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5.0 von 5 Sternen Wie es wirklich war, 17. Januar 2014
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Rezension bezieht sich auf: Toleranz und Gewalt (Kindle Edition)
Einer der Überväter des modernen Atheismus, der Hegelianer Ludwig Feuerbach, würdigte die kulturhistorische Bedeutung der Religion des NT in "Das Wesen des Christentums" einst wie folgt: "An die Stelle Roms trat der Begriff der Menschheit, damit an die Stelle des Begriffs der Herrschaft der Begriff der Liebe." Solch eine Fähigkeit zur Differenziertheit ist in den prononciert atheistischen Kreisen unserer Tage selten geworden. Im Auftreten oft nicht weniger borniert wirkend als Vertreter religiöser Extremismen, wärmt man auch längst überholte Geschichtsmythen, wie die von der sonnigen, areligiösen griech.-röm. Antike, dem finsteren, „christlichen“ Mittelalter, einer angeblich atheistischen Aufklärung, die in lauterer Menschenfreundlichkeit den antiken Idealen allem christlichen Gegenwind zum Trotz neu zum Durchbruch verhalf usw. wieder auf. Dies mag dazu beitragen, dass man sich in der Profession der Historiker in den letzten Jahren vermehrt auf diesen Themenkomplex Bezug nimmt, da und dort die entsprechende Forschung intensiviert. Vieles, was so zutage gefördert wurde, lässt die Historie des Abendlandes noch einmal in einem gänzlich anderen Licht erscheinen. Angenendt lässt in seinem Buch die Creme de la Creme der gegenwärtigen Geschichtswissenschaft und Sozialphilosophie mit relevanten Beiträgen Revue passieren.

Inquisition
Mit der Inquisition verging sich die Kirche dem Autor zufolge gegen ihre ureigensten, altkirchlichen Ideale. Mit der Verfolgung von Waldenser, Albigenser, Hussiten, Lutheraner, Zwinglianer und Kalvinisten wendete sie sich praktisch sogar gegen ein konsequent am NT ausgerichtetes Christentum. Dennoch gestaltete sich Inquisition anders als gemeinhin geglaubt. Historiker merken inzwischen an, dass mit ihr eine Wiederbelebung des römischen Rechts stattfand. Es wurde durch Beweisaufnahme eine Urteilsfindung angestrebt, nicht mehr durch Wasser- und Feuerproben oder dgl. Inquisitoren wurden überhaubt erst dann aktiv, wenn in einer Region Phänomene der Irrlehre überhand nahmen. Zunächst wurde versucht, mit öffentlicher Lehr- und Predigttätigkeit Korrekturen zu erwirken. Erst dann wurden einzelne verdächtige Personen verhört. Dabei wurde zunächst darauf abgezielt, Einsicht und Buße zu erzeugen. Ein Geständnis samt glaubhaftem Sinneswandel hatte i.d.R. Absolution und schlimmstenfalls leichtere Bußauflagen zur Folge. Erst bei hartnäckigem Beharren übergab man – nach Verurteilung - den Beschuldigten der weltlichen Gerichtsbarkeit mit der – freilich nicht immer sehr glaubwürdig wirkenden - obligatorischen Formel, im Strafmaß Barmherzigkeit walten zu lassen.

Auf Häresien wurde über Jahrhunderte hinweg seitens der Kirche nur sehr sporadisch reagiert. Mittelalterlicher Atheismus etwa – das zeigen jüngste Studien der Historikerin Dorothea Weltecke – wurde eher als seelsorgerliche Problematik behandelt. Mit der Katharerbewegung entstand allerdings im 13. Jh. aus Sicht der Kirche eine echte Bedrohung für den Erhalt der Lehre. Die frühneuzeitliche Inquisition ging dann noch organisierter gegen Häretiker vor. Alle Historiker, die in jüngerer Zeit auf diesem Feld geforscht haben, seien jedoch überrascht über die verhältnismäßig kleinen Hinrichtungszahlen. So kommt der kenntnisreiche Gustav Henningsen für die Spanischen Inquisition in der Zeit zwischen 1540 und 1700 auf 44.647 Prozesse, in deren Anschluss bei 1,8% der Fälle die Todesstrafe vollstreckt wurde. Insgesamt seien während der spanischen Inquisition höchstens 6000, während der römischen 97 Menschen hingerichtet worden. Die kirchlichen Gerichte seien in der Strafzumessung und Verhörmethoden (Folter) weit zurückhaltener gewesen als die weltlichen. Auch die Zustände in den Inquisitionsgefängnissen hoben sich offenbar positiv vom sonstigen Strafvollzug ab.

