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111 von 126 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Theologische Verbrämung des Zeitgeistes, 19. Februar 2005
Von Ein Kunde
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Islam: Geschichte, Gegenwart, Zukunft (Taschenbuch)
Versuchte man, den gegenwärtigen europäischen Zeitgeist zum Thema Islam in Worte zu fassen, käme man etwa zu folgendem Ergebnis:

Der richtig verstandene Islam ist eine mit modernen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten vereinbare Religion des Friedens und der Gerechtigkeit. Auseinandersetzungen der Muslime mit anderen Gemeinschaften ließen sich über einen ernstgemeinten Dialog beilegen. Eventuell verbleibende Differenzen wären nebensächlich und könnten von allen Seiten toleriert werden, doch leider stellen sich gewissenlose Fanatiker dieser Entwicklung entgegen, indem sie den Islam für ihre verbrecherischen Ziele mißbrauchen und unnötige Spannungen erzeugen.

In seinem kürzlich erschienen Buch über den Islam unternimmt es Hans Küng, diese vagen Ahnungen auf eine wissenschaftliche Ebene zu heben. Die Schwierigkeiten in die er dabei gerät, sind für den tatsächlichen Zustand des heutigen Islams aufschlußreicher als jede direkte Kritik.

Der erste Teil von Küngs Darstellung umfaßt 524 Seiten und enthält ein breit angelegtes Panorama der islamischen Geistesgeschichte, das neben der religiösen Entwicklung im engeren Sinne auch die wichtigsten theologischen, juristischen und philosophischen Strömungen in zuweilen fast enzyklopädischer Gründlichkeit präsentiert. Die politisch-militärischen Rahmenbedingungen werden bis zum beginnenden Verfall des Abbassidenreiches im frühen 10. Jh. eingehend behandelt, danach überwiegend ausgeblendet. Insgesamt erhält der Leser einen hervorragenden Überblick über viele komplexe Prozesse (die frühen theologischen Kontroversen; die Entwicklung des islamischen Rechts; das Aufkommen des Sufismus; die Machtergreifung der Abbassiden; usw.), wobei er sich einer durchgehend verständlichen und eleganten Diktion, sowie einer vorzüglichen Gliederung erfreuen darf. Stilistisch wie inhaltlich ist zu spüren, daß der Autor sein Publikum beim Schreiben immer vor Augen hatte.

Die letzten 260 Seiten der Abhandlung widmet Küng einer Analyse der gegenwärtigen Probleme und künftigen Möglichkeiten des Islams.

Wie in früheren Arbeiten bedient sich Küng bei der Deutung seines Materials zweier Hilfsmittel: der Wesensanalyse und des Paradigmamodells. Die Wesensanalyse soll jenen Grundbestand an Überzeugungen ermitteln, der die unveränderliche Identität einer Religion ausmacht, während das Paradigmamodell umgekehrt dazu dient, zeitbedingte Ergänzungen und Umdeutungen herauszuarbeiten. Im Laufe ihrer Geschichte, so Küng, durchlaufe eine Religion verschiedene Paradigmen (d. h. Gesamtkonstellationen von Ansichten, Werten und Verfahrensweisen), ohne dabei ihr Wesen zu verändern. Eine Anpassung an neue historische Konstellationen sei soweit möglich, wie sie nur die Überwindung vergangener Paradigmen erfordere, das Wesen einer Religion aber unberührt lasse.

Das Wesen des Islams verkörpere sich in drei Elementen: Einem strengen Monotheismus, der Anerkennung Mohammeds als des letzten Propheten und des Korans als der direkten und unverfälschten göttlichen Offenbarung.

Die bislang aufgetretenen sechs Paradigmen des Islams bestimmt Küng folgendermaßen: 1) das urislamische Gemeinde-Paradigma; 2) das arabische Reichs-Paradigma; 3) das klassisch-islamische Weltreichs-Paradigma; 4) das Ulama-Sufi Paradigma; 5) das Modernisierungs-Paradigma, sowie 6) das zeitgenössische nach-moderne Paradigma (Leitwerte: Demokratie, Gleichberechtigung der Frau, gerechte Wirtschaftsordnung, Dialog der Religionen).

