Kundenrezension

17 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Barton-Fink-Gefühl, 15. September 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Barton Fink (DVD)
Enthält Spoiler!

New York, 1941: Barton Fink (John Turturro) ist Schriftsteller und hat am Broadway durch sein Stück große Anerkennung erhalten. Prompt bekommt er ein Angebot von Capitol Pictures, die ihn als Autor unter Vertag nehmen wollen. Sein Agent will ihn davon überzeugen auf das Angebot einzugehen und an einer Bar führen die beiden ein Gespräch, das eine ganz klare Vorraussicht ist auf das, was Barton in Hollywood erwarten wird. Nach anfänglichem Zögern willigt Barton ein und geht nach Hollywood.
Um den Kontakt zum "kleinen Mann" nicht zu verlieren, der Barton angeblich so wichtig ist, lässt er sich in der Absteige "Earle" nieder. Er macht die Bekanntschaft mit Charlie Meadows (John Goodman), der im Zimmer nebenan wohnt, und bald ist Charlie bei ihm regelmäßiger Besucher und wird zu Bartons Bezugsperson.
Zudem lernt Barton den Studioboss Lipnick (Michael Lerner) und später den Autor Bill Mayhews (John Mahoney) und dessen Sekretärin Audrey (Judy Davis) kennen. Diese bittet er später um Hilfe beim Schreiben, da er eine Schreibblockade hat und sich von ihr Tipps erhofft. Dabei kommen sie sich näher und schlafen miteinader. Doch als er am nächsten Morgen aufwacht, liegt sie tot neben ihm. In seiner Verzweiflung bittet er Charlie um Hilfe. Der hilft ihm auch, doch muss er danach für einige Tage weg, was Barton aus der Bahn zu werfen droht. Dann kommen auch noch zwei antisemitische Polizisten vorbei und eröffnen ihm, dass Charlie ein Mörder sei, wobei sie Bartons Angaben über Charlie offenbar nicht zu glauben geneigt sind.