Hexenverfolgung
"Unüberwindlich", so Angenend, sei "der Vorwurf, die Kirche habe die Hexen-Verbrennung betrieben, sogar millionenfach. Der Spezialist auf diesem Gebiet Wolfgang Behringer dreht es andersherum: Ohne die Kirche wären es weit mehr Opfer geworden. Denn in aller vormodernen Welt waren und sind, wie heute noch in Afrika, Hexerei-Verfolgungen „normal“. Dementgegen hat die Kirche bis ins Spätmittelalter alles Hexerische als Wahnvorstellung abgetan. Tatsächlich haben die Päpste wie die Kirchengerichte und sogar die Inquisition - was uns nur schwer in die Köpfe geht - die Hexen-Tötung abgelehnt, gerade auch in den Verfolgungswellen der Frühmoderne. Die Todesurteile sprachen weltliche Gerichte aus, zumeist mit Billigung der juristischen Fakultäten, nicht der theologischen." Die Hexereiverfahren der frühen Neuzeit wurden überwiegend von weltlichen Gerichten geführt. Von Opfern in Millionenhöhe kann längst nicht mehr die Rede sein. Die Forschung geht heute von ca. 50.000 Hinrichtungen aus. Maßgeblich beigetragen zur Beendigung der Hexenprozesse haben interessanterweise keineswegs die eher säkular gesinnten Aufklärer, sondern u.a. der dem Pietismus nahe stehende Christian Thomasius sowie der Jesuit Friedrich Spee.

Antijudaismus
Immer wieder einmal ist davon die Rede, dass der Holocaust seine Wurzeln im mosaischen Monotheismus, der angeblich unweigerlich Feindseligkeit gegen Andersgläubige impliziere, sowie in einem vermeintlichen neutestamentlichen Antisemitismus habe. Diese Thesen sind nicht zuletzt deshalb so problematisch, weil damit praktisch die "Urschuld" an den Verbrechen des Nationalsozialismus den Juden selbst aufgebürdet wird. Man übersieht dabei völlig, dass die Nazis nicht von religiösen Motiven angetrieben waren, sondern von rassehygienischen Theorien, denen u.a. auch - hätte man sie nicht gestoppt - weitere Teile der als "rassisch minderwertig" eingestuften osteuropäischen Bevölkerung zum Opfer gefallen wären. Dass o.g. Thesen besonders im deutschen Raum ihre Anhänger finden, spricht denn auch für sich. Dabei äußert sich gerade Paulus, der obgleich selbst Jude, gern zum Initiator des Judenhasses gemacht wird, indem einzelne Äußerungen von ihm aus dem Kontext gerissen werden, zu diesem Thema ausführlich und unmissverständlich in Röm. 9-11. Eine theologische Abgrenzung von den Juden freilich, betrieb das Christentum (wie umgekehrt in vielfältiger Weise auch die Juden) logischer Weise von Anfang an. Dass dies als Ausgangspunkt für fremdenfeindliche Hetze und Ausschreitungen gegenüber einem Volk im Volke immer wieder missbraucht wurde, steht außer Frage.

