Kundenrezension

35 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Epigonal, anachronistisch, stellenweise problematisch - aber immerhin unterhaltsam, 12. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Gentleman: Handbuch der klassischen Herrenmode (Gebundene Ausgabe)
Der "Gentleman" hinterlässt bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Zunächst das Positive: Die Lektüre ist alles in allem ganz unterhaltsam, was nicht zuletzt an der sehr reichlichen Bebilderung liegt. Verführerisch schön, möchte ich sagen, denn ich kann mich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich dabei um Werbefotos handelt (die gleichen Fotos findet man teilweise auch auf den Websites der Anbieter).

Das Buch enthält dennoch eine ganze Menge an brauchbaren Basisinformationen für den-/ diejenige(n), welche(r) sich an den Bereich "Klassische Herrengarderobe" zum ersten Mal herantasten möchte. Allerdings beziehen sich diese Informationen zu einem großen Teil darauf, was man wo und - vor allem - beim wem kaufen kann (und sollte). Teilweise erstellt Herr Roetzel sogar Ranglisten der Hersteller, die in Sachen Qualität die Nase vorne haben (wohlgemerkt nach seiner subjektiven Einschätzung). Das tut er z. B. im Kapitel "Schuhe" - allerdings nur in der alten Ausgabe des "Gentleman" (in der Neuauflage sind diese Bewertungen interessanterweise getilgt worden). Einzelnen Marken (z. B. Church bzw. Crockett & Jones, Barbour etc.) wird große Prominenz gewährt (v.a. bei den Fotos).

Was mir zu kurz kommt, sind Basisinfos zu den m.M. nach wirklich wichtigen Dingen, z. B. Kriterien, anhand derer man den Sitz eines Anzugs, einer Hose, eines Oberhemds etc. beurteilen kann. Auch solche elementaren Dinge wie Farben und Proportionen werden nicht behandelt. Alan Flusser hat dies in "Dressing the man" hervorragend umgesetzt - er hat als Designer in dieser Hinsicht eben auch etwas mehr Hintergrundwissen zu bieten. Denn: Was nützen mir die besten Einkauftipps, wenn ich vorher nicht mein "sartoriales Auge" hinreichend geschult habe und daher auch nicht einschätzen kann, ob ein Kleidungsstück richtig sitzt oder nicht bzw. ob es überhaupt zu mir passt. In dieser Hinsicht klafft im "Gentleman" eine empfindliche Lücke. Herr Roetzel hat diese Aspekte aber in seinem "Mode-Guide für Männer" aufgegriffen und damit szsg. "nachgeholt".

Damit komme ich aber gleich zum nächsten Punkt - das Konzept des Buches ist nicht neu. Einen solchen Ansatz hat bereits in den 80er Jahren Paul Keers seinem Buch "A Gentleman's Wardrobe" zugrunde gelegt (heute noch erhältlich). Wer beide Bücher einmal vergleicht, dem wird die starke Ähnlichkeit in der Gliederung und auch bei den Texten auffallen (z.B. in den Kapiteln zur Maßschneiderei). Herr Roetzel hat sich offenbar in sehr hohem Maße von Herrn Keers' Werk inspirieren lassen. Allerdings hat der "Gentleman" aufgrund der vielen Farbfotos eher den Charakter eines "Coffee Table Books", das man so nebenbei zum Blättern in die Hand nehmen kann. Keers' Buch ist demgegenüber viel frugaler ausgestattet (S/W-Fototgrafien), muss aber, was den Informationsgehalt angeht, den Vergleich mit dem "Gentleman" nicht scheuen.