Sämtliche wichtigen Probleme des gegenwärtigen Islams hält Küng auf dem Boden des nach-modernen Paradigmas für lösbar. Im letzten Teil seines Buches entwickelt er zu vielen Themen (Dschihad als fragliche Rechtfertigung von Gewalt, Fehlen von Demokratie und Menschenrechten in muslimischer Welt, Überholtheit der Scharia, Benachteiligung der Frau, Integration in christlichen Ländern, Dialog zwischen den Religionen) detaillierte Reformvorschläge.

Gerade hier offenbart sich nun ein grundlegendes Dilemma. Fast alle Anregungen Küngs setzen auf muslimischer Seite Gesprächspartner voraus, DIE BEREITS AUF DEM BODEN DES MODERNEN PARADIGMAS STEHEN und allenfalls noch zögern, die letzten Schritte zum Abschluß der Modernisierung und anschließenden Postmodernisierung ihrer Religion zu tun. An vielen Stellen seines Buches (sehr deutlich auf S. 660) räumt Küng dagegen ein, DASS DER GROSSTEIL DER MUSLIME NOCH DEM MITTELALTERLICHEN ULAMA-SUFI-PARADIGMA VERHAFTET IST. Dieses Eingeständnis stellt nicht nur die historische Brauchbarkeit der letzten beiden Paradigmen seines Schemas in Frage (in welchem muslimischen Land existiert ein moderner oder nach-moderner Islam?), sondern macht auch Küngs Argumente für eine Reform des Islams in der Praxis weitgehend bedeutungslos. Sie können sich höchstens an eine kleine Gruppe verwestlichter muslimischer Exil-Akademiker richten. ARGUMENTE FÜR DEN ÜBERGANG VOM ULAMA-SUFI-PARADIGMA ZUM MODERNEN PARADIGMA HAT KÜNG NÄMLICH NICHT ANZUBIETEN. Hier setzt er vielmehr auf die bloße HOFFNUNG (S. 768), die Mehrzahl der Muslime möge erkennen, daß Säkularisierung und Aufklärung nach westlichem Vorbild unvermeidlich seien.

Dabei führt Küng selbst Gründe an, die dem Islam die Modernisierung weitaus schwerer machen als dem Christentum. Ein moderner Islam müßte zu zwei Bezugspunkten seines Glaubens ein neues Verhältnis gewinnen: dem Koran und Mohammed.

Den Koran modern auszulegen, bedeutet nach Küng: die Lehre von der Verbalinspiration Mohammeds ist fallenzulassen. DER KORAN WURDE MOHAMMED NICHT WORT FÜR WORT VON GOTT EINGEGEBEN, SONDERN IST IN VIELEN TEILEN SEIN "MENSCHLICHES" WERK. DER KORAN IST WEDER VOLLKOMMEN, NOCH UNGESCHAFFEN, NOCH UNFEHLBAR, NOCH UNVERÄNDERLICH (S. 765). Er ist daher historisch zu erforschen und zu interpretieren. NUR SO lassen sich bedenkliche Passagen, wie die über den Dschihad (der schon im Koran gewaltsamen Kampf bedeutet) und die Behandlung der Frauen entschärfen.

Mohammed modern zu beurteilen, bedeutet nach Küng: einräumen, daß Mohammed ein Mensch mit Schwächen und Fehlern war. Manche seiner Taten sind moralisch verwerflich (er raubte Karawanen aus, führte Kriege, befahl die Folterung eines Gefangenen, ließ in Medina einen ganzen jüdischen Stamm hinrichten und rechtfertigte Meuchelmorde an kritischen Dichtern). ALS VORBILD FÜR UNSERE ZEIT EIGNET ER SICH NUR BEDINGT (S. 163).

Für die meisten traditionell denkenden Muslime dürften dies blasphemische Zumutungen sein, die nicht ein vergangenes Paradigma, sondern das Wesen ihrer Religion in Frage stellen. Christen waren nie vor vergleichbare Anforderungen gestellt. Die Lehre von der Verbalinspiration war im Christentum weit weniger fest verwurzelt als im Islam, und die Person Jesu ist moralisch unproblematisch. Selbst der aufgeklärteste Christ braucht sich von kaum einer Äußerung oder Tat Jesu zu distanzieren.