Die Päpste sahen sich ebenso wie die weltlichen Regenten als Schutzherren der Juden. Tatsächlich setzten sie sich immer wieder vehement für die Unversehrtheit der jüdischen Minoritäten ein. So etwa im 12. Jh. Papst Eugen III. mit der Bulle Sicut Judaeis, die Zwangstaufen, Strafvollzug ohne Rechtsverfahren, erpresste Dienste verbot, sowie gebot, die Juden ungestört ihre Feste begehen zu lassen und ihre Friedhöfe zu schützen. Verstöße konnten eine Exkommunikation zur Folge haben. Im 13. Jh. brandmarkten die Päpste Innozenz IV. und Martin V. antijüdische Legendenbildungen der Zeit als infame Lügen, ebenso später, im 18. Jh. Benedikt XIV. Andererseits gab es eine über weite Strecken paranoid anmutende Furcht vor dem intellektuellen, religiösen, gesellschaftlichen Einfluss der Juden. Dies führte dazu, dass immer wieder auch vom Vatikan aus repressive Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung erlassen wurden, die man dann periodisch durchhielt, um sie schließlich wieder zu lockern oder aufzuheben. Dazu gehört eine besondere Kleiderordnung, Ghettoisierung, das Vorgehen gegen jüdisches Schriftgut, eine rechtliche Sonderstellung, Berufsverbote.

Auch die Reformation setzte keine durchschlagend neuen Akzente für den zwiespältigen Umgang mit der jüdischen Minorität. Vom jungen Luther gingen noch Hoffnungszeichen aus; der späte Luther erging sich dann jedoch in ähnlich schlimmen Äußerungen, wie sein humanistischer Zeitgenosse Erasmus oder der sich deutlich vom Christentum distanzierende Giordano Bruno. Auch in der folgenden Epoche der Aufklärung ist die Bilanz nicht wirklich positiv. Der Kreis um Lessing setzte sich für Toleranz ein. Voltaire, Lichtenberg, Kant ergingen sich in antisemitischen Ausfällen. Der Pietismus hingegen nahm mit dem Plädoyer für die Emanzipation der Juden eine Vorreiterrolle ein.

Schwer nachvollziehbar bleibt die über lange Zeit passive Haltung des Vatikan gegenüber den Entwicklungen im Hitler-Deutschland. Erst in seiner Weihnachtsansprache 1942 bekundete Pius XII. seine Sorge um die "Hunderttausende, die ohne eigenes Verschulden, bisweilen nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben sind." Ansonsten erging jedoch die Weisung, keine konfrontative Kritik zu üben, "um nicht denen zu schaden, die wir retten wollen." Interventionen mit dem Ziel, Fluchtwege ins Ausland zu öffnen, erwiesen sich als nicht sehr effektiv. Immerhin verhinderte der Vatikan durch Aufnahme in Kirchen, Seminare, Pfarren, Klöster usw. 1943 die Deportation von ca. 7000 Juden aus Rom. In der Evangelischen Kirche reagierte man auf den NS anfangs weit unkritischer als in der katholischen. Je deutlicher dessen Charakter hervortrat, desto mehr Widerstand entwickelte sich dann jedoch. Der Vorgängerorganisation der Bekennenden Kirche - dem Pfarrernotbund - waren 1934 bereits rund 7000 von 18.000 Pfarrern beigetreten. Die BK bezog immer wieder auch gegen den eskalierenden Judenhass Stellung.

Eroberung Amerikas
Die Eroberung Amerikas ist zweifellos ein düsteres Kapitel. Besonders infolge der Infektion mit von den Europäern eingetragenen Krankheitskeimen, denen das Immunsystem der Ureinwohner nicht gewachsen war, starben unzählige von ihnen. Zudem gab es zweifellos auch schweres und vielfältiges Unrecht im Umgang mit den "Indianern". Allerdings geht es dem Autor darum, auch hier genau hinzuschauen und zu differenzieren. In der Bulle Papst Pauls III. von 1538 ordnet dieser an, dass "die vorgenannten Indianer, auch wenn sie außerhalb des Glaubens leben, ihrer Freiheit und Verfügungsgewalt über ihre Güter nicht beraubt werden, und dass sie nicht zu Sklaven gemacht werden dürfen" Auch gegen Zwangsbekehrungen spricht sich Paul deutlich aus.