Den Coens gelingt es in "Barton Fink" meisterlich, eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Von Anfang an wird eine gewisse Unbehaglichkeit vermittelt und es ist fast unerträglich, wie erdrückt man sich in diesem Hotel fühlt. Das Klingeln nach dem Hotelier hält unangenehm lange an. Anschießend durchschreitet Barton einen unnatürlich langen Flur, dessen Wandfarbe sich mit der Teppichfarbe beißt. Vor diesem hintergrund strahlen die, zu einem späteren Zeitpunkt, von anderen Bewohnern in Reih und Glied vor die Türen gestellten Schuh eine Ordnung aus, die nicht Sicherheit, sondern Unsicherheit vermittelt, ob Barton sich dem anpassen kann.
Auch der erste Auftritt von Chet (Steve Buscemi), dem Hotelier, ist sehr symbolisch, so kommt er aus dem Keller und erscheint aus einer Art Falltür im Boden, als käme er direkt aus der Hölle. Das Hotel könnte man auch als Vorort der Hölle begreifen oder sogar als Hölle selbst, denn mit diesem Bild wird im Laufe des Films noch öfter gespielt. Des weiteren ist der Name Chet sicher nicht willkürlich gewählt, denn er sieht aus und hört sich verdächtig nach "chat" an. Quatschen tun fast alle Figuren die wir in diesem Film kennenlernen werden, ohne Ende.
Bartons Zimmer ist genauso ernüchternd wie der Rest des Hotels, mit Wasserflecken an der Decke, quietschendem Bett und abfallender Tapete. Letztere ist ein Leitmotiv des Films, dient als schlechtes Omen und verdeutlicht, dass alles nur bröckelige Fassade ist. Als Barton ein wenig später zu schreiben versucht, filmt die Kamera eine Nahaufnahme dessen, was er tippt. Es ist das Wort "audible", zu deutsch "hörbar/vernehmbar", und wer die Coens kennt, der weiß, dass dieses Wort etwas zu bedeuten hat. Vor allem die Geräusche sind es, die uns und Barton das Leben schwer, wenn nicht sogar zur Hölle, machen. Das Klingeln und das Quietschen waren nur der Anfang. Was folgt sind u.a. noch das Summen einer Mücke und nervige Geräusche aus den Nachbarzimmern. All das würde einen auf Dauer in den Wahnsinn treiben, und dieses unangenehme Gefühl ist für uns Zuschauer spürbar, insbesondere hörbar und wird uns den ganzen Film über nicht mehr loslassen.
Einzig ein kleines Bild an der Wand, auf dem eine Frau am Strand sitzt, macht die Wohnung etwas schöner, und der Kamera gelingt es, dieses Bild immer wieder einzufangen. Oft betrachtet es Barton und hört plötzlich das Meer rauschen. Es übertönt für den Moment die anderen Geräusche, und es scheint, als versuchte Barton in dieses Bild zu fliehen. Es ist schon sehr makaber, dass ein solches Bild im Zimmer hängt, denn es passt so überhaupt nicht zum Ambiente. Es strahlt Ruhe aus und Weite und es ist hell, das genaue Gegenteil eben von dem Ort, an dem Barton sich gerade befindet.
Charlie dagegen passt in dieses Hotel wie der Teppich in die Wohnung des Dude; ungepflegt, verschwitzt und laut wie er ist, bekommt man bei ihm das selbe unangenehme Gefühl, dass man auch beim Hotel bekommt. Aber Barton freundet sich mit ihm an, und sie führen einige Gespräche in seinem Zimmer. Allerdings wird deutlich, dass Barton nicht in der Lage ist, Charlie zuzuhören. Zwei oder drei Mal setzt Charlie an: "Ich könnte dir Geschichten erzählen...", und jedes Mal unterbricht ihn Barton. Bartons Bedürfnis, seine Gedanken auszusprechen ist zu groß. Damit unterläuft er jedoch seine vorherigen Aussagen. Er sagte, er mache Theater für den kleinen Mann und deshalb wolle er nah bei diesem sein, doch er kennt den kleinen Mann gar nicht (mehr) und will sich die Probleme des kleinen Mannes (Charlie) auch nicht anhören.
Immer wenn das passiert, weicht für einen kurzen Augenblick das Lächeln von Charlies Gesicht und dem Zuschauer wird klar, dass ihm diese Unterbrechungen nicht gefallen und er sich sehr zusammenreißen muss. Goodman gelingt es vortrefflich, allein durch Mimik auszudrücken, was seiner Figur im Kopf herumgehen mag. A propos Kopf, immer wieder lässt Charlie, wenn er denn mal zu Wort kommt, Sprüche fallen, die mit Köpfen zutun haben, beispielsweise: "Verlier nicht deinen Kopf." Er sagt auch gerne mal: "Ich verkaufe Seelenfrieden." Erst im Nachhinein wird dem Zuschauer klar, dass jeder einzelne dieser Sprüche mit gutem Grund eingebaut wurde, denn Charlie entpuppt sich später als psychopathischer Killer, der seinen Opfern die Köpfe anschneidet und meint, sie eigentlich damit zu erlösen. Das Verlieren des Kopfes meint aber nicht nur, dass jemandem wirklich der Kopf abgetrennt wird, sondern auch, dass jemand verrückt werden kann. Charlie ist das schon passiert, diese Hölle von Stadt und Hotel haben ihn durchdrehen lassen, er ist eine Ausgeburt der Hölle. Aber auch Barton droht verrückt zu werden durch den Druck, die Schreibblockade, die Selbstzweifel und all die anderen Probleme.
Und so wie das Hotel höllisch ist, ist auch Hollywood selbst die Hölle.
Auffällig ist, dass alle Szenen außerhalb der Hotelräume sehr hell und freundlich wirken. Damit soll verdeutlicht werden, dass Hollywoods wahres, hässliches Gesicht sich hinter einer Mauer aus Zuckerguss verbirgt, während das Hotel die Abgründe unverhohlen zeigt und eben auch hören lässt. Vor allem Mr. Lipnick, der Studioboss von Capitol Pictures, ist mir im Gedächtnis geblieben, denn er schmiert Barton die ganze Zeit Honig ums Maul und ist sich nicht zu schade ihm sogar die Schuhe zu küssen, damit der sich fühlt wie der König der Welt. Er erwartet Großes von Barton, mit anderen Worten, er erhofft sich eine Menge Geld, und so lange er der Meinung ist, dass Barton ihm das bieten kann, wird er einen auf kriecherischen Schleimbolzen machen. Doch auch er hat das Problem, dass er zu viel redet ohne zuzuhören, denn er ist ein selbstverliebter Egoist. Was Barton zu sagen hat, ist ihm egal, er lässt ihn kaum zu Wort kommen.
Barton lernt auch Bill Mayhew und dessen persönliche Sekretärin kennen. Anfangs ist er ist ein großer Bewunderer Mayhews, doch bald muss er erkennen, dass der nur noch ein kranker Alkoholiker ist, von Hollywood auf den Müll geworfen. Mit dieser Figur wird uns ein möglicher Zukunfts-Barton vorgestellt.
Aber neben all dieser Tragik gelingt es den Coens auch immer mal wieder, ihren verschrobenen Humor einzubauen, z.B. wenn Charlie Audreys Leiche hinaus trägt und mit ihrem Kopf gegen einen Schrank stößt (und wieder ist es der Kopf!) oder wenn einer der beiden Polizisten ihn zu seinem Verhältnis zu Charlie fragt: "Habt ihr was krankes sexuelles?" und er entrüstet antwortet: "Was sexuelles? Er ist ein Mann, wir haben gerungen!"