So ist das Ergebnis dieser Studie ernüchternd. Anstatt den Zeitgeist theologisch zu rechtfertigen, hat Küng ihn ungewollt widerlegt. Seine eigene Darstellung zeigt uns den Islam als einen schwer modernisierbaren mittelalterlichen Glauben, dessen Anhänger mehrheitlich der religiösen Grundhaltung (nicht der politischen) der Fundamentalisten näher stehen als Küngs Vorstellungen von einem "nach-modernen" Islam.

Nicht viel besser ist es um den interreligiösen Dialog bestellt. Weit entfernt davon, ihn anzubahnen, bietet Küng eine überzeugende Erklärung für seine geringen Erfolgsaussichten. So lange Christen und Muslime auf dem Boden verschiedener Paradigmen stehen, dürften religiöse Gespräche zwischen ihnen kaum zu substantiellen Ergebnissen führen.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.08.2010 14:45:26 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 14.08.2010 14:47:09 GMT+02:00
Danke für diese ausführliche Rezension, der ich vollinhaltlich zustimme, ohne das Buch von Küng gelesen zu haben. Aber der Autor der Rezension spricht genau die Probleme an, denen ich auch nach 25 Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Islam begegnet bin. Insbesondere ist zu betonen, dass alle Integrationsrhetorik über einen interreligiösen Dialog mit namhaften Vertretern des Islam genau an den Fragen scheitern wird, auf die der Rezensor in Anlehnung an Küng hinweist. Das ist nicht nur das Dilemma, in dem Küng sich befindet, sondern das ist das Dilemma der Muslime schlechthin dass sie jede zeitspezifische Auslegung des Koran ablehnen müssen und aus dem sie in absehbarer Zeit nicht herauskommen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.08.2010 22:38:18 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.08.2010 22:40:27 GMT+02:00
Motörfett meint:
> das ist das Dilemma der Muslime schlechthin dass sie jede zeitspezifische Auslegung des Koran ablehnen müssen und aus dem sie in absehbarer Zeit nicht herauskommen

Aber wenn die Suren Mohammed diktiert wurden ist doch klar dass sie in konkreten Dingen auf Mohammeds Situation/Umfeld bezogen sind. Hier ist durchaus ein Ansatz zu sehen, Aussagen des Korans nicht absolut/kontextlosgelöst betrachten zu müssen.

Wenn man den Koran konsequent nimmt, gibt es ja auch keinen Zwang in der Religion. Und keine Sunna/Haddite und auch keine Scharia. Dass diese jedoch derartige Bedeutung innerhalb des Islam erlangen konnten zeigt schon, dass der Koran alleine nicht absolut gilt und ernst genommen wird.

Der Islam ist also auch aus theologischer Sicht reformierbar, nur wird es wohl leider nicht so schnell gehen wie man sich das wünschen würde.

Veröffentlicht am 21.04.2013 18:48:09 GMT+02:00
Hey und NAMASTE

Falsch, und sie haben nicht gut genug studiert, und man merkt das sie christlich voreingenommen sind. Aschera und Jahwe, jawohl, das ist es was Christen verleugnen....Ich, welche selber im Hinduisimus verankert bin, und mich als SHAKTA (Shaktismus, der übrigens KEIN Kastensystem kennt) bezeichne, was soviel heißt, wie eine die sich der MAHADEVI zugehörig fühlt (verehre dabei am liebsten die DEVI-Shakti-Mata- maa Durga: Devi heißt übrigens auch eine Respektsanrede dem ersten Namen ind. Damen beigefüht wird, oder alg. kann sich das Wort auf jede weibliche Gottheit des Hinduisimus beziehen, oft wird es dem Namen einer Göttin beigefügt), kann ihnen versichern das es auch Gleichberechtigung in Religionen gegeben hat, und sicherlich wieder geben wird. Und das war lange vor unserer Zeit, bevor der patriarchalische Herrn erfunden wurde....

