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31 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt", 7. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Camus: Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie (Gebundene Ausgabe)
Hohes Lob kam vom Gegner: „Er stellt in unserem Jahrhundert, und zwar gegen die Geschichte, den wahren Erben jener langen Ahnenreihe von Moralisten dar, deren Werke vielleicht das Echteste und Ursprünglichste an der ganzen französischen Literatur sind." So Jean-Paul Sartre über Albert Camus. Über den Mann, der sein Erzfeind war und den Sartre, der eine äußerst unrühmliche Rolle im politisch-philosophischen Streit dieser französischen Intellektuellen in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gespielt hat, einmal als „algerischen Gassenjungen" bezeichnet hat.
Dieser Albert Camus, ein Philosoph, der er nicht sein wollte, ein Mann, der die Frauen liebte, ein außergewöhnlicher Schriftsteller und der Literatur-Nobelpreisträger von 1957, wurde am 7. November 1913 im algerischen Mondovi geboren. Sein Leben und Werk waren ein Leben und ein Werk voller Widersprüche, die es für ihn allerdings auszuhalten galt. Denn wie sein Sisyphos hat Camus den Stein gewälzt – immer und immer wieder, sich der Absurdität des Seins bewusst. Sisyphos muss man sich deshalb, so Camus, als einen „glücklichen Menschen vorstellen". War Albert Camus ein glücklicher Mensch? „Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden, oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten." Seine Antworten sind sein Werk. Allerdings: „Ich glaube, dass unserer Welt kein tieferer Sinn innewohnt. Aber ich weiß, dass etwas in ihr Sinn hat, und das ist der Mensch – denn er ist das einzige Wesen, das Sinn fordert. Die Welt hat keine anderen Seinsgründe als den Menschen, und ihn muss man retten, wenn man die Vorstellung retten will, die man sich vom Leben macht." (Brief an einen deutschen Freund).
Albert Camus hielt sein Leben immer als geheim – für die anderen und für sich selbst. Das Schreiben war deshalb für ihn eine Art von Zwang. „Heimlich und ohne Formulierung ist es (das Leben – d. Red.) für mich am reichsten". Und Camus brauchte immer „ein wenig Alleinsein, den Anteil an Ewigkeit". Diesen „Anteil an Ewigkeit", diesen Anteil an literarischer Ewigkeit hat sich Albert Camus durch sein Denken und mit seinem Schreiben errungen.
Viele sehr interessante Antworten auf die Grundfragen, die das Leben von und für Albert Camus ausgemacht haben, finden wir in der großartigen Biographie von Iris Radisch. Grundlage seines Schreibens und Denkens waren zehn Lieblingswörter, so Iris Radisch in „Camus. Das Ideal der Einfachheit": „Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Wörtern: ‚Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.'" (Camus 1951).
An diesen Wörtern entlang strukturiert die Literaturkritikerin Iris Radisch ihre Biographie. Sie geht dabei chronologisch vor: Da ist die Mutterfixierung und die Vaterlosigkeit des jungen Albert, da sind Schule und der Besuch des Gymnasiums, die Lungen-Tuberkulose, die ihn ein ganzes Leben lang begleiten wird. Die Liebe zum „Licht", zu seiner Heimat, zum Mittelmeer und zu Griechenland hat ihn Lebenslang begleitet. Camus war durch und durch ein mediterraner Mensch, der sich später in Paris nie so recht wohlgefühlt hat. In seiner Heimat sah und fand er das „Ideal der Einfachheit". Nach einer „Heimat" und dem „Ideal der Einfachheit" hat er später auch in Frankreich gesucht. Er hat Heimat und Einfachheit gefunden in einem Landhaus in Lourmarin, allerdings erst ein Jahr vor seinem Tod.
Paris dagegen war es, an dem und in dem der Schriftsteller gelitten hat. Es war vor allem ein intellektuelles Leiden, das den Sozialisten, der keiner Ideologie anhing, umtrieb. Irisch Radisch hat gerade diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Und damit einer der grundlegenden philosophischen und politischen Auseinandersetzungen Raum gegeben. Denn der als „Verräter am Marxismus" bezeichnete Philosoph, der langen Zeit Chefredakteur der linken Zeitung „Combat" war, der in der Résistance aktiv war, saß – wahrscheinlich für ihn die einzig mögliche Position – zwischen „den Stühlen". Dass seine Philosophie, dargelegt in „Der Mythos des Sisyphos" und letztlich in „Der Mensch in der Revolte" bis heute Bestand hat, zeichnet sie aus.
Iris Radisch hat die verschiedenen Aspekte und Fakten des kurzen Leben des Albert Camus elegant miteinander verknüpft, und alles ausgewertet, was Camus uns hinterlassen hat: Dramen und Skizzen, politische Reden und Schriften zum Thema „Algerien", seine Artikel für Zeitungen und Zeitschriften, die Tagbücher, nicht zuletzt durch lange Gespräche mit seinen beiden Kindern Catherine und Jean, – vor allem aber die Romane. Es war ihr besonders wichtig, „den algerischen Camus zu entdecken". Das ist ihr mustergültig gelungen. Überhaupt sieht sie das Philosophische, das Politische bei Camus immer im Kontext der biographischen Daten und Fakten, der Frauen seines Lebens und der einzelnen Lebensstationen. Es war eine „atemlose Existenz", die Camus gelebt hat, als hätte er gewusst oder geahnt, dass er nicht lange zu leben habe.
Vor allem in der Darstellung seines schriftstellerischen Werks glänzt die Literaturkritikerin. Ihre „Interpretationen" des Romanerstlings „Der Fremde", längst eine Art Kultbuch, sieht sie den Autor zwischen Traditionalismus und Moderne – mit dem Versuch einer Versöhnung. In „Die Pest" - politische Allegorie und existentialistische Parabel und wohl einer der bis heute bekanntesten Romane der französischen Literatur – präsentiert sich auf großartige Weise die Idee des Absurden, formuliert als „zärtliche Gleichgültigkeit der Welt".
Eine Liebeserklärung an seine algerische Heimat, an alles das, was sie ihm gegeben hat und was sein Leben und sein Werk entscheidend mitbestimmt, sind die wundervollen Texte „Hochzeit des Lichts", mit dem unvergesslichen Eingangssatz „Im Frühling wohnen in Tipasa die Götter", und „Heimkehr nach Tipasa".
Am 4. November 1960 stirbt Albert Camus bei einem Autounfall auf einer Fahrt nach Paris. Im Gepäck hatte er sein letztes Werk, den unvollendeten (autobiographischen) Roman „Der erste Mensch".
Iris Radisch hat eine wundervolle Biographie über Albert Camus geschrieben – kenntnis- und detailreich und hervorragend zu lesen. Und bei aller Begeisterung für diesen Autor lässt die Biographin nie die kritische Distanz und die wissenschaftliche Akribie, die eine solche Biographie erfordern, vermissen.
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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 17.11.2013 23:45:38 GMT+01:00
kpoac meint:
Guten Abend, lieber Herodot,
egal, was über Iris Radisch geschrieben wird, Ihnen merkt man mit ihr die Verbundenheit zu Camus an, die Leidenschaft, ihn gelesen zu haben und nun ihn zu erinnern in den großen Werken. Danke und liebe Grüsse nach Köln, kpoac

Veröffentlicht am 09.05.2014 18:20:00 GMT+02:00
H. Arendt meint:
TMI = Too much information, aber sonst sehr treffend!
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