Anachronistische (und teilweise lächerliche) Züge trägt Herrn Roetzels Buch insbesondere mit Blick auf die Kapitel zum Tabak und zum Alkohol. Es ist heute nun wirklich hinlänglich bekannt, dass regelmäßiger Tabak- und Alkoholgenuss nicht unbedingt gesundheitsfördernd ist. Nun empfiehlt Herr Roetzel aber für die Überbrückung langer Wartezeiten einfach mal einen Schluck aus der Pulle und rät außerdem dazu, sich beim Gebrauch der Trinkflasche in der Öffentlichkeit nicht zu genieren. Falls das nicht ironisch gemeint sein soll, weiß ich nicht, wie ich ihn als Autor danach noch ernst nehmen kann. Und warum Rauchen und Trinken nun etwas sein soll, was einen echten "Gentleman" charakterisiert, erschließt sich mir ebenfalls nicht. Es ist auch etwas grotesk, dass Herr Roetzel - um die Freuden des Tabakgenusses anzupreisen - berühmte Persönlichkeiten wie u.a. Thomas Mann und den Duke of Windsor anführt, die beide bekanntermaßen an den Folgen von Lungen- bzw. Kehlkopfkrebs gestorben sind. Ich musste beim Lesen schmunzeln, weil mir dabei sofort der Marlboro-Mann einfiel - ein Paradebeispiel für eine negative Werbung. Herr Roetzel als ausgebildeter Werber wäre vielleicht gut beraten stattdessen lieber solche Berühmtheiten auszuwählen, denen der Qualm (bisher) noch nicht viel anhaben konnte (vielleicht Helmut Schmidt) oder diese beiden Kapitel für die nächste Auflage besser gleich zu tilgen.

Da der Name nun schon gefallen ist: Meiner Meinung nach ist es überaus problematisch, eine Figur wie Edward VIII. (der spätere Duke of Windsor) einseitig als "sartoriale Lichtgestalt" darzustellen und dabei alles andere auszublenden, was dieser Mensch in seinem Leben gesagt und getan hat. Edward VIII. trägt heute noch im britischen Volksmund den bezeichnenden Titel "Traitor king". Das bezieht sich nicht nur auf seinen Thronverzicht zugunsten der Liaison mit Wallis Simpson, sondern vor allem auf seine - milde ausgedrückt - reichlich anbiedernde Haltung den Nazis gegenüber. Hinlänglich bekannt sind ferner seine zahlreichen verbalen Entgleisungen rassistischer Art. Kann so jemand tatsächlich noch als Beispiel für einen "Gentleman" herhalten, wenn dies - wie Herr Roetzel selbst in seiner Einleitung sagt - eben nicht hauptsächlich davon abhängt, ob man gut oder schlecht gekleidet ist? An Edward VIII. könnte man vielleicht eher exemplarisch den Unterschied zwischen Gentleman und Blender erläutern. Es ist natürlich klar, dass der "Gentleman" kein Lehrbuch über englische Geschichte sein soll, dennoch hätte ich einen oder zwei Sätze erwartet, die es den (insbesondere jüngeren) Lesern gestattet hätten, den Duke of Windsor in den geschichtlichen Hintergrund richtig einzuordnen. Den gleichen Vorwurf - das sei gesagt - kann man allerdings auch Alan Flusser und vielen anderen Autoren machen.

Kurz und knapp: Der "Gentleman" ist wegen der zahlreichen Fotos sicherlich ein Augenschmaus. Allerdings einer, der in erster Linie den Konsumenten im Leser anspricht und ihm den Mund ensprechend wässerig macht. Prinzipiell ist dagegen aber nichts einzuwenden und ein unterhaltsames Buch ist Herrn Roetzel allemal gelungen.

Es ist letztendlich aber doch eher nur ein Coffee Table Book als ein Kompendium. "Novizen" in diesem Bereich sei deshalb zum Einstieg in die Materie das Buch "Dressing the man" empfohlen, weil Alan Flusser schwerpunktmäßig die Dinge behandelt, die wirklich wichtig sind.
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 14.03.2014 19:43:08 GMT+01:00
Vielen Dank. Eine exzellente Rezension.
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