Kundenrezension

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Berliner Bohemiens und exzentrische Exilanten, 2. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Sommerhaus, später: Erzählungen (Taschenbuch)
In den kurzen Erzählungen Judith Hermanns geht es zumeist um unerfüllte Sehnsüchte oder, mit dem Titel einer der Geschichten, das "Ende von etwas". Der surreal anmutende, mit Mitteln des magischen Realismus arbeitende Eröffnungstext "Rote Korallen" ist zugleich der Höhepunkt des Bandes: Ein rotes Korallenarmband verbindet die Geschichte einer Frau, die im 19. Jahrhundert mit ihrem Mann, einem Ofenbauer, nach St. Petersburg gegangen ist und ihn aus Einsamkeit mit anderen Männern betrügt, und die ihrer Urenkelin im Berlin der Gegenwart, die unter einem apathischen Geliebten zu leiden hat.

Auch in anderen Texten droht, verpackt in eine Sprache von kafkaesker Schlichtheit, gelegentlich ein Absturz ins nicht mehr Erklärliche und Surreale, so auch bei der im Vergleich etwas schwächeren Titelgeschichte, in der ein Berliner Hallodri von heute auf morgen in ein verfallenes Landhaus umziehen möchte. Mitunter fühlte ich mich an die Kurzgeschichten von Ingo Schulze erinnert. Der Unterschied ist: Wenn Schulze Absurditäten schildert, tendiert er zum Heiter-Skurrilen, während seine Berliner Kollegin das Tragisch-Abgründige wählt. Man steht genauso fassungslos und erschüttert vor der leeren Wohnungstür von Sonja wie der Ich-Erzähler der gleichnamigen Erzählung, der längsten in dem Band (und ein weiteres Glanzlicht), man findet ebensowenig eine Erklärung für den Brand des Canitzer Gutshauses wie die Empfängerin eines ausgeschnittenen Zeitungsartikels in der Titelgeschichte. Hermanns besonderes Talent ist dabei ohne Zweifel die Lakonik und Beiläufigkeit, mit der sie auch die erschütterndsten Ereignisse präsentiert wie die Kassiererin an der Ladenkasse die Einkaufssumme. Lakonisch schildert sie, wie Sophies bettlägerige Großmutter plötzlich in Flammen steht, womit fraglos das "Ende von etwas" gekommen ist, ein Titel, der aber auch zur Geschichte über Sonja gepasst hätte, die "im Kopf" so "biegsame" Frau, die "eigentlich nichts war", und doch war da was, für den Protagonisten der gleichnamigen Geschichte sogar rätselhaft viel.

Nicht jeder der Texte hat freilich die gleiche Intensität. "Bali-Frau" - die Erzählerin begleitet Berliner Bohemiens bei ihren nächtlichen Party-Exzessen, die in den Privatgemächern einer exotischen Tänzerin enden - und "Camera Obscura", die Anatomie einer oberflächlichen Beziehung, haben keine so nachhaltige Wirkung und von "Hurrikan", einem erzählerischen Ausflug auf eine Karibikinsel, bleibt eher das Lokalkolorit im Gedächtnis haften als der Kuss zwischen Christine und dem einheimischen Strohwitwer Cat, einem jener spröden, einsilbigen und introvertierten Männertypen, an denen die Autorin besonderes Gefallen zu finden scheint, vor allem wenn die Umstände sie zu der unfreiwilligen Offenbarung zwingen, dass sie bei aller Distanziertheit das Herz letztlich doch auf dem rechten Fleck haben. "Hunter-Thompson-Musik" - ein Hotel-Eremit opfert sich auf, um einer Zufallsbekanntschaft einen Kassettenrekorder zu verschaffen - und "Diesseits der Oder" - ein zurückgezogen an der polnischen Grenze lebender ehemaliger Zirkuskünstler wird in seinem ländlichen Exil, in das er sich mit Frau und Kind zurückgezogen hat, von der verlotterten Tochter eines einstigen Kollegen und deren Freund gestört - gehören vor allem wegen der vortrefflichen Charakterzeichnung zu den Geschichten mit der nachhaltigsten Wirkung. Auch in der eher heiteren Titelgeschichte, in der ein gewisser Stein mit der Ich-Erzählerin rausfährt aufs Land um bei Canitz ein heruntergekommenes Landhaus zu inspizieren, geht es um einen Rückzug ins Private, denn Stein will mit dem angestrebten Immobilienerwerb offenbar einer sinnentleerten Boheme-Existenz entfliehen, die von Promiskuität, Alkohol- und Drogenexzessen bestimmt ist und die der Leser schon in "Bali-Frau" kennen gelernt hat. Das wilde Berliner Szene-Leben scheint überhaupt immer mal wieder durch in den kurzen Erzählungen, in denen großes Unheil oft so unvermittelt über die Protagonisten kommt wie ein Einbruch auf dünnem Eis. Judith Hermann schildert genau so einen Unfall in "Sommerhaus, später" mit der für sie symptomatischen Lakonik. "Blau!" - "Kalt!" So kommentieren Stein und die Ich-Erzählerin den lebensgefährlichen Unfall - und lachen sich halb tot.

Manchem werden die Geschichten ein bisschen zu sehr gegen den Strich gebürstet sein, andere werden sich daran ärgern, dass sich deren lose Enden nicht immer zu eindeutig dechiffrierbaren Mustern verknoten lassen; für alle, die gut geschriebene Kurzgeschichten jenseits des Konventionellen mögen, wird Judith Hermann jedoch eine willkommene Entdeckung sein.

Für Freunde von Handy und Nichts als Gespenster.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.12.2014 00:21:37 GMT+01:00
Anthony meint:
""Hunter-Thompson-Musik" - ein Hotel-Eremit opfert sich auf, um einer Zufallsbekanntschaft einen Kassettenrekorder zu verschaffen" Sorry, aber wo ging es denn bitte um die Aufopferung dieses Mannes? Es geht hier um gesellschaftliche Isolation und das Geschenk des Kassettenrekorders steht eindeutig dafür, dass der Mann [spoiler] die Möglichkeit aufgibt, doch ein anderes Leben zu führen. Er gibt er dies, weil er nicht will, dass jemals wieder eine Frau oder eine andere Person ihn jemals wieder auf seine Musik anspricht, wodurch ein sozialer Kontakt entstehen könnte. Er gibt sich auf.
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