Mit "Barton Fink" halten die Coens Hollywood den Spiegel vor und entlarven es als höllisches Monster, das dich im einen Moment noch mit Handkuss begrüßt und dich im nächsten mit Füßen tritt. Aber auch das Thema Kreativität wird behandelt und spielt eine große Rolle. Zum einen ist es mit Barton und seinem kreativen Geist Thema im Film, doch auch der Film selbst strotzt vor Kreativität. Damit setzen sich die Coens auf zwei Ebenen damit auseinander.
Es ist unglaublich, wie gut es ihnen gelingt durch Ton, Kameraführung und Schauspiel eine düstere, unheilvolle Atmosphäre einzufangen, die den Zuschauer mit einer solchen Intensität packt, dass der nicht weiß, wie ihm geschieht. Vor allem der Detailreichtum ist bei diesem Film besonders hervorzuheben. Man könnte Tage damit verbringen, alle möglichen Interpretationsmöglichkeiten durchzugehen, und trotzdem wird man nie wissen, was die Coens sich wirklich alles gedacht haben.
Und wer außer den Coen-Brüdern könnte es sich erlauben, einfach ein Hotel in Brand zu stecken, ohne den Zuschauer aufzuklären, ob dies nun eine Halluzination, ein Traum, die Realität oder lediglich für die Zuschauer, nicht jedoch für die Figuren sichtbar ist. Wie Barton dann durch den brennenden Flur geht, könnte man es als Gang durch die Hölle verstehen.
Es scheint sogar so zu sein, dass Barton und Charlie am Ende ein und dieselbe Person sind, da Charlie, als er die beiden Polizisten tötet, schreit: "Ich zeige euch den kreativen Geist!" (besonders mit dem englischen "mind" wieder mal im Kopf verortet), was eigentlich eher von Barton kommen müsste. Außerdem sagt Charlie "Heil Hitler" bevor, er schießt, aber das die beiden Antisemiten sind, kann doch eigentlich nur Barton wissen. Aber das ist eben auch nur einer von vielen Deutungs- und Erklärungsversuchen, der keinen Anspruch auf Richtigkeit hat.
Auch das Ende lässt viel Raum für Interpretationen, wie Barton da sitzt, am Strand mit diesem Päckchen, dass Charlie ihm gegeben hat, vor ihm eine Frau, so wie auf dem Bild. Man könnte denken, er hat seinen Frieden gefunden, doch dann, fällt plötzlich noch eine Möwe vom Himmel und der Verdacht drängt sich auf, dass er verrückt geworden und doch nicht alles in Ordnung ist.
Aber es ist doch so: "Die Wahrheit ist eine Nutte, die bei näherer Betrachtung nicht standhält!"

