Kundenrezension

3 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist., 29. April 2012
Von 
Rezension bezieht sich auf: Die Brücke (Kindle Edition)
"Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will,
damit einst der Übermensch lebe. Und so will er seinen Untergang."
(Friedrich Nietzsche, KSA 4,17)

"Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke." So beginnt Franz Kafka (1883-1924) seine Kurzerzählung (1917), die nicht mehr und nicht weniger ein Blick ins tiefste Innere ist, aus dem man werden will. Über einem Abgrund, in bröckelndem Lehm festgebissen, auf einer unwegsamen Höhe, diesseits die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt lag der auktoriale Erzähler, wissend, dass eine Brücke zu sein nur endet, wenn sie einstürzt. In dieser Lage sich wissend, hört er einen Wanderer - der erste oder der tausendste - seine Gedanken im Wirrwarr und im Kreis und doch ruft er: "Zu mir, zu mir" und sich selbst als anderes Ich spornt er an: "Strecke dich, Brücke!" damit du den dir Anvertrauten auch hältst. Falls der Wanderer falle, so schleudere ihn an Land.

Und der Wanderer kam, prüfte die Brücke und die menschliche Brücke träumte ihm bereits nach. Doch da sprang er mit beiden Füßen ihm auf den Leib. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und der Erzähler drehte sich um, um ihn zu sehen. "Brücke dreht sich um!" so der lapidare, doch notwendige Kommentar als Feststellung. Noch nicht ganz gewendet, stürzte das Brücken-Ich in die Tiefe, zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die "mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten."

"Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Weg, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben" schrieb Nietzsche im Zarathustra und hier bleibt die Frage, wer war dieser, der ihm auf den Leib gesprungen, wer hat diesen Übergang zu wagen beschlossen? Ist es sein geträumtes Ich, das nun sich bemerkbar macht und versinnbildlicht in der Delphischen Weisheit "Erkenne Dich selbst" zur Praxis der Lebensformung wird. "Und ich drehte mich um, um die Brücke zu sehen", so initiierte Kafka diese Lebenskunst der Selbstsorge und mit welcher einfachen Wendung gelingt es ihm zu zeigen, wie ein erneuerte Blick funktioniert und wie wichtig es ist, dass der andere endet. Übergang ist zugleich Vergänglichkeit des Alten. "Ich ist ein anderer" schrieb 40 Jahre zuvor ein junger Franzose voller neugieriger Lebenslust und der Mensch im Übergang ist eben jener Brücken-Mensch, dem es gegeben ist, im Absturz oder Untergang sein wahres gerechtfertigtes Ich zu erkennen, bevor die falschen "zerrissen und aufgespießt" sind. Das neue wird vom rasenden Wasser als Lebensquell fortgetragen.

Wer genau hinsieht, erkennt die Zeit des Falls als den Kairos der eigenen Entwicklung. "Der Mensch von gestern ist in dem von heute gestorben, der von heute stirbt in dem von morgen." Das ist Plutarchs Sicht auf die Entwicklung, auf das Werden. Dass es sich hier nicht um den Tod des Menschen handelt, liegt auf der Hand, aufgespießt wird das Brücken-Ich, zerrissen wird der auktoriale Erzähler alter Fassung und zum Neuen Menschen wird wie im Zarathustra oder in den Römerbriefen des Paulus der Wanderer, wenn er nur erkennt. Der Mann vom Lande vor dem Gesetz bewegte sich nicht in seiner Zeit, weil des Türstehers "jetzt aber nicht" ihm den Augenblick, das Jetzt entzog. Aber das tut der Brücken-Mensch hier bei Kafka, sein Werden in der Zeit geschieht, weil er nicht wartet. Das Jetzt ist kein Ort des Stillstandes, es ist ein Ort des Werdens. Und daher verweist diese Erzählung mit dem Ende auf den erneuten Anfang selbstreferentiell zurück. Das neue und offenbarte Ich erzählt aus erweitertem Blick erneut: "Ich war steif ... , ich war (sic!) eine Brücke." Dieses neue Ich wäre nach Nietzsche nun Übermensch zu nennen als eines gerechtfertigten Versuchers und Überwinders. Er schreibt im Zarathustra: Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist.

Kafka zu interpretieren, heißt, sich dem eigen Subjekt zu stellen. Damit ist Kafka lesenswert. Und vielleicht liegt gerade in der Versuchung und Überwindung jene Verwandlung des Gregor Samsas. Ein erneutes Lesen unter dieser Prämisse steht sicher an.
~~
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 29.04.2012 19:34:56 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 07.01.2013 07:48:26 GMT+01:00
kpoac meint:
Die Brücke (Originaltext Kafka)

Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. - So lag ich und wartete; ich mußte warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.

Einmal gegen Abend war es - war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht, - meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. - Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ins Land.

Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber - gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal - sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. - Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.09.2012 14:31:38 GMT+02:00
Polystyrol meint:
Literarische Dünnbrettbohrung

Also ich kann es mir einfach nicht mehr verkneifen, endlich einmal auf eine Ihrer zahlreichen und pathostriefenden Rezensionen zu antworten. Sie haben sich da irgendeinen sloterdijksch-heideggerschen Wortverwurstungston zugelegt, der mit seiner Getragenheit nurnoch Übelkeit in einem hervorrufen kann. Nichts als Präpositionsvergewaltigung und Vermessenheit. Was Sie über den "auktorialen Erzähler" schwadronieren und über einen Verlust, der durch einen Über-gang mit Ab-gang und Auf-gang irgendwie zu sich selbst findet. Da ist man ohne Worte. (Und bitte nicht wieder mit dem "Haus des Seins"-Dunst ankommen, gegen solche meßkirchner Feuchthaucher bin ich allergisch!)

Ebenso könnte man in den Text ein Verlangen nach Analverführung oder Vergewaltigung mit dem Eisenspitzenstock hineinlesen und trotzdem wäre nichts gewonnen. Was die Nähe zu Nietzsche betrifft, die sie hier ja schon zelebrieren, könnte man genausogut auf Seiten Max Brods stehen und die beiden Herren als diametral entgegengesetzt verstehen. Sowas zeigt nichts anderes als populäres Surfen auf der Schiene postmoderner Literaturtheorie.

Und da kann man sich leider auch nur zu einer - hoffentlich nicht vergleichbar schmierigen - Getragenheit aufraffen und an Ihr allzu schwülstiges Verhältnis zur Sprache appellieren: Manche Texte bedürfen keiner Rezension. Ob Sie das jetzt aus Ehrfurcht mit-bedenken (Ich lach mit gleich scheckig) oder einfach unterlassen, weil Kafka das nicht verdient hat, überlasse ich Ihnen. Aus Ihrem Sloterdijk-Faible heraus, alles und jedes schweißsockig und fetttriefend-frankophil zu umtanzen, werden Sie sich wohl nur für die erste Möglichkeit entscheiden können. Aber mir schwant, man muss sich noch mehrere Autoren von ihren eklen Zudringlichkeiten vermiesen lassen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.01.2013 01:29:43 GMT+01:00
mamuefa meint:
Danke! Stimme zu.
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

4.5 von 5 Sternen (11 Kundenrezensionen)
5 Sterne:
 (6)
4 Sterne:
 (4)
3 Sterne:
 (1)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:    (0)
 
 
 
EUR 0,00
Auf meinen Wunschzettel
Rezensentin / Rezensent

kpoac
(TOP 500 REZENSENT)   

Top-Rezensenten Rang: 481