Die Situation in Südamerika veranlasste ein grundsätzlicheres Nachdenken über die Frage allgemeiner Menschenrechte bzw. Völkerübergreifender Gerechtigkeitskriterien. Der spanische Dominikaner Francisco de Vitoria gilt als ein, wenn nicht der Begründer des Völkerrechts. Basierend auf Berichten seines Ordensbruders Las Casas kritisiert er die spanische Eroberungspraxis im südlichen Amerika: „Die Spanier sind die Nächsten der Barbaren, wie aus dem Gleichnis des Samariters im Evangelium hervorgeht. Sie sind daher verpflichtet, die Nächsten wie sich selbst zu lieben.“ Balthasar Ayala, ebenfalls spanischer Spätscholastiker knüpfte bei Vitoria an, desgl. dann Alberica Gentili , der Jesuit Francisco Suarez, schließlich der Niederländer Hugo Grotius.

Kreuzzüge
Auch in Bezug auf die Kreuzzüge rückt der Autor manches gerade. Von Beutegier waren diese nicht motiviert. Für manch einen Edelmann bedeuteten sie eher finanziellen Ruin. So musste Gottfried von Bouillon die Grafschaft Verdun an den französischen König veräußern, um sein Heer finanzieren zu können. Ritter mussten im Schnitt fünf Jahreseinkommen aufbringen; in Relation zum eigenen Besitz noch größer war die Last für die teilnehmenden einfachen Leute.

Abwegig ist auch die Vorstellung, die Kreuzzüge hätten Christianisierung und Zwangsmissionierung zum Ziel gehabt. Sie waren vielmehr in erster Linie eine Reaktion auf das dringende Hilfegesuch des byzantinischen Kaisers vor dem Hintergrund der immer bedrohlicher werdenden islamischen Expansion; in zweiter Linie ging es um die Rückeroberung der heiligen Stätten in Jerusalem bzw. Palästina sowie die Sicherung der Pilgerwege. Allein unter dem Kalifat Tariq al-Hakim wurden ca. 30.000 Kirchen – u.a. auch die Grabeskirche zerstört, Christen waren schwersten Repressalien ausgesetzt, öffentliche Gebete bei Todesstrafe verboten. Bereits Gilbert Chesterton hatte lapidar vermerkt, dass bereits lange bevor „die Ritter überhaupt von Jerusalem träumen konnten, die muslimischen Krieger auf Paris zuritten.“ Die tatsächlich auf Islamisierung abzielenden Heiligen Kriege der Muslime hatten im 7. und 8. Jh. weite Teile des mittleren Ostens, Nordafrika und Spanien erobert und wurden erst 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers durch Karl Martell gestoppt und zurück gedrängt.

Angenendts Darstellung neuster Forschungsergebnisse zur "Kriminalgeschichte des Christentums" lässt vieles was bislang als "historische Tatsache" galt, in einem anderen Licht erscheinen. Dies sollte freilich nicht vergessen lassen, dass es schlimme Entgleisungen trotz allem gab. Wie sieht es nun aber mit der Segensgeschichte des Christentums aus?

Universalismus
Mit dem Christentum, so Angenendt, sei in historisch einmaliger Art und Weise der Gedanke der Gleichheit aller Menschen in die Welt gekommen. Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person (Jak. 2, 1-9). Für Christen „gibt es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau“ (Gal 3,27f). Jesus nennt die seine "Mutter und Brüder", „die den Willen des himmlischen Vaters erfüllen“ (Mt 12,50). Gott ist aus jedem Volk „willkommen, wer ihn fürchtet und ehrt“ (Apg 10,35). Mit dem Missionsbefehl wurde dem Christentum ebenso eine universalistische Dimension zuteil, wie mit der Erweiterung des Nächstenliebegebotes über die eigenen ethnischen und religiösen Grenzen hinaus. "Der eine und einzige Gott begründet die Einheit der Menschheitsfamilie und damit die Gleichheit aller Menschen. Die stärksten Bindungen, die aus Blut und Verwandtschaft, müssen zugunsten universaler Offenheit gekappt werden: Kirche ist dort, wo sie sich aus vielen Völkern vereint - so eine altkirchliche Selbstbestimmung. "

