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Die Realität und der Idealist, 23. April 2006
Rezension bezieht sich auf: Don Quijote (Gebundene Ausgabe)
Don Quijote, der spanische Junker, der zu viele Ritterbücher liest und sich schliesslich einbildet, selber ein fahrender Ritter zu sein, sieht die Welt auf seine Weise: eine heruntergekommene Schenke ist ihm eine stolze Burg, Windmühlen sind Riesen, die es zu bekämpfen gilt... Und wenn die Realität einmal allzu stark erscheint, erklärt sie der „Ritter von der traurigen Gestalt" kurzerhand zu einem eigentlichen Zerrbild, so ist etwa die hässliche, stinkende Bäuerin, die Quijote dennoch für seine angebetete Dame Dulcinea halten will, halt von bösen Zauberern verwandelt worden.Sein Schildknappe Sancho Pansa ist ein einfacher Bauer voller Einfalt und doch voller Schläue, der ein angenehmes Leben mit ausreichendem Essen liebt und der eine Fülle von Sprichworten kennt und sie zu meist unpassenden Anlässen aneinander reiht. Er reitet auf seinem Esel neben dem Ritter her, wundert sich über viele Eigenarten seines Herrn und bleibt ihm dennoch treu - nicht nur, weil er sich erhofft, durch seinen Herrn die Statthalterschaft über eine „Insul" erlangen zu können.So ziehen die beiden durch das Spanien des beginnenden 17. Jahrhunderts, wie Gestalten aus einer anderen, einer idealisierten Ritter-Märchenwelt in die sie selber aber auch nicht so ganz herein passen.Cervantes schildert sehr lebendig, so dass man selber so in den Sog des Geschehens zu geraten droht, wie Quijote in denjenigen seiner Ritterwelt. Th. Mann nannte diesen Roman „Meer von Erzählung" und man versteht, was er meint: auf über 1000 Seiten entwirft der Dichter ein Universum von Geschichten, viele Nebenerzählungen, gar eine eingeflochtene eigenständige Novelle bereichern den Roman. Gerade diese Nebengeschichten, diese scheinbaren Abschweifungen, die jedoch ständig auch das Geschehen um Qujiote selbst spiegeln, können ermüdend wirken. Insgesamt aber überwiegt bei mir der Eindruck einer grossartigen Leserfahrung.Allerdings: Wann endlich gibt es eine Neuübersetzung? Die hier vorliegende von Braunfels stammt aus dem 19. Jahrhundert! Auch die Anmerkungen stammen von Braunfels, wissen also noch nichts von neueren Deutungsansätzen des Quijote! Auf den in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgekommenen Deutungsansatz etwa, der den Roman (auch) als Geschichte eines neu (oder besser: zwangsbekehrten) Juden lesen will und der vielerlei Anspielungen auf die jüdisch-religiöse Literatur im Quijote zu erkennen glaubt, kann in den Anmerkungen von Braunfels natürlich nicht Bezug genommen werden und auch im informativen Nachwort des schon längst verstorbenen Germanisten Martini, der sich auf eine für heutige Leser und Leserinnen (!) doch seltsam anmutende Art über die „stolze Ehre einer männlich starken Seele" des Qujiote ergeht, fehlen natürlich Hinweise auf solch „neuere" Deutungsansätze. Also: Cervantes Text fasziniert noch heute - jetzt her mit einer zeitgemässen Übersetzung, mit zeitgemässen Anmerkungen und einem wirklich auf neuestem Stand stehenden Nachwort!
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Die Realität und der Idealist
Don Quijote, der spanische Junker, der zu viele Ritterbücher liest und sich schliesslich einbildet, selber ein fahrender Ritter zu sein, sieht die Welt auf seine Weise: eine heruntergekommene Schenke ist ihm eine stolze Burg, Windmühlen sind Riesen, die es zu bekämpfen gilt... Und wenn die Realität einmal allzu stark erscheint, erklärt sie der „Ritter von der traurigen Gestalt" kurzerhand zu einem eigentlichen Zerrbild, so ist etwa die hässliche, stinkende Bäuerin, die Quijote dennoch für seine angebetete Dame Dulcinea halten will, halt von bösen Zauberern verwandelt worden.Sein Schildknappe Sancho Pansa ist ein einfacher Bauer voller Einfalt und doch voller Schläue, der ein angenehmes Leben mit ausreichendem Essen liebt und der eine Fülle von Sprichworten kennt und sie zu meist unpassenden Anlässen aneinander reiht. Er reitet auf seinem Esel neben dem Ritter her, wundert sich über viele Eigenarten seines Herrn und bleibt ihm dennoch treu - nicht nur, weil er sich erhofft, durch seinen Herrn die Statthalterschaft über eine „Insul" erlangen zu können.So ziehen die beiden durch das Spanien des beginnenden 17. Jahrhunderts, wie Gestalten aus einer anderen, einer idealisierten Ritter-Märchenwelt in die sie selber aber auch nicht so ganz herein passen.Cervantes schildert sehr lebendig, so dass man selber so in den Sog des Geschehens zu geraten droht, wie Quijote in denjenigen seiner Ritterwelt. Th. Mann nannte diesen Roman „Meer von Erzählung" und man versteht, was er meint: auf über 1000 Seiten entwirft der Dichter ein Universum von Geschichten, viele Nebenerzählungen, gar eine eingeflochtene eigenständige Novelle bereichern den Roman. Gerade diese Nebengeschichten, diese scheinbaren Abschweifungen, die jedoch ständig auch das Geschehen um Qujiote selbst spiegeln, können ermüdend wirken. Insgesamt aber überwiegt bei mir der Eindruck einer grossartigen Leserfahrung.Allerdings: Wann endlich gibt es eine Neuübersetzung? Die hier vorliegende von Braunfels stammt aus dem 19. Jahrhundert! Auch die Anmerkungen stammen von Braunfels, wissen also noch nichts von neueren Deutungsansätzen des Quijote! Auf den in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgekommenen Deutungsansatz etwa, der den Roman (auch) als Geschichte eines neu (oder besser: zwangsbekehrten) Juden lesen will und der vielerlei Anspielungen auf die jüdisch-religiöse Literatur im Quijote zu erkennen glaubt, kann in den Anmerkungen von Braunfels natürlich nicht Bezug genommen werden und auch im informativen Nachwort des schon längst verstorbenen Germanisten Martini, der sich auf eine für heutige Leser und Leserinnen (!) doch seltsam anmutende Art über die „stolze Ehre einer männlich starken Seele" des Qujiote ergeht, fehlen natürlich Hinweise auf solch „neuere" Deutungsansätze. Also: Cervantes Text fasziniert noch heute - jetzt her mit einer zeitgemässen Übersetzung, mit zeitgemässen Anmerkungen und einem wirklich auf neuestem Stand stehenden Nachwort!
sonaleu
23. April 2006
- Insgesamt:
5

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Ort: Aarau
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