Kundenrezension

56 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine politische Biografie des letzten deutschen Kaisers, 10. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Wilhelm II.: Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers (Broschiert)
Mit "Preußen: Aufstieg und Niedergang 1600-1947" hat Christopher Clark ein Standardwerk vorgelegt, in dem er es sich zur Aufgabe gemacht hat, der Dämonisierung und Verklärung Preußens entgegenzuwirken. Und es hat funktioniert, Clark stellte Preußen anders dar, als die meisten Historiker vor ihm, für ihn waren die vermeintlichen Widersprüche, die Janusköpfigkeit des Hohenzollernstaates, Ausdruck der Ambitionen seiner Herrscher und erst die Begründung des Deutsche Kaiserreichs wurde zum Verhängnis Preußens. Der Erfolg von Clarks "Preußen" hat es möglich gemacht, dass nun auch seine 2000 erstmals veröffentlichte Biografie Kaiser Wilhelm II. in deutscher Sprache aufgelegt wurde.

Kaiser Wilhelm II. wurde nach dem Ersten Weltkrieg lange Zeit dämonisiert, als Vorboten Hitlers, antisemitischen Militaristen und sogar psychisch kranken Kriegstreiber wurde er dargestellt. Christopher Clark unternimmt nicht den Versuch den letzten deutschen Kaiser zu rehabilitieren, sondern Verunglimpfungen und Verständnis für sein Handeln ins Gleichgewicht zu bringen. Dabei ist das Buch keine auf die Persönlichkeit, sondern das politische Agieren des Kaisers konzentrierte Biografie. Die Schilderung von Kindheits- und Jugenderlebnissen bleibt also aus, genauso wie das Erwachsenenleben Wilhelms vor allem aus einer Perspektive dargestellt wird, in der seine Politik und offiziellen Handlungen die wichtigste Rolle spielen.

Die dominierende Frage ist, wie Wilhelm II. zu dem Kaiser werden konnte, der er war. Dafür verantwortlich war von anfang an, seine Stellung im Kaiserhaus, als ältester Sohn des Kronprinzen. Während sein Vater Kronprinz Friedrich Wilhelm es sich mit Kaiser Wilhelm I. durch seine liberale und englandfreundliche Haltung, in der er vor allem von Kronprinzessin Victoria, der Tochter Queen Victorias, bestärkt wurde, verscherzt hatte, beschritt Prinz Wilhelm andere Wege. Als Haushaltsvorstand konnte der Kaiser sich in die Erziehung des künftigen Kronprinzen einmischen und die missliebigen Eltern so umgehen. Prinz Wilhelm nutzte diesen Effekt seinerseits, um repräsentative Aufgaben wahrzunehmen, die eigentlich seinem Vater zugestanden wären.

Als 1887 der Kaiser seinen 90. Geburtstag feierte und beim Kronprinzen ein Kehlkopfgeschwür diagnostiziert wurde, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Wilhelm den Thron besteigen sollte und schon ein Jahr darauf, war es soweit. "I bide my time" - "Meine Stunde wird kommen", war Wilhelms Leitspruch und Ausdruck der Ambitionen die er verfolgte. Von seinen Eltern als manipulierbar und Spielball der Hofsparteien unterschätzt, nutzte Wilhelm die verschiedenen Personen sehr geschickt für sich aus. Als Kaiser wurde er so nicht zum Anhänger einer bestimmten Partei, sondern konnte unabhängig von diesen einen Kurs verfolgen. Seine politische Wendigkeit und sein Machtstreben brachten ihn jedoch schon bald in Konflikt mit seinem Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck, dessen Rücktritt als erster großer politischer Erfolg des Kaisers gewertet werden kann.

Nach Clark war Wilhelm II. trotz seines Ehrgeizes weniger an Expansionen interessiert, als seine Position als Kaiser zu festigen und das Reich zu konsolidieren. Wie viele seiner Vorfahren war es auch Wilhelms dringlichstes Ziel, Preußen oder nunmehr das deutsche Reich zur Großmacht zu machen und seine Position zwischen den europäischen Mächten zu stärken. Ein Ausdruck dieser Politik war auch Wilhelms Ernennung Admiral Alfred von Tirpitz zum Marinestaatssekretär, mit dem er seine ambitionierte Flottenpolitik zu verfolgen begann, um mit dem britischen Empire gleichzuziehen und sich als Großmacht auch weltweit Geltung zu verschaffen.

"Der Glaube an sein Talent, für die deutsche Öffentlichkeit und zu ihr zu sprechen, war ein zentraler Bestandteil der Vorstellung Wilhelms von einer erfolgreichen Monarchie, und indem er die nationalen Zeitungen geradezu verschlang, trachtete er danach, ein Gefühl der Verbundenheit mit den großen Themen zu wahren, die damals die Nation bewegten." Das ging soweit, dass Wilhelm sogar ausgeschnittene Artikel mit Notizen versah und an seine Minister weiterleitete. Aus den Medien holte sich der Kaiser wichtige Ideen für seine Politik und setzte auch bei persönlichen Auftritten, sehr auf öffentlichkeitswirksame Inszenierungen. Anders als Wilhelm I. wollte Wilhelm II. sein Amt als Kaiser in vollem Umfang ausfüllen und nutzen, um seine Ziele zu verwirklichen und in die Geschichte einzugehen.

Im Gegensatz zum später verfassten "Preußen" stellt Clark das deutsche Kaiserreich in "Wilhelm II." noch als preußisches Projekt dar, in welchem preußische Beamte und Politiker versuchten die Reichspolitik den Interessen Preußens möglichst unterzuordnen. Clarks Biografie des letzten deutschen Kaisers ist trotz des zeitlichen Unterschieds zwischen den beiden Werken eine ideale Ergänzung zum Standardwerk "Preußen" und schildert sehr ausgewogen Wilhelms politischen Werdegang, sowie seine innen- und außenpolitischen Initiativen.

Fazit:
Eine sehr ausgewogene Darstellung der "Karriere" des letzten deutschen Kaisers und seiner Ambitionen, gewissermaßen die ideale Ergänzung zu Christopher Clarks "Preußen", "Wilhelm II. - Aufstieg und Fall 1859-1941"
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 19.12.2013 07:10:24 GMT+01:00
Im Gegensatz zu "Preußen" halte ich den "Wilhelm II" nicht für ein Standardwerk. Ein solches erblicke ich in der Biographie von John Roehl.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.12.2013 12:13:14 GMT+01:00
[Von Amazon gelöscht am 01.03.2014 09:45:17 GMT+01:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.12.2013 15:33:16 GMT+01:00
Ausgewogenheit ist ein Charakteristikum von Clarks Geschichtsschreibung - sie Die Schlafwandler. Auch stützt er sich mehr auf Sekundarquellen als auf Primärquellen, wie Akten. Er liefert dadurch interessante Aspekte seines Gegenstands, ohne die jede reine Faktenhuberei wertlos ist.

Zu Röhl gibt es sicher neu ersschlossene Quellen, was bie dem Zeitablauf seit Erscheinen der einzelnen Nände nur natürlich ist. Zu einem neuen Geschichtsbild haben sie jedoch nicht geführt.
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