Auch Europas gemeinsame kulturelle Identität sei "das Ergebnis geistiger und kultureller Prozesse, die über nahezu zwei Jahrtausende hier ihr Zentrum überwiegend in der Religion besaßen; tonangebend war das Christentum“, so der Historiker Heinz Schilling. Nachdem europäische Regentschaft über Jahrhunderte nationale und ethnische Grenzen überschritt, ging der moderne Nationalismus aus der Französischen Revolution hervor. Die zwischenstaatlichen Konflikte die sich in der Folge dessen ergaben, kosteten Millionen Menschen das Leben. Während man heute wieder stärker dazu tendiert, europäische Identität nicht aus den christlichen Wurzeln zu begründen, war dies für die Väter der Europäischen Einigung nach dem 2. WK nicht nur in der historischen Perspektive ein sehr zentrales Moment. Die Europa-Idee nach 1945, so auch H.A. Winkler im zweiten Band seines Werks „Die Geschichte des Westens“ war eine speziell „katholische Utopie“, vorangetrieben von katholischen Politikern wie Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Konrad Adenauer.

Menschenwürde
Naturalistisches Denken hatte von jeher Schwierigkeiten damit, sich mit einer herausgehobenen Stellung des Menschen, seiner speziellen Würde anzufreunden. In der griechischen Antike machten Platon und Aristoteles den Adel des Menschen an der "Geistseele", dem göttlichen Element in dessen Existenz, sowie seiner Fähigkeit zur Gotteserkenntnis fest. Ähnlich stellt die Stoa (Epiktet, Cicero) auf Vernunftbegabung und Gottesebenbildlichkeit ab. In der Bibel sieht F. J. Wetz, atheistischer Philosoph und Sozialethiker, in seinen "Texte[n] zur Menschenwürde"„eine Reihe von Bestimmungen des Menschen aufgezählt, auf die anschließend die Kirchenväter den Begriff der Menschenwürde beziehen werden. Allen voran ist die menschliche Gottebenbildlichkeit zu nennen, außerdem die herausgehobene Stellung des Menschen unter allen sonstigen Lebewesen sowie der göttliche Auftrag an den Menschen, über die Kreaturen der Erde zu herrschen. Im Neuen Testament kommt die Menschwerdung Gottes hinzu, durch die der Mensch vor allen übrigen Kreaturen geadelt und von der Sünde, die ihn um seine Unsterblichkeit und Herrlichkeit gebracht habe, befreit werde."

Auch Jürgen Habermas sieht in der Religion einen Glutkern, der neben aller Aufklärung normative Gehalte hervorgebracht habe, so die Idee der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Eine säkulare Gesellschaft dürfe sich davon nicht abschneiden, mahnt er in „Glauben und Wissen“. Der Religionssoziologe Hans Joas, so Angenendt, sieht in „Glaube als Option“ die Menschenrechte erst dort gesichert, wo das Individuum mit Sakralität umkleidet und dadurch unantastbar gemacht ist. Hans Jonas, der in „Das Prinzip Verantwortung“ in Anbetracht "heutiger Eingriffsmöglichkeiten in die Substanz von Kosmos und Mensch die Wiederherstellung der von der Aufklärung zerstörten Kategorie des Heiligen, der Unantastbarkeit" fordert, findet ebenfalls Erwähnung.

