Kundenrezension

74 von 99 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Warum es die Welt doch gibt, 25. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Warum es die Welt nicht gibt (Gebundene Ausgabe)
Der Titel sagt es: Die Welt soll es nicht mehr geben. Es soll sie nie gegeben haben. Der Jungphilosoph Markus Gabriel stellt eine gewagte These auf. Und spielt mit seinem flotten Stil und seinen weitreichenden Kenntnissen aus Kunst und Popkultur groß auf.
Und begeht dabei mindestens zwei schwerwiegende Denkfehler. Er versucht, wie er zunächst ankündigt, eine Synthese zwischen der Metaphysik und dem Konstruktivismus. Diese nennt er "Neuer Realismus". Diese Synthese ist logisch und notwendig,
denn es handelt sich dabei um den nächsten philosophischen Denkschritt. Weder gibt es die Welt an sich (eine wahre Welt hinter der Welt) und alle Wahrnehmungen sind Illusionen (Metaphysik), noch gibt es lediglich Beobachter, die die Welt durch ihre
Wahrnehmung konstruieren (Konstruktivismus). Laut Gabriel gibt es sowohl eine objektive natürliche Außenwelt, als auch die jeweiligen Subjektiven Perspektiven auf diese.

Die natürliche Außenwelt interessiert in in der Folge wenig, da er sie zu einem "Sinnfeld" macht, welches Gegenstand der Untersuchung durch die Naturwissenschaft ist. Sie ist keineswegs "Die Welt", wie es vielleicht jene Naturwissenschafler
behaupten mögen. Viel interessanter findet er die Untersuchung von gedanklichen und sozialen Räumen, in denen eine begrenzte Bezugnahme ein Sinnfeld bildet. Richtigerweise erklärt er Gedanken, Träume und das physische Universum gleichermaßen
zu Tatsachen, so dass das "Universum" ebenso ein Sinnfeld darstellt wie beispielsweise die "Philosophie". Diese Sinnfelder nennt er auch "Welten". Er behauptet, dass es zwar viele Welten gebe, nicht jedoch das eine Feld, in das sich alles fassen ließe.
Da Sinnfelder immer in anderen Sinnfeldern erscheinen, müsste es, wenn es die Welt gäbe, dieses eine Sinnfeld geben, in dem alles erscheint, dieses könnte jedoch nicht in einem weiteren Sinnfeld erscheinen. Aus diesem Grund könne es das Meta-Sinnfeld,
das man unter der "Welt" versteht, nicht geben. Ebenso bestreitet er, dass die vielen Welten (oder Sinnfelder) in einem Zusammenhang stehen. In beiden Punkten irrt er sich. Zunächst zum zweiten Punkt: Keineswegs stehen die einzelnen Welten nicht in
einem Zusammenhang. Ohne Zweifel beziehen sie sich oftmals nicht unmittelbar aufeinander; so untersucht die Philosophie etwas ganz anderes als die Naturwissenschaft und Fussball hat ziemlich wenig mit Häkeln zu tun. Dennoch hängen sie zusammen,
wenn auch nur mittelbar. Allein schon die Tatsache, dass wir auf alle uns bekannten Sinnfelder Bezug nehmen können, stellt diese in einen Raum, sie haben durch uns ihren Mittler. Mittelbar hängen also alle Welten zusammen, auch diejenigen, auf die
wir als Mensch nicht Bezug nehmen können. Letzteres liegt an der Tatsache, dass es wirkliche Trennung nicht gibt. Der viel gewichtigere Fehler jedoch unterläuft ihm bei der titelgebenden Verneinung der Welt. Richtig ist, dass jedes Sinnfeld in
einem anderen Sinnfeld erscheinen muss. Genau dies aber trifft auch auf die Welt, also das Meta-Sinnfeld, zu. Dieses erscheint nämlich im Kontext der Sinnfelder, die es selbst enthält. Diese Sinnfelder selbst bilden das Sinnfeld, in dem sie selbst
erscheinen, ergeben also das Sinnfeld, in dem das Sinnfeld erscheint, in welchem sie als Sinnfelder erscheinen. Ein Museum ist nicht nur das Sinnfeld, in dem Kunstwerke erscheinen, sondern diese bilden auch das Sinnfeld, in dem das Museum erscheint.
Ohne die Kunstwerke ist kein Museum mehr da, sondern nur noch ein Museumsgebäude. Ohne Museum wiederum ist das eine oder andere Kunstwerk kein Kunstwerk mehr, sondern nur ein Stuhl mit einem ranzigen Stück Butter darauf.