Dass die Frau aus dem Mann entstanden sein soll (laut Genesis-Bericht), widerspricht nicht nur unserem gesunden Menschenverstand, sondern auch den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Vor allem die moderne Genforschung zeigt, dass die Frau keineswegs ein mangelhafter Mann ist, wie uns eben Bibel weismachen will. Männliche wie weibliche Menschenembryonen sind in den ersten sechs Wochen ihrer Entwicklung nicht voneinander zu unterscheiden. Beide haben ein Paar noch unreifer Keimdrüsen und zwei primitive Kanalsysteme, aus denen sich die unterschiedlichen Geschlechtsorgane entwickeln können. Erst wenn in der siebten Schwangerschaftswoche das SRY-Gen auf dem Y-Chromosom für ein paar Stunden angeschaltet wird, entsteht aus dem Embryo ein Mann. Treten dabei Störungen auf, lässt der Körper weiterhin das Standardprogramm "weiblich" laufen, trotz XY-Ausstattung. In Wahrheit ist also der Mann der "Sonderweg", nicht die Frau. Aufgrund eines kleinen biochemischen Prozesses wird sozusagen aus der Frau ein Mann. Die Frau ist also keineswegs ein Nebenprodukt des Mannes.

Damit hat der Bibel- Gott, oder auch die Bibel-Redakteure bewiesen, wie unwissend er und sie im Grunde waren...Allerdings weiß ich um religiöse Gefühle, und halte mich, was diesen speziellen Bereich betrifft einfach zurück. Dennoch ist für die Bibel der Mann das starke, das vor Gott edlere Geschlecht (1. Kor 11,7): "Der Mann (...) ist Gottes Bild und Abglanz." In Wirklichkeit hat der Mann aber die schlechteren Karten: Sein Immunsystem ist schwächer und er stirbt im Durchschnitt sechs Jahre früher. Männer fallen häufiger Unfällen zum Opfer und begehen dreimal so oft Selbstmord. Schon die Überlebensrate weiblicher Föten liegt deutlicher höher als die der männlichen. Und - last not least - bleiben Jungen in der Schule häufiger sitzen als Mädchen.

„Alles ist aus dem Weiblichen geboren“, so lautet ein Kernsatz beim Zusammensetzten der heiligen Pfeife (dem Ritualinstrument der indigenen Bevölkerung Amerikas). Er verweist auf „ein kosmisches Gesetz, das auf allen Ebenen und in allen Dimensionen gilt. Nichts kann allein durch das männliche Prinzip ins Leben gerufen werden. Dies gründet sich nicht auf einen Glauben, sondern auf Tatsachen...Wir alle müssen die weiblichen und männlichen Aspekte unseres gesamten Seins und Einklang bringen, damit wir mehr von unserer spirituellen Natur mitteilen können. Die Dominanz des Mannes trennt uns von unserem wahren spirituellen Wesen“, schreibt Kenneth Medaows in seinem Buch „Runen-die magische Kraft“. Das Wort „Frau“ und das Wort „Göttin“ bedeuten nach der nordischen Mythologie und Etymologie dereinst ein und dasselbe. Ein Wissen, das weitreichende und völkerverbindene Visionen in Gang setzten könnte.

Der Anfang dazu wurde in Ägypten gemacht....

Das Christentum wurzelt, wie alle drei monotheistischen Religionen in einer Hirtennomadenideologie. Da das Hirtentum die Domestikation von Tieren voraussetzt, die Menschen aber den größten Teil der Menschheitsgeschichte als Wildbeuter lebten, können diese Hirtenreligionen nicht am Anfang von Religion stehen. Tatsächlich steht am Anfang Gott die MUTTER als Kosmische Mutter des Universums. Die Idee von Gott dem HERRN war und ist in Wahrheit eine bis heute nützliche Theologie zur Indoktrinierung und Zementierung patriarchaler Herrschaftsmacht, also eine politische Theologie. Eines der Hauptanliegen dieser politischen Theologie war es, Gott die MUTTER abzuschaffen, sie durch Gott den HERRN zu ersetzen und die Mutter gleichzeitig zur Magd des HERRN zu degradieren. In dieser Streitschrift stellt die Autorin hierzu die neuesten sozio- und religionshistorischen Forschungen vor.Das Fazit dieses Buches ist - wie könnte es auch anders sein - politisch und lautet: Das Bild von Gott dem HERRN, das mit einem, den öffentlichen Raum dominierenden Männerbild einhergeht, hat ausgedient, denn eine moderne Gesellschaft sieht anders aus. Und Gott die MUTTER liebt Sex!