Bildung
Jesus, so der Autor, gab dem zentralen jüdischen Gebot "Liebe Gott...." eine "griechische Zutat": nicht nur soll diese Liebe mit "ganzem Herzen" geschehen, sondern auch mit "allem Verstand". Aus dem heraus sei die christliche Theologie entstanden. I.d.T. wurde Bildung bereits in der Urgemeinde hoch geschätzt. Die Patristik führte die geistige Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Philosophie auf höchstem Niveau. Gerade dies fand in den vielen anderen Kulten jener Zeit kaum statt und war einer der Gründe dafür, dass das Christentum so viel Zuspruch in den gebildeten Eliten fand. Sowohl die ursprünglichen christlichen Ideen wie auch das antike Bildungserbe lebte dann nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches und den darauf folgenden Wirren zunächst v.a. in den oft in Opposition zur institutionellen Kirche gegründeten Klöstern fort. Bibliotheken waren häufig jedoch auch an ganz normale Kirchen angeschlossen.

Die Kloster- und Domschulen wurden dann zur Plattform der Wissensvermittlung. Aus ihnen ging schließlich die Universität als organisierte Hochschule hervor. Sie stellt ein weltgeschichtliches Novum dar, gilt als „europäische Institution par excellence“. Der Autor zitiert in diesem Zusammenhang den Historiker Michael Borgolte: „Im Vergleich mit den Byzantinern, die an ihrem überkommenen Stoffkanon und ihren traditionellen Lehrmethoden festhielten, mit den Muslimen, die die Herausforderung der griechischen Hinterlassenschaft vom Kern ihres Schulwesens fernhielten, und auch mit den Juden, die sich wie eh und je auf die Auslegung von Bibel und Talmud konzentrierten, erscheinen die Innovationen des okzidentalen Bildungswesens geradezu revolutionär“

Soziale Gerechtigkeit
Der Ägyptologe Jan Assmann setzt mittlerweile in seiner zuvor eher kritischen Bewertung des Monotheismus neue Akzente („Die Mosaische Unterscheidung oder ihr Preis des Monotheismus“). Judentum und Christentum hätten Gott zum Repräsentanten von Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Liebe erhoben. Dies habe eine psycho-historische Entfaltung ausgelöst, da Menschen danach streben, sich der Eigenschaftlichkeit des verehrten Gottes anzunähern.
Jesus antwortete einst auf Frage nach dem Willen Gottes für das menschliche Handeln, mit dem Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben (Mk 12,30f). Der französische Althistoriker Paul Veyne schildert, wie sich dies im sozialen Kontext konkretisierte: „Die jüdische Pflicht der Almosen gelangt auch in die alte Kirche, die mit Hospitälern, Hospiz- und Armenhäusern die organisierte Wohltätigkeit erfand, welche in säkularisierter Form im heutigen Sozialstaat weiterlebt“.

Humanitas hatte in der griech.-röm. Antike keinen großen Stellenwert. Die Idee sozialer Gerechtigkeit, einer gesellschaftlichen bzw. persönlichen Verantwortung für Menschen die weniger besitzen als man selbst; für Arme, Heimatlose, Kranke, Ausgestoßene – sowohl im AT wie im NT sehr ausgeprägt – findet sich bei den Denkern der Griechen und Römer, wie auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit dieser Zeit kaum. Ein Netz von Herbergen für Fremde und Kranke wurde bspw. erst im 4. Jahrhundert n. Chr. durch die dem Kirchenvater Hieronymus nahe stehende Römerin Fabiola im Römischen Reich eingeführt. Im alten Rom kümmerte man sich bestenfalls um die Soldaten.

Angenendts Buch zu lesen ist erhellend und unglaublich spannend, wenngleich eine leichte katholische Schlagseite da und dort nicht zu übersehen ist. Bald nach der Publikation von "Toleranz und Gewalt" gab sich einer der prominentesten deutschen Kritiker des Christentums, Herbert Schnädelbach, zumindest bezüglich seiner Einschätzung der historischen Bedeutung des Christentums geläutert. Den Autor ließ er wissen: "Ihre kulturgeschichtlichen Argumente haben mich überzeugt."
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