Sinnfeld und Inhalt hängen voneinander ab. Es gibt keine Einseitige Bedingung oder Kausalität. Weiß ist nicht die Ursache von schwarz und klein nicht die Ursache von groß, sondern beide bedingen sich gegenseitig. Trennung ist ohne Einheit nicht möglich
und Einheit ohne Trennung ebenso wenig (Weil das, was trennt, immer auch die beiden Getrennten verbindet, und das, was verbindet, immer eine Trennung voraussetzt). Diese Gegensätze bedingen sich nicht nur gegenseitig, sondern fallen in ihren Extremen
sogar zusammen. So ist man durch vollkommene Helligkeit gleichermaßen geblendet wie durch vollkommene Dunkelheit, das Größte und das Kleinste fallen ebenfalls zusammen, weil sie beide unendlich und damit nicht messbar sind. Dies ist die große Paradoxie
des Seins: Alles ist durch Gegensätze bestimmt und dennoch fallen diese in ihren Extremen zusammen. Nur in dem Zwischenraum ereignet sich das "Ereignis", eben das, was man Leben nennt. Deshalb gibt es letztlich keinen Unterschied zwischen Geist und Materie.
Aus demselben Grund kann im Übrigen auch das, was Gott sein soll, und das, was der Mensch ist, nicht getrennt werden.

Wenn Gabriel also eine einseitige Kausalität (Trennung der Welten ohne ihre Einheit; Sinnfeld bedingt nur in einer Richtung Sinnfelder) voraussetzt, tappt er in dieselbe Falle wie sämtliche Metaphysiker vor ihm. Die Welt ist nunmal Paradox und aus diesem
Paradoxen kann der Mensch keinen Ausgang finden, so sehr ihn sein Denken auch zu dem Versuch zwingt. Die Philosophie stößt nur immer wieder an dieselben Grenzen, wenn sie die Paradoxien der Gegensätze aufzuheben versucht. Immerhin ist dem Autoren ein
kluger und überaus lesbarer Text über die Kunst gelungen, in dem er aufzeigt, dass es sich bei Wissenschaft auch um Kunst und bei Kunst auch um Wissenschaft handelt, da in beiden Fällen Sinn gelesen wird. Auch hier sind die Gegensätze nur scheinbare.

Dass die Welt unendlich ist, heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Interessanterweise führt er sie am Ende durch die Hintertür wieder ein und nennt sie "Unendlichkeit". Die Welt gibt es also doch, nur ist sie nicht das, was die Naturwissenschaften
oder Religionen oder Weltanschauungen sagen. Denn man kann diese Welt nicht anschauen. Dies zu betonen war wohl Gabriels Anliegen, leider ist er dabei etwas über das Ziel hinausgeschossen. Dennoch gibt es vier Punkte von mir, weil das Buch zum
Denken anregt und auf lockere Weise U- und E-Kunst zu verbinden vermag – ebenfalls eine Unterscheidung, die in weiten Bereichen der Kunst unschärfer ist, als sie immer gemacht wurde.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 03.11.2013 22:42:56 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 03.11.2013 22:44:47 GMT+01:00
Anaxagoras meint:
Gabriel behauptet nicht, dass die Sinnfelder nicht miteinander zusammenhängen, nur hängen eben nicht alle SFs mit allen SFs zusammen. Und wir können auch nicht der "Mittler" aller SFs sein, da wir gar nicht alle SFs kennen, geschweige denn jemals kennen werden, u. a. aufgrund der Unendlichen Anzahl der SFs. Diese ist auch der Grund - um es sehr kurz zu fassen - warum es die Welt nicht geben kann, wie wir sie postulieren: Unendliches kann per se im Detail weder gemessen, noch gedacht werden. Nette Idee mit dem Museum, allerdings kann ein Kunstwerk auch ohne Museum ein Kunstwerk sein. Dies liegt nämlich im Auge des Betrachters, womit wir aber nochmal ein ganz anderes Fass aufmachten. Die Welt - ihr MUSEUM - existiert in dem Sinne nicht, als wir uns eben kein Bild von ihr machen können. Der größte äußere Behälter - denn zur "Welt" gehören auch jede Menge Überzeugungen und vermeintliche Erkenntnisse das "Universum" betreffend - kann von außen nicht betrachtet und erst recht nicht im Detail beschrieben werden. Diesen Beobachtungsposten im Nichts können wir niemals einnehmen (vgl. T. Nagel).

Lg

Veröffentlicht am 01.05.2014 10:46:41 GMT+02:00
Man könnte alles in einem Satz sagen. Aber nein, Mörderrezensionen oder gar ganze Bücher. Doch diesen Satz verrate ich nicht, weil = Schlaumeier
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