Zuerst etwas zu den alt-ehrwürdigen Ägyptern, von denen sich das Christentum so stark bedient hat:

Jede Kultur gründet auf einem Mythos oder einer Gesamtheit von Mythen. Während Eva in der jüdisch-christlichen Welt eine zumindest ambivalente Gestalt ist – was das nicht zu leugnende spirituelle Defizit der modernen Frauen erklärt, die von diesen Religionen geprägt sind -, war das Frauenbild in der ägyptischen Kultur ein ganz anderes. Die Frau galt nicht als Quelle des Bösen oder der Lüge, ganz im Gegenteil: die Frau hatte, durch die großartige Gestalt der Isis, die schwersten Prüfungen auf sich genommen und das Geheimnis der Auferstehung ergründet. Isis war Vorbild nicht nur für Königinnen, sondern auch für Gemahlinnen, Mütter und Frauen aus einfachsten Verhältnissen. Ihre Treue verband sie mit einer unverwüstlichen Beherztheit in der Not, einer außergewöhnlichen Intuition und der Fähigkeit, Geheimnisse zu ergründen. Diente ihre Suche nicht als Modell für alle jene Frauen, die nach dem ewigen Leben strebten?.

Pharao Ramses III. rühmte sich, dafür gesorgt zu haben, das die ägyptische Frau völlige Freizügigkeit genoß, ohne befürchten zu müssen, auf ihrem Weg von irgend jemanden behelligt zu werden. Freilich erinnerte er damit lediglich an eine soziale Errungenschaft, die seit beginn der ägyptischen Zivilisation fest verankert war. Genoß die Frau doch seit der Errichtung der pharaonischen Herrschaft das Recht auf völlige Freizügigkeit; sie konnte nicht in eine finstre Kammer des Hauses verbannt werden, da sie nicht der schrankenlosen Verfügungsgewalt eines allmächtigen Vaters oder Gatten unterlag. Die ersten Griechen, die Ägypten besuchten waren empört über die Selbstständigkeit, die den Ägypterinnen zugestanden wurde; der zutiefst erschütterte Geograph Diodor von Sizilien ging sogar so weit zu behaupten, die ägyptische Frau habe volle Herrschaft über ihren Gatten, was den falschen Eindruck erweckte, an den Ufern des Nils bestehe ein Matriarchat.

Gewiß, die Mutter des Pharaos nimmt eine zentrale Position im Herrschaftsgefüge ein; gewiß, wir kennen zahlreiche Inschriften, auf denen der Sohn den Namen seine Mutter und nicht den seines Vaters anführt; gewiß, hochstehende Persönlichkeiten lassen ihre Grabmale mit Bildern ihrer Mutter schmücken und verewigen sie so gleichsam. Aber diese Indizien erlauben uns keineswegs, auf die Existenz einer unumschränkten Machtstellung der Frau zu schließen.

Tatsächlich übte im pharaonischen Ägypten kein Geschlecht eine tyrannische Herrschaft über das andere aus.

Jean-Francois Champollion, dem es im Jahr 1822 gelungen war, die Hieroglyphen zu entziffern, unternimmt seine einzige Reise nach Ägypten. Er möchte alles sehen, alles verstehen, alles bewundern, und er zögert auch nicht, weit in den Süden vorzudringen. An diesem Tag, an dem ein heftiger Nordwind weht und der Nil anschwillt, macht der „Vater der Ägyptologie“ im nubischen Ibrim Station. Er besichtigt Heiligtümer, die in Fels gehauen wurden, und der versinkt in tiefe Betrachtungen. Plötzlich kommt ihm eine überraschende Erkenntnis. Die Haltung dieser Frau, ihre Würde, so schreibt er, zeige „zusammen mit tausend ähnlichen Befunden, wie sehr sich die ägyptischen Kultur ihrem ganzem Wesen nach von den anderen Kulturen des Morgendlandes unterschied und wie nah sie der unsrigen war, denn man kann die Kulturstufe eines Volkes nach der mehr oder minder erträglichen Stellung der Frau in der Gesellschaft beurteilen.“ Dank der ihm eigenen Intuition entging Champollion nicht, dass die Frau im pharaonischen Ägypten eine ganz und gar außergewöhnliche Stellung einnahm, nicht nur im Vergleich zur griechisch-lateinischen Kultur, sondern selbst im vergleich zur Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Bezeichnenderweise bekleideten Ägypterinnen selbst das höchste Staatsamt, während den Frauen in den meisten neuzeitlichen Demokratien der Zugang zu dieser Position verwehrt blieb. Wie wir sehen werden, hatten die Frauen während ihrer gesamten ägyptischen Geschichte einen maßgeblichen Einfluß auf das politische und gesellschaftliche Leben. Dank einer bemerkenswerten Rechtsordnung waren Frau und Mann weitesgehend gleichberechtigt; diese Gleichberechtigung, die bis zur Herrschaft der Dynastie der griechischen Ptolemäer nicht in Frage gestellt wurde, wurde ergänzt durch eine fast uneingeschränkte Selbstständigkeit, da die Ägypterin keinerlei Vormundschaft unterlag.

