sehr originell klingt das diesmal aber nicht.

- Nun, um ehrlich zu sein – das ist die Geschichte auch nicht wirklich: ein Paar wird getrennt und findet dann, nach langer, langer Zeit doch wieder zusammen.

- Hört sich aber sehr nach Hollywood an.

- Stimmt. Aber die Stärke dieses Romans liegt ja auch woanders.

- In der Art wie er geschrieben ist.

- Ja. Der Dialog zwischen Haas und seiner Gesprächspartnerin.

- Ein Interview über den „neuen“ Roman von Wolf Haas.

- Ein fiktives Interview über einen fiktiven Roman. Genau. Eigentlich könnte man sagen, Wolf Haas hat sich hier mal wieder selbst übertroffen. Die Form, das Interview – Haas Schreibweise und Ideenreichtum fasziniert einen zunächst schon sehr.

- Aber?

- Muss jetzt eine „aber“ folgen?

- So wie sich das anhört schon.

- Ach, gut. Es ist so, dass sich die anfängliche Euphorie bald legt und man sich dann auch mehr auf den Inhalt konzentriert. So erging es mir auch bei den anderen Romanen von Haas. Ein Buch zu lesen war ja schön und gut, aber irgendwann wurde einem der ewig selbe Brenner-Stil doch zu langweilig.

- Haas meinte ja, es wäre sehr schwer gewesen von diesem „Brenner-Stil“ wegzukommen.

- Ja, das merkt man auch irgendwie. Die Brenner-Romane waren ja auch nichts anderes als ein Dialog, bei dem sich der Zuhörer jedoch nie geäußert hatte. „Das Wetter vor 15 Jahren“ ist im Grunde das Selbe. Nur mit anderen Worten.

- Und dass jetzt jemand zurück redet.

- Stimmt, das haben Sie mir jetzt vorweggenommen. Insgesamt ist der Stil natürlich gepflegter, immerhin sprechen jetzt eine charmante Literaturkritikerin und ein Schriftsteller, anstatt eines halb angetrunken Gasthausbesuchers.

- Wirkt so die Sprache aus den Brenner-Büchern?

- Wie Geschichten aus dem Wirtshaus, ja.

- Und hier reden diese Kritikerin und ein Autor über sein neues Buch.

- In dem es um Kowalski geht. Vordergründig.

- Worum geht es denn eigentlich? So, hintergründig?

- Haha. Worum geht es eigentlich. Tja, weil ein Gespräch nicht immer von A nach B verläuft, verzetteln sich die beiden echten Protagonisten immer wieder in kleine Streitereien, Schwafeleien, Diskussionen und überhaupt. Haas erzählt, mit sichtlicher Freude über seinen „neuen“ Roman, erläutert die Recherchen, die Charaktere, beschreibt die Unterschiede zwischen dem echten Kowalski und dem Roman-Kowalski…

- Also, ein Roman über einen Roman.

- Eigentlich ein Interview über die Geschichte und Entstehung eines Romans. Und das ganze drumherum. Und hier komme ich zur schon genannten Stärke des Buches…

- Ach ja, da waren wir ja schon mal.

- Sehen Sie, so schnell kommt man vom Weg ab. Also, wo war ich?

- Die Stärke –

- Genau! Sehen sie, mag die Geschichte auch etwas platt sein und die Erzählform nach der Zeit etwas an Schwung verlieren: der Dialog zwischen den Beiden erreicht schon so manche Höhepunkte. Sehr gefallen haben mir zum Beispiel die kleinen Streitigkeiten, welche die beiden geführt haben.

- Ach.

- Ja – eine neunmalkluge Interviewerin, die vieles besser weiß und so Manches in Haas Roman hineininterpretiert, was der eigentlich gar nicht so gemeint hat.

- Eine Satire auf die Kritiker, die immer alles nach ihrem eigenen Willen bewerten, also.

- Nicht auf die Kritiker, jedenfalls nicht nur. Teilweise auf die Literatur an sich. Haas’ Beschreibungen wie er auf gewisse Formulierungen gekommen ist, oder was er eigentlich gestrichen hat, zum Beispiel. Für Haas-Fans wird dieses Buch sicherlich eine Bereicherung in jeder Hinsicht sein, da man ja Unmengen vom Autor erfährt. Das Interview zieht sich ja auch über Tage hinweg.

- Sofern der Wolf Haas im Buch auch der Wolf Haas in echt ist.

- Nun ja, sicher kann man sich da ja nicht sein. Wolf Haas verpflichtet sich auch zu jeder Menge Narzissmus.

- Soso.

- Na, „jede Menge“ ist jetzt übertrieben. Aber er lobt sich schon sehr oft, direkt wie indirekt.

- Und, weil wir jetzt auch schon bei O angelangt sind…

- …ich fühl mich schon wie Haas selber. Haha.

- … aber eigentlich zu B wollten; zurück zur Ursprungsfrage: worum geht es wirklich?

- Um alles und gar nichts. Eigentlich. Die Geschichte steht oft im Hintergrund, dann wird sie wieder ausgeschlachtet. Was zwischen den Zeilen steht, sind dann die wirklichen Schmankerln: witzige und pointierte Dialoge über Deutschland und Österreich, sowie die Literatur an sich, gewürzt mit Haas origineller Ausdrucksweise und eine Prise Selbstlob.

- Also an sich ein sehr gutes Buch.

- Ein gutes Buch, sicher. Aber…

- Jetzt kommt das „aber“.

- Haha. Genau. Aber streckenweise war das Buch dann doch etwas…

- Langweilig?

- Jein. Die Form des Interviews bringt ja auch eine gewisse Problematik mit: was vom Gesagten ist jetzt – für mich – relevant und was ist eigentlich Mist? Einige Passagen waren zu lang und zu uninteressant. Die beiden Dialogpartner verwickelten sich fade Gespräche über Nebensächlichkeiten…

- Die Sie eben doch noch gelobt haben!

- Ja, aber manchmal ist es dann auch zu viel. Gespräche übers Wetter, wenn Sie verstehen was ich meine.

- Ich versteh’.

- Und wenn man das Buch dann fertig gelesen hat, hält man im Grunde vor einem kleinen, nichtigen Meisterwerk. Amüsant, aber, wenn man so nachdenkt, kaum mehr.
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