Mit diesem Film haben die Coens ein Meisterwerk geschaffen, an dem sich Film- und vor allem Coen-Fans nicht satt sehen werden können. Allerdings ist das eigene Mitdenken gefragt, denn die Coens halten nichts davon, sich und ihre Filme zu erklären.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 15.09.2010 15:47:32 GMT+02:00
Liebe Eleanor,

ich beglückwünsche Dich zum wiedergefundenen Seelenfrieden! Deine Rezension scheint meine Deutung noch mit Beispielen zu belegen, an die ich gar nicht gedacht habe, und auch der Verweis auf den Kontrast zwischen Innen- und Außenaufnahmen ist sehr wichtig. Irgendwo habe ich übrigens gelesen, daß die Möwe, die am Ende im Sturzflug im Wasser landet, zufällig im Bild eingefangen wurde und daß dies den Coens so gut gefallen hat, daß sie den Take genommen haben. Also ein bißchen wie das Gewitter in "She Wore a Yellow Ribbon". Wie steht's mit "Nacht des Jägers"? Sag mir Bescheid, wenn Du Lust auf diesen Film bekommen hast. LG, Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.09.2010 12:24:30 GMT+02:00
Eleanor Rigby meint:
Lieber Tristram,

erst mal vielen Dank für die Glückwünsche! :) Das mit der Möwe ist ja super und passt natürlich perfekt, obwohl man den Coens auch nicht alles glauben darf, was die so erzählen ;)
Auf "Die Nacht des Jägers" hätte ich übrigesn große Lust! Hattest du eigentlich auch von "SWaYR" erzäht, der sagt mir nämlich nichts mehr. :)

Liebe Grüße,

Eleanor

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.09.2010 14:01:20 GMT+02:00
"She Wore a Yellow Ribbon" ist ein Western von John "I Make Westerns" Ford, der in diesem Film seinem Kameramann anwies weiterzufilmen, als ein Gewitter über das Set hereinbrach, und der auf diese Weise einige sehr schöne Bilder fertigbekommen hat. Deshalb bin ich auch geneigt, hier den Coens zu glauben.

Habe gestern übrigens im Fernsehen "The Ladykillers" gesehen und muß sagen, daß er zwar dem Vergleich zum Original wirklich nicht standhält, aber immer noch das Barton-Fink-Gefühl vermittelt. Da gibt es übrigens auch eine Anspielung auf die Tierschützer bei Filmen - die ja eigentlich eine gute Idee sind - und wieder mußte ich an die Mücken in BF denken, um deren Wohlergehen sich ebenfalls Tierschützer gesorgt haben. LG, Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.07.2011 12:54:12 GMT+02:00
Hallo!
Man hätte in der Rezension vielleicht nicht so viel von der Story preisgeben sollen, insbesondere was Charlie angeht. Aber sonst eine sehr gelungene Rezension!
Manche der Dinge, die Sie aufzählen, hatte ich ebenfalls gar nicht mehr auf dem Schirm. ;-)
Danke dafür!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.07.2011 22:48:44 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 14.07.2011 18:36:26 GMT+02:00
Eleanor Rigby meint:
Lieber D. Kolloge,

danke für Ihren netten Kommentar :) Und ja es stimmt schon, dass ich bei dieser Rezension ein wenig zu viel gespoilert habe, deshalb hatte ich es ja auch angegeben. Es fiel mir nur schwer, angemessen über den Film zu schreiben ohne gewissen Dinge vorweg zu nehmen. :)

Liebe Grüße, Eleanor
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