Die Gleichberechtigung von Frau und Mann war nicht nur von Anfang an ein Grundwert der pharaonischen Gesellschaft, sondern sie blieb auch so lange erhalten, bis das land seien Unabhängigkeit verlor. Es ist nicht zu leugnen, daß die Lebensbedingungen der Ägypterinnen deutlich besser waren als die Existenzumstände von Millionen von Frauen in unserer heutigen Zeit; in gewissen Bereichen, etwa dem der Spiritualität, verfügen selbst die Bürgerinnen der sogenannten „fortgeschrittenen Industrieländer“ nicht über die gleichen institutionellen rechte wie die Ägypterinnen. Unmöglich die Vorstellung, das eine Frau Papst, Großrabbiner oder Vorsteher einer Moschee werden könnte, während die Ägypterinnen durchaus auch hohe Priesterämter bekleideten.

Was den Beobachter, der sich für ägyptische Kunst interessiert, auf Anhieb verblüfft, ist die außerordentliche Hochachtung, die der Frau entgegengebracht wird. Schön, heiter, strahlend, hat sie im Alltag aufs tatkräftigste an der Errichtung einer Zivilisation mitgewirkt, die der Schönheit, und vor allem der weiblichen Schönheit, eine nach gerade kultische Verehrung entgegenbrachte. Eine Schönheit, welche die Urchristen verstörte: den Zauber der heidnischen Ägypterinnen fürchtend, zerstörten sie manche Bildnisse von Frauen oder bedeckten sie mit Gips, um sich ihrem Blick zu entziehen. Glücklicherweise sind zahlreiche Töchter des Nil den vielfältigen Formen des Vandalismus entronnen und berücken und noch immer. Wer könnte dem magischen Zauber der vornehmen Damen aus der Pyramidezeit widerstehen, wer der Anmut der eleganten Frauen aus Theben des neuen reiches, ihrem göttlichen Lächeln und der Liebe zu Leben, die sie verkörpern?. Es gab Königinnen, Unbekannte, Herrscherinnen, Arbeiterinnen, Priesterinnen, Dienerinnen, Gattinnen, und Mütter; dabei bewahrte die Ägypterin auch in der Ehe ihren Namen und ihre Persönlichkeit, ohne jedoch deswegen in ein Konkurrenzverhältnis zum Mann zu treten, weil sie ihre Fähigkeiten als selbstbewusstes und verantwortungsvolles Wesen voll entfalten konnte.

Das pharaonische Ägypten, das sich uns erst seit 1822 erschließt, - dem Jahr, in dem Champollion, die Hieroglyphenschrift entzifferte -, hat immer wieder Überraschungen für uns bereitgehalten. Gerade hinsichtlich der Stellung der Frau ist die Fortschrittlichkeit der ägyptischen Gesellschaft besonders erstaunlich. Die Beschäftigung mit dem Leben der Ägypterinnen ist ein faszinierendes Unterfangen; vom weiblichen Pharao bis zur Oberärztin, von der Geschäftsfrau bis zu „Gottessängerin“: all diese Gestalten zeichnen einen Weg vor, dessen Vielfalt und Glanz bis heute unerreicht sind.

An der Südgrenze des Alten Ägypten thront Philae, eine Insel mit einem Isis-Tempel; sie beherbergt die letzte ägyptische Gemeinschaft von Eingeweihten des Isis-Kultes, die von fanatischen Christen vernichtet wurde. Durch die Flutung des Hochdamms von Assun von der Zerstörung bedroht, wurden die Tempel von Philae Stein für Stein zerlegt und auf einer kleinen Nachbarinsel wieder aufgebaut. Die „Perle Ägyptens“ wurde so vor den Fluten gerettet; dort zu verweilen, und sei es nur für ein paar Stunden, ist ein unvergeßliches Erlebnis. Entsprechend dem Willen der Ägypter werden die Riten dadurch, dass die Hieroglyphen in Stein gehauen sind, auf magische Weise noch heute vollzogen; die Gegenwart von Isis ist mit den Händen zu greifen, und anläßlich der Feierlichkeiten vernimmt man aus dem Mund von Priesterinnen der großen Göttin folgende Worte: „Isis, Schöpferin der Welt, Herrscherin über Himmel und Sterne, Herrin des Lebens, Regentin der Gottheiten, Zauberin mit vortrefflichen Rat, weibliche Sonne, die allem ihr Siegel aufgedrückt; die Menschen leben nach deiner Weisung, nichts wird vollbracht ohne deine Zustimmung.“

Und warum viele westliche Menschen mit dem Shaktismus und dem alg. Tantra nichts anzufingen wissen, rührt in erster Linie daher, weil der Shaktismus und auch der Tantrismus von der Prämisse ausgeht, das Gott (dafür hat freilich jeder, sollte er oder sie spirituell sein, eine andere Umschreibung) Weiblich ist. Und das Credo beider Spirituellen- Richtungen folgendes ist: Das Sexualität und Spiritualität zusammen gehören – und zwar absolut. Obschon beide Richtungen auch andere Götter- daneben kennen. Denn ich bin gerade betreffend der Sexualität, und das entgegen so vieler anderer Religionen- mehr als nur POSITIV eingestellt. Diese zwei wichtigen Lebensinhalte der SEXUALITÄT und auch der Spiritualität gehören ABSOLUT ZUSAMMEN. Beschränke mich ABER NICHT wegen irgendwas, sondern GENIEßE die SEHNSÜCHTE und nehme sie entsprechend AUF. Und das weitaus anders, als es so manche Religion zuweilen propagiert...denn nicht ein Sichzurückziehen, sondern das VOLLSTÄNDIGE ANNEHMEN unserer LÜSTE und WISSBEGIERIGKEITEN sollte jenes sein, was uns als Gesamtes zufrieden stellen sollte – wenngleich nicht sogar müsste. Denn um dem "göttlichen Pärchen" näher zu kommen, gebraucht es fürwahr keine Zurückhaltung. Saugt die LÜSTE in euch AUF, denn das “göttlich Weibliche“ ist das andere Gesicht Gottes dem man in den zweitausend Jahren unter dem Absolutheitsanspruch des Christentums keine Ehre erwiesen hat – jedenfalls nicht als etwas dem göttlich Männlichen vollkommen Gleichberechtigtem. Zugleich könnte es für Männer sehr schwierig werden, eine erotische Beziehung zum Göttlichen aufzubauen, wenn man keine weibliche Gott-Vorstellung in sich trägt, auf die man sich beziehen kann.

Der Tantrismus ist häufig, aber nicht ausschließlich, mit dem Shaktismus, der Verehrung der göttlichen Mutter, Shakti verbunden, die Ausdruck der schöpferischen Kraft Gottes ist, mithin der Schöpfung selbst. Im Gegensatz zum reinen Advaita-Vedanta, der die Schöpfung als Illusion – Maya – betrachtet, sieht der Tantriker diese als Ausdruck der Kraft Gottes (Durga als Beispiel)– Shakti, der Göttin – an und verehrt diese als Mahamaya oder Mahadevi. Der Tantriker betrachtet die Sinneswelt nicht als negativ, sondern benutzt diese, um zur Vereinigung mit dem Göttlichen zu gelangen. Die Praxis von Tantra ist Yoga. Yoga verfolgt kein geringeres Ziel als die Erweiterung des Bewusstseins und das Erlangen von Glückseligkeit und der Verschmelzung mit dem höchsten göttlichen Prinzip. Das höchste göttliche Prinzip ist seit Urzeiten weiblich!.
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